[Ade, fahr deine strassen]

Ade, fahr deine strassen,

Du schnöd vnd böse welt:

Ade, will dich verlassen.

Weg, weg mit gut, vnd gelt!

Dein zeitlich lust, vnd frewden,

Pracht, ehr, vnd herrlichkeit

Will fürhin gäntzlich meiden;

Achts nur für eitelkeit.


Vor trawrigkeit deß hertzen

Seufftzt ich auß tieffen grund;

Vor immerlichem schmertzen

Ruff ich all tag, vnd stund:

Die zähr mir allweg rinnen,

Wie sanffte regenguß;

Vnd augen immer schwimmen,

Wie stäte wässer-fluß.


Als offt ich dein gedencke,

Mein Gott, vnd höchstes gut,

Zu dir mich gütlich lencke,

Das blut mir wallen thut.[190]

Begird sich thut erheben,

Vnd wird mir lang die zeit;

In ruh kan ich nit leben,

Biß ich von hinnen scheid.


Ach wan, wan soll es werden,

Daß ich mich scheiden thu?

Ist ja doch nichts auff erden,

Da drinn man friedlich ruh.

O wan, wan wird erscheinen

Der villgewunschte tag,

Wan ich von stetem weinen

Einmal auffhören mag?


Trost wolt ich mir bald finden,

Wan ich ein Täublein wer;

Hinauff wolt ich mich schwingen,

Wol in daß himmlisch heer.

Da wolt ich mich versencken

Wol in das höchste gut:

O Gott, wer wird mirs schencken,

Was mich verlangen thut?


Nun will doch ich verbleiben

Bestendig allezeit,

In lust, vnd auch in leiden;

In frewd, vnd trawrigkeit:

Nie soll die lieb erkalten,

Nie soll sie nemen ab;

Zu Gott will ich mich halten,

So gar biß in das grab.


Vnd wan dan schon thut sausen

Der wind auff disem meer;

Wan schon die wellen brausen

Rund vmb mein schifflein her;

Will ich doch nie verzagen,

Gott wird mein hülffer sein;

Den ancker will ich schlagen

Zu seinem hertzen ein. Amen.


Quelle:
Friedrich Spee: Sämtliche Schriften, Band 2, München 1968, S. 182-183,190-191.
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