Vierte Szene

[544] Eine andere Gegend des Parks.


Falstaff, mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf, tritt auf.


FALSTAFF. Die Windsorglocke hat zwölf geschlagen: der Augenblick rückt heran. Nun, ihr heißblütigen Götter, steht[544] mir bei: Erinn're dich, Jupiter, wie du für Europa ein Stier wurdest; Liebe setzte dir deine Hörner auf. – O, allmächtige Liebe! die auf gewisse Weise das Vieh zum Menschen macht, und auf andre den Menschen zum Vieh! So wardst auch du, Jupiter, ein Schwan aus Liebe zu Leda. O, allgewaltige Liebe! Wie nah streifte der Gott an die Gestalt einer Gans! – Deine erste Sünde verwandelte dich in ein Vieh: fi Jupiter! und für die zweite gebärdetest du dich als Schwan: – schwante dir nicht, Jupiter, wie nichtsnutzig du warst? – Wenn Götter so hitziges Blut haben, was sollen die armen Menschen anfangen? Ich, meines Teils, bin hier ein Windsorhirsch, und der feisteste im Forste, denk' ich. Schick' mir eine kühle Brunstzeit, Jupiter! [sonst kann mir niemand verdenken, wenn ich meinen Talg verliere.] – Wer kommt hier? Meine Hindin? –


Frau Fluth und Frau Page kommen.


FRAU FLUTH. Sir John? Bist du da, mein Tierchen? mein allerliebster Hirsch? –

FALSTAFF. Meine schlanke Ricke! Nun mag der Himmel Kartoffeln regnen: er mag donnern nach der Melodie vom grünen Ärmel; er mag Gewürznelken hageln und Muskatkuchen schneien; es erhebe sich ein Sturm von Versuchungen: – Hier ist mein Obdach! –

FRAU FLUTH. Frau Page ist hier bei mir, mein Herzchen! –

FALSTAFF. Teilt mich, wie einen Präsenthirsch, jede ein Viertel: meine Seiten will ich für mich behalten, meine Schultern für den Wärter dieses Parks, und meine Horner vermach' ich euern Männern. Bin ich ein Weidmann, he? Sprech' ich wie Herne, der Jäger? Diesmal ist Cupido ein Kind, das Gewissen hat; er bringt Schadloshaltung. So wahr ich ein ehrlicher Geist bin, willkommen! –


Lärm hinter der Szene.


FRAU PAGE. Himmel! welch ein Lärm?

FRAU FLUTH. Gott verzeih' uns unsre Sünden!

FALSTAFF. Was kann das sein?

FRAU FLUTH UND FRAU PAGE. Fort! Fort! –

Die Frauen laufen davon.[545]


FALSTAFF. Ich denke, der Teufel will mich nicht verdammt sehn, damit das Öl, das ich in mir habe, nicht die Hölle in Brand stecke: sonst käm' er mir nicht so in die Quer.


Eine Menge Elfen und Geister erscheinen; unter diesen Sir Hugh und Anne Page. Sie tragen Fackeln und Lichter.


FEENKÖNIGIN.

Feien, schwarz, grün, weiß und grau,

Ihr Schwärmer in des Mondscheins feuchtem Tau,

Verwaiste Pflegekinder ew'ger Mächte,

Tut eure Pflicht, schirmt eure heil'gen Rechte!

Herold Hobgoblin! heiß' die Feien schweigen!

HOBGOBLIN.

Ihr Elfen, horcht! Sei still, du Geisterreigen!

Heimchen! Du schlüpf' in Windsors Essen ein;

Wo noch die Asche glimmt, der Herd nicht rein,

Da kneip' die Magd wie Heidelbeeren blau,

Denn jeden Schmutz haßt unsre lichte Frau.

FALSTAFF.

Feen sind es: spräch' ich, wär's um mich geschehn;

Drum deck' ich mich: ihr Werk darf niemand sehn.


Er legt sich aufs Gesicht nieder.


EVANS.

Geh, Puck, und findst du schlafend eine Magd,

Die dreimal fleißig ihr Gebet gesagt,

Der stimme süß den Sinn der Phantasei:

Sie schlummre wie die Kindheit sorgenfrei.

Doch die entschlief, der Sünden nicht gedenk,

Die kneip' an Arm, Bein, Fuß und Handgelenk!

FEENKÖNIGIN.

Fort, Elfentroß,

Durchsucht von inn' und außen Windsors Schloß;

Streut Glück in alle heil'gen Räum', ihr Feen,

Daß sie bis an den Jüngsten Tag bestehn! –

In würd'ger Zier, gesund und unversehrt,

Der Herrscher ihrer, sie des Herrschers wert.

Die Ordenssessel reibt mit Balsamkraft

Und jeder edeln Blume würz'gem Saft:

Der neuen Ritter Tracht, Helmzier und Kleid

Und ehrenwertes Wappen sei geweiht;

Ihr Wiesenelfen, singt in nächt'ger Stunde,

Und gleich dem Knieband schließt im Kreis die Runde;

Laßt, wo der Ring sich zeichnet, üpp'ges Grün[546]

Und frischern Wuchs als sonst im Feld erblühn,

Und hony soit qui mal y pense malt

Mit Blütenschmelz, blau, weiß und rot durchstrahlt,

(Wie Perl' und Saphir hell in Stickerei'n

Dem Knie der tapfern Ritter Zierde leihn;

Denn nur mit Blumenlettern schreiben Fei'n.)

Nun fort! hinweg! Doch bis es eins geschlagen,

Laßt den gewohnten Tanz uns nicht versagen

Und Herne, des Jägers, Eiche rasch umkreisen!

EVANS.

Schließt Hand in Hand, nach unsern alten Weisen:

Zwanzig Glühwürmer soll'n Laternen sein,

Zu leuchten unterm Baum dem Ringelreih'n.

Doch halt! Ich wittr' ein Kind der Mittelwelt!

FALSTAFF.

O Himmel! Schütz' mich vor dem wäl'schen Kobold,

Daß er mich nicht verhext in ein Stück Käse! –

EVANS.

Wurm, den Geburt schon niedrig hingestellt!

FEENKÖNIGIN.

Mit Prüfungsfeu'r rührt seine Fingerspitze:

Denn ist er keusch, dann weicht der Gluten Hitze

Und läßt ihn unversengt; doch fühlt er Schmerz,

So dient der Sünde sein verderbtes Herz.

EVANS.

Die Probe: – wird das Holz wohl Feuer fangen?

FALSTAFF.

Oh, oh! –

FEENKÖNIGIN.

Verderbt, verderbt durch sündliches Verlangen!

Umringt ihn, Feen! Mit spött'schen Versen plackt ihn,

Und wie ihr ihm vorbeischwebt, kneipt im Takt ihn! –


Lied

Pfui der sünd'gen Phantasei!

Pfui der Lust und Buhlerei!

Lust ist Feu'r im wilden Blut,

Angefacht durch üpp'gen Mut;

Tief im Herzen wohnt die Glut,

Und geschürt wird ihre Wut

Von sündiger Gedankenbrut.

Kneipt ihn, Elfen, nach der Reih',

Kneipt ihn für die Büberei;

Kneipt ihn und brennt ihn und laßt ihn sich drehn,

Bis Kerzen und Sternlicht und Mondschein vergehn.


[547] Während des Gesanges kneipen sie ihn. – Cajus kommt von der einen Seite und schleicht mit einer Fee in Grün davon; Schmächtig von der andern und holt sich eine Fee in Weiß; dann kommt Fenton und geht mit Jungfer Anne Page ab. Jagdgeschrei hinter der Bühne; alle Feen laufen davon. Falstaff nimmt sein Hirschgeweih ab und steht auf. Page und Fluth mit ihren Frauen treten auf.


PAGE indem er ihn festhält.

Nein, lauft nicht fort; wir haben Euch ertappt.

Ist Herne, der Jäger, Eure letzte Kunst?

FRAU PAGE.

Ich bitt' Euch, kommt; treibt doch den Scherz nicht weiter!

Nun, Ritter, wie gefall'n Euch Windsors Frau'n?

Sieh, lieber Mann, paßt nicht der hübsche Kopfschmuck

Viel besser für den Forst als für die Stadt? –

FLUTH. Nun, Sir, wer ist jetzt Hahnrei? Herr Bach, Falstaff ist ein Schurke, ein hahnreiischer Schurke; hier sind seine Hörner, Herr Bach; und Herr Bach, er hat von Fluths Eigentum nichts genossen als seinen Waschkorb, seinen Prügel und zwanzig Pfund in Geld; und die müssen an Herrn Bach bezahlt werden; seine Pferde sind dafür in Beschlag genommen, Herr Bach.

FRAU FLUTH. Sir John, es ist uns recht unglücklich gegangen, wir konnten nie zusammen kommen. Zu meinem Kavalier will ich Euch nicht wieder nehmen, aber mein Tier sollt Ihr immer bleiben.

FALSTAFF. Ich fange an zu merken, daß man einen Esel aus mir gemacht hat.

FLUTH. Ja, und einen Ochsen dazu; von beidem ist der Beweis augenscheinlich.

FALSTAFF. Und das sind also keine Feen? Drei- oder viermal kam mir in den Sinn, es wären keine Feen; und doch stempelte das Bewußtsein meiner Schuld, die plötzliche Betäubung meines Urteils den handgreiflichen Betrug zum ausgemachten Glauben, allem gesunden Menschenverstande zum schnöden Trotz, daß es Feen seien. Da seht, welch ein Hanswurst aus dem Verstande werden kann, wenn er auf verbotnen Wegen schleicht.

EVANS. Sir John Falstaff, tient Kott und entsakt böser Luscht, so werden Feien Euch nicht kneipen.[548]

FLUTH. Wohlgesprochen, Elfe Hugh!

EVANS. Und Ihr lascht ab von Eifersuchten, ich pitte Euch!

FLUTH. Ich will nie wieder an meiner Frau irre werden, bis du imstande bist, in gutem Englisch um sie zu werben.

FALSTAFF. Habe ich denn mein Gehirn in der Sonne gehabt und es getrocknet, daß es nicht vermochte, einer so großen Übertölpelung zu begegnen? Muß mich nun auch eine wallisische Ziege anmeckern? Muß ich eine Kappe von wäl'schem Fries tragen? Nun fehlte mir noch, daß ich an einem Stück gerösteten Käse erstickte; –

EVANS. Käße ischt nicht zum Puttern zu prauchen; Euer Pauch sein pure Putter.

FALSTAFF. Pauch und Putter! Muß ich's erleben, mich hänseln zu lassen von einem, der das Englische radebricht? Das ist genug, um allen Übermut und Nachtschwärmerei im ganzen Königreich in Verfall zu bringen.

FRAU PAGE. Ei, Sir John, glaubtet Ihr denn, und hätten wir auch alle Tugend über Hals über Kopf aus unsern Herzen herausgejagt und uns ohne Skrupel der Hölle verschrieben, – daß der Teufel selbst Euch für uns hätte reizend machen können? –

FLUTH. Solchen Wurstberg? solchen Wollsack?

FRAU PAGE. Solch einen Wulst von Mann?

PAGE. Alt, kalt, und von außen und innen unleidlich?

FLUTH. Und so verleumderisch wie der Satan?

PAGE. Und so arm wie Hiob?

FLUTH. Und so gottlos wie Hiobs Weib?

EVANS. Und hinkekepen ter Fleischesluscht, und tene Kelake, tem Sekt, tem Wein, tem Met, tem Saufe und tem Raufe, tem Kikel und tem Kakel? –

FALSTAFF. Nun ja, ich bin Euer Text, und Ihr seid im Vorsprung, ich bin in der Hinterhand, ich bin nicht imstande, dem walliser Flanell da zu antworten; die Dummheit selbst will mir die Richtschnur anlegen: macht mit mir, was ihr wollt.

FLUTH. Ich dächte, Sir, wir führten Euch nach Windsor zu einem gewissen Herrn Bach, den Ihr um sein Geld geprellt habt, und dem Ihr einen Kupplerdienst verspracht. Nach[549] allem, was Ihr bisher ausgestanden habt, wird die Rückzahlung des Geldes Euch noch der bitterste Schmerz sein.

PAGE. Demungeachtet, Ritter, sei guter Dinge! Du sollst heut abend in meinem Hause einen Nachttrunk bekommen, und da magst du meine Frau auslachen, die jetzt über dich lacht. Sag ihr, Herr Schmächtig habe ihre Tochter geheiratet.

FRAU PAGE beiseit. Die Doktoren bezweifeln's noch; wenn Anne Page meine Tochter ist, so ist sie jetzt schon Doktor Cajus' Frau.


Schmächtig kommt.


SCHMÄCHTIG. He! Holla! Holla! Vater Page! –

PAGE. Sohn, was gibt's? Was gibt's, Sohn? Hast du's schon abgetan?

SCHMÄCHTIG. Abgetan? Alle hübschen Leute in Glostershire sollen's zu hören kriegen, wahrhaftig, oder ich will mich hängen lassen, seht Ihr, –

PAGE. Was ist denn, Sohn?

SCHMÄCHTIG. Ich komme da hinunter nach Eton, um Jungfer Anne Page zu heiraten; und so war's ein großer Lümmel von Jungen. Wenn's nicht in der Kirche gewesen wäre, da hätt' ich ihn durchgewichst, oder er hätte mich durchgewichst. Wo ich nicht gewiß und wahrhaftig glaubte, es sei Anne Page gewesen, so will ich kein Glied mehr regen; und da war's ein Junge vom Postmeister.

PAGE. Nun, wahrhaftig, so habt Ihr Euch vergriffen.

SCHMÄCHTIG. Was braucht Ihr mir das noch lange zu sagen? Freilich vergriff ich mich, als ich einen Jungen für ein Mädchen nahm. Wenn ich ihn geheiratet hätte, mit allem seinen Weiberputz, hätte ich ihn doch nicht haben mögen.

PAGE. Ei, daran ist Eure eigne Torheit schuld. Sagt' ich's Euch denn nicht, wie Ihr meine Tochter an ihren Kleidern kennen solltet? –

SCHMÄCHTIG. Ich ging zu der in Weiß und sagte »Schnipp«, und sie sagte »Schnapp«, wie Annchen und ich ausgemacht hatten; und da war's doch nicht Annchen, sondern ein Postmeistersjunge.

PAGE. Oh, ich bin recht verdrießlich; was ist nun da zu machen?[550]

FRAU PAGE. Liebster Georg, sei nicht böse: Ich wußte von deinen Plänen, tat meine Tochter in Grün an, und jetzt ist sie mit dem Doktor in der Dechanei und schon getraut.


Doktor Cajus kommt.


CAJUS. Wo sein Madame Page? Pardieu, ik sein geführt an; ik 'aben geheirat un garçon heine Jong; un paysan, pardieu, heine Jong; es sein nik Anne Page, pardieu, ik sein geführt an! –

FRAU PAGE. Was? nahmt Ihr nicht die in Grün?

CAJUS. Oui pardieu, und es sein heine Jong; pardieu, ik will revoltier' ganz Windsor. Geht ab.

FLUTH. Das ist seltsam! Wer hat nun die rechte Anne Page bekommen?

PAGE. Mir wird ganz schwül zu Mut: hier kommt Herr Fenton.


Fenton und Anne Page treten auf.


Nun, mein Herr Fenton?

ANNE. Verzeihung, lieber Vater! liebe Mutter!

PAGE. Nun, Jungfer, warum folgst du nicht Herrn Schmächtig?

FRAU PAGE. Sag, Mädchen, warum nahmst du nicht den Doktor?

FENTON.

Ihr macht sie schüchtern; hört den ganzen Hergang:

Ihr wolltet sie aufs schimpflichste vermählen,

Wo kein Verhältnis in der Neigung war.

So wißt denn, sie und ich, schon längst verlobt,

Sind jetzt so eins, daß nichts uns lösen kann.

Die Sünd' ist heilig, die sie heut begangen,

Und ihre List verliert des Truges Namen,

Verletzter Pflicht und kindlicher Empörung,

Weil sie dadurch entflohn und vorgebeugt

Viel tausend bösen und verwünschten Stunden,

Die ein erzwungnes Band ihr auferlegt.

FLUTH.

Seid nicht bestürzt, hier hilft kein Mittel mehr:

Dem Himmel muß man Liebesnot vertrauen,

Gold schafft uns Land, das Schicksal unsre Frauen.

FALSTAFF.

Mich freut, daß Euer Pfeil vorbeistreifte, obgleich

Ihr's recht darauf angelegt hattet, mich zu treffen.[551]

PAGE.

Was ist zu tun? Fenton, nimm meinen Segen;

Was schon geschehn, da hilft nicht nein zu sagen.

FALSTAFF.

Manch Wild springt auf, will man im Finstern jagen.

FRAU PAGE.

Nun wohl, ich will nicht schmollen. Lieber Fenton,

Der Himmel schenk' euch viel, viel frohe Tage!

Komm, bester Mann, laß uns nach Hause gehn

Und am Kamin den Spaß nochmals belachen;

Sir John und alle!

FLUTH.

Wohl gesagt. – Sir John,

Eu'r Wort an Bach macht Ihr nun dennoch gut;

Er geht zu Bett noch heute mit Frau Fluth.


Alle gehn ab.[552]

Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975.
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