Der Arsenikesser.

[231] Auf einer meiner Studentenfahrten war es, daß ich bei einem Bauer in Gradenbach einkehrte. Bei jenem Bauer diente ein alter Bekannter von mir, ein junger Knecht, mit dem ich in die Schule gegangen war.

Er war in diesem Hause Pferdeknecht und lud mich ein, die Nacht über in seinem Stalle zu schlafen. Ich hatte noch selten so muntere und wohlgepflegte Pferde gesehen, als meine Schlafgenossen hier waren, und ich teilte das dem Knecht Urban mit, als wir nebeneinander im Stalle saßen und Tabak rauchten.

»Meine Rößln meinst?« entgegnete er darauf, »und was glaubst, daß ich tue, daß die Rößl so flink und sauber werden! Ich will dir's sagen: Hüttenrauch füttere ich ihnen.«

»Arsenik!« versetzte ich, »bist du auch so einer?«

»Das will ich meinen! Und es ist mir lieb, daß wir davon zu Red' kommen, du tust studieren und verstehst was.«

»Bei den Pferden verstehe ich gar nichts.«

»Bei den Pferden, das glaub' ich schon, daß du nichts verstehst,« sagte er nicht ohne Selbstgefälligkeit, »da muß einer von Kleinheit auf dabei sein; das ist nicht so, wie[232] etwan bei den Ochsen oder Schafen! Ein Roßknecht muß seinen Kopf haben, ja, das glaub' ich! Sollst nur einmal ins Bibergestüt hineinschauen, da möchtest dich verwundern. So ein Polakerhengst, wie sie dort stehen, dagegen ist dir unsereiner gerade ein dummes Vieh. – Was meinst,« fuhr der junge Knecht fort, »was ist mein Fuchs dort für eine Rasse?«

»Der hat Hitze! Kann spanisches Vollblut sein,« antwortete ich.

»Ein gemeiner Ennstaler ist's,« belehrte er, »und wie alt wirst du ihn schätzen?«

»Mag ein Zehnjähriger sein.«

»Der Fuchs dort?«

»Der Fuchs dort.«

»Mein Lieber!« sagte der Pferdeknecht, »der Fuchs dort ist seit einundzwanzig Jahren ein Roß. – Das kommt davon, weil er Hüttenrauch kriegt.«

Ich gab es schweigend zu, denn ich wußte, daß man in manchen Gegenden Pferden, die recht glatt und feurig werden sollen, pulverisierten Arsenik ins Futter mischt. Mein Bursche aber blies seine Pfeifenglut an, daß ich sein frisches Gesicht rosenrot beleuchtet sah, dann fuhr er lauernd fort: »Für die Leut', heißt es, wäre der Hüttenrauch auch gesund.«

»Das ist gewiß! Einer, der Arsenik ißt, braucht weiter keine Medizin mehr.«

»Nicht so,« entgegnete der Knecht, »so meine ich's nicht. Wer ein haselnußgroßes Stück frißt, na, bei dem glaub' ich's wohl, daß ihm kein Zahn mehr weh tut. Herentgegen, ein stecknadelkopfgroßes Körndl, sagt man,[233] soll nicht schlecht tun, soll flink und munter machen, auch die Leut', und daß man sein wird und lang' jung bleibt. – Was sagst denn du dazu, Student?«

»Fein willst werden, Urban?« fragte ich, »bist ja sein.«

»Stark möchte ich werden,« sagte er, »für's Bergsteigen soll der Hüttenrauch so viel gut sein.«

»Was hast denn bei deinem Fuhrwerk auf ebener Straße so viel bergzusteigen?«

»Eine gute Kraft hat einer alleweil zu brauchen,« war seine Entgegnung.

»Das wohl, eine gute Kraft, das wohl.«

»Und Kurasch'.«

»Auch Kurasch' zum Raufen im Wirtshaus.«

»Und Jungheit, viel Jungheit,« sagte der Urban.

»Ist's leicht der Weiberleut' wegen?« fragte ich.

»Laugn's nit!« versetzte er und blies seine Glut an.

»Und willst dich auch auf spanisches Vollblut hinausspielen?«

»Das nicht,« sagte er, »mein Schatz ist eine Italienerin. Und möchte ich gerade wissen, ob man's probieren dürft' mit dem Hüttenrauch?«

Ich riet ihm nicht dazu. Aber er zählte mir Beispiele auf von Bauernknechten und Bergmannsleuten und Schmieden, die schon seit Jahren Arsenik äßen und sich dabei gar wohl befänden. Dann zündete er die Stalllaterne an und suchte eine Papierdüte hervor, in welcher weiße Stückchen enthalten waren.

»Das ist der Zucker,« sagte er.

»Ja, das ist genug, daß du damit alle Gradenbachleute ins Himmelreich schicken kannst.«[234]

»So gut möchte ich es ihnen doch nicht meinen,« sagte der Urban, »aber ich probier's. Probieren tu' ich's. Bin ich hin, so grabt's mich ein.«

Er nahm ein Körnlein zwischen die Finger und führte es in den Mund und zerbiß es und verschluckte es und schnalzte mit der Zunge.

»Wie schmeckt's?« war meine Frage.

»Nicht übel. Wie eine alte Schafkäsrinde.«

»Vielleicht ist's eine!« bemerkte ich.

»Ist nur um's Kosten,« sagte er und hielt mir die Düte hin. Auf das ließ ich mich nicht ein; ich merkte es an ein paar Eigenschaften, daß es Arsenik war.

»Gar nicht einmal übel wird mir,« sagte der Urban, sich stemmig vor mir aufrichtend, seine Beine ausspreizend, seine sehnigen Arme – er war in Hemdärmeln – in die Seiten stemmend, »eher ist's, als wenn ich eine Maß Wein getrunken hätte. Morgen nehm' ich wieder ein Körndl; ich freue mich schon drauf. – Mußt es aber nicht weiter sagen, alter Kamerad, sonst gibt mir der Jägerthomas keinen Zucker mehr. Und ich bin der Angesetzte.«

»Von einem Jäger hast ihn? Und wozu braucht ihn denn der?«

»Zum Schrotgießen, sagt er, damit die Kugeln rund werden. Aber jetzt wett' ich was drauf, daß auch der Thomas nascht.«

Seit diesem Gespräche bin ich ein gesetzter Mann geworden; er ist Pferdemeister in Prötz und ein junger Bursche geblieben, sieht aus wie das Leben. Wir sprachen wieder von der Sache.[235]

Ob er noch Zucker nasche?

»Naschen? das nicht,« antwortete er, »aber Erbsen essen.«

Ißt dieser Mensch täglich ein erbsengroßes Stück Arsenik.

»Jedem,« sagte er, »jedem möchte ich's nicht raten! Meine Kellnerin ist draufgangen. Weil die Weibsleut' halt früher alt werden, als die Männer, mußt wissen, so hat sie gemeint, sie nehm' um das mehr Hüttenrauch. Ist zu viel angekommen. Mir tut's alleweil noch leid um sie.« -

Ich habe Arsenikesser gefunden in der Gegend mit Eisenerz, in Judenburg und bei Köflach und Voitschberg. Im Sulmtale soll dieses Gewürz besonders im Schwunge sein und die Leute schwören darauf, daß es stark und munter mache, das jugendliche Aussehen und den Glanz des Auges erhalte.

Der Bräutigam fragt die Verlobte, ob sie Hüttenrauch esse; sie verneint es stets, weil sie wohl weiß, daß ein solch künstliches Auffrischen ihrer Reize ihren wirklichen Wert nicht steigern würde.

So wird der Genuß des »Hüttenrauches« stets geheimgehalten und man erklärt denselben wohl als Laster. Daher genießt einer, an dem man dieses Laster vermutet, auf dem Dorfe keine große Ehre.

Manches Bauernmädchen versucht das Gift auch, um damit eine Sünde zu töten, bevor sie laut und lebendig wird; ein Beginnen, das nur allzu wirksam ist und oft schon das Leben der Esserin selbst rasch und mit heißen Peinen abgeschnitten hat.[236]

Im Pölßgraben hatte es vor Jahren ein Hammerschmied versucht, Arsenik in Pfeifen wie Tabak zu rauchen. Er wurde wahnsinnig und ist bald darauf gestorben. Häufig mischt man das Gift unter Wein oder Bier, doch stets nur ein winziges Körnlein. Wem nun aber der Genuß des Arsenik nicht gefährlich wird, dem kann der Abbruch desselben tödlich werden. Wer einmal begonnen hat, Arsenik zu essen, der darf – heißt es – nicht mehr aufhören, denn sobald die einmal daran gewöhnte Natur das Mittel entbehren muß, hebt sie an zu welken, zu sinken und es ist keine Rettung.

So soll es vorkommen, daß eifersüchtige Dirnen ihrem Liebsten täglich Arsenik beizubringen wissen. Manche ist der Tat fähig, ohne daß der Geliebte es merkt. Bleibt der Bursche bei ihr, so kommt das Gift zu statten; verläßt er sie aber und hält es mit einer andern, dann entbehrt er eben das Elixier, welkt hin und stirbt. So geht der Glaube.

Eine ähnliche Geschichte wird im Paltentale erzählt. Dort soll vor Jahren ein häßlich gestalteter Holzschläger ein junges Mädchen in der Weise an sich gekettet haben, daß er ihr so was, wie Arsenik beibrachte, und sie dann mit der Einstellung der Giftration bedrohte. Sie wußte Arsenik nicht zu bekommen und weil sie im Wahne war, bei der plötzlichen Entziehung und Entbehrung sterben zu müssen, fiel sie dem Wichte anheim.

Später, als er ihrer satt war, gestand er, daß es nicht Arsenik gewesen sei, was er ihr als solchen gegeben, sondern – Schwefel.

Bei der Naturforscherversammlung in Graz im Jahre[237] 1875 ist die Sache vom Arsenikessen in Steiermark zur Sprache gekommen. Man ließ ein paar berüchtigte Arsenikesser aus der Gegend von Stainz und Liegist holen, verhörte und untersuchte sie und gab zu Papier, daß sie durch den Genuß des Giftes einen Schaden an ihrer Gesundheit nicht genommen hätten. Im Gegenteile, sie sahen recht aufgeweckt aus. Als Grund des Arsenikgenusses gaben sie an, daß sie demselben gegen Ansteckungsgefahr und Verdauungsbeschwerden frönten. Der andere Grund, durch Arsenikessen im Liebesleben stark zu werden oder stark zu bleiben, wird in der Regel verschwiegen.

Jedenfalls gehört eine sehr kräftige Natur dazu, dieses Mittel zu vertragen und gewiß ist, daß die Herren Naturforscher etwas stark in Erstaunen gesetzt wurden, als die beiden Landleute vor ihren Augen das scharfe Gift mit Behagen verzehrten.

Gekauft wird von Bauersleuten der Arsenik unter dem Vorwande, denselben zur Vertilgung von Ratten zu benötigen. Trotzdem ist es nicht leicht, das Gift zu bekommen; häufig wird es durch Hausierer vermittelt. Die meisten Giftmorde auf dem Lande werden mit Arsenik verübt.

Den Arsenikesser soll man an dem scharfen und bisweilen glasartigen Glanze der Augen erkennen. Er soll ferner durch eine nervöse Aufgewecktheit und sinnliche Reizbarkeit ausfallen. Selbst in seinen älteren Tagen will man an dem Arsenikesser eine gewisse Jugendlichkeit bemerken, die jedoch fast plötzlich aufhört und in rasche Hinfälligkeit übergeht.

Medizinen sollen bei einem Giftesser gar nicht angreifen,[238] und so hat mancher sich dadurch geholfen, daß er zuletzt absichtlich so viel seines Gewürzes zu sich nahm, daß es mit einem Male aus wurde.

Schließlich ist die Sache mit dem Arsenikessen doch nichts anderes, als ein Überrest vom mittelalterlichen Gesundheitselixier des Teufels. »Man trank es, wurde jung und nach einiger Zeit vom Teufel geholt.«

Quelle:
Peter Rosegger: Waldheimat. Band 4: Der Student auf Ferien, Gesammelte Werke von Peter Rosegger, Band 20, Leipzig 1914, S. 231-239.
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