Oesers Manen

[209] Einsam stand ich und dachte die Menschen mähende Zeit durch,

Die ich am Laurenzstrom und an der Weichsel gelebt,

Zählte der Stürme sehr viele, die meinen Nachen bedrohten;

Halcyonischer Tag blickte dem Pilger nicht oft:

Doch zuweilen, wenn ihm ein Stündchen mit Gleim und mit Weiße,

Mit Freund Göschen am Berg, Hedwig und Oeser verstrich.

Hedwig, der Gute, der Menschenfreund, der Christ in der Wahrheit,

War gestorben; ihm half nicht Podalirius Gunst

Einsam maß ich den Werth nun erst in seinem Verlust ganz;

Und ein Bothe erschien, gab mir ein Blatt und verschwand:[210]

»Oeser, auch Oeser ging hin ins Land, aus dem keiner zurückkehrt:

Früh, ach zu früh war, obgleich lange gefürchtet, der Schlag.«

Eine Thräne glühete mir an der heißeren Wimper

Langsam steigend herauf, glitt dann die Wimper herab.

Dort kommt wieder ein Zug zurück von dem Hügel des Kirchhofs;

Mücke, der Redliche, starb: heiliges Wandels war er,

Wie der Irdischen hier auf Erden nur wenige leben,

Ohne Tadel als Mensch, Vater und Lehrer und Freund,

Oeser, auch Oeser ging hin ins Land, aus dem keiner zurückkehrt;

Früh, ach zu früh war, obgleich lange gefürchtet, der Schlag.

Wie als Knabe vom Grabe des Vaters ich weinend empor sah,

Seh' ich wehmuthsvoll, Oeser, von deinem empor.

Wenige Jahre nur waren unserer frohen Verbindung,

Liebenswürdiger Greis; mehrere Lustra ihr Werth.[211]

Ach, wie oft saß ich bey dir am runden vertraulichen Tische,

Stümperte Griechisch dir vor, und du erzähltest zum Lohn,

Und vergaßest im Scherz die Achtzig des silbernen Hauptes;

Oder vergaßest sie nicht, ehrtest durch Freude sie mehr

Durch die Erinnerung jung gabst du Geschenke der Vorzeit,

Und zur Gegenwart hob sie das lakonische Wort;

Monumente von Witz und Monumente von Bravheit,

Von dem Marmor herab bis in die Hütte von Stroh.

Schöner Gruppen voll war dir das große Gemählde des Lebens;

Und zum Geistesgenuß mischten es Bettler und Fürst.

Mögen andre den Künstler bewundern, der Geist in die Form schuf!

Wahr, der Künstler war groß; aber ich liebte den Mann.

Steh' ich einst vor seiner Auferstehung und hebe[212]

Mich mit magischer Kraft über die Wolken empor;

Dann, dann denk' ich gerührt doch mehr noch zurück an die Stätte,

Wo er mir väterlich rief; Bleib du nur heute bey mir!

Und blickt zauberisch einst mir seine Sibylle von Endor,

Denk' ich doch herzlicher noch an den unendlichen Gang,

Der durch die alternde Burg zu seinem Sorgenlos führte,

Wo er der Freuden so viel immer den Freunden erfand.

Pflanzten auch Fürsten mit Pracht ein Denkmahl dem glühenden Mahler,

Größer wär' es vielleicht, heiliger wär' es doch nicht,

Als das Denkmahl, das ihm in vieler Seelen gebaut ist,

Die nicht den Künstler allein, die auch den Menschen gekannt.

Männer, Verklärter, wie du warst, sterben hinüber zum Leben;[213]

Denn ihr Wesen ist nicht Ephemeridengeschlechts.

Deines Nahmens erwähnt noch dankbar der Enkel des Enkels,

Wenn er den hohen Altar schauet im Gothischen Haus.

Schlummre der Seligen Schlaf! du lebtest das Leben der Edeln;

Denken werd' ich noch dein, färbt sich mein Schedel mit Schnee;

Und die Hoffnung erhebt mich; Wenn mich der Bothe dahin ruft,

Folgen mir Thränen wie dir, weinet der Freund in die Gruft.

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Gedichte. Wien und Prag 31810, S. 209-214.
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