Dritte Szene

[159] Zimmer.


Antonio und Panthino treten auf.


ANTONIO.

Panthino, sprich, mit welcher ernsten Rede

Hielt dich mein Bruder in dem Kreuzgang auf?

PANTHINO.

Von Proteus, seinem Neffen, Eurem Sohn.

ANTONIO.

Doch was von ihm?[159]

PANTHINO.

Ihn wundert, daß Euer Gnaden

Daheim ihn seine Jugend läßt verbringen;

Da mancher, der geringer ist als Ihr,

Den Sohn auf Reisen schickt, sich auszuzeichnen;

Der, in den Krieg, um dort sein Glück zu suchen;

Der, zur Entdeckung weit entlegner Inseln;

Der, zur berühmten Universität.

Er meint, daß einer, ja selbst all die Wege

Dem Proteus, Eurem Sohne, wohl geziemen;

Mir trug er auf, es Euch ans Herz zu legen,

Daß Ihr ihn länger nicht daheim behaltet;

Er würd' es einst im Alter noch beklagen,

Hätt' er die Welt als Jüngling nicht gesehn.

ANTONIO.

Nun, dazu darfst du mich nicht eben drängen,

Worauf ich schon seit einem Monat sinne.

Wohl hab' ich selbst den Zeitverlust erwogen,

Und wie er ein vollkommner Mann nicht ist,

Eh' ihn die Welt erzogen und geprüft;

Erfahrung wird durch Fleiß und Müh' erlangt

Und durch den raschen Lauf der Zeit gereift;

Doch sprich, wohin ich ihn am besten sende.

PANTHINO.

Ich denk', Eu'r Gnaden ist nicht unbekannt,

Wie jetzt sein Freund, der junge Valentin,

Am Hof dem Kaiser seine Dienste widmet.

ANTONIO.

Ich weiß es wohl.

PANTHINO.

Ich mein', Euer Gnaden sollt' ihn dahin senden;

Dort übt er sich im Stechen und Turnieren,

Hört fein Gespräch, bekannt wird er dem Adel,

Und so wird jede Übung ihm geläufig,

Die seiner Jugend ziemt und seinem Rang.

ANTONIO.

Dein Rat gefällt mir; wohl hast du's erwogen;

Und daß du siehst, wie sehr er mir gefällt,

Soll's deutlich dir durch die Vollstreckung werden.

So will ich gleich denn mit der schnellsten Eile

Alsbald ihn an des Kaisers Hof verschicken.

PANTHINO.

So hört, daß morgen Don Alphonso reist

Mit andern jungen Herren hohen Ranges,[160]

Dem Kaiser ihre Huldigung zu bringen

Und ihren Dienst dem Herrscher anzubieten.

ANTONIO.

In der Gesellschaft soll auch Proteus reisen,

Und grade recht, – jetzt will ich's ihm verkünden.


Proteus tritt auf.


PROTEUS.

O süße Lieb'! o süße Zeilen! süßes Leben!

Ja, hier ist ihre Hand, des Herzens Bürge;

Hier ist ihr Liebesschwur, der Ehre Pfand;

Oh! daß die Väter unsern Liebesbund

Und unser Glück durch ihren Beifall krönten!

Oh, Engel! Julia! –

ANTONIO.

Wie steht's? Was für ein Brief ist's, den du liesest?

PROTEUS.

Mein gnäd'ger Vater, wen'ge Zeilen nur,

In denen Valentin sich mir empfiehlt,

Und die ein Freund mir bringt, der ihn gesprochen.

ANTONIO.

Gib mir den Brief; laß sehn, was er enthält!

PROTEUS.

Durchaus nichts Neues, Herr; er schreibt mir nur,

Wie glücklich er dort lebt, wie sehr geliebt,

Und täglich wachsend in des Kaisers Gnade;

Er wünscht mich hin, sein Glück mit ihm zu teilen.

ANTONIO.

Und fühlst du seinem Wunsche dich geneigt?

PROTEUS.

Herr, Eurem Willen bin ich untertan,

Und nicht darf mir des Freunde Wunschgebieten.

ANTONIO.

Mein Wille trifft mit seinem Wunsch zusammen;

Sei nicht erstaunt, daß ich so schnell verfahre,

Denn was ich will, das will ich; kurz und gut,

Beschlossen ist es, daß du ein'ge Zeit

Mit Valentin am Hof des Kaisers lebst;

Was ihm zum Unterhalt die Seinen geben,

Sollst du von mir auch ebenfalls empfangen.

Auf morgen halt dich fertig abzugehn;

Kein Einwand gilt, unwiderruflich bleibt's.

PROTEUS.

Herr, nicht so schnell ist alles vorbereitet;

Nur ein, zwei Tag', ich bitte, schiebt es auf!

ANTONIO.

Ei, was du brauchst, das schicken wir dir nach;

Kein längres Zögern, morgen mußt du fort. –[161]

Panthino, komm, du sollst mir Hülfe leisten,

Um eiligst seine Reise zu befördern.

Antonio und Panthino gehn ab.


PROTEUS.

Das Feuer wollt' ich fliehn, nicht zu verbrennen,

Und stürzte mich ins Meer, wo ich ertrinke;

Dem Vater wollt' ich Julias Brief nicht zeigen,

Aus Furcht, er könne meine Liebe schelten;

Und aus dem Vorwand der Entschuldigung

Wird ihm die stärkste Hemmung meiner Liebe.

Oh! daß der Liebe Frühling, immer wechselnd,

Gleich des Apriltags Herrlichkeit uns funkelt;

Er zeigt die Sonn' in ihrer vollen Pracht,

Bis plötzlich eine Wolk' ihr Licht verdunkelt!


Panthino kommt zurück.


PANTHINO.

Herr Proteus, Euer Vater ruft nach Euch;

Er ist sehr eilig; bitte, folgt mir gleich!

PROTEUS.

Mein Herz ergibt sich, denn es muß ja sein;

Doch ruft es tausendmal mit Schmerzen, nein!


Sie gehn ab.[162]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 159-163.
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