Zweite Szene

[329] Hof vor dem Hause des Friedensrichters Schaal in Glocestershire.


Schaal und Stille kommen von verschiednen Seiten; Schimmelig, Schatte, Warze, Schwächlich, Bullenkalb und Bediente im Hintergrunde.


SCHAAL.

Sieh da, sieh da, sieh da! Gebt mir die Hand, Herr!

Gebt mir die Hand, Herr! Früh bei Wege, meiner Six!

Nun, was macht denn mein guter Vetter Stille?

STILLE.

Guten Morgen, guter Vetter Schaal!

SCHAAL.

Und was macht meine Muhme, Eure Ehehälfte?

Und unser allerliebstes Töchterchen, mein Patchen Lene?

STILLE.

Ach, das ist eine schwarze Amsel, Vetter Schaal.

SCHAAL. Bei Ja und Nein, Herr, ich will drauf wetten, mein Vetter Wilhelm ist ein guter Lateiner geworden. Er ist noch zu Oxford, nicht wahr?

STILLE. Ja freilich, es kostet mir Geld.

SCHAAL. Da muß er bald in die Rechtshöfe. Ich war auch einmal in Clemens-Hof, wo sie, denke ich, noch von dem tollen Schaal sprechen werden.

STILLE. Ihr hießt damals der muntre Schaal, Vetter.[329]

SCHAAL. Beim Element, ich hieß, wie man wollte, und ich hätte auch getan, was man wollte, ja, wahrhaftig, und das frisch weg. Da war ich, und der kleine Johann Deut aus Staffordshire, und der schwarze Georg Kahl, und Franz Nagebein, und Wilhelm Quaake, einer aus Cotswold, – es gab seitdem keine vier solche Haudegen in allen den Rechtshöfen zusammen, und ich kann's Euch wohl sagen, wir wußten, wo lose Ware zu haben war, und hatten immer die beste zu unserm Befehl. Damals war Hans Falstaff, jetzt Sir John, ein junger Bursch und Page bei Thomas Mowbray, Herzog von Norfolk.

STILLE. Derselbe Sir John, Vetter, der jetzt eben der Soldaten wegen herkommt?

SCHAAL. Derselbe Sir John, eben derselbe. Ich habe ihn am Tor des Kollegiums dem Skogan ein Loch in den Kopf schlagen sehn, da er ein Knirps, nicht so hoch, war; grade denselben Tag schlug ich mich mit einem gewissen Simson Stockfisch, einem Obsthändler, hinter Grays Hof. O die tollen Tage, die ich hingebracht habe! Und wenn ich nun sehe, daß so viele von meinen alten Bekannten tot sind!

STILLE. Wir werden alle nachfolgen, Vetter.

SCHAAL. Gewiß, ja, das ist gewiß. Sehr sicher! Sehr sicher! Der Tod, wie der Psalmist sagt, ist allen gewiß, alle müssen sterben. Was gilt ein gutes Paar Ochsen auf dem Markt zu Stamford?

STILLE. Wahrhaftig, Vetter, ich bin nicht da gewesen.

SCHAAL. Der Tod ist gewiß. – Ist der alte Doppel, Euer Landsmann, noch am Leben?

STILLE. Tot, Herr.

SCHAAL. Tot? – Sieh! Sieh! – Er führte seinen guten Bogen – und ist tot! – Er schoß seinen tüchtigen Schuß; Johann von Gaunt hatte ihn gern und wettete viel Geld auf seinen Kopf. Tot! – Auf zweihundertundvierzig Schritt traf er ins Weiße und trieb Euch einen leichten Bolzen auf zweihundertundachtzig, auch neunzig Schritt, daß einem das Herz im Leibe lachen mußte. – Wieviel gilt die Mandel Schafe jetzt?

STILLE. Es ist, nachdem sie sind: eine Mandel guter Schafe kann wohl zehn Pfund wert sein.[330]

SCHAAL. Und ist der alte Doppel tot?


Bardolph kommt und einer mit ihm.


STILLE. Hier kommen, denk' ich, zwei von Sir John Falstaffs Leuten.

BARDOLPH. Guten Morgen, wackre Herren! Ich bitte euch, wer von euch ist der Friedensrichter Schaal?

SCHAAL. Ich bin Robert Schaal, Herr: ein armer Gutsbesitzer aus der Grafschaft und einer von des Königs Friedensrichtern. Was steht zu Eurem Befehl?

BARDOLPH. Mein Hauptmann, Herr, empfiehlt sich Euch; mein Hauptmann, Sir John Falstaff: ein tüchtiger Kavalier, beim Himmel, und ein sehr beherzter Anführer.

SCHAAL. Ich danke für seinen Gruß. Ich habe ihn als einen sehr guten Fechter gekannt. Was macht der gute Ritter? Darf ich fragen, was seine Frau Gemahlin macht?

BARDOLPH. Um Verzeihung, Herr, ein Soldat ist besser akkommodiert ohne Frau.

SCHAAL. Es ist gut gesagt, meiner Treu, Herr; in der Tat, recht gut gesagt. Besser akkommodiert! Es ist gut, ja, in allem Ernst: gute Phrasen sind und waren von jeher sehr zu rekommandieren. Akkommodiert! – Es kommt von accommodo her, sehr gut! eine gute Phrase!

BARDOLPH. Verzeiht mir, Herr, ich habe das Wort so gehört. Phrase nennt Ihr es? Beim Element, die Phrase kenne ich nicht, aber das Wort will ich mit meinem Degen behaupten: daß es ein soldatenmäßiges Wort ist, und womit man erstaunlich viel ausrichten kann. Akkommodiert: das heißt, wenn ein Mensch, wie sie sagen, abkommodiert ist; oder wenn ein Mensch das ist – was maßen, – wodurch man ihn für akkommodiert halten kann, was eine herrliche Sache ist.


Falstaff kommt.


SCHAAL. Sehr gut! – Seht, da kommt der gute Sir John – gebt mir Eure liebe Hand, gebt mir Euer Edeln liebe Hand! Auf mein Wort, Ihr seht wohl aus und tragt Eure Jahre sehr wohl. Willkommen, bester Sir John!

FALSTAFF. Ich bin erfreut, Euch wohl zu sehen, guter Herr Robert Schaal; – Herr Gutspiel, wo mir recht ist?[331]

SCHAAL. Nein, Sir John; es ist mein Vetter Stille, und mein Kollege im Amte.

FALSTAFF. Guter Herr Stille, es schickt sich gut für Euch, daß Ihr zum Friedensamte gehört.

STILLE. Euer Edlen sind willkommen!

FALSTAFF. Daß dich, das ist heiße Witterung. – Meine Herren, habt ihr mir ein halb Dutzend tüchtige Leute geschafft?

SCHAAL. Freilich haben wir das, Herr. Wollt Ihr Euch nicht setzen?

FALSTAFF. Laßt mich sie sehn, ich bitte Euch!

SCHAAL. Wo ist die Liste? Wo ist die Liste? Wo ist die Liste? – Laßt sehn! Laßt sehn! Laßt sehn! So, so, so, so, – ja, was wollt' ich sagen, Herr: – Rolf Schimmelig, – daß sie vortreten, wie ich sie aufrufe; daß sie mir's ja tun, daß sie mir's ja tun! – Laßt sehn! Wo ist Schimmelig?

SCHIMMELIG. Hier, mit Verlaub.

SCHAAL. Was meint Ihr, Sir John? Ein wohlgewachsner Kerl, jung, stark, und aus einer guten Familie.

FALSTAFF. Dein Name ist Schimmelig?

SCHIMMELIG. Ja, mit Verlaub.

FALSTAFF. Desto mehr ist es Zeit, daß du gebraucht wirst.

SCHAAL. Ha ha ha! Ganz vortrefflich, wahrhaftig! Dinge, die schimmelig sind, müssen gebraucht werden. Ganz ungemein gut! – Wahrhaftig, gut gesagt, Sir John, sehr gut!

FALSTAFF zu Schaal. Streicht ihn an!

SCHIMMELIG. Damit macht Ihr mir einen Strich durch die Rechnung, Ihr hättet mich können gehen lassen. Meine alte Hausfrau hat nun niemand in der Gotteswelt, der ihre Wirtschaft und ihre Plackerei verrichtet. Ihr hättet mich nicht anzustreichen brauchen; es gibt andre, die geschickter sind zu marschieren als ich.

FALSTAFF. Seht mir! Ruhig, Schimmelig, Ihr müßt mit! Schimmelig, es ist Zeit, daß Ihr verbraucht werdet.

SCHIMMELIG. Verbraucht?

SCHAAL. Ruhig, Kerl, ruhig! Tretet beiseit! Wißt Ihr auch, wo Ihr seid? – Nun zu den andern, Sir John! Laßt sehn: Simon Schatte.[332]

FALSTAFF. Ei ja, den gebt mir, um darunter zu sitzen: er wird vermutlich ein kühler Soldat sein.

SCHAAL. Wo ist Schatte?

SCHATTE. Hier, Herr.

FALSTAFF. Schatte, wessen Sohn bist du?

SCHATTE. Meiner Mutter Sohn, Herr.

FALSTAFF. Deiner Mutter Sohn! Das mag wohl sein: und deines Vaters Schatte; auf die Art ist der Sohn des Weibes der Schatte des Mannes; es ist so oft so, in der Tat, aber nicht viel von des Vaters Kraft.

SCHAAL. Gefällt er Euch, Sir John?

FALSTAFF. Schatte ist gut auf den Sommer, – streicht ihn an, denn wir haben eine Menge von Schatten, um die Musterrolle anzufüllen.

SCHAAL. Thomas Warze!

FALSTAFF. Wo ist er?

WARZE. Hier, Herr.

FALSTAFF. Ist dein Name Warze?

WARZE. Ja, Herr.

FALSTAFF. Du bist eine sehr ruppige Warze.

SCHAAL. Soll ich ihn anstreichen, Sir John?

FALSTAFF. Es wäre überflüssig: sein Bündel ist ihm auf den Rücken gebaut, und die Beine, worauf die ganze Figur steht, sind selbst nur ein Paar Striche; also keinen Strich weiter!

SCHAAL. Ha ha ha! Ihr versteht es, Herr, Ihr versteht es. Das muß man rühmen. – Franz Schwächlich?

SCHWÄCHLICH. Hier, Herr.

FALSTAFF. Was für ein Gewerbe treibst du, Schwächlich?

SCHWÄCHLICH. Ich bin ein Frauenschneider, Herr.

SCHAAL. Soll ich ihm einen Strich anfügen?

FALSTAFF. Das tut nur; wenn er aber ein Mannsschneider wäre, so könnte er Euch einen Strich anfügen. – Willst du so viel Löcher in die feindliche Schlachtordnung bohren, als du in einen Weiberrock gemacht hast?

SHWÄCHLICH. Ich will nach besten Kräften tun, Herr, Ihr könnt nicht mehr verlangen.

FALSTAFF. Wohlgesprochen, guter Frauenschneider! Wohlgesprochen, beherzter Schwächlich! Du wirst so tapfer sein[333] wie die ergrimmte Taube oder allergroßmütigste Maus. – Gebt dem Frauenschneider einen guten Strich, Herr Schaal; tüchtig, Herr Schaal!

SCHWÄCHLICH. Ich wollte, Warze wäre mitgegangen, Herr.

FALSTAFF. Ich wollte, du wärst ein Mannsschneider, damit du ihn könntest flicken und geschickt machen, mitzugehn. Ich kann den nicht zum gemeinen Soldaten machen, der der Anführer von so vielen Tausenden ist. Laß dir das genügen, allergewaltigster Schwächlich!

SCHWÄCHLICH. Ich lasse es mir genügen, Herr.

FALSTAFF. Ich bin dir sehr verbunden, ehrwürdiger Schwächlich. – Wer kommt zunächst?

SCHAAL. Peter Bullenkalb von der Wiese.

FALSTAFF. Ei ja, laßt uns Bullenkalb sehen!

BULLENKALB. Hier, Herr.

FALSTAFF. Weiß Gott, ein ansehnlicher Kerl! – Kommt, streicht mir Bullenkalb, bis er noch einmal brüllt!

BULLENKALB. O Jesus! Bester Herr Kapitän, –

FALSTAFF. Was? Brüllst du, eh' du gestrichen wirst?

BULLENKALB. O Jesus, Herr, ich bin ein kranker Mensch.

FALSTAFF. Was für eine Krankheit hast du?

BULLENKALB. Einen verfluchten Schnupfen, Herr; einen Husten, Herr; ich habe ihn vom Glockenläuten in des Königs Geschäften gekriegt, an seinem Krönungstage, Herr.

FALSTAFF. Komm nur, du sollst in einem Schlafrock zu Felde ziehn, wir wollen deinen Schnupfen vertreiben, und ich will es so einrichten, daß deine Freunde für dich läuten sollen. – Sind das alle?

SCHAAL. Es sind schon zwei über die Zahl aufgerufen, Ihr bekommt hier nur viere, Herr; und somit bitte ich Euch, bleibt bei mir zum Essen!

FALSTAFF. Wohlan, ich will mit Euch eins trinken, aber die Mahlzeit kann ich nicht abwarten. Ich bin erfreut, Euch zu sehn, auf mein Wort, Herr Schaal.

SCHAAL. O Sir John, erinnert Ihr Euch noch, wie wir die ganze Nacht in der Windmühle auf St. Georgenfeld zubrachten?

FALSTAFF. Nichts weiter davon, lieber Herr Schaal, nichts weiter davon![334]

SCHAAL. Ha, das war eine lustige Nacht. Und lebt Hanne Nachtrüstig noch?

FALSTAFF. Ja, sie lebt, Herr Schaal.

SCHAAL. Sie konnte niemals mit mir auskommen.

FALSTAFF. Niemals, niemals; sie pflegte immer zu sagen, sie könnte Herrn Schaal nicht ausstehn.

SCHAAL. Weiß der Himmel, ich konnte sie bis aufs Blut ärgern. Sie war damals lose Ware. Hält sie sich noch gut?

FALSTAFF. Alt, alt, Herr Schaal.

SCHAAL. Freilich, sie muß alt sein, sie kann nicht anders als alt sein; alt ist sie ganz gewiß: sie hatte schon den Ruprecht Nachtrüstig vom alten Nachtrüstig, eher ich nach Clemens-Hof kam.

STILLE. Das ist fünfundfunfzig Jahre her.

SCHAAL. Ach, Vetter Stille, wenn du das gesehen hättest, was dieser Ritter und ich gesehen haben! He, Sir John, hab' ich recht?

FALSTAFF. Wir haben die Glocken um Mitternacht spielen hören, Herr Schaal.

SCHAAL. Ja, das haben wir, das haben wir, das haben wir; meiner Treu, Sir John, das haben wir! Unsre Parole war: »He, Bursche!« Kommt, laßt uns zu Tisch gehn, laßt uns zu Tisch gehn! O über die Tage, die wir gesehn haben! Kommt, kommt!


Falstaff, Schaal und Stille ab.


BULLENKALB. Lieber Herr Korperad Bardolph, legt ein gut Wort für mich ein, und hier sind auch vier Zehnschillingsstücke in französischen Kronen für Euch. In rechtem Ernst, Herr, ich ließe mich eben so gern hängen, als daß ich mitgehe; zwar für meine Person frag' ich nichts darnach, sondern vielmehr, weil ich keine Lust habe, und für meine Person ein Verlangen trage, bei meinen Freunden zu bleiben; sonst, Herr, wollte ich für meine Person nicht so viel darnach fragen.

BARDOLPH. Gut, tretet beiseit!

SCHIMMELIG. Und lieber Herr Korporal Kapitän, meiner alten Hausfrauen wegen, legt ein gut Wort für mich ein! Sie hat niemanden, der ihr was verrichten kann, wenn ich weg bin,[335] denn sie ist alt und kann sich selbst nicht helfen; Ihr sollt auch vierzig Schillinge haben, Herr.

BARDOLPH. Gut, tretet beiseit!

SCHWÄCHLICH. Meiner Treu, ich frage nichts darnach: ein Mensch kann nur einmal sterben, wir sind Gott einen Tod schuldig, ich will mich nicht schlecht halten, – ist es mein Schicksal, gut; wo nicht, auch gut; kein Mensch ist zu gut, seinem Fürsten zu dienen, und es mag gehn, wie es will, wer dies Jahr stirbt, ist für das nächste quitt.

BARDOLPH. Wohlgesprochen, du bist ein braver Kerl.

SCHWÄCHLICH. Mein' Seel', ich will mich nicht schlecht halten.


Falstaff kommt zurück mit Schaal und Stille.


FALSTAFF. Kommt, Herr, was soll ich für Leute haben?

SCHAAL. Viere, was für welche Ihr wollt.

BARDOLPH. Herr, auf ein Wort! Ich habe drei Pfund von Schimmelig und Bullenkalb, um sie frei zu lassen.

FALSTAFF. Schon gut.

SCHAAL. Wohlan, Sir John, welche viere wollt Ihr?

FALSTAFF. Wählt Ihr für mich!

SCHAAL. Nun dann: Schimmelig, Bullenkalb, Schwächlich und Schatte.

FALSTAFF. Schimmelig und Bullenkalb! Ihr, Schimmelig, bleibt zu Hause, bis Ihr nicht mehr zum Dienste taugt; – und was Euch betrifft, Bullenkalb, wachst heran, bis Ihr tüchtig seid: ich mag euch nicht.

SCHAAL. Sir John, Sir John, Ihr tut Euch selber Schaden: es sind Eure ansehnlichsten Leute, und ich möchte Euch mit den besten aufwarten.

FALSTAFF. Wollt Ihr mich meine Leute auswählen lehren, Herr Schaal? Frage ich nach den Gliedmaßen, dem Fleisch, der Statur, dem großen und starken Ansehn eines Menschen? Auf den Geist kommt es an, Herr Schaal. Da habt Ihr Warze, – Ihr seht, was es für eine ruppige Figur ist: der ladet und schießt Euch so flink, wie ein Zinngießer hämmert: läuft auf und ab, geschwinder wie einer, der des Brauers Eimer am Schwengel trägt. Und der Gesell da mit dem Halbgesicht, Schatte, – gebt mir den Menschen! Er gibt dem[336] Feinde keine Fläche zum Treffen; der Feind kann eben so gut auf die Schneide eines Federmessers zielen; und geht's zum Rückzuge: – wie geschwind wird dieser Schwächlich, der Frauenschneider, davon laufen! O gebt mir die unansehnlichen Leute, so will ich die großen gar nicht ansehn. – Gib dem Warze eine Muskete in die Hand, Bardolph!

BARDOLPH. Da, Warze, marschiere: so, so, so!

FALSTAFF. Komm her, handhabe mir einmal deine Muskete! So – recht gut! – Nur zu! – Sehr gut, außerordentlich gut! Oh, ich lobe mir so einen kleinen, magern, alten, gestutzten, kahlen Schützen! – Brav, Warze, meiner Treu! Du bist ein guter Schelm; nimm, da hast du einen Sechser.

SCHAAL. Er ist noch nicht Meister im Handwerk, er versteht es nicht recht. Ich erinnre mich, als ich in Clemens-Hof war, auf der Mile-end-Wiese, – ich war damals Sir Dagonet in dem Spiel vom Arthur –, da war ein kleiner flinker Kerl, der regierte auch sein Gewehr so; und dann drehte er sich um und um, und dann kam er da, und dann kam er da; »piff! paff!« sagte er; »bautz!« sagte er; und dann ging er wieder weg, und dann kam er wieder her, – in meinem Leben sah ich so 'nen Kerl nicht wieder.

FALSTAFF. Diese Leute sind schon zu gebrauchen, Herr Schaal. Gott erhalte Euch, Herr Stille! Ich will nicht viel Worte mit Euch machen. – Lebt beide wohl, ihr Herren! ich danke euch, ich muß heute abend noch zwölf Meilen machen. – Bardolph, gib den Soldaten Röcke!

SCHAAL. Sir John, der Himmel segne Euch und gebe Euren Sachen guten Fortgang und sende uns Frieden! Wenn Ihr zurück kommt, besucht mein Haus, laßt uns die alte Bekanntschaft erneuern: vielleicht gehe ich mit Euch an den Hof.

FALSTAFF. Ich wollte, Ihr tätet's, Herr Schaal.

SCHAAL. Laßt mich machen! Ich habe es gesagt: ein Wort, ein Mann! Lebt wohl!


Schaal und Stille ab.


FALSTAFF. Lebt wohl, ihr herrlichen Herrn! Weiter, Bardolph, führe die Leute weg!


Bardolph mit den Rekruten ab.[337]


Wenn ich zurück komme, will ich diese Friedensrichter herumholen; den Friedensrichter Schaal habe ich schon ausgekostet. Lieber Gott, was wir alten Leute dem Laster des Lügens ergeben sind! Dieser schmächtige Friedensrichter hat mir in einem fort von der Wildheit seiner Jugend vorgeschwatzt und von den Taten, die er in Turnbullstraße ausgeführt hat; und ums dritte Wort eine Lüge, dem Zuhörer richtiger ausgezahlt als der Tribut dem Großtürken. Ich erinnere mich seiner in Clemens-Hof, da war er wie ein Männchen, nach dem Essen aus einer Käserinde verfertigt; wenn er nackt war, sah er natürlich aus wie ein gespaltner Rettich, an dem man ein lächerliches Gesicht mit einem Messer geschnitzt hat; er war so schmächtig, daß ein stumpfes Gesicht gar keine Breite und Dicke an ihm wahrnehmen konnte. Der wahre Genius des Hungers, dabei so geil wie ein Affe, und die Huren nannten ihn Alräunchen; er war immer im Nachtrabe der Mode und sang schmierigen Weibsbildern die Melodien vor, die er von Fuhrleuten hatte pfeifen hören, und schwor darauf: es wären seine eigne Einfälle oder Ständchen. Und nun ist diese Narrenpritsche ein Gutsbesitzer geworden und spricht so vertraulich von Johann von Gaunt, als wenn er sein Duzbruder gewesen wäre, und ich will darauf schwören, er hat ihn nur ein einziges Mal gesehen, im Turnierplatz: und da schlug er ihm ein Loch in den Kopf, weil er sich zwischen des Marschalls Leute drängte. Ich sah es und sagte zu Johann von Gaunt: sein Stock prügelte einen andern. Denn man hätte ihn und seine ganze Bescherung in eine Aalhaut packen können; ein Hoboen-Futteral war eine Behausung für ihn, ein Hof! Und nun hat er Vieh und Ländereien. Gut, ich will mich mit ihm bekannt machen, wenn ich zurück komme, und es müßte schlimm zugehen, wenn ich nicht einen doppelten Stein der Weisen aus ihm mache. Wenn der junge Gründling ein Köder für den alten Hecht ist, so sehe ich nach dem Naturrecht keinen Grund, warum ich nicht nach ihm schnappen sollte. Kommt Zeit, kommt Rat, und damit gut.


Alle ab.[338]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 329-339.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon