Zweite Szene

[73] Garten.


Troilus und Cressida.


TROILUS.

Mein Liebchen, müh' dich nicht; die Luft ist kalt.

CRESSIDA.

Dann, Liebster, ruf ich mir den Ohm herab,

Er soll das Tor aufschließen.

TROILUS.

Stör' ihn nicht!

Zu Bett, zu Bett! Schlaft süß, ihr holden Augen,

Und linde Ruh' umschmiege deine Sinnen

Wie Kindern, aller Sorgen frei!

CRESSIDA.

Guten Morgen denn![73]

TROILUS.

Ich bitt' dich, nun zu Bett! –

CRESSIDA.

So seid Ihr mein schon müde?

TROILUS.

O Cressida! Nur daß der rege Tag,

Geweckt vom Lerchenton, aufscheucht die Krähe,

Und Nacht nicht länger unsre Freuden birgt,

Sonst schied' ich nicht.

CRESSIDA.

Die Nacht war allzu kurz!

TROILUS.

Giftmischern weilt die widerwärt'ge Hexe,

Wie Hölle scheußlich; doch der Liebe Kosen

Flieht sie, mit Schwingen schneller als Gedanken. –


Erkälten wirst du dich und auf mich zürnen.

CRESSIDA.

O blieb' noch! Männer wollen niemals warten.

Ich Törin! Hätt' ich nein zu dir gesagt,

Dann würd'st du wohl noch warten. Horch! Wer kommt?

PANDARUS draußen.

Was? Alle Türen offen?

TROILUS.

's ist dein Oheim.


Pandarus kommt.


CRESSIDA.

Der Unerträgliche! Nun wird er spotten,

Das wird ein Leiden sein –

PANDARUS. Nun, wie geht's? wie geht's? Wie steht's um die Jungfernschaft? Hört, Ihr, Jungfer: wo ist meine Nichte Cressida? –

CRESSIDA.

Fort, fort mit Euch, Ihr böser, spött'scher Ohm!

Erst treibt Ihr mich dazu, dann höhnt Ihr mich!

PANDARUS. Wozu? Wozu? Nun sage doch einmal, wozu? Wozu habe ich dich gebracht?

CRESSIDA.

Pfui, schlimmer Ohm! Ihr selbst tut nimmer gut,

Noch leidet Ihr's von andern.

PANDARUS. Ha, ha, ha! Ach du armes Ding! Das liebe Närrchen! Hast du diese Nacht nicht geschlafen? Wollte er dich nicht schlafen lassen, der garstige Mann? Hol' ihn der Popanz! –


Es wird an die Tür geklopft.


CRESSIDA.

Sagt' ich's nicht? – Klopft doch lieber seinen Kopf!

Wer pocht so? Geht doch, lieber Oheim, seht!

Ihr, Liebster, kommt zurück in meine Kammer –


Ihr lächelt spöttisch, als meint' ich was Arges.[74]

TROILUS.

Ha, ha!

CRESSIDA.

Ihr irrt Euch; nein, an so was denk' ich nicht.


Man klopft wieder.


Wie stark man klopft! Ich bitt' Euch, geht hinein;

Halb Troja nähm' ich nicht, wenn man Euch fände.


Sie gehn.


PANDARUS. Wer ist denn da? Was gibt's? Wollt Ihr die Tür einschlagen? Was ist? Was gibt's? –


Äneas tritt auf.


ÄNEAS. Guten Morgen, Herr, guten Morgen!

PANDARUS. Wer ist's? Fürst Äneas? Auf meine Ehre, ich kannte Euch nicht; was bringt Ihr so früh Neues?

ÄNEAS. Ist nicht Prinz Troilus hier? –

PANDARUS. Hier? Was sollte er wohl hier machen?

ÄNEAS.

Ei, er ist hier; verleugnet ihn nur nicht!

Es liegt ihm viel daran, mit mir zu reden.

PANDARUS. Er ist hier, sagt Ihr? Das ist mehr, als ich weiß, das schwöre ich Euch. Was mich betrifft, so kam ich spät heim. Was sollte er hier zu tun haben?

ÄNEAS.

Wer? Nun, wahrhaftig, –


Geht, geht! Ihr tut ihm Schaden, eh' Ihr's denkt;

Ihr wollt ihm treu sein und verratet ihn –


Wißt immer nichts von ihm, nur holt ihn her!

Geht! –


Während Pandarus abgeht, kommt Troilus.


TROILUS.

Nun, was gibt es hier?

ÄNEAS.

Kaum bleibt mir Zeit, Euch zu begrüßen, Prinz,

So drängt mich mein Geschäft. Ganz nah schon sind

Eu'r Bruder Paris und Deiphobus,

Der Grieche Diomed und, neubefreit,

Unser Antenor; und für diesen soll'n wir

Noch diese Stunde, vor dem Morgenopfer,

In Diomedes' Hand als Preis erstatten

Das Fräulein Cressida.

TROILUS.

Ist das beschlossen?[75]

ÄNEAS.

Von Priamus und Trojas ganzem Rat;

Sie nahn und sind bereit, es zu vollziehn.

TROILUS.

Wie spottet mein nun der errungne Preis! –


Ich geh', sie zu empfahn, und Ihr, Äneas,

Traft mich durch Zufall, fandet mich nicht hier.

ÄNEAS.

Recht wohl, mein Prinz! Naturgeheimnisse

Sind nicht mit größrer Schweigsamkeit begabt. –


Troilus und Äneas gehn ab.


PANDARUS. Ist's möglich? Wie gewonnen, so zerronnen? Hole der Teufel diesen Antenor! Der junge Prinz wird den Verstand verlieren. Zum Henker mit diesem Antenor! Ich wollte, sie hätten ihm den Hals gebrochen! –


Cressida kommt.


CRESSIDA. Wie nun? Was gibt es hier? Wer kam vorhin?

PANDARUS. Ach, ach! –

CRESSIDA. Was seufzt Ihr so? Wo ist mein Liebster? Fort?

Sagt, lieber Ohm, was ist geschehn?

PANDARUS. Ich wollte, ich wäre so tief unter der Erde, als ich drüber bin! –

CRESSIDA. O Götter! Nun, was ist geschehn? –

PANDARUS. Ach, geh nur hinein. Wärst du doch nie geboren! Ich wußte es wohl, du würdest sein Tod sein. Oh, der arme, junge Mann! Verdammter Antenor!

CRESSIDA.

Mein bester Ohm, auf meinen Knie'n beschwör' ich,

Ich fleh' Euch, sagt, was ist geschehn? –

PANDARUS. Du mußt fort, Kind, du sollst fort; du bist für den Antenor ausgewechselt; zu deinem Vater sollst du, und den Troilus verlassen. Das wird sein Tod sein, das überlebt er nicht, das bringt ihn um! –

CRESSIDA. O ihr Unsterblichen! Ich gehe nicht! –

PANDARUS. Du mußt!

CRESSIDA.

Ich will nicht, Ohm. Was frag' ich nach dem Vater!

Was ist Verwandtschaft mir? Nein, keine Seele,

Nicht Freundschaft, Lieb' und Blut sind mir so nah

Als du, herzliebster Troilus. O Götter,

Laßt Cressida der Falschheit Gipfel heißen,[76]

Wenn sie dich je verläßt! Zeit, Not und Tod,

Tut diesem Leben euer Äußerstes;

Doch meiner Liebe starker Bau und Grund

Ist wie der Erde ew'ger Mittelpunkt,

Der alles an sich zieht. Ich will hinein

Und weinen.

PANDARUS.

Ja, mein Kind.

CRESSIDA.

Zerraufen will ich

Mein glänzend Haar; die schönen Wangen furchen,

Die Stimme heiser schluchzen, und mein Herz

Zersprengen mit dem Namen Troilus: –


Ich will nicht fort von Troja! –


Sie gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 73-77.
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