Zweite Szene

[737] London. Ein Zimmer im Palast.


König Eduard, Gloster, Clarence und Lady Grey treten auf.


KÖNIG EDUARD.

Bruder von Gloster, auf Sankt-Albans Feld

Fiel dieser Frauen Gatte, Sir John Grey,

Und seine Güter fielen an den Sieger.

Sie sucht nun an um Wiedereinsetzung,

Was wir ihr billig nicht verweigern können,

Weil in dem Streite für das Haus von York

Der würd'ge Mann sein Leben eingebüßt.

GLOSTER.

Eu'r Hoheit täte wohl, es zu gewähren;

Es wäre schimpflich, ihr es abzuschlagen.

KÖNIG EDUARD.

Das wär' es auch, doch schieb' ich es noch auf.

GLOSTER beiseit zu Clarence.

Ei, steht es so?

Die Dame, seh' ich, hat was zu gewähren,

Bevor der König ihr Gesuch gewährt.[737]

CLARENCE beiseit.

Er kennt die Jagd: wie bleibt er bei der Fährte!

GLOSTER beiseit.

Still!

KÖNIG EDUARD.

Witwe! Wir wollen Eu'r Gesuch erwägen,

Und kommt ein andermal um den Bescheid.

LADY GREY.

Ich kann Verzug nicht dulden, gnäd'ger Fürst:

Belieb' Eu'r Hoheit, jetzt mich zu bescheiden,

Und was Euch nur gefällt, soll mir genügen.

GLOSTER beiseit.

So, Witwe? Dann verbürg' ich Euch die Güter,

Wenn das, was ihm gefällt, Euch Freude macht.

Gebt besser acht, sonst wird Euch eins versetzt.

CLARENCE beiseit.

Ich sorge nicht, wenn sie nicht etwa fällt.

GLOSTER beiseit.

Verhüt' es Gott! Er nähm' den Vorteil wahr.

KÖNIG EDUARD.

Wie viele Kinder hast du, Witwe? Sag mir.

CLARENCE beiseit.

Ich glaub', er denkt sie um ein Kind zu bitten.

GLOSTER beiseit.

Dann nennt mich Schelm; er gibt ihr lieber zwei.

LADY GREY.

Drei, mein sehr gnäd'ger Fürst.

GLOSTER beiseit.

Er schafft Euch vier, wenn Ihr ihm folgen wollt.

KÖNIG EDUARD.

Hart wär's, wenn sie des Vaters Land verlören.

LADY GREY.

Habt Mitleid, hoher Herr, gewährt es ihnen!

KÖNIG EDUARD.

Laßt uns, ihr Lords: ich will den Witz der Witwe prüfen.

GLOSTER.

Wir lassen euch, ihr bleibt euch überlassen,

Bis Jugend euch der Krücke überläßt.


Gloster und Clarence treten auf die andre Seite zurück.


KÖNIG EDUARD.

Sagt, liebt Ihr Eure Kinder, edle Frau?

LADY GREY.

Ja, so von Herzen, wie ich selbst mich liebe.

KÖNIG EDUARD.

Und wolltet Ihr nicht viel tun für ihr Wohl?

LADY GREY.

Ich wollte für ihr Wohl ein Übel dulden.

KÖNIG EDUARD.

Erwerbt Euch denn die Güter für ihr Wohl!

LADY GREY.

Deswegen kam ich zu Eu'r Majestät.

KÖNIG EDUARD.

Ich sag' Euch, wie sie zu erwerben sind.

LADY GREY.

Das wird mich Euer Hoheit Dienst verpflichten.[738]

KÖNIG EDUARD.

Was tust du mir zum Dienst, wenn ich sie gebe?

LADY GREY.

Was Ihr befehlt, das bei mir steht zu tun.

KÖNIG EDUARD.

Ihr werdet Euch an meinem Antrag stoßen.

LADY GREY.

Nein, gnäd'ger Herr, ich müßte denn nicht können.

KÖNIG EDUARD.

Du kannst das aber, was ich bitten will.

LADY GREY.

So will ich tun, was Eure Hoheit fodert.

GLOSTER beiseit.

Er drängt sie scharf; viel Regen höhlt den Marmor.

CLARENCE beiseit.

So rot wie Feu'r! Da muß ihr Wachs wohl schmelzen.

LADY GREY.

Was stockt mein Fürst? Soll ich den Dienst nicht wissen?

KÖNIG EDUARD.

Ein leichter Dienst: nur einen König lieben.

LADY GREY.

Das kann ich leicht als Untertanin tun.

KÖNIG EDUARD.

Dann geb' ich gleich dir deines Gatten Güter.

LADY GREY.

Und ich empfehle mich mit tausend Dank.

GLOSTER beiseit.

's ist richtig; sie besiegelt's mit dem Knicks.

KÖNIG EDUARD.

Verziehe noch: der Liebe Früchte mein' ich.

LADY GREY.

Der Liebe Früchte mein' ich, bester Fürst.

KÖNIG EDUARD.

Ja, doch ich fürcht', in einem andern Sinn.

Um welche Liebe, glaubst du, werb' ich so?

LADY GREY.

Lieb' in den Tod, Dank und Gebet für Euch;

Wie Tugend Liebe bittet und gewährt.

KÖNIG EDUARD.

Nein, solche Liebe mein' ich nicht, mein' Treu'.

LADY GREY.

Nun wohl, dann meint Ihr nicht so, wie ich dachte.

KÖNIG EDUARD.

Nun aber merkt Ihr meinen Sinn zum Teil.

LADY GREY.

Mein Sinn gibt nimmer zu, was, wie ich merke,

Eu'r Hoheit denket, denk' ich anders recht.

KÖNIG EDUARD.

Bei dir zu liegen denk' ich, grad' heraus.

LADY GREY.

Und grad' heraus, ich läg' im Kerker lieber.

KÖNIG EDUARD.

Nun, so bekommst du nicht des Mannes Güter.

LADY GREY.

So sei die Ehrbarkeit mein Leibgedinge;

Um den Verlust will ich sie nicht erkaufen.

KÖNIG EDUARD.

Du tust damit den Kindern sehr zu nah.[739]

LADY GREY.

Eu'r Hoheit tut hiemit es mir und ihnen.

Doch diese muntre Neigung, hoher Herr,

Stimmt nicht zu meinem Ernst bei dem Gesuch.

Entlaßt mit Ja mich gütigst oder Nein.

KÖNIG EDUARD.

Ja, wenn du ja auf meinen Wunsch willst sagen;

Nein, wenn du nein auf mein Begehren sagst.

LADY GREY.

Dann nein, mein Fürst, und mein Gesuch ist aus.

GLOSTER beiseit.

Die Witwe mag ihn nicht, sie runzelt ihre Stirn.

CLARENCE beiseit.

Kein Mensch in Christenlanden wirbt wohl plumper.

KÖNIG EDUARD.

Nach ihren Blicken ist sie voller Sittsamkeit,

Ihr Witz nach ihren Worten unvergleichlich;

All ihre Gaben fodern Herrscherrang,

So oder so ist sie für einen König:

Sie wird mein Liebchen oder mein Gemahl. –

Setz', König Eduard nähm' dich zum Gemahl?

LADY GREY.

Das läßt sich besser sagen, Herr, als tun:

Ich Untertanin tauge wohl zum Scherz,

Doch taug' ich längst nicht, Herrscherin zu sein.

KÖNIG EDUARD.

Bei meinem Thron schwör' ich dir, holde Witwe,

Ich sage nur, was meine Seele wünscht:

Das ist, dich als Geliebte zu besitzen.

LADY GREY.

Und das ist mehr, als ich will zugestehn.

Ich weiß, ich bin zu niedrig, Eu'r Gemahl,

Und doch zu gut, Eu'r Kebsweib nur zu sein.

KÖNIG EDUARD.

Stecht Silben nicht: ich meinte als Gemahl.

LADY GREY.

Wenn meine Söhne nun Euch Vater nennen,

Das wird Eu'r Hoheit kränken.

KÖNIG EDUARD.

Nein, nicht mehr,

Als wenn dich meine Töchter Mutter nennen.

Du bist 'ne Witwe und hast mehre Kinder;

Ich, bei der Mutter Gottes! der ich noch

Ein Junggeselle bin, hab' ihrer auch:

Wie schön, der Vater vieler Kinder sein!

Erwidre nichts, du wirst nun mein Gemahl.[740]

GLOSTER beiseit.

Der Geistliche hat seine Beicht' vollbracht.

CLARENCE beiseit.

Zum Beicht'ger hat ihn Leibliches gemacht.

KÖNIG EDUARD.

Euch wundert's, Brüder, was wir zwei geflüstert?

GLOSTER.

Der Witwe steht's nicht an, sie sieht verdüstert.

KÖNIG EDUARD.

Ihr fändet's fremd, wenn ich zur Frau sie wählte?

CLARENCE.

Für wen, mein Fürst?

KÖNIG EDUARD.

Ei, Clarence, für mich selbst.

GLOSTER.

Das wär' zum Wundern auf zehn Tage mind'stens.

CLARENCE.

Das ist ein Tag mehr, als ein Wunder währt.

GLOSTER.

So endlos würde dieses Wundern sein.

KÖNIG EDUARD.

Gut, Brüder, spaßt nur fort: ich kann euch sagen,

Gewährt ist das Gesuch ihr um die Güter.


Ein Edelmann tritt auf.


EDELMANN.

Mein Fürst, Eu'r Gegner Heinrich ward ergriffen;

Gefangen bringt man ihn vor Euer Schloß.

KÖNIG EDUARD.

So sorgt, daß man ihn schaffe nach dem Turm; –

Und sehn wir, Brüder, den, der ihn ergriff,

Ihn über die Verhaftung zu befragen.

Ihr, Witwe, geht mit uns. – Lords, haltet sie in Ehren!


König Eduard, Lady Grey, Clarence und der Edelmann ab.


GLOSTER.

Ja, Eduard hält die Weiber wohl in Ehren.

Wär' er doch aufgezehrt, Mark, Bein und alles,

Damit kein blüh'nder Sproß aus seinen Lenden

Die Hoffnung kreuze meiner goldnen Zeit!

Doch zwischen meiner Seele Wunsch und mir, –

Ist erst des üpp'gen Eduards Recht begraben, –

Steht Clarence, Heinrich und sein Sohn, Prinz Eduard,

Samt ihrer Leiber ungehofften Erben,

Um einzutreten, eh' ich Platz gewinne:

Ein schlimmer Vorbedacht für meinen Zweck!

So träum' ich also nur von Oberherrschaft,

Wie wer auf einem Vorgebirge steht[741]

Und späht ein fernes, gern erreichtes Ufer

Und wünscht, sein Fuß käm' seinem Auge gleich;

Er schilt die See, die ihn von dorten trennt,

Ausschöpfen will er sie, den Weg zu bahnen:

So wünsch' ich auch die Krone, so weit ab,

Und schelte so, was mich von ihr entfernt,

Und sag', ich will die Hindernisse tilgen,

Mir selber schmeichelnd mit Unmöglichkeiten.

Mein Auge blickt, mein Herz wähnt allzukühn,

Kann Hand und Kraft nicht ihnen gleich es tun.

Gut! Setzt, es gibt kein Königreich für Richard:

Was kann die Welt für Freude sonst verleihn?

Ich such' in einer Schönen Schoß den Himmel,

Mit munterm Anputz schmück' ich meinen Leib,

Bezaubre holde Frau'n mit Wort und Blick.

O kläglicher Gedank', und minder glaublich,

Als tausend goldne Kronen zu erlangen!

Schwor Liebe mich doch ab im Mutterschoß,

Und, daß ihr sanft Gesetz für mich nicht gölte,

Bestach sie die gebrechliche Natur

Mit irgendeiner Gabe, meinen Arm

Wie einen dürren Strauch mir zu verschrumpfen,

Dem Rücken einen neid'schen Berg zu türmen,

Wo Häßlichkeit, den Körper höhnend, sitzt,

Die Beine von ungleichem Maß zu formen,

An jedem Teil mich ungestalt zu schaffen

Gleich wie ein Chaos oder Bärenjunges,

Das, ungeleckt, der Mutter Spur nicht trägt.

Und bin ich also wohl ein Mann zum Lieben?

O schnöder Wahn, nur den Gedanken hegen!

Weil denn die Erde keine Lust mir beut

Als herrschen, meistern, andre unterjochen,

Die besser von Gestalt sind wie ich selbst,

So sei's mein Himmel, von der Krone träumen

Und diese Welt für Hölle nur zu achten,

Bis auf dem mißgeschaffnen Rumpf mein Kopf

Umzirkelt ist mit einer reichen Krone.

Doch weiß ich nicht, wie ich die Kron' erlange,[742]

Denn manches Leben trennt mich von der Heimat;

Und ich, wie ein im dorn'gen Wald Verirrter,

Die Dornen reißend und davon gerissen,

Der einen Weg sucht und vom Wege schweift

Und weiß nicht, wie zur freien Luft zu kommen,

Allein verzweifelt ringt, hindurchzudringen, –

So martr' ich mich, die Krone zu erhaschen,

Und will von dieser Marter mich befrein,

Wo nicht, den Weg mit blut'ger Axt mir haun.

Kann ich doch lächeln, und im Lächeln morden,

Und rufen: schön! zu dem, was tief mich kränkt,

Die Wangen netzen mit erzwungnen Tränen

Und mein Gesicht zu jedem Anlaß passen.

Ich will mehr Schiffer als die Nix' ersäufen,

Mehr Gaffer töten als der Basilisk;

Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,

Verschmitzter täuschen, als Ulyß gekonnt,

Und, Sinon gleich, ein zweites Troja nehmen;

Ich leihe Farben dem Chamäleon,

Verwandle mehr als Proteus mich und nehme,

Den mörd'rischen Machiavell in Lehr'.

Und kann ich das, und keine Kron' erschwingen?

Ha! Noch so weit, will ich herab sie zwingen.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 737-743.
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