Dritter Auftritt


[466] Verwandlung.

Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald. An der Seite eine Waldhütte. In der Mitte, mit einem goldenen Wurfspieß bewaffnet, steht Phalarius, vor ihm liegt ein Löwe zitternd.


PHALARIUS.

Was zitterst du entnervt, verachtungswürdger Leu?

Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz?[466]

Mich eckelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu.

Nie schände meine Stirn solch welker Siegeskranz.

Wofür hat Jupiter so reichlich dich begabt,

Wozu ward dir die Mahn, das Sinnbild hoher Kraft,

Der stolze Gliederbau, an dem das Aug sich labt,

Das drohende Gebiß, vor dem Gewalt erschlafft,

Der Donner des Gebrülls, der Panzer deiner Haut?

Erhieltst du all die Macht, um mächtger zu erbeben?

Schäm dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut!

Da liegt dein Herrscher nun und zittert für sein Leben.


Heftiger.


Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten.

So reg dich doch und droh auch mir mit mächtger Klau!

Du edelmütges Tier, so laß dich doch erbitten,

Verteidge dich, damit ich Widerstand erschau!

Wie kann ein König noch zu einem andern sprechen?

Mach mich nicht rasend, denk, du bist zum Streit geboren.

Noch nicht? Wohlan, so will ich euch, ihr Götter, rächen.

Er ehrt sein Dasein nicht, drum seis für ihn verloren.


Er tötet ihn. Er stoßt ins Horn. Jäger erscheinen und beugen sich erschrocken.


Bringt mir den Löwen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.


Der Löwe wird fortgebracht. Er steht nachdenkend mit verschlungenen Armen.


Wozu nützt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt?

Könnt ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen,

Es wäre kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt.,

Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt!

Abscheulge Hölle, so erfüllst du mein Begehren?

Wer war noch glücklich je, dem Liebe hat gefehlt?

Die größte Lust ist Ruhm, doch Lieb kann sie vermehren.

Doch meine Lieb heißt Tod, wer mich umarmt, erblaßt.

Unselges Diadem, daß du mein Aug entzücktest!

Tiefquälendes Geschenk, schon wirst du mir verhaßt.

Ich war noch glücklicher, als du mich nicht beglücktest.

Äol, der oft die Majestät der Eichen bricht

Und so am Haupt des Walds zum Kronenräuber wird,[467]

Sag, warum sendest du die geile Windsbraut nicht,

Daß sie die Kron als glühnden Bräutigam entführt?


Die Jäger kommen zurück. Er setzt sich auf einen Fels.


Ich wünschte mich mit etwas Traubensaft zu laben.

Der eigennützge Leib will auch befriedigt sein.

EIN JÄGER.

Den kannst du, hoher Fürst, aus jener Hütte haben.


Klopft an.


He; Alter, komme doch heraus und bringe Wein.

PHALARIUS.

Was ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt?

EIN JÄGER.

Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer.

PHALARIUS.

Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt?


Der alte Octavian fröhlich aus der Hütte, einen Becher Wein tragend.


OCTAVIAN.

Komm schon, ein froh Gemüt ist immer auf der Lauer.


Erblickt die Kron und sinkt nieder.


Ha, welch ein Blitz umschlängelt feurig meine Augen!

Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub.

PHALARIUS.

Laß sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen –


Will trinken.


Doch sag, warum verbirgst du dich so tief im Laub?

OCTAVIAN.

Gewähr, daß ich den Blick von deiner Krone wende,

Wenn du willst Wahrheit hörn und sie dein Ohr erfreut.

PHALARIUS.

Ich hasse den Betrug. Steh auf und sprich behende.


Octavian steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen.


OCTAVIAN fröhlich.

Mich freut der grüne Wald, beglückt die Einsamkeit.

Ich hab sie selbst gewählt, lieb sie wie einen Sohn.

Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlägt lebenswarm,

Glüh für mein Vaterland, sprech seinen Feinden Hohn,

Und wenn es mein bedarf, weih ich ihm Kopf und Arm.

Sonst bau ich froh mein Feld und freu mich goldner Saat.[468]

PHALARIUS.

Ein kluger Lebensplan, wenn du bloß Landmann wärst.

Dann bau nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat.

Als Feldherr, hoff ich, daß zu herrschen du begehrst.

OCTAVIAN.

Ich herrsche ja. Wer sagt, daß ich nur Diener bin?

Weißt du denn nicht, daß jedes Ding der Welt ein Herrscher ist?

Die Götter herrschen im Olymp mit hohem Sinn,

Die Könige auf Erd, so weit ihr Land nur mißt,

Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fürst befiehlt,

Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet.

Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt.

Der Sänger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied,

Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen,

Der Vater wacht im Haus für seiner Kinder Heil,

Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenstge Schmerzen,

Der Fischer seinen Kahn, der Jäger seinen Pfeil.

Kurz, jeder hat sein Reich, wo seine Krone blitzt.

Der Sklave selbst an Algiers Strand, der ärmste Mann,

Der nichts auf Erd als seine Qual besitzt,

Hat einen Thron, weil er sich selbst


Schlägt an die Brust.


beherrschen kann.

PHALARIUS der während der Rede mit Erstaunen gekämpft, schleudert den Becher fort.

Genug, ich trinke nicht den wortvergällten Wein.

Nicht Labung reichst du mir, du tränkest mich mit Gift.

Du wärst vergnügt, und herrschest nicht? Es kann nicht sein!

OCTAVIAN.

Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch trifft.

PHALARIUS.

Unmöglich! widerruf, daß du dich glücklich fühlst.

Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden.

Du weißt nicht, wie du tief mein Inneres durchwühlst.

O Götter, welche Pein erlebe ich hienieden,[469]

Daß ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muß.

Gesteh, du bist kein Held – hast nie auf Ruhm gebettet,

Du warst nie Feldherr, nein! regiertest stets den Pflug.

OCTAVIAN.

Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet.

Ich bin Octavian.

PHALARIUS.

Der einst die Perser schlug?

OCTAVIAN.

So ists.

PHALARIUS entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend.

Aus meinem Land! Verhaßtes Meteor!

Daß meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt!

Du kömmst mir wie ein listger Rachedämon vor,

Der aus der Rose Schoß als giftge Schlange zischt.

Entfleuch! du bist verbannt. Gehörst dem Land nicht an.

Dein Glück ist Heuchelei, es kann sich nicht bewähren.

Hinweg aus meinem Reich mit solch verrücktem Wahn!

Du darfst nicht glücklich sein, sonst müßt ich dich verehren.


Ab. Die Jäger folgen scheu.


OCTAVIAN allein.

Da geht er hin, unglücklicher als der, den er verjagt.

Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen.

So fröhlich erst, und nun so bitter zu beklagen –

Doch nein – ich bin ein Mann – du sollst mein Herz nicht brechen.


In die Hütte ab.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 466-470.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die unheilbringende Zauberkrone
Raimundalmanach / Die unheilbringende Zauberkrone: Oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend

Buchempfehlung

Suttner, Bertha von

Memoiren

Memoiren

»Was mich einigermaßen berechtigt, meine Erlebnisse mitzuteilen, ist der Umstand, daß ich mit vielen interessanten und hervorragenden Zeitgenossen zusammengetroffen und daß meine Anteilnahme an einer Bewegung, die sich allmählich zu historischer Tragweite herausgewachsen hat, mir manchen Einblick in das politische Getriebe unserer Zeit gewährte und daß ich im ganzen also wirklich Mitteilenswertes zu sagen habe.« B.v.S.

530 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon