Dritte Szene

[373] Glostershire. Der Garten bei Schaals Hause.


Falstaff, Schaal, Stille, Bardolph, der Page und David kommen.


SCHAAL. Nein, Ihr müßt meinen Baumgarten sehn, da wollen wir uns in eine Laube setzen und einen Pippin vom vorigen Jahre essen, den ich selbst gepfropft habe, nebst einem Teller Konfekt und so weiter; – nun kommt, Vetter Stille, und dann zu Bett!

FALSTAFF. Weiß Gott, Ihr habt hier einen trefflichen, reichen Wohnsitz.

SCHAAL. Mager, mager, mager! Allesamt Bettler, allesamt Bettler, Sir John! – Ei nun, die Luft ist gut. – Decke, David; decke, David; das machst du gut, David.

FALSTAFF. Der David leistet Euch gute Dienste: er ist Euer Aufwärter und Euer Wirtschafter.

SCHAAL. Ein guter Bursch, ein guter Bursch, ein sehr guter Bursch, Sir John. – Beim Sakrament, ich habe beim Essen zu viel getrunken; – ein guter Bursch! Nun setzt Euch nieder, setzt Euch nieder! Kommt, Vetter!

STILLE.

Ei der Tausend, das mein' ich; wir wollen


er singt


»Nichts tun als essen, und keiner was spar',[373]

Und preisen den Himmel fürs lustige Jahr,

Wo wohlfeil das Fleisch und die Mädel rar

Und munteres Völklein hier schwärmet und dar,

So freudiglich,

Und immerzu so freudiglich.«

FALSTAFF. Das ist mir ein fröhliches Herz! – Lieber Herr Stille, dafür will ich sogleich Eure Gesundheit trinken.

SCHAAL. Gib dem Herrn Bardolph Wein, David!

DAVID. Schönster Herr, setzt Euch; er setzt Bardolph und dem Pagen Stühle an einen anderen Tisch ich bin gleich wieder bei Euch, – schönster Herr, setzt Euch! – Herr Page, lieber Herr Page, setzt Euch; prosit! Was Euch an Essen abgeht, wollen wir mit Trinken ersetzen. Aber Ihr müßt vorlieb nehmen: der gute Wille ist die Hauptsache. Ab.

SCHAAL. Seid lustig, Meister Bardolph, – und Ihr da, mein kleiner Soldat, seid lustig!

STILLE singt.

»Seid lustig, seid lustig, die Frau mag auch schrein:

Denn Weiber sind Hexen, so große wie klein'.

Wo Männer allein, geht's drauf und drein,

Und lustige Fastnacht willkommen!

Seid lustig, seid lustig, usw.«

FALSTAFF. Ich hätte nicht gedacht, daß Herr Stille ein Mann von dem Feuer wäre.

STILLE. Wer? Ich? Ich bin wohl schon ein oder ein paar Mal in meinem Leben lustig gewesen.

DAVID kommt zurück. Da ist ein Teller voll Pelzäpfel für Euch.


Setzt sie vor Bardolph hin.


SCHAAL. David!

DAVID. Euer Edlen? Zu Bardolph. Ich will gleich bei Euch sein. – Ein Gläschen Wein, Herr?

STILLE singt.

»Ein Gläschen Wein, der stark und rein,

Und trink' es zu der Liebsten mein,

Und ein fröhliches Herz lebt am längsten.«

FALSTAFF. Wohlgesprochen, Herr Stille!

STILLE. Und wir wollen fröhlich sein, das Beste von der Nacht geht nun erst an.[374]

FALSTAFF. Eure Gesundheit und langes Leben, Herr Stille!

STILLE singt.

»Füllt das Glas, ich trink' es leer,

Und wär's eine Meil' auf den Boden.«

SCHAAL. Ehrlicher Bardolph, willkommen! Wenn dir irgend was fehlt und du foderst nicht, so mach' es mit dir selber aus! – Zu dem Pagen. Willkommen, mein allerliebster kleiner Schelm! Ja wahrhaftig, recht sehr willkommen! – Ich will zu Ehren Meister Bardolphs trinken und aller Kavaliere in London.

DAVID. Ich hoffe, London noch einmal vor meinem Tode zu sehen.

BARDOLPH. Wenn ich Euch da sehen könnte, David, –

SCHAAL. Beim Sakrament, ihr stächet gewiß ein Quart miteinander aus! Ha! nicht wahr, Meister Bardolph?

BARDOLPH. Ja, Herr, in einer Vier-Nößel-Kanne.

SCHAAL. Ich danke dir. Der Schelm wird sich an dich halten, das kann ich dir versichern; der wankt und weicht nicht, es ist ein treues Blut.

BARDOLPH. Ich will mich auch an ihn halten, Herr.

SCHAAL. Das heißt wie ein König gesprochen. Laßt Euch nichts abgehn, seid lustig!


Es wird draußen geklopft.


Seht, wer da an der Tür ist! He, wer klopft?


David ab.


FALSTAFF zu Stille, der ein gestrichnes Glas austrinkt. So, nun habt Ihr mir Bescheid getan.

STILLE singt.

»Bescheid mir tu',

Schlag' mich Ritter dazu;

Samingo.«

Ist es nicht so?

FALSTAFF. Ja, so ist's.

STILLE. Ist es so? Nun, so sagt, daß ein alter Mann auch was kann.


David kommt zurück.


DAVID. Wenn's Euer Edlen beliebt, da ist ein Pistol mit Neuigkeiten vom Hofe.[375]

FALSTAFF. Vom Hofe? Laßt ihn hereinkommen!


Pistol tritt auf.


Wie steht's, Pistol?

PISTOL. Gott erhalte Euch, Sir John!

FALSTAFF. Welch ein Wind hat dich hergeblasen, Pistol?

PISTOL. Der schlimme nicht, der keinem bläst zum Heil. – Herzens-Ritter, du bist nun einer der größten Leute im Königreich.

STILLE. Sapperment, das denke ich auch, außer Gevatter Puff von Barson.

PISTOL.

Puff?

Puff in die Zähne dir, höchst schnöde Memme!

Sir John, ich bin dein Freund und dein Pistol,

Und holterpolter ritt ich her zu dir,

Und Zeitung bring' ich und beglückte Lust,

Und goldne Zeit, und Neuigkeit von Wert.

FALSTAFF. Ich bitte dich, melde sie nun wie ein Mensch von dieser Welt!

PISTOL.

Ein Pfifferling für Welt und Weltling schnöde!

Von Afrika red' ich und goldner Lust.

FALSTAFF.

O du assyr'scher Wicht, was bringst du Neues?

König Cophetua will die Wahrheit wissen.

STILLE singt.

»Und Robin Hood, Scharlach und Hans«

PISTOL.

Soll Hundebrut den Helikonen trotzen?

Und höhnt man gute Zeitung?

So leg' dein Haupt, Pistol, in Furien-Schoß!

SCHAAL. Mein ehrlicher Herr, ich kenne Eure Lebensart nicht.

PISTOL. Nun, so wehklage drum!

SCHAAL. Verzeiht mir, Herr, wenn Ihr mit Neuigkeiten vom Hofe kommt, so gibt es meines Bedünkens nur zwei Wege: entweder Ihr bringt sie vor, oder Ihr behaltet sie bei Euch. Ich stehe unter dem Könige, Herr, in einiger Autorität.

PISTOL.

Doch unter welchem König, du Halunk'?

Sprich oder stirb!

SCHAAL.

Unter König Heinrich.

PISTOL.

Heinrich dem Vierten oder Fünften?

SCHAAL.

Heinrich dem Vierten.

PISTOL.

Ein Pfifferling dann für dein ganzes Amt![376]

Sir John, dein zartes Lamm ist König nun;

Heinrich der Fünfte heißt's! Ich rede wahr:

Tut dies mir, lügt Pistol: gebt mir die Feigen,

So wie der stolze Spanier!

FALSTAFF. Was? Ist der alte König tot?

PISTOL. Wie Maus im Loch; das, was ich sag', ist richtig.

FALSTAFF. Fort, Bardolph, sattle mein Pferd! – Herr Robert Schaal, wähle dir, welches Amt im Lande du willst, es ist dein. – Pistol, ich will dich doppelt mit Würden laden.

BARDOLPH. O freudiger Tag! Ich tausche mein Glück mit keinem Ritter.

PISTOL. Was? Bring' ich gute Zeitung?

FALSTAFF. Bringt Herrn Stille zu Bett! – Herr Schaal, Mylord Schaal, sei, was du willst, ich bin des Glückes Haushofmeister. Zieh' deine Stiefeln an, wir wollen die Nacht durch reiten. – O allerliebster Pistol! – Fort, Bardolph!


Bardolph ab.


Komm, Pistol, erzähl' mir noch mehr und denke zugleich auf etwas, das du gern hättest! – Stiefeln, Stiefeln, Herr Schaal! Ich weiß, der junge König ist krank vor Sehnsucht nach mir. Laßt uns Pferde nehmen, wessen sie auch sind: die Gesetze Englands stehen mir zu Gebote. Glücklich sind die, welche meine Freunde waren, und wehe dem Herrn Oberrichter!

PISTOL.

Laßt schnöde Gei'r die Lung' ihm fressen ab!

»Wo ist mein vorig' Leben?« sagen sie.

Hier ist's; willkommen diese frohen Tage!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 373-377.
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