Vierte Szene

[314] London. Eine Stube in der Schenke zum wilden Schweinskopf in Eastcheap.


Zwei Küfer kommen.


ERSTER KÜFER. Was Teufel hast du da gebracht? Arme Ritter? Du weißt, Sir John kann keine armen Ritter leiden.

ZWEITER KÜFER. Wetter, du hast recht. Der Prinz setzte ihm einmal eine Schüssel mit armen Rittern vor und sagte ihm, da wären noch fünf andre Sir Johns, hierauf nahm er seinen Hut ab und sagte: »Ich empfehle mich diesen sechs altbacknen, kraftlosen, aufgequollnen armen Rittern.« Es ärgerte ihn von ganzer Seele, (aber) das hat er nun vergessen.

ERSTER KÜFER. Nun, so decke und setz' sie hin; und sieh, ob du Schleichers Bande antreffen kannst: Jungfer Lakenreißer möchte gern ein bißchen Musik haben. Mach' fort! Die Stube, wo sie gegessen haben, ist zu heiß, sie werden gleich kommen.

ZWEITER KÜFER. Hör' du, der Prinz wird bald hier sein und Herr Poins, und sie wollen zwei Wämser und Schürzen von uns antun, und Sir John darf nichts davon wissen; Bardolph hat es bestellt.

ERSTER KÜFER. Potz Wetter, hier wird der Teufel los sein. Das wird einen herrlichen Spaß geben.

ZWEITER KÜFER. Ich will sehen, ob ich Schleicher finden kann. Ab.


Wirtin und Dortchen Lakenreißer kommen.


WIRTIN. Wahrhaftig, Herzchen, mich dünkt, jetzt seid Ihr in einer vortrefflichen Tempramentur; Euer Pülschen schlägt so ungemein, wie man sich's nur wünschen kann, und von Farbe, Ihr könnt mir's glauben, seht Ihr so frisch aus wie eine Rose. Aber wahrhaftig, Ihr habt zu viel Kanariensekt getrunken, und das ist ein verzweifelt durchschlagender Wein: der würzt Euch das Blut, ehe man eine Hand umdreht. – Wie geht's Euch nun?

DORTCHEN. Besser als vorhin, Hem.[314]

WIRTIN.

Nun, das macht Ihr schön, wenn das Herz nur gut ist.

Seht, da kommt Sir John!


Falstaff kommt singend.


FALSTAFF.

»Als Arthur erst am Hof« –

Bringt den Nachttopf aus!

»Und war ein würd'ger Herr.«

Küfer ab.


Was macht Ihr nun, Jungfer Dortchen?

WIRTIN. Ihr ist übel, es fehlt ihr an Beängstigungen; ja, meiner Seel'.

FALSTAFF. So sind alle Weibsbilder; wenn man sie nicht immer beängstigt, so wird ihnen übel.

DORTCHEN. Ihr schmutziger Balg! Ist das aller Trost, den ich von Euch habe?

FALSTAFF. Ihr macht aufgedunsne Bälge, Jungfer Dortchen.

DORTCHEN. Ich mache sie? Fresserei und Krankheiten machen sie, ich nicht.

FALSTAFF. Wenn der Koch die Fresserei machen hilft, so helft Ihr die Krankheiten machen, Dortchen. Wir kriegen von Euch ab, Dortchen, wir kriegen von Euch ab: gib das zu, liebe Seele, gib das zu!

DORTCHEN.

Ja wohl, unsre Ketten und Juwelen.

FALSTAFF.

»Rubinen, Perlen und Karfunkeln,« –

Denn Ihr wißt, wer tapfer dient, kommt hinkend aus dem Felde; der kommt aus der Bresche, seine Pike tapfer eingelegt, und tapfer zum Chirurgus; der geht tapfer auf geladne Feldkatzen los.

DORTCHEN. Laßt Euch hängen, garstiger Schweinigel, laßt Euch hängen!

WIRTIN. Meiner Treu, das ist die alte Weise, ihr beiden kommt niemals zusammen, ohne daß ihr in Zank geratet. Gewiß und wahrhaftig, ihr seid so widerhaarig wie zwei geröstete Semmelscheiben ohne Butter, ihr könnt einer des andern Kommoditäten nicht tragen. Du meine Zeit! Einer muß tragen, und das müßt Ihr sein. Zu Dortchen. Ihr seid das schwächere Gefäß, wie man zu sagen pflegt, das ledige Gefäß.[315]

DORTCHEN. Kann ein schwaches, lediges Gefäß solch ein ungeheures, volles Oxhoft tragen? Er hat eine ganze Ladung von Bourdeauxschem Zeuge im Leibe, ich habe niemals einen Schiffsraum besser ausgestopft gesehen. – Komm, ich will gut Freund mit dir sein, Hans; du gehst jetzt in den Krieg, und ob ich dich jemals wieder sehen soll oder nicht, da fragt kein Mensch darnach.


Ein Küfer kommt.


KÜFER. Herr, unten ist Fähndrich Pistol und will mit Euch sprechen.

DORTCHEN. An den Galgen mit dem Schelm von Renommisten! laßt ihn nicht hereinkommen: es gibt kein loseres Maul in ganz England.

WIRTIN. Wenn er renommiert, so laßt ihn nicht hereinkommen: nein, meiner Seele, ich muß mit meinen Nachbarn leben, ich will keine Renommisten, ich bin in guter Renommee bei den allerbesten Leuten. – Schließt die Tür zu, wir lassen hier keine Renommisten herein, ich habe es nicht so weit in der Welt gebracht, um nun hier renommieren zu lassen; schließt die Tür zu, ich bitte Euch!

FALSTAFF. Hörst du, Wirtin?

WIRTIN. Ich bitte, beruhigt Euch, Sir John, wir lassen hier keine Renommisten herein.

FALSTAFF. Hörst du? Es ist mein Fähndrich.

WIRTIN. Wischewasche, Sir John, sagt mir da nicht von, Euer Renommisten-Fähndrich soll nicht in meine vier Wände kommen. Ich wurde letzthin bei Herrn Zehrung, dem Kommissär, vorgefodert, und wie er mir sagte, – es ist nicht länger her als letzten Mittwoch, – »Nachbarin Hurtig«, sagte er, – Meister Stumm, unser Pfarrer, war auch dabei, – »Nachbarin Hurtig«, sagte er, »nehmt bloß ordentliche Leute auf; denn«, sagte er, »Ihr seid in üblem Rufe« – und ich weiß auch, warum er das sagte, »denn«, sagte er, »Ihr seid eine ehrliche Frau, und man denkt gut von Euch: darum seht Euch vor, was für Gäste Ihr aufnehmt; nehmt keine renommierenden Gesellen auf«, sagte er. – Ich lasse keine herein: Ihr würdet Euch kreuzigen und segnen, wenn[316] Ihr gehört hättet, was er sagte. Nein, ich will keine Renommisten!

FALSTAFF. Er ist kein Renommist, Wirtin, ein zahmer Locker ist er; er läßt sich so geduldig von Euch streicheln wie ein Windspiel, er renommiert nicht gegen eine Truthenne, wenn sich ihre Federn irgend sträuben, um Widerstand zu drohen. – Ruf' ihn herauf, Küfer!

WIRTIN. Locker nennt Ihr ihn? Nun, ich will keinem ehrlichen Mann das Haus verschließen, und keinem lockern auch nicht. Aber das Renommieren mag ich nicht leiden; meiner Treu, mir wird schlimm, wenn einer sagt: Renommist. Fühlt nur an, liebe Herrn, wie ich zittre; seht, ihr könnt mir's glauben!

DORTCHEN. Das tut Ihr auch, Wirtin.

WIRTIN. Tu' ich's nicht? Ja, wahrhaftig tu' ich's, wie ein Espenlaub: ich kann die Renommisten nicht ausstehn.


Pistol, Bardolph und Page kommen.


PISTOL. Gott grüß' Euch, Sir John!

FALSTAFF. Willkommen, Fähndrich Pistol! Hier, Pistol, ich lade dich mit einem Glase Sekt, gib du dann der Frau Wirtin die Ladung!

PISTOL. Ich will ihr die Ladung geben, Sir John, mit zwei Kugeln.

FALSTAFF. Sie ist pistolenfest, Ihr werdet ihr schwerlich ein Leid zufügen.

WIRTIN. Geht, ich habe nichts mit Euren Pistolen und Kugeln zu schaffen: ich trinke nicht mehr, als mir gut bekömmt, keinem Menschen zu lieb.

PISTOL. Dann zu Euch, Jungfer Dorothee, ich will Euch die Ladung geben.

DORTCHEN. Mir die Ladung geben? Ja, kommt mir, Lausekerl! Was, so 'n armer Schelm von Betrüger, der kein heiles Hemd auf dem Leibe hat! Packt Euch, Ihr abgestandener Schuft! fort! Ich bin ein Bissen für Euren Herrn.

PISTOL. Ich kenne Euch, Jungfer Dorothee.

DORTCHEN. Packt Euch, Ihr Schurke von Beutelschneider! Ihr garstiger Taschendieb, fort! Bei dem Wein hier, ich[317] fahre Euch mit meinem Messer zwischen die schimmlichten Kinnbacken, wenn Ihr Euch bei mir mausig machen wollt. Packt Euch, Ihr Bierschlingel! Ihr lahmer Fechtboden-Springer Ihr! – Seit wann, Herr, ich bitte Euch? Ei, zwei Schnüre auf der Schulter! der Tausend!

PISTOL. Dafür will ich Euren Kragen ermorden.

FALSTAFF. Nicht weiter, Pistol, ich möchte nicht, daß du hier losgingest. Drücke dich aus unsrer Gesellschaft ab, Pistol!

WIRTIN. Nein, bester Hauptmann Pistol! Nicht hier, schönster Hauptmann!

DORTCHEN. Hauptmann! Du abscheulicher, verdammter Betrüger, schämst du dich nicht, Hauptmann zu heißen? Wenn Hauptleute so gesinnt wären wie ich, so prügelten sie dich hinaus, weil du ihre Namen annimmst, eh' du sie verdient hast. Ihr ein Hauptmann, Ihr Lump? Wofür? Weil Ihr einer armen Hure in einem Bordell den Kragen zerrissen habt? Er ein Hauptmann? An den Galgen mit ihm! Er lebt von verschimmelten, gesottnen Pflaumen und altbacknem Kuchen. Ein Hauptmann! Solche Spitzbuben werden das Wort Hauptmann noch ganz verhaßt machen, drum sollten Hauptleute ein Einsehn tun.

BARDOLPH. Ich bitte dich, geh hinunter, bester Fähndrich!

FALSTAFF. Pst! Auf ein Wort, Jungfer Dortchen!

PISTOL. Ich nicht. Ich will dir was sagen, Korporal Bardolph: – ich könnte sie zerreißen, – ich will gerochen sein.

PAGE. Ich bitte dich, geh hinunter!

PISTOL. Sie sei verdammt erst, – zu Plutos grausem See, zur höll'schen Tiefe, mit Erebus und schnöden Qualen auch. Halt' Lein' und Angel, sag' ich. Fort, Hunde! Fort, Gesindel! Ist nicht Irene hier?

WIRTIN. Lieber Hauptmann Pesel, seid ruhig! Es ist wahrhaftig schon sehr spät: ich bitte Euch, forciert Euren Zorn!

PISTOL.

Das wären mir Humore! Soll'n Packpferde

Und hohl gestopfte Mähren Asiens,

Die dreißig Meilen nur des Tages laufen,

Mit Cäsarn sich und Kannibalen messen

Und griech'schen Troern? Eh' verdammt sie mit[318]

Fürst Cerberus und brüll' das Firmament!

Entzwei'n wir uns um Tand?

WIRTIN. Meiner Seel', Hauptmann, das sind recht harte Reden.

BARDOLPH. Geht, guter Fähndrich, sonst wird noch eine Prügelei daraus.

PISTOL.

Wie Hunde sterben Menschen; Kronen gebt

Wie Nadeln weg: ist nicht Irene hier?

WIRTIN.

Auf mein Wort, Hauptmann, so eine ist gar nicht hier.

Ei du liebe Zeit! Denkt Ihr, ich wollte sie Euch verleugnen?

Um Gottes willen, seid ruhig!

PISTOL.

So iß und sei fett, schöne Calipolis!

Kommt, gebt uns Sekt!

Si fortuna me tormenta, sperato me contenta;

Scheu'n Salven wir? Nein, feur' der böse Feind!

Gebt mir was Sekt, und, Herzchen, lieg' du da!


Indem er den Degen ablegt.


Sind wir am Schlußpunkt schon, und kein et cetera gibt's?

FALSTAFF. Pistol, ich wäre gern in Ruhe.

PISTOL. Ich küsse deine Pfote, holder Ritter. Was? Sahn wir nicht das Siebengestirn?

DORTCHEN. Werft ihn die Treppe hinunter, ich kann so einen aufgestelzten Schuft nicht ausstehn.

PISTOL. »Werft ihn die Treppe hinunter?« Wir kennen Klepper ja?

FALSTAFF. Schleudre ihn hinunter, Bardolph, wie einen Peilkenstein! Wenn er nichts tut, als Nichts sprechen, so soll er hier auch nichts vorstellen.

BARDOLPH.

Kommt, macht Euch die Treppe hinunter!

PISTOL.

So muß man Einschnitt machen? muß besudeln?


Greift seinen Degen auf.


Dann wieg' mich, Tod, in Schlaf! Verkürz' die Jammertage!

Dann sei'n durch schwere, grause, offne Wunden

Die Schwestern drei gelöst! Komm, sag' ich, Atropos!

WIRTIN. Das sind mir herrliche Streiche!

FALSTAFF. Gib mir meinen Degen, Bursch![319]

DORTCHEN. Ich bitte dich, Hans, ich bitte dich, zieh' nicht!

FALSTAFF. Packt Euch die Treppe hinunter! Er zieht und jagt Pistol hinaus.

WIRTIN. Das ist mir ein herrlicher Lärm! Ich will das Wirtschafthalten abschwören, lieber als daß ich so einen Schreck und Terrör haben will. Nu, das gibt Mord, glaubt mir's! – Ach je! Ach je! Steckt eure bloßen Gewehre ein! Steckt eure bloßen Gewehre ein!


Pistol und Bardolph ab.


DORTCHEN. Ich bitte dich, Hans, sei ruhig! Der Schuft ist fort. Ach du kleiner tapfrer Blitzschelm du!

WIRTIN. Seid Ihr nicht in der Weiche verwundet? Mich dünkt, er tat einen gefährlichen Stoß nach Eurem Bauche.


Bardolph kommt zurück.


FALSTAFF. Habt Ihr ihn zur Tür hinaus geworfen?

BARDOLPH. Ja, Herr. Der Schuft ist besoffen, Ihr habt ihn in die Schulter verwundet.

FALSTAFF. So ein Schurke! Mir zu trotzen!

DORTCHEN. Ach, du allerliebster kleiner Schelm du! Ach, armer Affe, wie du schwitzest! Komm, laß mich dein Gesicht abwischen, – komm doch her, du närrische Schnauze! – Ach, Schelm! Mein' Seel', ich liebe dich. Du bist so tapfer wie der trojanische Hektor, fünf Agamemnons wert, und zehn Mal besser als die neun Helden. – Ein Spitzbube!

FALSTAFF. Ein niederträchtiger Schurke! Ich will den Schelm auf einer Bettdecke prellen.

DORTCHEN. Ja, tu's, wenn du das Herz hast: wenn du's tust, so will ich dich zwischen zwei Laken vorkriegen.


Musikanten kommen.


PAGE. Die Musikanten sind da, Herr.

FALSTAFF. Laß sie spielen! – Spielt, Leute! – Dortchen, setz' dich auf meinen Schoß! Ein elender Großprahler! Der Schurke lief vor mir davon wie Quecksilber.

DORTCHEN. Wahrhaftig, und du warst wie ein Kirchturm hinter ihm drein. Du verwettertes, kleines, zuckergebacknes Weihnachts-Schweinchen, wenn wirst du das Fechten bei[320] Tage und das Raufen bei Nacht lassen und anfangen, deinen alten Leib für den Himmel zurecht zu flicken?


Im Hintergrunde erscheinen Prinz Heinrich und Poins, in Küfer verkleidet.


FALSTAFF. Still, liebes Dortchen! Sprich nicht wie ein Totenkopf, erinnre mich nicht an mein Ende!

DORTCHEN. Hör' doch, von was für einem Humor ist denn der Prinz?

FALSTAFF. Ein guter, einfältiger junger Mensch. Er hätte einen guten Brotmeister abgegeben, er würde das Brot gut vorschneiden.

DORTCHEN. Aber Poins soll einen feinen Witz haben.

FALSTAFF. Der einen feinen Witz? Zum Henker mit dem Maulaffen! Sein Witz ist so dick wie Senf von Tewksbury, er hat nicht mehr Verstand als ein Hammer.

DORTCHEN. Weswegen hat ihn denn der Prinz so gern?

FALSTAFF. Weil der eine so dünne Beine hat wie der andre, und weil er gut Peilke spielt, und ißt Meeraal und Fenchel, und schluckt brennende Kerzen-Endchen im Wein hinunter, und trägt sich Huckepack mit den Jungen, und springt über Schemel, und flucht mit gutem Anstande, und trägt seine Stiefeln glatt an, wie an einem ausgehängten Bein auf einem Schilde, und stiftet keinen Zank durch Ausplaudern von feinen Geschichten, und mehr dergleichen Springergaben hat er, die einen schwachen Geist und einen geschickten Körper beweisen, weswegen ihn der Prinz um sich leidet; denn der Prinz ist selbst eben so ein Gesell: das Gewicht eines Haars wird zwischen ihnen der einen Schale den Ausschlag geben.

PRINZ HEINRICH. Sollte man dieser Nabe von einem Rade nicht die Ohren abschneiden?

POINS. Laßt uns ihn vor den Augen seiner Hure prügeln!

PRINZ HEINRICH. Seht doch, läßt sich der welke Alte nicht den Kopf krauen wie ein Papagei?

POINS. Ist es nicht wunderbar, daß die Begierde das Vermögen um so viele Jahre überlebt?

FALSTAFF. Küß mich, Dortchen![321]

PRINZ HEINRICH. Saturn und Venus heuer in Konjunktion! Was sagt der Kalender dazu?

POINS. Seht nur, flüstert nicht auch sein Kerl, der feurige Triangel, mit dem alten Register seines Herrn, seiner Schreibtafel, seinem Denkbuche?

FALSTAFF. Du gibst mir angenehme Schmätzchen.

DORTCHEN. Ja wahrhaftig, ich küsse dich mit einem recht beständigen Herzen.

FALSTAFF. Ich bin alt, ich bin alt.

DORTCHEN. Ich habe dich lieber, als alle die jungen Gelbschnabel miteinander.

FALSTAFF. Aus was für Zeug willst du eine Schürze haben? Auf den Donnerstag kriege ich Geld, du sollst morgen eine Mütze haben. Komm, ein lustiges Lied! Es wird spät, wir wollen zu Bett. Wenn ich weg bin, wirst du mich vergessen.

DORTCHEN. Meiner Treu, du wirst mich zum Weinen bringen, wenn du das sagst; sieh zu, ob ich mich jemals hübsch kleide, bis du wieder zurück bist. Nun warte das Ende ab!

FALSTAFF. Was Sekt, Franz!

PRINZ HEINRICH UND POINS hervortretend. Gleich, Herr! gleich!

FALSTAFF. Ha! ein Bastard-Sohn des Königs. Und bist du nicht Poins sein Bruder?

PRINZ HEINRICH. Ei, du Erdball von sündlichen Ländern, was für ein Leben führst du?

FALSTAFF. Ein besseres als du: Ich bin ein Mann von Stande, du ziehst Bier ab.

PRINZ HEINRICH. Ganz richtig, Herr, und darum komme ich, Euch das Fell abzuziehn.

WIRTIN. Oh, der Herr erhalte Eure wackre Gnaden! Meiner Treu, willkommen in London! – Nun, der Herr segne dies dein holdes Angesicht! O Jesus, seid Ihr aus Wales zurückgekommen?

FALSTAFF indem er die Hand auf Dortchen legt. Du verwettertes, tolles Stück Majestät, bei diesem leichtfertigen Fleisch und verderbten Blut, du bist willkommen!

DORTCHEN. Was, Ihr gemästeter Narr? Ich frage nichts nach Euch.[322]

POINS. Gnädiger Herr, er wird Euch aus Eurer Rache heraustreiben und alles in einen Spaß verwandeln, wenn Ihr ihm nicht in der ersten Hitze zusetzt.

PRINZ HEINRICH. Du verfluchte Talggrube, wie niederträchtig sprachst du nicht jetzt eben von mir vor diesem ehrbaren, tugendhaften, artigen Frauenzimmer?

WIRTIN. Gott segne Euer gutes Herz, das ist sie auch, gewiß und wahrhaftig.

FALSTAFF. Hast du es angehört?

PRINZ HEINRICH. Ja, und Ihr kanntet mich wie damals, da Ihr bei Gadshill davonlieft; Ihr wußtet, daß ich hinter Euch stand, und tatet es mit Fleiß, um meine Geduld auf die Probe zu stellen.

FALSTAFF. Nein, nein, nein, das nicht; ich glaubte nicht, daß du mich hören könntest.

PRINZ HEINRICH. So müßt Ihr mir die vorsätzliche Beschimpfung eingestehn, und dann weiß ich, wie ich Euch handhaben soll.

FALSTAFF. Keine Beschimpfung, Heinz, auf meine Ehre, keine Beschimpfung!

PRINZ HEINRICH. Nicht? Mich herunter zu machen und mich Brotmeister und Brotschneider und ich weiß nicht was zu nennen!

FALSTAFF. Keine Beschimpfung, Heinz!

POINS. Keine Beschimpfung?

FALSTAFF. Nein, Eduard, keine Beschimpfung auf der Welt; nicht die geringste, mein ehrlicher Eduard! Ich machte ihn herunter vor den Gottlosen, damit die Gottlosen sich nicht in ihn verlieben möchten; darin habe ich die Pflicht eines besorgten Freundes und eines redlichen Untertans ausgeübt, und dein Vater hat mir dafür zu danken. Keine Beschimpfung, Heinz! nicht die geringste, Eduard! – Nein, Kinder, nicht die geringste!

PRINZ HEINRICH. Nun sieh einmal, bringt dich nicht bloße Furcht und ausgemachte Feigheit dahin, diesem tugendhaften Frauenzimmer zu nahe zu tun, um dich mit uns auszusöhnen? Ist sie von den Gottlosen? Ist unsre Frau Wirtin da von den Gottlosen? Oder ist der Bursch von den Gottlosen?[323] Oder der ehrliche Bardolph, dessen Andacht in seiner Nase brennt, von den Gottlosen?

POINS. Antworte, du abgestorbne Rüster! Antworte!

FALSTAFF. Den Bardolph hat der böse Feind ohne Rettung gezeichnet, und sein Gesicht ist Luzifers Leibküche, wo er nichts tut als Malzwürmer rösten. Was den Knaben betrifft, so ist ein guter Engel um ihn, aber der Teufel überbietet ihn auch.

PRINZ HEINRICH. Was die Weiber betrifft, –

FALSTAFF. Die eine von ihnen, – die ist schon in der Hölle und brennt, die arme Seele! Was die andre betrifft, – ich bin ihr Geld schuldig, und ob sie dafür verdammt ist, weiß ich nicht.

WIRTIN. Nein, das will ich Euch versichern.

FALSTAFF. Ja, ich denke es auch nicht; ich denke, dessen bist du quitt. (Ey,) es gibt aber noch eine andre Klage wider dich, daß du gegen die Verordnung in deinem Hause Fleisch essen lässest; dafür wirst du, denke ich, noch einmal heulen.

WIRTIN. Das tun alle Speisewirte. Was will eine Schöpskeule oder ein Paar in der ganzen Fastenzeit sagen?

PRINZ HEINRICH. Ihr, Frauenzimmer –

DORTCHEN. Was sagen Euer Gnaden?

FALSTAFF. Seine Gnade sagt etwas, wogegen sich sein Fleisch auflehnt.

WIRTIN. Wer klopft so laut an die Türe? Sieh nach der Türe, Franz!


Peto kommt.


PRINZ HEINRICH.

Peto, was gibt's? Was bringst du Neues?

PETO.

Der König, Euer Vater, ist zu Westminster,

Und zwanzig müde und erschöpfte Boten

Sind aus dem Norden da; und wie ich herkam,

Traf ich und holt' ein Dutzend Hauptleut' ein,

Barköpfig, schwitzend, an die Schenken klopfend,

Und alle frugen sie nach Sir John Falstaff.

PRINZ HEINRICH.

Beim Himmel, Poins, ich fühl' mich tadelnswert,

So müßig zu entweihn die edle Zeit,

Wenn Wetter der Empörung wie der Süd,[324]

Von schwarzem Dunst getragen, schmelzen will

Und träuft auf unser unbewehrtes Haupt.

Gib Degen mir und Mantel – Falstaff, gute Nacht!


Prinz Heinrich, Poins, Peto und Bardolph ab.

FALSTAFF. Nun kommt der leckerste Bissen der Nacht, und wir müssen fort und ihn ungenossen lassen.


Man hört klopfen.


Wieder an der Tür geklopft?


Bardolph kommt zurück.


Nun? Was gibt's?

BARDOLPH.

Ihr müßt gleich fort an den Hof, ein Dutzend

Hauptleute warten an der Tür auf Euch.

FALSTAFF zum Pagen. Bezahl' die Musikanten, Bursch! – Leb wohl, Wirtin, – leb wohl, Dortchen! – Ihr seht, meine guten Weibsbilder, wie Männer von Verdienst gesucht werden: der Unverdiente kann schlafen, während der tüchtige Mann aufgerufen wird. Lebt wohl, meine guten Weibsbilder! – Wenn ich nicht schleunig weggesandt werde, so will ich Euch noch wieder besuchen, eh' ich gehe.

DORTCHEN. Ich kann nicht sprechen, – wenn mir das Herz nicht brechen will. – Nun, herzliebster Hans, trage Sorge für dich selbst!

FALSTAFF. Lebt wohl, lebt wohl!


Falstaff und Bardolph ab.


WIRTIN. Nun, so lebe wohl! Neunundzwanzig Jahre sind's nun, daß ich dich gekannt habe, wenn die grünen Erbsen wieder kommen; aber einen ehrlicheren Mann und ein treueres Gemüt, – Nun, so lebe wohl!

BARDOLPH draußen. Jungfer Lakenreißer!

WIRTIN. Was gibt's?

BARDOLPH draußen. Heißt Jungfer Lakenreißer zu meinem Herrn kommen!

WIRTIN. O lauf, Dortchen, lauf! Lauf, liebes Dortchen!


Beide ab.[325]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 314-326.
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