Siebender Absatz

[366] Polyphilus komt / mit Agapisten nach Ruthiben / und werden sie von dem Schäfer Schireno bewirtet. Ihr Gespräche mit ihm von der Freyheit und Dienstbarkeit / von Obern und Untern. Schreiben des Polyphilus an Macarien. Schirenen machet sie /durch des Cumenus Schreiben / dem Vorsteher Vinellio / wol-empfohlen.


Polyphilus befahle dem Jungen / voraus zu gehen /und erzehlte dem Agapistus alles / was er von Macarie gehöret; welcher hierob sich nicht wenig erfreuet und verwundert / und ihn fragte: ob er dann Macarie nicht eröfnet hätte / daß er ihre Eltern gefunden? Dieses / (sagte Polyphilus) will ich sparen / biß zu unsrer Hochzeit / alsdann soll diese Freude viel grösser werden. Agapistus lobte diesen Vorsatz / und gelangten sie / unter[366] dergleichen Gespräche / in die Gegend Ruthiben. Es muß zimlich spat seyn / (fieng Agapistus an) weil man allbereit die Heerden eintreibet. Talypsidamus hat uns etwas zu lang aufgehalten. Wir wissen hier keine Gelegenheit / und wird wohl das beste seyn / wann wir gar in die Stadt gehen / und in einem Gasthofe herbergen.

Als sie noch hievon redten / kam ein Schäfer von der nechsten Heerde / und sagte: Ich sehe / geehrte Freunde! daß sie fremde sind / und bitte / mir zu vergeben / daß ich frage: wornach sie verlangen tragen /und ob sie mir nicht die Ehre gönnen wollen / in meiner schlechten Hütte diese Nacht zu herbergen? Polyphilus wunderte sich dieser Freundlichkeit / und sprach: seine Höflichkeit / leutseeliger Schäfer! ist /wie ich sehe / viel grösser / als unsre Hoffnung / und kommet unsrer Bitte zuvor. Wir sind freylich fremde /und haben uns eben ietzo beratschlaget / wo wir unsre Einkehr nehmen wollen. Weil er sich nun so freywillig hierzu erbietet / wird er uns hoffentlich zu gut halten / daß wir ihn damit / gegen dankbare Bezahlung /beschweren dürffen. Meine Bewirtung (versezte der Schäfer /) fordert keine andere Bezahlung / als eine geneigte Vermerkung. Damit führte er sie beyde mit sich nach Hause / und erzeigte ihnen so viel Ehre und Gutthaten / daß Polyphilus solche Willfärigkeit nicht genug rühmen kunde / und den Schäfer bate: er wolte ihm doch seinen Namen entdecken / dumit er wüste /wessen dank-schuldner er vor diese Ehre sterbe. Mein Name ist Schirenus / (antwortete der Schäfer) wann er solchen seiner Gedächtnüs würdigen will. Meine schlechte Bewirtung aber /[367] hat vielmehr der Benügsamkeit / als Danksagung vonnöten. Dafern aber ja ihre Höflichkeit Zahlung thun will / wird es diese seyn / wann sie mich verständigen / wie sie sich beyde nennen / und wohin ihre Reise gerichtet?

Wann sich Wercke mit Worten werden bezahlen lassen / (sagte Agapistus /) so wisset / gutthätiger Schireno! das Polyphilus und Agapistus die Namen sind / mit welchen sich seine kühne Gäste bekant machen. Unsere Verrichtung betreffend / sind wir fremde Schäfere / welche eine Weide zu suchen / ausgereist. Und weil wir / in der Gegend Brundois / eine so wol gelegene Trift gefunden / daß wir uns entschlossen /allda zu bleiben / daneben aber verstanden / das selbige Schäfere / von hier aus ihren Schutz haben / als sind wir / solchen zu erlangen / hieher gekommen; haben auch / von dem Schäfer Cumenus / ein Schreiben an den edlen Vinellius mit gebracht / und ist also nichts übrig / als daß wir Gelegenheit erlangen / uns bey ihm anzugeben. Worinn wir dann um einen guten Raht / bey ihm / geneigter Schäfer / ansuchen. Sie dürffen nicht bitten / (gab Schireno zur Antwort /) sondern schaffen / weil ich willig bin zu dienen / auch mit unserm Vorsteher Vinellio in so gutem vernehmen bin / daß ich ihnen ehest die Ansprache erwerben will.

Mich wundert aber / (fuhre er fort) daß sie so willig sind / ihre Freyheit mit der Dienstbarkeit zu verwechseln. Unsere Freyheit / (versezte Polyphilus) bestehet in den Gemüte / und in der Art zu leben / welche durch eine vernünftige und gerechte Obrigkeit nicht gehemmet wird. Damit aber auch[368] andere solche nicht zerstören / suchen wir / durch diese Unterwerffung /Schutz und Hülffe: dann sonst würden wir eine neue Weise zu leben erwehlen / weil ja die gantze Welt in hohen und niedern / Untern und Obern bestehet. Es ist freylich also / (begegnete ihm Schireno) daß unter den Menschen die Geringere den Grössern dienen: ich weiß aber nicht / ob es der Natur gemäß sey / daß die freye und vernünftige Menschen andern ihres gleichen dienen? Woltet ihr auch daran zweiffeln? fragte Polyphilus. Dieses Recht der Obern und Untern / ist so gar nicht wider die Natur / daß es vielmehr in derselben gegründet ist. Hebet eure Augen auf / Schireno! und betrachtet die Ordnung des Himmels. Wird nicht der Mond / von der Sonne / und ein Stern von dem andern übertroffen? Schauet an die Gewächse der Erden / wie die hohe Ceder über die niedre Buchs-Bäume / und die prächtige Lilie über die verächtliche Schabab herschet. Nicht nur die leblose / sondern auch die lebendige Creaturen / bestätigen diese Ordnung. Dann /was ist der hoch-fliegende Adler / der unerschrockene Löw / und der grausame Wallfisch? sind sie nicht Könige / welche in der Luft / in dem Meer / und auf der Erden herschen? Ja der edle Mensch selber / welcher von den Gelehrten eine kleine Welt genennet wird /was ist er anders / als ein Reich / darinn die Seele /der König / in dem Hertzen / als seiner Residenz /herschet. Der Verstand ist wie der Regiments-Raht /der Wille Kriegs-Raht / das Gedächtnüs Geheimschreiber / die äuserliche Sinnen Amtleute / und die Glieder Unterthanen.

Das ist wol etwas (redte Schireno darzwischen)[369] aber alles was ihr anführet / rühret her von dem Unterschied der Geschöpfe / welcher bey uns nicht zu finden. Dann das die Sonne den Mond und die Sterne verdunkelt / kommet her von dem herrlichen Glantz /damit sie vor andern gezieret ist. Also weichet der Buchs-Baum den Cedern / wegen der Grösse / und die Schabab (damit ich bey seinen Gleichnüßen bleibe) der Lilie / wegen der Zierde. Das der Adler in der Luft / der Löw in den Wäldern / und der Wallfisch in dem Meer / Könige sind / haben sie ihrem Schöpfer zu danken / der sie mit mehrerer Grösse und Stärke /als andere ihrer Art Thiere / versehen. Die Sinne aber / und Gledmassen des Menschen / dienen ja billig ihrem König / der Seele / weil sie von derselben ihr Leben und ganzes seyn erlangen. Wie kommet aber dieses bey die Menschen / die von einerley Ursprung / in einerley Form / und zu einerley Ende erschaffen sind? Warum sollen diese nicht einerley Freyheit geniessen / sondern einer dem andern zu Gebot stehen?

Eben wolte Polyphilus antworten / als ihm Agapistus zuvor kam / und sagte: Ob gleich die Menschen nach den äuserlichen Sinnen und Gliedern einander gleich / so sind sie doch nach den Gaben des Gemütes und des Leibes mehrmals unterschieden: also / das einer grössere Weißheit / höhere Geschicklichkeit /mehrere Stärke und Hertzhaftigkeit / als der andere /sehen lässet / und damit bezeuget / daß er durch die Angeburt über die andere gesezt sey: weil es ja natürlich / daß das Untere dem Höhern diene / das Schwache das Stärkere fürchte / und ein Unverständiger des Verständigen Knecht sey.[370]

Hierinn stimmet er (sagte Schireno) mit dem scharffsinnigen Aristoteles überein / der das Recht der Menschen-Jagt mit solchen Gründen behaupten will /und vermeinet / es könne ein Verständiger und geschickter Monarch / mit guten Fug / ihm andere wilde und barbarische Bölcker unterwürffig machen: womit er vielleicht seinem Lehrling / den grossen Alexander / schmeichelt / der ein solcher Jäger war / und durch Eroberung vieler Königreiche einen unsterblichen Namen zu erjagen gesuchet. Ich sehe ja nicht /wie derjenige sich des Namens eines Tyrannen entbrechen könne / der ohne Fug und Ursach / andere mit Gewalt um ihre Freyheit bringet. Meines Erachtens gleichen sie sich den wilden Thieren / welche / bloß aus natürlicher Stärcke / über die andere herschen /und kein anderes Recht vorzulegen haben. Wird / die Uberwältigung einer Privat-Person / als eine Ungerechtigkeit gestraffet: wie vielmehr die Tyrannisirung eines gantzen Landes! dann / je weiter sich ein Laster ausbreitet / je schädlicher es ist. Nimrod / der erste Monarch / war ein Tyrann / der die Leute mit Gewalt in sein Netz gejaget: wie er dann deßwegen ein gewaltiger Jäger genennet wird. Auch das Israelitische Königreich / ward ohne GOttes Befehl / ja wider seinen Willen / eingeführet: also daß sich Saul / der erste König / wol hätte mögen / von Gottes Verhängnüs /schreiben / wie heut zu Tag etliche Aebte zu thun pflegen.

Polyphilus lachte hierüber / und gab zur antwort: wenn dieser Satz das die Natur selber / den einen gleichsam zu Gehorsam / den andern zur Herrschaft formiret / in seinem rechten Verstande[371] genommen wird / so ist er der Vernunft und Billigligkeit gemäß: dann es ist nicht zu laugnen / das Könige und Knechte / das ist / edle und schlechte Gemüter geboren werden. Aber dieses natürliche Recht der Herrschaft und Dienstbarkeit / hat seine gewisse Schranken / die man nicht überschreiten darff; und ist es nicht mehr / als eine natürliche Anleitung und geschenktes Gemerke /daß einer der Regirung oder der Unterthänigkeit fähig sey / keines wegs aber ein solches Recht / daß einer ohne ordentlichen Beruff herschen möge / wo / wann /wie und über welche er wolle. Zwischen der Fähigkeit / und Billigkeit / ist noch ein grosser Unter schied / und sihet man diese beyde gar selten vereinigt. Es mag wol viel Holtz zu Königlichen Zeptern tüchtig seyn / daraus doch etwan nur ein Dintenfaß oder noch geringerer Werkzeug gemachet wird: und mancher wird zu einen Fürsten geboren / der doch als ein Knecht zu Grab kommet. Sonderlich / wann die Regiment-Stellen nach der Geburt oder Wolneigung und nicht nach Tugend und Weißheit / bestellet werden / da wird oft ein Schafs-Kopf mit einer Löwen-Mähne / und ein Geyer mit Adlers-Federn prangen: massen jetziger Zeit / die Leiter / darauf man in der Welt zu Ehren steiget / mehr aus Glück und Gunst /weder aus Tugend und Kunst / gezimmert wird. Aber seelig ist das Land / dessen Obrigkeit / nicht nur nach dem Erb- oder Wahl-Recht / sondern auch nach dem Recht der Natur / eine Obrigkeit ist / und die den Untern an Weißheit / Hertzhaftigkeit und Gerechtigkeit vorleuchtet; oder wie es die Schrift ausredet / dessen Fürsten Fürstliche Gedanken haben / und darüber halten.[372]

Dem sey aber wie es wolle / so bleibet doch das Recht der Obern und Untern / eine heilsame Ordnung. Aus dem Brunnquell der Natur / und nicht aus dem Notzwang der Bosheit allein / ist befehlen und gehorchen / Obrigkeit und Unterthan hergeflossen. Und ob gleich der erste Monarch Nimrod diesen Namen mit Gewalt und Unrecht erlanget / so hat doch mit seiner Regirung / nicht die Herrschaft / sondern die Tyranney ihren Anfang genommen / weil schon lang vor ihm / Obere und Untere gewesen / die Recht und Gesetze / Gebot und Verbot auferlegt. Auch in den Volk Israel / liesse ihm GOtt / nicht die Regirung / sondern die Art und Weise solcher Regirung / mißfallen: dann er hatte von Anfang / Gebot und Rechte / Strafe und Belohnung / Richter und Fürsten unter ihnen geordnet. Daß sie nun solche verworssen / und durch einen König / wie alle andere Heyden / wolten regiret seyn /das mißfiele GOTT: doch lässet er es geschehen /also / daß er den neuen König selbsten gewehlet und bestätiget; welches er / wann es unrecht wär / nimmermehr würde gethan haben. Ist also / das Gefetze der Obrigkeit und Unterthanen / den natürlichen /weltlichen / und göttlichen Rechten gemäß / und kan sich niemand / ohne das Laster des Ungehorsams / der Dienstbarkeit gegen die Obern entziehen.

Es ist auch dieselbe höchst nötig. In was vor ein wildes und barbarisches Unwesen solten wir gerahten / wann wir eine Zeitlang ohne Obrigkeit wären /und ein jeder seines Gefallens hausen dörfte? Das Volk Gottes / kan uns hierin ein Muster geben / welches in abscheuliche Laster gerahten / da[373] kein König in Israel war / und ein jeder thäte / was ihm recht dünkte. Wer wolte die Laster straffen / die Tugend belohnen / die Frommen schützen / und die Bösen zwingen / wann niemand die Macht hätte? würde nicht der Mächtigere den Geringern berauben / der Stärkere den Schwächern im Sack schieben / und kein Mensch ohne Beckel-Hauben und Brust-Harnisch zum Fenster aussehen dürffen / wann weder Kläger noch Richter wäre? Es hat so zu thun / daß man an Leib / Ehre und Gut sicher ist / da man doch Obrigkeit und Gerichte /Bande und Gefängnüs / Galgen und Schwert vor Augen sihet: was wolte werden / wann deren keines zu fürchten wäre? Ja / es ist die Unterworfenheit so nötig / daß sie ganz nicht zuentbähren ist. Dann /durch Abschaffung der Obern / würde die Zahl der Untern / nicht gemindert / sondern gemehret werden /und wann keine Knechte wären / müsten wir / aus Mangel derselben / uns selber aufwarten. Demnach bleibet es wohl dabey / was der Klügste unter den Königin sagte: Arme und Reiche / auch Hohe und Niedere / müssen untereinander seyn.

Und warum wolte man sich der Dienstbarkeit weigern / da sie doch ihren gewünschten Nutzen hat /und / in gewißer Maß / der Herrschaft selber vorzuziehen ist? Ach! es ist viel sicherer / gehorchen / als befehlen: weil jenem nur das Verrichten / diesem aber das Verantworten zustehet; und ein Unterthan / aller der Sorge / Mühe und Gefahr befreyet ist / welche den Obern auf dem Hals liget. Wohl recht / sagte jener König: wann Kron und Zepter im Wege lägen / es würde sie keiner aufheben / wann er wüste / was sie vor eine Last wären.[374] Mancher Königlicher Purpur /wimmelt von so vielen Würmern der nagenden Sorgen / das ich meinen schlechten Schäfer-Rock nicht damit vertauschen wolte. Wir schätzen ja den vor glückseeliger / welcher in seinen Bette sanft schläffet / als den jenigen / welcher ihn bewachet. Nun sind in Warheit getreue Obern nichts anders als Wächter /welche vor die Ruhe und Zufriedenheit ihrer Untergebenen; wachen müssen: Wer wolte ihnen dann / vor solche Beschwerung / nicht mit Ehrerbietung begegnen / und bedenken / daß sie uns mehr dienen / als von uns bedienet werden?

Einer gerechten und getreuen Obrigkeit / (begegnete ihm Schireno) ist man freylich Dienst und Gehorsam schuldig. Wie aber / wann man über das Wiederspiel klagen muß? Es fället einem freyen und vernünftigen Gemüte unerträglich / sich eines Hoffärtigen und ungerechten Tyrannen Botmäßigkeit zu unterwerffen. Cato konde es so gar nicht vertragen / daß er lieber todt seyn / als unter einen Tyrannen leben / und lieber den freyen Geist mit dem Eingeweid ausschütten / als dem Cäsar zu Fuß fallen wolte. Diese verzweiffelte That / (versezte Polyphilus) scheinet mehr aus Halsstarrigkeit und aus Grimm über den Sieg des Cäfars / als aus Hertzhaftigkeit und Vernunft hergeflossen zu seyn. Hat es der Himmel geschehen lassen /das Julius zum Regiment gekommen / so hätte es Cato (nachdem er das seinige gethan / und sich vergeblich darwider gelegt) auch wohl leiden und warten mögen / biß seine Straffe / welche allbereit unterwegs gewesen / angekommen wäre. Viel klüger handelte Solon / welcher nachdem der Tyrann[375] Pisistratus die Stadt Athen unter seine Gewalt gebracht / und er / als ein Weiser / gesehen / daß aller Fleiß / der Stadt Freyheit zu erhalten / vergebens wäre / sein Gewehr und Schild vor die Thür des Rathauses nieder gelegt / und gesagt: Biß hieher habe ich dir / mein liebes Vaterland! mit Worten und Werken / nach allen meinen Kräften / Hülfe geleistet. Worauf er in sein Haus gegangen / und sich zur Ruhe begeben. Also hätte es Cato auch machen / und wider Gott nicht streiten sollen. Die Tugend fordert Standhastigkeit / aber keine Verzweiflung.

So muß man auch / an der Obrigkeit / wo nicht die Person / doch das Amt ehren und bedienen / und der Regenten Fehler / in ansehung / daß sie auch Menschen sind / vielmehr zudecken als lästern. Welche Kron ist so köstlich / daran nicht etwan ein Stäublein hänget? Und welcher Fuß gehet so richtig / das er nicht zuweiln einen Fehltritt thue? Vornehmer Leute Handlungen / sind wie die Uhr an der Kirche / deren Unrichtigkeit ein jeder Vorbeygehender merket und tadelt. So muß derowegen / das Joch der Dienstbarkeit / von Gedult zubereitet werden / wann es leicht zu tragen seyn soll. Es ist auch / den Frommen und Tugendhaften / keine Obrigkeit vonnöten / ausser der Beschützung / weil sie ihnen selbst ein Gesetze sind /und hat jener nicht übel gesagt: Wer Gott fürchtet /der darf keine Obrigkeit fürchten; weil solche / entweder nichts wider Gott be fihlet / oder doch / in solchen Befehlen / keinen Gehorsam zu erwarten hat.

Das ist ein guter Schluß! (fiele ihm Schireno in die Rede) hier ist das lezte / das beste / und gibet[376] den Tugendhaften ihre Freyheit wider. Aber sie solten fast /über diesem Gespräch / bald des Essens vergessen /und in den Argwahn gerahten / als hätte ich durch meine Frage eine listige Sparsamkeit üben wollen. Ich bitte / sie lassen ihnen die schlechte Gerichte belieben / und sättigen nun auch ihren Magen / nachdem sie meine Begierde gesättiget. Wir sind (sagte Polyphilus /) vorhin schon dabey gewest / und haben keine so übele Gedanken von ihm gefasset. Also assen sie /und sprachten noch eine Zeitlang / biß sie der Schlaff voneinander triebe / und sie alle zu Ruhe giengen. Des andern Tages / bemühete sich Schireno / seine Gäste zu Vinellio zu bringen. Polyphilus aber /schickte des Talypsidamus Jungen wieder zurück /und weil er hoffte / daß seine Verrichtung wol ablauffen würde / gedachte er solches an seine Macarie zu berichten; weswegen er ihm folgendes Brieflein / an sie / mitgabe.


Allerliebstes Hertz!


Es hat mich der Himmel / wie ich spüre / zu einer guten Stunde hieher geführet: weil ich den edlen Vinellio angetroffen / und bald ansprechen werde. Nun hoffeich / ihrer Furcht und meines Zweiffels / ein erfreutes Ende. Der freundliche Schäfer Schireno / wird mir in allen Verrichtungen beysteben. Indessen lasse sie mein langes Aussenbleiben / das sich wider verhoffen begeben möchte / sich nicht betrüben: sondern gedenke / daß der bitterste Same die süsseste Frucht trage. Sie erfreue auch das Verlangen meiner Liebe /so[377] es ihr gefället / mit einem / ihrer Gewonheit nach /gezierten Brieflein / welches mir eine Fürsten-Kost seyn wird. Uberbringer dieses / kan es wider mit zurück nehmen. Indessen lebe sie gesegnet / und vergesse der betrübten Einsamkeit: damit sie die bald-künftige Gesellschaft desto lieber annehmen / und mich in ihren Hertzen behalten möge / als

Ihren biß in den Tod beständigen

Polyphilus.


Inzwischen Polyphilus mit der Abfärtigung des Jungen beschäftiget war / verfügte sich Schireno zu Vinellio / und erzehlte demselben / wie er verschienene Nacht / zwey fremde Schäfer beherberget / die sich entschlossen / in der Gegend Brundois zu weiden. Weil sie aber verstanden / daß selbige Schäfere von ihnen den Schutz hätten / wären sie / solchen zu erlangen / hergereist / und hätten ihn gebeten / er möchte ihnen doch Gelegenheit anhändigen / zu ihrem Vorsteher zu kommen. Wie sie dann / ihr Vorhaben zu bescheinen / einen Brief / von dem Schäfer Cumenus /mit gebracht / und ihn / selbigen zu überliefern / ersuchet. Hiemit / übergab er Vinellio das Schreiben des Cumenus / der solches erbrache / und dieses Innhalts fande.


Edler / und Würdiger Beschützer!


Die Ursach / daß ich / seine Würde / mit diesen Zeilen bemühe / ist die Bitte des Polyphilus und Agapistus / zweyer fremder Schäfere / welche unlängst / aus dem Schloß Sophoxenien / in unsrer Gegend angekommen / und dieselbe so bequem befunden / daß sie Feld und[378] Heerde / sie zu betreiben / erkauffet. Damit sie nun des Schutzes / welchen uns seine Vorsorge /grosser Vinellio! gönnet / mit teilhaftig werden möchten / haben sie / um ein schriftliches Zeugnüs ihres Vorbringens / bey mir angehalten: welches ich ihnen hiermit eatheilet / und berichte daneben / daß ich sie sehr vernünftig und geschickt / und daher würdig befunden / ihr Begehren zu erhalten Seine Weißheit /edler Vinellio! wird aus ihrer Erkentnis es selbst warnehmen / und also beseeligen die Bitte /

Seines dienst-verbundenen

Cumenus.


Als Vinellio diesen Brief gelesen / sagte er / gegen dem Schivenus: Soviel ich aus diesem Schreiben vernehme / so sind seine Gäste von Betrachtung / und wo mir recht / so ist Polyphilus eben der jenige / welcher das Schloß Sophoxenien von dem Fluch erlöset; dann mich bedünket / daß ich ihn also nennen hören. Was haltet ihr von ihnen? Ihre Ankunft und Wesen / (gab Schirenus zur Antwort) ist mir zwar unbekandt / ihren Verstand und Erfahrenheit aber / habe ich in gestrigem Gespräche überflüssig erkennet / und bewundert. Es ist mir leid / (sagte Vinellio) daß ich heute / wegen einer nötigen Verrichtung / nicht Zeit habe / sie zu sehen / und bitte / deßwegen mich zuentschuldigen: Morgen will ich sie gewiß zu mir ersuchen / und damit ihnen die Zeit nicht lang werde / durch einen meiner Freunde sie heut begrüssen lassen. Diesen guten Entschluß hinterbrachte Schireno seinen[379] Gästen / die damit sehr wol zu frieden waren / und ihm für seinen guten Willen grossen Dank sagten.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 366-380.
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