|
[38] Im leichten Flügelkleide
Hüpft' ich auf frischer Flur,
Da liebt' ich Scherz und Freude,
Wie Kinder der Natur.
Die kleinen Wünsche waren
So leicht, so bald gestillt,
Sie stiegen mit den Jahren,
Und blieben unerfüllt.
Mir war der Bach im Thale,
Der über Kiesel fliesst,
Die Quelle, die vom Strale
Des Mondes wird gegrüsst;
Der Hain im Blüthentanze,
Vom Abendroth verklärt,
Die Flur im Blumenkranze
Mehr, als die Welt gewährt;
Wo ich die jüngste Rose
Zur Zier des Busens brach,
Und auf dem zarten Moose
In kühlen Schatten lag;
[39]
Wo ich im Halmenhütchen
Mit leichten Schritten sprang,
Und mir dabei ein Liedchen
Nach meiner Weise sang;
Mir unter Apfelbäumen
Oft goldne Früchte las,
Und unter meinen Träumen
Die ganze Welt vergass;
Wo mich im weissen Kleide,
Geschmückt mit Rosaflor,
Die Unschuld und die Freude
Zur Lieblingin erkohr;
Der Aeltern zarte Sorgen
Erhöhten jede Lust,
Bald stieg des Lebens Morgen,
Und höher schlug die Brust!
Das frohe Mädchen hoben
Der Träume Phantasie'n,
Aus Rosenlicht gewoben,
Ins Reich der Sympathie'n;
Mich lockten ihre Töne,
Ihr zaubervoller Blick,
Das Gute und das Schöne
Umfasste dieses Glück!
[40]
O jenes süsse Leben,
Das so beflügelt eilt,
Schlingt Kränze, die verschweben,
Wo Gram und Kummer weilt. –
Bald schwanden jene Tage,
Voll hoher Seligkeit,
Am kalten Sarkophage
Ward ich dem Schmerz geweiht! –
Buchempfehlung
Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
106 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.
442 Seiten, 16.80 Euro