Vierte Szene

[433] In der Nähe von Milford Hafen. Imogen und Pisanio treten auf.


IMOGEN.

Als wir vom Pferde stiegen, sagtest du,

Wir wären gleich zur Stelle. – Niemals sehnte

Sich meine Mutter so nach mir, als ich jetzt. –

Pisanio! Mann! Wo ist nun Posthumus?

Was ist dir im Gemüt, daß du so starrst?

Warum aus deiner innern Brust dies Ächzen?

Ein Mensch, so nur gemalt, ihn kennte jeder

Als Bildnis des Entsetzens, spräch' er nichts:

Zeig' dich in minder schrecklicher Gestalt,

Eh' Wahnwitz meinen festern Sinn bewältigt!

Was gibt es? Warum reichst du mir dies Blatt,

Mit diesem wilden Blick? Ist's Frühlingskunde,

So lächle erst: ist's winterlich, so paßt

Die Miene gut dazu. – Des Gatten Hand!

Italiens Gifthauch hat ihn angesteckt,

Er ist in schwerer Drangsal. – Sprich! Dein Mund

Mildert vielleicht den Greuel, der gelesen

Mir tödlich werden kann.

PISANIO.

Ich bitte, lest;

Dann seht Ihr, daß mich armen Mann das Schicksal

Ins tiefste Elend stürzte.

IMOGEN liest. »Deine Gebieterin, Pisanio, hat als Metze mein Bett entehrt: die Beweise davon liegen blutend in mir. Ich spreche nicht aus schwacher Voraussetzung, sondern aus einem Zeugnis, so stark wie mein Gram, und so gewiß, wie ich Rache erwarte. Diese Rolle, Pisanio, mußt du an meiner Statt spielen, wenn deine Treue nicht durch den Bruch der ihrigen befleckt ist. Mit eigner Hand nimm ihr das Leben: ich verschaffe dir Gelegenheit dazu bei Milford Hafen. Sie bekommt deshalb einen Brief von mir; wenn du dich fürchtest, sie zu töten, und mir nicht gewisse Nachricht davon gibst, so bist du der Kuppler ihrer Schmach, und im Verrat gegen mich verbunden.«

PISANIO.

Was brauch' ich noch mein Schwert zu ziehn? Der Brief[433]

Durchstach ihr schon das Herz. – Nein, 's ist Verleumdung,

Sie schneidet schärfer als das Schwert; ihr Mund

Vergiftet mehr als alles Nilgewürm:

Ihr Wort fährt auf dem Sturmwind und belügt

Jedweden Erdstrich: Kaiser, Königinnen,

Fürsten, Matronen, Jungfrau'n, ja in Grabes

Geheimnis wühlt das Natterngift Verleumdung. –

Wie ist Euch, Fürstin?

IMOGEN.

Falsch seinem Bett? Was heißt das, falsch ihm sein?

Wachend drin liegen, und an ihn nur denken?

Weinend von Stund' zu Stund'? Erliegt Natur

Dem Schlaf, auffahren mit furchtbarem Traum

Von ihm; erwachen gleich in Schreckenstränen?

Heißt das nun falsch sein seinem Bette? Heißt es?

PISANIO.

Ach, gute Fürstin!

IMOGEN.

Ich falsch! Ha, eigne Schuld nur: – Jachimo,

Als du der Unenthaltsamkeit ihn zeihtest,

Da glichst du einem Schuft; doch scheint mir jetzt

Dein Aussehn leidlich gut. – 'ne röm'sche Elster,

Die Tochter ihrer Schmink', hat ihn verführt:

Ich Ärmste bin unschmuck, ein Kleid nicht modisch;

Und weil zu reich ich bin, im Schrank zu hängen,

Muß ich zerschnitten sein: – in Stücke mit mir! – Oh!

Der Männer Schwüre sind der Frau'n Verräter!

Durch deinen Abfall, o Gemahl, gilt selbst

Der beste Schein für Bosheit; heimisch nicht

Da, wo er glänzt, nur angelegt als Köder

Für Frau'n.

PISANIO.

Oh, hört mich, teuerste Prinzessin!

IMOGEN.

Des bravsten Manns Erzählung galt für falsch

In jener Zeit, weil falsch Äneas war;

Die frommsten Tränen schmähte Sinons Weinen,

Das wahrste Elend fand Erbarmen nicht:

So wirst du, Posthumus,

Vergiften alle Männer schöner Bildung!

Edel und ritterlich scheint falsch, meineidig,

Seit deinem großen Fall. – Komm, sei du redlich,

Tu' deines Herrn Geheiß: wenn du ihn siehst,[434]

Meinen Gehorsam rühm' ein wenig! Sieh!

Ich ziehe selbst das Schwert: nimm es, und triff

Der Liebe schuldlos Wohnhaus, dieses Herz!

Nicht zage: alles wich dort, Gram nur blieb:

Dein Herr wohnt nicht mehr dort; sonst war er freilich

Sein einz'ger Schatz; tu' sein Gebot: stoß' zu! –

Du bist vielleicht bei besserm Anlaß tapfer,

Jetzt bist du feige nur.

PISANIO.

Fort, schändlich Werkzeug!

Nicht werde meine Hand durch dich verflucht!

IMOGEN.

Nun, sterben muß ich. Tut's nicht deine Hand,

So bist du nicht ein Diener deines Herrn;

Selbstmord verbeut so göttlich hehre Satzung,

Daß meine schwache Hand erbebt. Hier ist

Mein Herz: was find' ich? – Still! Nein, keine Schutzwehr. –

Gehorsam, wie die Scheide. – Was ist hier?

Die Schriften des rechtgläub'gen Leonatus

All' Ketzerei geworden? Fort mit euch,

Verfälscher meines Glaubens! Nicht mehr sollt ihr

Mein Herz umgürten! So traut falschen Lehrern

Manch armes Kind. Fühlen Betrogne auch

Den Stachel des Verrats, lebt der Verräter

Doch für noch schlimmres Weh.

Und Posthumus, der du zum Ungehorsam

Mich gegen meinen Vater hast verleitet,

Daß manch Gesuch von fürstlichen Bewerbern

Ich höhnisch abwies, – dies erkennst du einst

Als eine Tat nicht von gemeiner Art,

Nein, hoher Seltenheit; und es betrübt mich,

Zu denken, wenn du ihrer satt nun bist,

Die deine Gier jetzt nährt, wie dein Gedächtnis

Durch mich dann wird gequält sein. – Bitt' dich, schnell!

Das Lamm ermutiget den Schlächter. Wo

Hast du dein Messer? Allzu träge bist du

Des Herrn Geheiß, zumal wenn ich's begehre.

PISANIO.

Oh, gnäd'ge Frau, seit ich Befehl empfing,

Die Tat zu tun, schloß ich kein Auge mehr.

IMOGEN.

So tu's, und dann zu Bett![435]

PISANIO.

Eh' soll vor Wachen

Die Sehkraft mir erblinden!

IMOGEN.

Warum denn

Gingst du es ein? Und maßest so viel Meilen

Unnütz, mit diesem Vorwand? Kamst hieher?

Wozu dies Tun von dir und mir? Ermüdung

Der Rosse? Zeit, dir günstig? Angst am Hofe

Um meine Flucht? Wohin ich nie zurück

Zu kehren denke. Was gingst du so weit,

Und zielst jetzt nicht, da du den Stand genommen,

Auf das von dir erlesne Wild?

PISANIO.

Zeit wollt' ich

Gewinnen und dies böse Amt verlieren:

Indes ersann ich einen Plan; Prinzessin,

Hört mich geduldig!

IMOGEN.

Rede! Sprich dich müde:

Ich hört', ich sei 'ne Metze; nach dem Schlag,

Dem lügenhaften, gibt's nicht größre Wunde;

Sie traf so tief, daß ich sie nicht ergründe.

Sprich!

PISANIO.

Nun, ich dacht', Ihr ginget nicht zurück.

IMOGEN.

Natürlich, denn du brachtest mich hieher,

Um mich zu töten.

PISANIO.

Nein, gewiß, auch das nicht:

Wär' ich so klug als ehrlich, führte wohl

Zum Glück mein Vorschlag; 's kann nicht anders sein,

Mein Herr ist schändlich hintergangen worden:

Ein Schelm, ja, und ein Meister seiner Kunst,

Tat an euch beiden dies verdammte Werk.

IMOGEN.

'ne röm'sche Buhlin.

PISANIO.

Nein, bei meinem Leben!

Ich geb' ihm Nachricht, Ihr seid tot, und send' ihm

Davon ein blutig Zeichen; denn befohlen

Ward mir auch dies; am Hof vermißt man Euch,

Und dadurch scheint's gewiß.

IMOGEN.

Doch was, du Treuer,

Tu' ich indes? Wo berg' ich mich? Wie leb' ich?[436]

Und was für Trost im Leben, bin ich tot

Für meinen Mann?

PISANIO.

Wollt Ihr zurück zum Hof –

IMOGEN.

Kein Hof, kein Vater, und nicht längre Qual

Mit jenem rohen, tör'gen, stolzen Nichts,

Dem Cloten, dessen Liebeswerben furchtbar

Mir wie Belag'rung war.

PISANIO.

Wenn nicht am Hof,

So bleibt auch in Britannien nicht!

IMOGEN.

Wo denn? –

Hat nur Britannien Sonne? Tag und Nacht,

Sind sie nur hier? Im großen All der Welt

Scheint abseits nur Britanniens Nebenwerk;

Im großen Teich ein Schwanennest; auch außer

Britannien leben Menschen.

PISANIO.

Mich erfreut's,

Daß Ihr auf andre Örter denkt. Der Römer

Lucius, der Abgesandte, kommt nach Milford

Schon morgen: könnt Ihr Euren Sinn verdunkeln,

Wie Euer Glück ist, wollt Ihr das verbergen,

Was, wenn's erschiene, immer nur Gefahr

Euch bringen würde, – steht ein Pfad Euch offen,

Recht wegsam und voll Aussicht: ja, vielleicht

Führt er zu Posthumus – so nah ihm mind'stens,

Daß, wenn Ihr auch sein Tun nicht sehen könnt, doch

Der Ruf es stündlich Euerm Ohr erzählt,

Der Wahrheit treu.

IMOGEN.

Oh, nenne mir dies Mittel!

Verletzt es Sittsamkeit nur nicht zum Tode,

So wag' ich's gern.

PISANIO.

Gut denn, dies ist die Sache:

Ihr müßt die Frau vergessen, und Befehl

In Dienst verwandeln; Scheu und Zierlichkeit

(Der Frau'n Begleiterinnen, ja, vielmehr

Der Frauen zartes Selbst) in kecken Mut;

Gewandt im Spotten, trotzig, schnell von Zunge,

Und zänkisch wie das Wiesel: ja, Ihr müßt

Vergessen diese Kleinod' Eurer Wangen,[437]

Und sie (o hartes Herz! Doch muß es sein)

Der gierigen Berührung Titans bieten,

Der alles küßt; vergessen Eure schmucken,

Mühsam geflochtnen Locken, die den Neid

Der großen Juno wecken.

IMOGEN.

Nun, sei kurz:

Ich merke deinen Zweck, und bin fast schon

Zum Mann geworden.

PISANIO.

Schafft Euch erst den Schein!

Dies vorbedenkend, hab' ich schon bereit

In meinem Mantelsack Wams, Hose, Hut

Und allen Zubehör: so ausgestattet,

Und im erborgten Anstand eines Jünglings

So zarten Alters, stellt dem edlen Lucius

Euch vor, daß er in Dienst Euch nehme; sagt ihm,

Worin Ihr seid geschickt: das merkt er bald,

Wenn für Musik er Sinn hat; ohne Zweifel

Nimmt er Euch gern. Er ist ein Mann von Ehre,

Und, was noch mehr ist, fromm. Auswärts zu leben,

Gebraucht, was mein ist, und es fehlt Euch nicht

Für jetzt und künftig.

IMOGEN.

Du bist aller Trost,

Den mir die Götter gönnen. Bitte, fort:

Noch mehr ist zu bedenken; schlichten wir's,

Wie's uns die Zeit erlaubt: dem Unternehmen

Werb' ich mich an, und will es auch bestehn

Mit Fürstenmut. Ich bitte dich, hinweg!

PISANIO.

Prinzessin, laßt uns kurzen Abschied nehmen,

Damit, werd' ich vermißt, man Eure Flucht

Vom Hof mir nicht zur Last legt. Edle Fürstin,

Dies Fläschchen nehmt, mir gab's die Königin;

Was drin, ist kostbar; seid Ihr krank zur See,

Wohl auch zu Lande schwach, ein wenig hievon

Vertreibt die Übelkeit. – Geht dort ins Dickicht,

Und schafft Euch um zum Mann! Die Götter leiten

Zum besten alles!

IMOGEN.

Amen! Habe Dank!


Sie gehn ab.[438]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 433-439.
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