[Einmahl hast mich gezogen]

Einmahl hast mich gezogen,

O welt, in deine strick,

Einmahl hast mich betrogen

In schnellem augenblick.


Bist warlich gar verlogen,

Gibst gar zu schlechten lust:

O wee, daß ich gesogen

Jemahl an deiner brust!


Die frewd ist bald entflogen,

Bald, bald fährt alles wegk;

Wer sich zur welt gebogen,

Wird schnell zum alber geck.


Ey was hat mich betrogen,

O Fraw von Babylon?

Daß ie nach dir thet frogen,

Weil nur trag leid darvon?


Dein kelch ist zwar gezogen

Von lauter golt so rein,

Stehn drin schön außgebogen

Vill perl, vnd edel stein:


Doch wers mit dir darff wogen,

Vnd drinckt ein süssen sauß,

Find lauter höllisch plogen,

Die man thut sauffen drauß.
[143]

Drumb bin von dir gezogen,

Ade zu guter nacht:

Bin schon zu vil betrogen,

Ach hett ichs baß bedacht!


Wan mir nicht so gewogen

Mein Herr Gott wär gewest,

Wär schon in kertz geflogen,

An schwerer sünden pest.


In Gottes hand schon logen

Des todes pfeil bereit;

Ietz, ietz sprang ab der bogen.

O, O, O Ewigkeit!


Da ward ich schnell entzogen,

Schnell, schnell, zur ander seit;

Daß mich nit traff der bogen,

Noch pfeil mir thäten leid.


O Gott, will dich nun loben,

Loben dein gütigkeit;

Ja loben, vnd noch loben,

Loben in ewigkeit.


Quelle:
Friedrich Spee: Sämtliche Schriften, Band 2, München 1968, S. 138-139,143-144.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Spitteler, Carl

Conrad der Leutnant

Conrad der Leutnant

Seine naturalistische Darstellung eines Vater-Sohn Konfliktes leitet Spitteler 1898 mit einem Programm zum »Inneren Monolog« ein. Zwei Jahre später erscheint Schnitzlers »Leutnant Gustl" der als Schlüsseltext und Einführung des inneren Monologes in die deutsche Literatur gilt.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon