Vierte Szene

[215] Wald.


Valentin tritt auf.


VALENTIN.

Wie wird dem Menschen Übung doch Gewohnheit!

Der unbesuchte Wald, die dunkle Wüste

Gefällt mir mehr als volkreich blüh'nde Städte;

Hier kann ich einsam sitzen, ungesehn,

Und, zu der Nachtigallen Klageliedern,

Mein Leid und Weh in Trauertönen singen.

O du, Beherrscherin von dieser Brust,

Laß nicht dein Haus so lang' verödet stehn,

Daß nicht der Bau verfalle und zertrümmre

Und kein Gedächtnis bleibe, was er war!

Komm, Silvia, das Gebäude herzustellen;

Erfreu' den Jammernden, du holde Nymphe!

Welch Lärmen, welch ein Aufruhr ist das heut?

Die Bande schwärmt, Willkür ist ihr Gesetz.

Sie machen Jagd auf arme Wandersleute;

Sie lieben mich, doch hab' ich viel zu tun,

Wenn ich will rohe Ungebühr verhüten.

Verbirg dich, Valentin; wer kommt dort her?


Erzieht sich zurück. Proteus, Silvia und Julia treten auf.


PROTEUS.

Prinzessin, was ich jetzt für Euch getan

(Obgleich Ihr keinen Dienst des Dieners achtet),

Mein Leben wagend, Euch von dem zu retten,

Der Eure Ehr' und Gunst bewält'gen wollte,

Darf einen holden Blick zum Lohn erwarten;

Geringern Preis als den kann ich nicht bitten,

Und wen'ger, sicherlich, könnt Ihr nicht geben.

VALENTIN beiseit.

Ist dies ein Traum, was ich hier seh' und höre?

Leih', Liebe, mir Geduld, noch jetzt zu schweigen!

SILVIA.

O Elend', Unglücksel'ge, die ich bin!

PROTEUS.

Unglücklich wart Ihr, Fräulein, eh' ich kam;

Doch durch mein Kommen wart Ihr glücklich wieder.

SILVIA.

Durch dein Herannahn ward ich erst recht elend.

JULIA beiseit.

Und ich, wenn er Euch wirklich näher kommt.[215]

SILVIA.

Wär' ich vom Leu'n, dem hungrigen, ergriffen!

Viel lieber Speise sein dem Ungetüm,

Als daß der falsche Proteus mich errettet!

Du, Himmel, weißt, wie Valentin ich liebe,

Sein Leben mir so wert wie meine Seele;

Und ganz so (dieses ist der höchste Schwur)

Ist Abscheu mir der falsch', meineid'ge Proteus.

Drum fort! und quäl' mich nicht mit läst'gem Werben!

PROTEUS.

Dem kühnsten Unternehmen, todgefährlich,

Entwich ich nicht um einen milden Blick.

Es ist der Liebe Fluch bewährt geblieben,

Daß nie ein Weib den, der sie liebt, kann lieben.

SILVIA.

Daß Proteus nicht die, die ihn liebt, kann lieben.

Gedenke Julias, deiner ersten Liebe,

Um deren Gunst du deine Treu' gespalten

In tausend Schwür'; und alle diese Schwüre

In Meineid' umgewandt, um mich zu lieben.

Nun hast du keine Treu' mehr, wenn nicht zwei,

Was schlimmer wär' als keine: besser keine

Als Doppeltreu', die ist zu viel um eine:

Du Trüger deines wahren Freunds!

PROTEUS.

In Liebe,

Wem gilt da Freundschaft?

SILVIA.

Jedem, außer Proteus!

PROTEUS.

Nun, wenn der milde Geist beredter Worte

Auf keine Art zu sanfter Weis' Euch stimmt,

So werb' ich, wie Soldaten, mit Gewalt;

Und Liebe wird, sich selbst entartet, Zwang.

SILVIA.

O Himmel!

PROTEUS.

Mit Gewalt bezwing' ich dich.

VALENTIN.

Du Ehrenräuber, frei laß deine Beute,

Du Freund von schlechter Sitte!

PROTEUS.

Valentin!

VALENTIN.

Gemeiner Freund, das heißt, treulos und lieblos

(Denn so sind Freunde jetzt), Verräter, du!

Du trogst mein Hoffen; meinem Aug' allein

Konnt' ich dies glauben; nun darf ich nicht sagen,

Mir lebt ein Freund; du würd'st mich Lügen strafen.[216]

Wem ist zu traun, wenn unsre rechte Hand

Sich gegen unsre Brust empört? O Proteus,

Ich fürchte, nie kann ich dir wieder traun

Und muß um dich die Welt als Fremdling achten.

O schlimme Zeit! o schmerzliches Verwunden!

Daß ich den Freund als schlimmsten Feind gefunden!

PROTEUS.

Oh, Scham und Schuld vernichtet mich! –

Vergib mir, Valentin; wenn Herzensreue

Genügen kann, die Sünde abzubüßen,

So sieh mein Leid; die Schuld ist größer nicht

Als jetzt mein Schmerz.

VALENTIN.

So bin ich ausgesöhnt;

Und wieder acht' ich dich als ehrenvoll. –

Wen Reue nicht entwaffnen kann, der frommt

Nicht Erd' noch Himmel; beide fühlen mild;

Durch Reue wird des Ew'gen Zorn gestillt; –

Und, daß vollkommen werde mein Verzeihn,

Geb' ich dir alles, was in Silvien mein.

JULIA.

Weh mir, verloren!


Sie wird ohnmächtig.


PROTEUS.

Seht, was fehlt dem Knaben?

VALENTIN.

Ei, Knabe! Kind! Was gibt's? Was stößt dir zu?

Blick' auf, sprich!

JULIA.

O Signor, mein Herr befahl mir,

An Fräulein Silvia diesen Ring zu bringen,

Den ich vergaß und noch nicht abgegeben.

PROTEUS.

Wo ist der Ring?

JULIA.

Hier ist er.


Gibt ihm einen Ring.


PROTEUS.

Laß mich sehn;

Ha, diesen Ring schenkt' ich an Julia.

JULIA.

Verzeiht mir, Herr, ich habe mich geirrt;

Dies ist der Ring, den Ihr an Silvia sandtet.


Zeigt einen andern.


PROTEUS.

Allein, wie kamst du zu dem Ring? Beim Abschied

Gab ich ihn Julien.

JULIA.

Und Julia gab ihn mir;

Und Julia selbst hat ihn hieher gebracht.

PROTEUS.

Wie? Julia![217]

JULIA.

Schau sie, die tausend Eide dir errangen,

Die alle tief im Herzen sie bewahrte;

Und wie zerbrach dein Meineid dann dies Herz!

O Proteus, dich beschäme diese Tracht!

Erröte du, daß solch unziemend Kleid

Ich angelegt; wenn Liebe in Verkleidung

Sich je entehren kann:

Mag Sitt' entscheiden, wer am schwersten fehle,

Vertauscht ein Weib das Kleid, ein Mann die Seele.

PROTEUS.

Ein Mann die Seele? Wahr, o Himmel! Treue

Nur fehlt dem Mann, vollkommen sich zu nennen;

Der Mangel macht uns jeder Sünd' ergeben;

Treulosigkeit stirbt ab, noch vor dem Leben.

Was ist in Silvia nur, das frischer nicht

Die Treue sieht in Juliens Angesicht?

VALENTIN.

Kommt denn, und reiche jeder seine Hand:

Den schönen Bund müßt ihr mich schließen lassen;

Nicht länger darf solch Freundespaar sich hassen.

PROTEUS.

Du, Himmel, weißt, mein Wunsch ist mir erfüllt!

JULIA.

Der meine mir.


Räuber kommen mit dem Herzog und Thurio.


RÄUBER.

Ha, Beute, Beute!

VALENTIN.

Zurück! Es ist der Fürst, mein gnäd'ger Herzog.

Euer Gnaden sei gegrüßt dem gnadentblößten,

Verbannten Valentin!

HERZOG.

Wie, Valentin?

THURIO.

Silvia ist dort, und Silvia ist mein!

VALENTIN.

Wollt Ihr nicht sterben, Thurio, fort, entweicht!

Kommt nicht so nah, daß Euch mein Zorn erreicht!

Nicht nenne Silvia dein; wag's noch einmal,

So soll dich Mailand nicht mehr sehn. Hier steht sie,

Nicht ihres Kleides Saum darfst du berühren; –

Ja, wag' nicht anzublicken die Geliebte!

THURIO.

Herr Valentin, ich frage nichts nach ihr;

Den halt' ich töricht, der sein Leben wagt

Um eines Mädchens halb, die ihn nicht liebt!

Ich will sie nicht, und darum sei sie dein.

HERZOG.

Um so nichtswürd'ger bist und schlechter du,[218]

So sehr nach ihr zu streben, wie du tatest,

Und auf so feige Art sie zu verlassen!

Nun, bei der Ehr' und Würde meiner Ahnen,

Mich freut dein Mut! Du, Valentin, verdienst

Die Liebe selbst der höchsten Kaiserin.

Wie du mich hast gekränkt, das sei vergessen:

Ich widerrufe, ausgesöhnt, den Bann. –

Dein Hochverdienst gibt dir den neuen Stand,

Den ich bestät'ge, – Ritter Valentin,

Du bist ein Edelmann von altem Blut;

Nimm deine Silvia, du hast sie verdient.

VALENTIN.

Ich dank' Eu'r Gnaden! Mich beglückt die Gabe.

Ich bitt' Euch nun, um Eurer Tochter willen,

Gewährt mir eine Gunst, um die ich flehe!

HERZOG.

Gewährt, um deinetwillen, was es sei!

VALENTIN.

Herr, die Verbannten, die mit mir gelebt,

Sind Männer, ausgezeichnet in Verdiensten;

Seht ihnen, was sie hier begingen, nach

Und ruft aus der Verbannung sie zurück;

Sie sind gebessert, mild und wohl geartet,

Geschickt zu großen Diensten, gnäd'ger Herr.

HERZOG.

Es sei gewährt; Verzeihung dir und ihnen!

Gib ihnen Stellen, die dir passend scheinen.

Kommt, laßt uns gehn; begraben sei Verdruß

In Spiel und Lust und seltner Festlichkeit!

VALENTIN.

Und unterwegs, mein gnäd'ger Fürst, versuch' ich,

Euch im Gespräch ein Lächeln zu erregen;

Was denkt Ihr von dem Pagen, hoher Herr?

HERZOG.

Anmutig ist der Knabe; er errötet.

VALENTIN.

Anmutig mehr, als Knabe, gnäd'ger Fürst.

HERZOG.

Was meint Ihr mit dem Scherz?

VALENTIN.

Gefällt's Euch, so erzähl' ich Euch im Gehn,

Was Euch verwundern wird, wie sich's begab. –

Komm, Proteus! dies sei deine Strafe nur,

Zu hören die Geschichte deiner Liebe;

Und dann sei unser Hochzeitstag der deine;

Ein Fest, ein Haus und ein gedoppelt Glück!


Alle gehn ab.

Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975.
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