An die Ruhe

[55] Himmels Tochter! aus dem Paradiese

Zu uns Sterblichen herabgesandt,

Die ich bald verklärt in Eden grüße,

Holde! führe mich an deiner Hand!

O wie fühl' ich oft an deinem Busen

Stille Freuden, Himmels-Vorgefühl;

Deinem Säuseln nahen sich die Musen,

Tönet leicht der goldnen Harfe Spiel.


Wo du weilest, wohnet stiller Friede,

Fühlt man mehr der Menschheit hohen Werth;

Wird man bald der flücht'gen Freuden müde,

Die der Weise, ach! so gern entbehrt.

Lieber wohnest du in stillen Gründen,

Als im goldnen kerzerhellten Saal,

Wall'st im Schatten hoher Kirchhofs Linden,

Schwebst in Luna's blassem Silberstral;
[56]

Wohntest einst an jener Silberquelle,

Wo Petrarka sich unsterblich sang,

Maltest Laura's Bild in jede Welle,

Die ins stille Thal vom Felsen drang.

Meiner müden Seele gabst du Frieden,

Wenn ich sehnend flehte um den Tod,

Sprachst: Dir ist ein Ruhetag beschieden,

Dorten winket ew'ges Morgenroth!


Ach! wenn alles Glück, wenn alle Freuden

Von mir wichen, wenn ich trostlos stand;

Wenn mich Schmerz zerriß, wenn neues Leiden

Jeden Morgen mich in Thränen fand,

Seelenruhe! die mich dann erheitert,

Wenn das Schicksal mich mit Geiseln schlug,

Daß mein ganzes Herz, von dir erweitert,

Stiller seine harten Schläge trug;


Innigst lieb' ich dich, sei meine Schwester,

Meiner höchsten Wünsche Ziel bist du;

Schließe dich an meinen Busen fester,

Leichter wall' ich dann dem Tage zu,[57]

Wo mein Geist, befreit von Erden Mängeln,

Meinem Schutzgeist in die Arme sinkt,

Wenn er in die Reihen sel'ger Engeln

Mir zu meinen längst Geschiednen winkt;


In Gefilde, wo voll reiner Triebe

Sich Geliebter an Geliebte schließt,

Wo im ew'gen Jubellied der Liebe

Nur der reinsten Wonne Thräne fließt,

Walle bald in deiner höchsten Klarheit,

Du, mein Genius! zu mir heran,

Führe mich zur Quelle, wo die Wahrheit

Strömt, nach ewiger Gesetze Bahn;


Daß ich trinke aus der lautern Quelle,

Der mein Geist voll Wissensdurst sich nah't,

Daß ich schwebe zu des Thrones Schwelle,

Daß ich walle auf des Lichtstroms Pfad,

Daß ich an dem Feuerquell der Sonne,

In der Glorie des Himmels glüh',

Daß ich, im Gefühl der höchsten Wonne,

Sonnen und Planeten überflieh'!

Quelle:
Elise Sommer: Poetische Versuche, Marburg 1806, S. 55-58.
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