Christmeß gedicht, darin ein Engel die geburt Christi, den Hirten verkündigt

[198] 1.

Vom kindlein frisch geboren/

Vom klein-vermenschten Gott/

Im kripplein halb erfroren/

Erschall der hi ilisch bott.

Der hi ilisch bott von oben

Durch lufft/ vnd wolcken drang/

Vnd frewdig vnverschoben

Also zun hirten sang.


2.

Auff/ auff nun/ anzubetten

Das gülden schönes Kind:

Auff/ auff/ zur hirten-Metten/

Du frommes feld-gesind.

Jhr fromme schäffer-schaaren/

Zusampt der weissen zucht/

Euch/ euch soll widerfahren

Das Heyl vorlängst gesucht.
[198]

3.

Auff/ eilend auff/ zur Krippen/

Zum kleinen Schäfferlein/

Küßt jhm die purpur-Lippen/

Das purpurs-Mündelein.

Küst jhm die Rosen-wangen/

Die Winter-Blümelein/

So trutz dem Frühling prangen/

Obs wol erfroren sein.


4.

Das kleinlein halb erfroren/

Doch auch nit minder brinnt/

In kaltem Frost geboren/

Es Fewr im Busen findt/

Lind hebets nur in armen/

Vnd pressets mit verstandt/

Es bald euch wird erwarmen

Mit süssem hertzen-brandt.


5.

Es liebet Schaff/ vnd Hirten

Das hirtisch Kindelein:

Es leitet her von Hirten

Den Stand/ vnd Stammen sein.

Ein Lä ilein auch ohn flecken

Es führt in seinem schildt/

Zusampt eim Hirten-stecken/

Gar zierlich abgebildt.
[199]

6.

Ach tragets nur zun Herden/

Zun süssen Lämmerlein/

In warheit es auff Erden

Wird nirgend lieber sein/

Mans freylich wird erfahren

Es künfftig werden wirdt/

Wans kombt zu seinen jahren

Ein gut- vnd bester Hirt.


7.

O wol dem schönen Hirten/

Dem künfftig-Hirten gut!

Ach/ ach mich in begierden

Der zeit verlangen thut.

Als dan er wird erwecken/

Vnd treiben auff zu feldt/

Mit bestem Hirten stecken

Die völcker aller welt.


8.

Er wird auff besten weiden

Sie schlagen in die pferch/

Vnd ja mit nichten leiden/

Man jhm die zahl verherg.

Er/ er wird seinen stecken

Den Sonnen-stralen gleich

Gantz vberall erstrecken/

In alle Land/ vnd Reich.
[200]

9.

Wer dan wolt seine schaaren

In zieffer schliessen ein/

Nit wenig der erfahren

Muß in der kreiden sein.

Der muß die Sternen zehlen/

Das gelb-gewaffnet Heer:

Der kreiden auch befehlen

Den sand am wilden Meer.


10.

Alsdan mit schönem frieden

Die schöne welt gecrönt/

Wird sehn vnvnderschieden

Die Thier/ vnd Thier versöhnt.

Mit wilden Löw- vnd Bären/

Gleich werden in gemein/

Auß einer krippen zehren

Die zartest Lä ierlein.


11.

Auff einem grund vnd wasen

Zur schönen sommerblüh/

Mit Wölffen werden grasen

Die Rinder/ Schaff/ vnd Küh;

Ja selbe dütten lären

Auch werden vngezehlt/

Vnd selbe Wiesen scheren

Die Thier auß aller welt.
[201]

12.

Als dan an Tann/ vnd Linden/

An Buch- vnd Eschen-laub

Wird häuffig sich lan finden

Wol manch/ vnd mancher Traub.

Auch wird von Eichen-bäumen

Sichs honig pressen lan/

Vnd/ wie sichs kaum ließ träumen/

Das Oel von Felsen gahn.


13.

Erd/ Himmel wird sich wenden

In wesen aller new/

Vnd jhre schätz verschwenden

Gar häuffig/ vnd ohn schew.

Ohn vndergang wird schweben

Die Sonn in klarem brandt/

Der Winter sich begeben

Zun wüsten vnbekandt.


14.

Der Frühling wird sich schmucken/

Vnd werden mit gewalt

Zur Erden außer gucken

Die Blümlein tausendfalt.

Auch werdens gahn heru ier/

Spatziren immerdar/

In ewig grünem Summer/

Die wanckend Wässer klar.
[202]

15.

Ja gar von Honig-waben/

Von süsser Milch/ zu hand

Die Bächlein werden traben/

Durchs new gelobte Land.

Von Wolcken ab wird fliessen

Der lieblichst Götter-tranck/

Die Schäfflein werdens niessen/

Vnd sämptlich sagen danck.


16.

Auff/ auff dan/ an zu betten

Daß gülden schönes Kindt:

Auff/ auff zur Hirten Metten/

Du frommes feld-gesindt.

Jhr fromme Schäffer-schaaren/

Zusampt der weissen zucht/

Euch/ euch soll widerfahren

Daß heyl vorlängst gesucht.

Quelle:
Friedrich Spee: Trutznachtigall, Halle a.d.S. 1936, S. 198-203.
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