[747] Alexandrien. Ein Zimmer im Palast.
Antonius tritt auf, von einigen Dienern begleitet.
ANTONIUS.
Horch! Mir verbeut der Boden, ihn zu treten,
Er schämt sich, mich zu tragen! Freunde, kommt:
Bin ich doch so verspätet in der Welt,
Daß ich den Weg verlor auf ewig. Nehmt
Mein Schiff mit Gold beladen; teilt es, flieht,
Und macht mit Cäsar Frieden!
ALLE.
Fliehn? Nicht wir! –
ANTONIUS.
Ich selber floh, und lehrte Memmen fliehn
Und ihren Rücken zeigen. Freunde, geht:
Zu neuer Laufbahn hab' ich mich entschlossen,
Die euer nicht bedarf: drum geht,
Mein Schatz liegt dort im Hafen, nehmt ihn! – Oh,
Dem folgt' ich, was mich rot macht es zu schaun;
Ja selbst mein Haar empört sich; denn das weiße
Tadelt des braunen Raschheit, dies an jenem
Feigheit und Wahnwitz! – Freunde, geht! Ich will
Euch Brief' an solche geben, die den Weg
Euch ebnen sollen. Bitt' euch, seid nicht traurig,[747]
Erwidert nicht mit Trübsinn, nehmt die Weisung,
Die mir Verzweiflung rät: verlassen sei,
Was selber sich verläßt! Geht stracks zur See,
Ich schenk' euch jenes Schiff und alles Gold. –
Laßt mich, ich bitt', ein wenig: ich bitt' euch jetzt,
O tut's! denn mein Befehl ist nun zu Ende,
Drum bitt' ich euch. – Ich folg' euch augenblicks.
Er setzt sich nieder.
Cleopatra, geführt von Charmion und Iras, und Eros treten auf.
EROS. O güt'ge Frau, zu ihm! O tröstet ihn! –
IRAS. Tut es, geliebte Fürstin!
CHARMION. Ja, tut es: was auch sonst?
CLEOPATRA. Laß mich niedersitzen! O Juno!
ANTONIUS. Nein, nein, nein, nein! –
EROS. Seht Ihr hier, o Herr?
ANTONIUS. O pfui, pfui, pfui! –
CHARMION. Gnädige Frau! –
IRAS. O Fürstin, güt'ge Kaiserin! –
EROS. Herr, Herr! –
ANTONIUS.
Ja, Herr, o ja! – Er, zu Philippi, führte
Sein Schwertrecht wie ein Tänzer, während ich
Den hagern, finstern Cassius schlug! Ich fällte
Den tollen Brutus; er ließ andre handeln
An seiner Statt und hatte nicht Erfahrung
Im wackern Kampf des Felds. Doch jetzt, – es tut nichts! –
CLEOPATRA.
Oh, steht zurück! –
EROS.
Die Königin, Herr, die Königin!
IRAS.
Geht zu ihm, Fürstin, sprecht zu ihm! –
Er ist sich selbst entfremdet vor Beschämung! –
CLEOPATRA.
Nun wohl denn, – führt mich: – Oh!
EROS.
Erhabner Herr, steht auf: die Königin naht,
Ihr Haupt gesenkt: der Tod ergreift sie, – nur
Durch Euren Trost kann sie genesen.
ANTONIUS.
Verletzt hab' ich die Ehre: –
So schändlich zu entfliehn!
EROS.
Die Fürstin, Herr ...
ANTONIUS.
Oh, wohin bracht'st du mich, Ägypten? Sieh,[748]
Wie ich die Schmach entziehe deinem Auge
Und seh' zurück auf das, was ich verließ,
Zerstört in Schande! –
CLEOPATRA.
O mein teurer Herr,
Vergib den scheuen Segeln! Nimmer glaubt' ich,
Du würdest folgen.
ANTONIUS.
Wußt'st du nicht, Ägypten,
Mein Herz sei an dein Steuer fest gebunden,
Und daß du nach mich rissest? Ha, du kanntest
Die Oberherrschaft über meinen Geist,
Und daß dein Wink vom göttlichen Gebot
Zurück mich herrschte!
CLEOPATRA.
Oh, verzeih'!
ANTONIUS.
Nun muß ich
Dem jungen Mann demüt'gen Vorschlag senden,
Mich windend krümmen niedrigem Vertrag,
Ich, dessen Laune mit des Weltballs Wucht gespielt,
Schicksale schaffend und vernichtend. Ja, du wußtest,
Wie du so ganz mein Sieger warst, und daß
Mein Schwert, entherzt durch meine Lieb', ihr blind
Gehorchen würde.
CLEOPATRA.
O vergib, vergib!
ANTONIUS.
Laß keine Träne fallen! Eine zahlt
Gewinn so wie Verlust; gib einen Kuß,
Schon dies vergilt mir alles. – Unsern Lehrer sandt' ich;
Kam er zurück? Ich fühl' mich schwer wie Blei;
Bringt etwas Wein und Speise! – Glück, du weißt,
Triffst du uns hart, so trotzen wir zumeist.
Alle ab.
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Antonius und Cleopatra
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