Siebente Szene

[410] Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.


Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf, beide mit Gefolge.


PORZIA.

Geht, zieht beiseit' den Vorhang, und entdeckt

Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen! –

Trefft Eure Wahl nunmehr!

MAROKKO.

Von Gold das erste, das die Inschrift hat:

»Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.«

Das zweite, silbern, führet dies Versprechen:

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung:

»Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein alles dran.«

Woran erkenn' ich, ob ich recht gewählt?

PORZIA.

Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz:

Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure.

MAROKKO.

So leit' ein Gott mein Urteil! Laßt mich sehn,

Ich muß die Sprüche nochmals überlesen.

Was sagt dies blei'rne Kästchen?

»Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein alles dran.«

Der gibt – wofür? für Blei? und wagt für Blei?

Dies Kästchen droht: wenn Menschen alles wagen,

Tun sie's in Hoffnung köstlichen Gewinns.

Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken,

Ich geb' also und wage nichts für Blei.

Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe?

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

So viel, als er verdient? – Halt' ein, Marokko,

Und wäge deinen Wert mit stäter Hand:

Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung,

Verdienest du genug, doch kann genug

Wohl nicht so weit bis zu dem Fräulein reichen.

Und doch, mich ängsten über mein Verdienst,

Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst.

So viel, als ich verdiene? – Ja, das ist

Das Fräulein; durch Geburt verdien' ich sie,[410]

Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung;

Doch mehr verdien' ich sie durch Liebe. Wie,

Wenn ich nicht weiter schweift' und wählte hier?

Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben:

»Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.«

Das ist das Fräulein: alle Welt begehrt sie,

Aus jedem Weltteil kommen sie herbei,

Dies sterblich atmend Heil'genbild zu küssen.

Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden

Arabiens sind gebahnte Straßen nun

Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen.

Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt

Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm

Für diese fremden Geister; nein, sie kommen,

Wie über einen Bach, zu Porzias Anblick.

Eins von den drei'n enthält ihr himmlisch Bild.

Soll Bleies in sich fassen? Läst'rung wär's,

Zu denken solche Schmach: es wär' zu schlecht,

Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern.

Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt,

Von zehnmal minderm Wert als reines Gold?

O sündlicher Gedanke! Solch ein Kleinod

Ward nie geringer als in Gold gefaßt.

In England gibt's 'ne Münze, die das Bild

Von einem Engel führt, in Gold geprägt.

Doch der ist drauf gedruckt: hier liegt ein Engel

Ganz drin im goldnen Bett. – Gebt mir den Schlüssel,

Hier wähl' ich, und geling' es, wie es kann!

PORZIA.

Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da,

So bin ich Euer.


Er schließt das goldne Kästchen auf.


MAROKKO.

O Hölle, was ist hier?

Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel

Im hohlen Auge liegt? Ich will ihn lesen.

»Alles ist nicht Gold, was gleißt,

Wie man oft Euch unterweist.

Manchen in Gefahr es reißt,

Was mein äußrer Schein verheißt:

Goldnes Grab hegt Würmer meist.[411]

Wäret Ihr so weis' als dreist,

Jung an Gliedern, alt an Geist,

So würdet Ihr nicht abgespeist

Mit der Antwort: Geht und reist!«

Ja fürwahr, mit bittrer Kost.

Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost!

Lebt, Porzia, wohl! Zu langem Abschied fühlt

Mein Herz zu tief: so scheidet, wer verspielt.


Ab.


PORZIA.

Erwünschtes Ende! Geht, den Vorhang zieht:

So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 410-412.
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