Achter Absatz

[72] Beschreibet den Zuspruch Polyphili / mit Talypsidamo / bey Macarien / und deren geführte Reden: Lehret / wie hoch die Tugend zu halten / und die Kunst zu lieben.


Eben war das Gedicht verfertiget / als Polyphilus den Gegen-Gruß von Macarien hörte / und / daß sie ihrer Gegenwart Verlangen trüge /[72] vernahm. Tausend Freuden-Fackeln wurden seinem Hertzen / in dem Augenblick / durch diese Wort angezündet / und laß ich mich leicht überreden / wann gleich die gantze Götter-Schaar (ohne deren gedeylichen Segen / keine Kunst noch Tugend / unter den Menschen-Kindern ihren Wachsthum führen kan) ihn selber auf einen güldenen Wagen gen Himmel geholet hätte / und allda den unergründlichen Schatz der himmlischen Tugend-Vermehrungen eröffnet / oder auch gar die Grundfeste der Weißheit zu erfassen vergönstiget / er doch nicht höher hätte können beseeliget werden / als da ihm diese Freuden-Wort gleichsam mit güldnen Buchstaben in sein Hertz geschrieben worden: Macarien wirst du sehen.

Die Erlaubnus war da / an der Begierde fehlete auch nichts / beyde waren sie leicht zu erbitten / ihren Vorsatz völlig ins Werck zu richten. Sie giengen hin /und kamen an den Ort / da die Tugend ihr Zelt aufgeschlagen / und der Verstand seine Wohnung hatte. Der Schiff-Patron gieng vor: Polyphilus folgte nach: aber zu seinem Unglück.

Warest du denn / Tugend-suchender Polyphile! daher kommen / deine Freyheit / das edleste Kleinod menschlicher Glückseeligkeit / um Schöne / zu verkauffen? Ist das dein Ziel gewesen / daß du / an statt der verlangten Tugend-Stralen / durch die Stralen der lieb-winckenden Augen sollest in die Netz / der unauflößlichen Dienstbarkeit / geführet werden? Suchest du das / dadurch du den köstlichen Schatz aller deiner Wolfahrt verlierest? So hätte man damals billich zu dem / durch den ersten Anblick der Macarien / liebgebundenem Polyphilo / und mit Recht sagen können: Der Eingang zu Macarien / war der Eingang[73] ins Gefängnüs der Lieb; Der Fortgang war Entzündung des verliebten Hertzens in einer unsäglichen ja auch unerträglichen Brunst; Der Gruß war nichts anders / als das Wehklagen über seine empfangene Wunden; Der Anblick war eine Beschuldigung der Tugend selber /deren er einig und allein alle Schuld beyzumessen /als welche an ihre statt Bitterkeit der verzehrenden Lieb geschencket habe. So gar war Polyphilus entzündet / daß es nicht viel fehlete / er hätte sein selber vergessen. Wie aber / unglückseliger Polyphile! Kan das dein Tugendgeübtes Hertz / ohne grossem Nachtheil seiner verzuckerten Ruhe / zugeben? Oder ists müglich / daß der Ruhm der Kunst-Begierde / welche vor allen dein Hertz und deine Sinne besieget / sich von fremder und gantz widriger Lust-Liebe aus dem Zelt verjagen lasse? Soll dann die Tugend der Liebe weichen; Kunst und Verstand / dem verblendeten Joch menschlicher Thorheit nachgehen? Polyphile! das ist wider dich selbst gethan. Doch / was hilffts / nunmehr ists geschehen / weil Polyphilus auch selber nicht mehr sein ist. Und müssen wir daher mit starcken Gründen überwiesen werden / wie die allgewaltige Herschafft der Liebe / auch die Tugend selbst / und deren Mit-Herrscherin / unter ihrem Befehl halte / und doch waar sey / daß ihre Bothmässigkeit sich über alles erstrecke: Wie dann Polyphilus selber aus eigner Erfahrung lehret / in nachgesetzten Versen / die er eben damals stillschweigend verfertigte.


Alles übermannt die Liebe: wie sollt ich dasi widerstreben?

Alles steht ihr zu Gebot: drum will ich mich auch ergeben /

Daß ichs nicht alleine sey / der von ihren Banden loß

Leben wolle / fühlen müß manchen harten Wider-stoß.[74]

Du nur / Liebe! weil dir muß alles zu Gehorsam stehen /

Laß auch sie / die mich bestrickt / unbestriket nicht ausgehen /

Laß sies nicht alleine seyn / die sich deinem Joch entzieh /

und noch stärcker sey / denn du; Liebe / Liebe zwinge sie!

Laß sie nit / wie sie gedenkt / mit der Freyheit Pracht / stolziren;

Laß sie länger nicht also / ohne Fessel / triumphiren /

Hemm auch ihren stoltzen Sinn / beuge das verhärte Hertz /

Daß wir beyd gebunden gleich / fühlen gleiche Liebes-Schmertz.

Dan will ich / sie muß mit mir / dir zu Ehren / dieses fingen:

Daß die Liebe alles könn / mit wie leichter Müh / bezwingen;

Alles überwinden gleich; daß ihr keine Helden-Stärck

Irgend könne widerstehn: darum lieb ich ihre Werck.


Macarie nichts wissend von der so zeitig und unvermuthig erwachsenen Liebe / dachte auf nichts anders /als Kunst-Gespräch und Tugend-lehrende Sitten: Wie dann ihr deren keines / der gnädige Himmel / oder die mildreiche Natur versaget: Polyphilus im Gegentheil dichtete nichts anders / als was sein Hertz immer mehr und mehr quälete. Doch wuste er alle seine Reden so meisterlich zu führen / daß sie zwar innwendig eine heimliche Passion der Macarien leicht eröffnen könten / von aussen aber keinen Schein / ohn der auf Tugend und Verstand gehe / funckeln liessen.

Macarie / welche nicht allein reich an Tugend /sondern auch mächtig am Verstand war / merckte alsobald / wohin die Augen Polyphili spielten / wornach dem Hertzen verlangte / und wohin die Wort zielten: ließ sich doch gegen Polyphilo nichts mercken / entweder ihren Vorsatz der Einsamkeit zu behaupten / oder dem vor genug-geplagten Polyphilo seine Schmertzen zu vermehren. Daher fieng sie an (wie sie dann aller List voll war) bald von der Blindheit der Liebe; bald von der Zufriedenheit der Einsamen;[75] bald von dem Unglück der Verliebten; bald von dem Streit der Tugend / mit der Liebe; bald von der verführenden Schönheit; und wieder bald von der Unbeständigkeit verliebter Hertzen / so herrlich / als verständig zu reden: Welches alles aber / und so viel Wort aus ihrem redsamen Munde fielen / so manchen / ach! ja wol mehr als tausend vergifftete Schmertzen-Stich bekam das / unter dem Liebes- Joch / nunmehr ächtzende und lächzende Hertz Polyphili / biß es endlich / im höchsten Grad seiner unleidentlichen Pein / von der mehr als über-natürlichen Schönheit dieser irrdischen Göttin; dann auch denen lieb- und gunst-würdigen Tugenden / höflichgezierten Sitten / klug-verständigen Reden / und was mehr / den armen Polyphilum zu kräncken gleichsam sich der schönen Macarien verbunden hatte; überwunden und gezwungen wurde / einen tief-geholten Seufstzer / der winckenden Augen-Post zu vertrauen / und gegen ihren Tugend-Stral zu schicken.

Macarie / die diese Entdeckung seiner gefassten Liebe alsobald verstund / hätte gern dem Polyphilo seinen Irrthum auch damals erwiesen / und zugegen gestraffet / wann sie nicht den anwesenden Talypsidamum geförchtet / daß er die Sache mercken möchte; derowegen / damit dem Polyphilo sein Blick nicht unbeantwortet bliebe / bevorab / weil er selber Gelegenheit an die Hand gab / in dem er / von der Einigkeit der Liebe mit der Tugend / redete / und solche behaupten wolte / fieng die Macarie folgender Gestalt an zu ihm zu reden:

Tugend-liebender Polyphile! wann ich eure Gründe / damit ihr bißher erwiesen / wie die Liebe sich mit der Tugend so wol stelle / nach euren Worten[76] / und nicht aus dem Grund erkennen wolte / muß ich gestehen / daß ihr mich leicht überreden könntet. Dann die Farben könt ihr artig führen / ob aber der Grund auch so gut sey / ist / das ich zweifle. Und damit ich euch euren Irrthum desto deutlicher erweise / und eure Gründe / mit grösserer Krafft und leichteter Müh /umstosse / will ich euch in euch selbst führen / und euer Hertz kündigen lassen. Saget mir / der ihr wolt vor Kunst- und Tugend-begierig angesehen werden /hat jemals / so lang ihr Tugend geliebet / und Kunst erwählet / die Liebe ihr Zelt bey euch aufschlagen dörffen? Oder / so mir ein falsches Beyspiel zu führen vergönnet / glaubet ihr wol / wann euer Hertz / etwa mit einer vergeblichen / doch heiß-entzündeten und Hertz-quälenden Liebe eingenommen wäre / oder noch künfftig bestürmet würde / daß ihr einige Tugend-Gedancken / ohne Verhindernus / erfassen köntet? Ich meines theils / glaube in diesem Stück keinem Ja-Wort Es müste dann seyn / daß ihr der Liebe feind / ihrer Macht euch widersetzen / und sie nicht woltet herrschen lassen. Sonst haben wir / in dieser Sach / viel warhaffte Exempel / sonderlich an denen /die ihre Begierden noch nicht allerdings zäumen / besondern zu weilen etwas freyer lauffen lassen. Wie dann insonderheit die leicht-verliebte Jugend in dem Fall hoch zu schelten / die / so bald sie etwas stehet /das ihren trüglichen Augen schön scheinet / ihr Hertz daran hängt / und aller Tugend / und Kunst-Begehrung vergisst: Da sie doch viel eher und mehr diese vor jenes erwählen / und die Schande ihrer Unbeständigkeit nicht so bald öffnen solte. Wie nun dieses das grösseste Laster ist / das erdacht werden kan: als bekenne ich / daß ich / so viel[77] mich betrifft / mein Abscheuen zu bezeugen / mich freywillig der Laster-befreyeten Einsamkeit ergeben / damit ich durch solche Liebes-Blendung nicht Laster vor Tugend nehmen; sondern diese vor jenen erfassen und behalten möchte. Bekenne dannenhero / daß / da mich einige Augen solten verliebter Weise anschauen / oder auch einig Hertz meinetwegen sich in solche Brunst setzen / selbiges in Warheit eine Thorheit begehen / vergebliche Nichtigkeiten hoffen / und ihm einbilden würde.

Polyphilus hatte vor dieses mal seinen Bescheid /mit welchem er vor Lieb nehmen mochte. Talypsidamus aber / der auch nicht ungeschickt war / dachte den Reden etwas nach / und wäre bald auf den Grund kommen / wann nicht Macarie / die klügeste der Frauen / alsbald zu ihm angefangen: verstehet ihr / geehrter Herr Vetter! wohin die Wort zielen? Ohnlängsten hat sich eine meiner liebsten Freundinnen / eben an diesem Ort / mich der vorgesetzten Einsamkeit halber / zu straffen unterfangen / und als eines grossen Versehens beschuldiget / daß ich in dieser frühen Jugend / manchen Jüngling in solche Netz führen würde / die er aufzulösen / ohne mein Behülf / nicht vermöchte. Nun hab ich mich zwar alsobalden in dem entschuldigen können / daß ich an mir nicht finde /was einig Netz bereiten / oder einen solchen Fall würcken könte / weil nicht die Jugend; sondern die Schöne / solches allein vermag / die sich an mir so gar nicht finde. Weil sie aber diesem noch fernere Wider-Rede hielt / und mich auch mit dem Lob der Schönheit krönen wolte / ja! so gar ihre Wort mit Werck erweisen / und mir einen edlen Jüngling nennen / der schon offtermals / ohne mein Vermercken /[78] durch Seufftzen und andere Lieb-bietende / Lieb-bittende Augen und Zungen-Gewerbe / meine Gunst verlanget; hab ich noch von dannenher / das Beyspiel anziehen /und euch / geehrter Herr Vetter! zur Nachricht; diesem edlen und Tugend-werbenden Jüngling aber / zur Lehr und Unterricht / erzehlen wollen.

Beyde / Talypsidamus und Polyphilus / fiengen zugleich an / die Rede zu beantworten; Jener zwar aus Gebühr: Dieser aber aus Angst / die ihm sein Hertz brechen wolte. Er verstund gar bald / was das geredt sey / und wie er je länger je mehr mit Bescheidenheit abgewiesen / unter eines andern Namen den Abschlag annehmen müste. Doch dennoch / ob der Schmertz gedoppelt so groß gewesen / und das Verlangen / dieses alles zu beantworten / nicht mit Fesseln hätte können aufgehalten werden; muste er gleichwol in den Schrancken seiner Jugend gebührenden Schamhafftigkeit / dem ältern dißmal die Antwort überlassen. Viel leicht zu seinem Besten / weil sehr vermuthlich / daß der Mund / in solcher Hertzens-Bedrängnüs / mehr geredt / als der Sinn erwägen können; ja / in beyseyn Talypsidami / mehr verderbet / als genutzet. Fuhr demnach der Schiff-Patron folgender Gestalt fort: Tugend-völlige Macarie! in allem dem / was ihr geredt /kan ich nicht anders zeugen / als daß die entdeckte Warheit / euern Worten Glauben erwerbe. Und ist freylich dem Zweifel sehr unterworffen / ob die Liebe mit der Tugend einigen Bund halte / weil jene auf einer leicht-wanckenden Kugel bestehet. So habt ihr an euch selbsten nicht das geringste Unrecht erwiesen / indem ihr / aller Lieb entfernet / keinem / durch dergleichen betrügliche Thorheit / trauen wollet:[79] worinnen ihr / nicht nur mein / sondern auch jedermänniglichen Lob und Zuspruch verdienen werdet. Gleichwol aber hättet ihr / Kunst-verständige Macarie! auch dieses in euer Rede mit befassen sollen / was ihr vor eine Liebe deutet? So viel ich allen Umständen nach vernehmen kan / ist die Rede von der leicht-stehenden / Leicht-fallenden Liebe / die nit auf Tugend gegründet / sondern mit der verführenden Schönheit vergehet. Was wollen wir aber sagen von der Liebe /so durch Tugend erworben / und dem Verstand ernehret wird? könt ihr euch der auch entziehen? weiß auch diese eine Einsamkeit zu lieben? So könt ich bald schliessen / wird / die Tugend-begabte Macarie / nicht Tugend-begabt seyn / weil sie sich der Einsamkeit ergeben. Sagt mir / Macarie! was hat euch einsam zu leben verursachet? Ihr werdet bekennen: die Tugend. Sagt mir / was würcket die Tugend in eurem Hertzen? die Antwort wird kommen: Liebe. Darff ich weiter fragen: Was nutzet die Liebe / wann sie nicht thätig ist? meines Erachtens / nichts. Nun sehet dann / wie ich euren Tugend-Wandel bestraffen / und eure Einsamkeit schimpfen wolte. Unthätige Liebe ist nichts; Was ist dann eure Tugend? auch nichts. Ist die Tugend nichts; was wird sie vor eine Einsamkeit stifften? Nichts kan doch nichts schaffen. Ist also eure Einsamkeit entweder auch nichts / oder ist sie etwas /ist sie doch nicht von der Tugend. Verzeihet mir /Macarie! daß ich die Warheit so frey bekenne. Erinnert euch / was selbsten die Tugend befiehlet / wann sie ihre reiche Gaben / mit so milder Hand austheilet. Hier dieser Tugend-begüterte Polyphilus / hat / ihrem Befehl zu folgen / aus seinem fernen Vatterlande / und[80] durch so viel Widerwertigkeiten / die er doch alle kräfftig besiegete / sich hieher zu uns / in die Frembde / begeben; und (darff ichs sagen?) bloß darum /daß er euch / Macarien / als das vollkommenste und wunder-belobte Tugend-Bild / sehen und begrüssen möchte. Eurentwegen hat er sich biß in den Tod bemühet / zu Wasser und Land / wie und wo er konte /seine Tugend-begierige Sinnen mit der jenigen zu vergnügen / die er in seinem Hertzen / vor eine Göttin der Sterblichen / und unbegreifflichen Schatz aller Tugenden und himmlischen Sitten / stets verehret /und das sein letztes Ziel seyn lassen / wann er eure Begnädigung durch seinen Gehorsam erhalten / und eure Lust-bringende Gespräch stillschweigend verwundern dörffte. Solte dann / Tugend-liebende Macarie! dieser Polyphilus / will nicht sagen / seiner auch herrlichen Tugenden und lieb-würdigen Sitten wegen; sondern vielmehr um alles das / was er schon um euch erlitten / nicht werth seyn / daß eure Tugendrührende Liebe seine Hoffnung küsse / und das erhitzte Verlangen mit einiger Gunst-Bezeugung / kühle und erfülle? Das wäre ja wider die Tugend selbst. Ich zwar will nicht hoffen / wann Polyphilus / um Tugend zu werben / und Kunst zu erlangen / euch mehrmals zu sprechen begehrt / daß ihr ihm solchen schuldigen Dienst versagen werdet: Dann ehe müstet ihr euer selber vergessen; auch sag ichs nicht aus Antrieb dessen / als wann ich wüste / was Polyphilus gedencket: sondern weil ich die Ursach / die ihn zu uns bracht hat / und seine lob-fähige Begierde gründlich vernommen. Dieses hat mich bewogen / daß ich ihm in allem beförderlich zu seyn / versprochen; ja / ich bekenne frey öffentlich / daß ich diesem Polyphilo / nicht[81] nur mit einem Eyd verbunden bin: sondern durch seine Kunst-und Tugend-Ubungen / die er mir sattsam erwiesen /dermassen verpflichtet / daß ich ihn / als mein eigen Hertz / liebe / und mir von Macarien / kein angenehmer Glück kan bescheret werden / als wann sie /durch ihre Höflichkeit / meinem vertrautem Polyphilo ihre Ehren-vergönte Gesellschafft ertheilen / und ihn /an meine statt / beglücken wird.

Wer die Gedancken der schönen Macarien erreichet / der wird auch die Unergründlichkeit der tausend-vermehrten Freuden Polyphili entdecken / in welchen er um so viel mehr vertieffet wurde / daß dieses alles ohngefähr und wieder sein Hoffen und Wissen geschehen. Deßwegen er Talypsidamum / wär es müglich gewesen / gern in den Himmel gehoben hätte / und diesen Dienst / mit einem ewigen Danck /verschuldet. Was thut aber Polyphilus? was antwortet Macarie: Jener / so bald er die erwünschte Gelegenheit ersiehet / bemühet sich dahin / wie er die Wort Talypsidami / in der That / bekräfftigen möge. Das beste / so er thun konte / war / weil Talypsidamus redete / daß er die Wort / so mit hertzlich-geholten Seufftzern / so mit lieblich-winckenden Blicken / so mit demütig-gebücktem Haupt / und andern Leibs-Bewegungen mehr / nach Art und Beschaffenheit der Sachen / begleitete: dadurch er dann völlig die Warheit zeugen / und den Reden Glauben verdienen kunte: auch wuste er das alles so meisterlich zu spielen / daß ihn offt Macarie mit Furcht ansahe / sich über ihn verwunderte / und seiner Vollkommenheit halber freuete.

Wäre die weibliche gebührende Schamhafftigkeit nit so mächtig gewesen / hätte / in Warheit / Macarie[82] fast gleiche Entzündung klagen müssen. Doch kunte Polyphilus aus ihrer offtmaligen Veränderung schon etwas schliessen / wie künstlich sie auch ihre Passion bergen wolte; daher er dann Ursach bekam / diese leiß-klimmende Funcken / durch seine liebkosende Augen-Stralen / je mehr und mehr zu entzünden / biß sie endlich in eine grosse Flammen-Brunst ausschlugen: die sich aber der Brunst Polyphili noch bey weiten nicht gleichete. Dann diese war durch die Schönheit gefangen / und hatte die Tugend vergessen: was in Macarien brannte / war alles und einig von Tugend erhitzet.

Weil sich aber gleichwol die flammende Brunst nicht bergen ließ / sondern mit grossem Gewalt zu den zarten Wangen der Macarien außschlug / und dieselben mit Purpur bemahlte / so gar / daß sie selber beförchtete / es möchte es nicht allein Polyphilus /sondern auch der Schiff-Patron mercken / gedachte sie alsobald dem Argwohn vorzukommen / und die Liebes-Bewegung mit den Farben der Schamhafftigkeit anzustreichen / als wann diese / nicht jene / ihrer Scham-berötheten Wangen Ursacherin wäre. Beantwortete demnach die Red des Schiff-Patrons folgender Gestalt:

Geehrter Herr Vetter! die Röthe meiner Wangen wird / ausser meinem Bekantnus / zeugen / wie mich eure Wort beschämet. Absonderlich / da ihr kein Bedencken getragen / in Anwesenheit dieses edlen Jünglings / mich auf solche Art zu straffen / daß ich ungewiß bin / soll ich meinen Irrthum bessern / oder vertheidigen. Jenes solte mir freylich obliegen / von wegen eurer / dem ich zu folgen verpflichtet; nicht weniger auch dieses Polyphili / dessen um mich vielfältig-ausgestandene[83] Unglücks-Fälle meine Gunst-Gewogenheit / wie ich vernehme / Befehls-weiß fordern dörfften: Folg ich aber meinem aufgestecktem Ziel /und bleibe in den Schrancken-der ruhmwürdigen Tugend / solt ich billich dieses / vor jenem / erwählen; bevorab / wann ich den unauflößlichen Bund meines gethanen Gelübds besinne / der mich / die Zeit meines Lebens / die erwählte Einsamkeit zu lieben / ohn Unterlaß / und auch anjetzo / mit Schrecken ermahnet. Deßwegen mich weder ihr / geehrter Herr Vetter! noch dieser Tugend-begierige Polyphilus / oder jemand anders / einiges Verbrechens schuldig erkennen wird. Zwar / habt ihr mir nicht ohne Grund erwiesen /daß ein Unterscheid sey / unter der Liebe / so durch Tugend blühet / und der / so mit der Schönheit verdorret; Auch habt ihr über das gnugsam bekräfftiget /wie ich / ohne Verletzung meines Gelübds / selbst in der Einsamkeit / die Tugendentspringende Liebe nicht fliehen könne: wolle ich anders nicht zugeben / daß meine Tugend / oder die daher rührende Einsamkeit /vor nichts / oder / zum wenigsten / vor eine Laster-nehrende Einsamkeit gehalten werde; Dem ich in allen gerne beypflichte: indem ihr aber den Beweiß /oder vielmehr das Beyspiel / von diesem Lob- und Lieb-verdienenden Jüngling / und auf solche Art /nehmen wollen / daß ihr mir zugleich seine Hertzens-Gedancken öffnen / seine brünstige Begierden erzehlen / und mich / das einige Ziel seines Verlangens /mit so beschönten Worten / benennen dörffen / weiß ich traun nicht / ob es Fallstricke sind / meine Freyheit zu fangen / oder ob es eine heimliche Zerstörung meiner ewig-geliebten Einsamkeit seyn solle. Euch zwar / edler Polyphile! hab ich[84] schuldigen Danck zu ersetzen / vor die unverdiente Ehr / so ihr mir in euren Gedancken / aber ohne Grund / beygelegt. Dann gedencket selber / wie ihr mir / und euch / so groß Unrechtthut. Durch was Vortrefflichkeit schätzt ihr mich eine Göttin der Sterblichen? Wisset ihr / was eine Göttin vermag / (wie ihrs zweiffels ohne wissen werdet) wird euch die Sach selbst bald widerlegen. Oder mit was Recht / nennet ihr mich den unbegreifflichen Schatz / aller Tugenden und himmlichen Sitten? Wisset ihr nicht / daß die verderbte Menschen-Art darzu nicht gelangen kan / wann sie gleich noch so hoch beseliget wäre. Drum sehet / wie weit ihr euch selber verführet. Dieses zwar muß ich bekennen / daß ich stets / und mit allem Fleiß dahin getrachtet / wie ich der Tugend nachsetzen / und meinen wenigen Verstand vermehren könte: aber daher folget noch lang nicht / was ihr geschlossen. Ja / besinnet euch / geliebter Polyphile! würdet ihr an euch selbsten nicht das grösseste Unrecht thun / wann ihr mir das zueignet / was euch doch vor allen gebühret. Wollt ihr selber / das ohnmächtige Geschlecht voller Mängel (das weibliche meyn ich) der männlichen Vollkommenheit vorziehen? Ihr werdet nicht allein an euch selbsten /sondern an aller Mannschafft untreu werden. Auch wird mich niemand jemalen / so ehrbegierig befinden / daß ich etwas annehmen solte / des ich mich nit würdig erkenne. Dann das wäre Schand / vor Ehre; Spott / vor Ruhm; und vor Tugend / Laster erkaufft. Darum besinnet euch eines bessern / edlester Polyphile! und verführet durch solche falsch-gefasste Einbildung eure leicht-fallende Jugend nit so sehr / wolt ihr anders / nach diesen den unersetzlichen Schaden /nicht mit grosser Reu wieder verlangen.[85]

Hat einmal Polyphilus fleissige Acht auf die Reden geben / so ists / in Warheit / dißmal geschehen. Furcht und Hoffnung / die ihn in die Mitte gefasset /waren die zweifelhaffte Dolmetscher eines jeden Worts / das aus Macarien Mund fiel. Er aber / Polyphilus selber / halb-froh / halb-betrübt / machte seinem Hertzen solche Verwirrung / daß nicht viel fehlete / es hätten die gehäuffte Schrecken seinen Geist zu ruck gehalten / und ihn in die Ohnmacht versencket: wann nicht die Gegenwart des Schiff-Patrons / seiner Jugend-geziemenden Höflichkeit ein Widriges geboten hätte. Gleichwol war die Angst so mächtig / daß er mit tief-geholtem Seufftzen / auf folgende Art anfieng zu reden:

Tugend-beschönte Macarie! was soll mir der Danck wegen unverdienter Ehr / welcher nicht mir /sondern ihrer Göttlichen Vollkommenheit gebühret. Wird sie mich nun wieder straffen? Nein / alleredelste Macarie! Unverdiente Ehr läst sich noch annehmen: aber unverdiente Straf zu dulten / schmertzet sehr. Hab ich unrecht geredt / indem ich sie eine Göttin der Sterblichen genennet / so bitte ich / erweise sie / welcher dann dieser Ruhm vor ihr gebühre? Hab ich übel gethan / daß ich sie den unbegreifflichen Schatz aller Tugenden bekennet / so gestehe sie mir ein Laster /das ihren Wandel beflecke. Hab ich gefehlet / da ich ihr himmlische Sitten erwiesen / so widerspreche sie mir die Himmel-bescherte Gaben / und behaupte / daß Kunst und Tugend; Höf- und Freundlichkeit / auf der Erden wachse. Wer / meynet sie / Macarie! wird den Sieg erhalten? Ich zwar / bekenne mich dessen unwürdig / und bin vergnügt / wann Macarie meinen / ihr ertheilten / Ruhm erkennen[86] wird / daß er fest gegründet / und nicht auf erdichteter Unwarheit bestehe. Ich bin zu frieden / wann ich ihr einfältig erwiesen / wie mein Irrthum nichts minder / als mit Reu / einigen Schaden verlangen werde. Darff ich / allerschönste Macarie! ohne ihren Verdruß weiter reden / will ich ihr mein Verlangen besser erklären. Dieses hat seine Segel einig nach Kunst und Tugend ausge pannet /welche / wann es wird errennet haben / hab ich volle Genüge. Nun befind ich / daß / wann dir Glückseligkeit mich einmal wieder auf Rosen weiden wolte / ich durch ihre Ehren-vergönnte Gesellschafft / die Stachel aller Glücks-Verhinderung mit leichter Müh fliehen köndte. Ihre verständige Reden / ihre Tugend-gezierte Sitten / vermögen gar wol die Richtschnur meiner Gedancken / ja! meines Lebens Verbesserung zu seyn. Meine Kunst kan sich nehren / aus ihrem Sinn-reichen Gespräch; meine Tugend mehren / aus ihren Lob-würdigen Thaten. Ich sehe / edle Macarie! daß sie dieses widersprechen will / und vor einen höflichen Schertz erkennen: aber sie messe die Warheit mit meinem Verlangen. Kan sie dann eine andere Ursach erfinden / die mich daher geführet? Zum wenigsten glaube sie nur dieses / daß / so bald ich von ihrer Vollkommenheit einigen gewissen Bericht erhalten / diß meine erste Gedancken gewesen: Möchtest du von dem Himmel so hoch begünstiget werden / diese Tugend- verständige Frauen zu sehen / und ihre belobte Reden zu hören / würden sich deine Sinne viel höher erheben / ja dein Beginnen die Glückseligkeit aller Zufriedenheiten auf dem Fuß nach sich ziehen: und in diesen Gedancken beharre ich noch immer fort. Ist derowegen / verlangte Macarie! mein[87] sehnliches Bitten /dem / was dieser / mein vertrauter bester Freund / vorhin an meine Statt und wider mein Verhoffen gebeten / ihrer Tugend-Gebühr nach / gnädiges und Gunst-versprechendes Gehör zu geben / wofern sie mich einiges Glückes werth / und der geringsten Ehren nicht unwerth erkennet: und mit diesem Beschluß / nähert er zu ihren Füssen / und küssete mit gebührender Demut den Saum an ihren Rock / zum Zeichen seiner ernstlichen Bitt und unverfälschten Begehrens. Nach dem aber wandte er sich zum Talypsidamo / sagte selbigem auch hertzlichen Danck / daß er ohngebetten seine Glückseligkeit befördern / und um das werben wollen / welches er / die Zeit seines Lebens / zu begehren / sich nicht hätt erkühnen dörffen: verpflichtete sich auch hinwieder zu aller Dienst-fertigkeit / wie /wo und wann er befehlen würde: Diese That solle nicht nur in einem ewigen Gedächtnus immer grünen /sondern auch hundertfältige Frucht tragen; alles sein Vermögen würde er zu allen Zeiten und in allen Begebenheiten / so willig / als schuldig befinden: und was derselben Complementen mehr waren.

Macarie / die sich indessen eines bessern besonnen / gab / wegen kürtze der Zeit / auch eine kurtze Antwort / weil sie ohne das mit Polyphilo aufgestanden waren / und wieder zu Hauß kehren wolten. Darum sprach sie: Was die Bitte meines Herrn Vettern belanget / ist mir selbe an statt eines Befehls /dem ich schuldigen Gehorsam leisten muß: doch so fern / daß eure Freundschafft / unter der Tugend-Decke nicht ein Laster verberge / oder ausser derselben etwas mehr begehre: da ich dieser Furcht entlediget /kan ich leicht gestatten / daß ihr / um ein gutes Gespräch zu halten /[88] mich öffters besuchet. Polyphilus /dessen hoch erfrenet / bedanckte sich aufs schönste /nahm die Erlaubnus / mit dem Versprechen / sich selbiger ehistens wieder zu bedienen / an / und rathschlagte allbereit / wann er wiederkommen dörffte; nahm Abschied / und gieng mit seinem Führer nach Hause: wiewol Macarie sein Hertz bey ihr behielt.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 72-89.
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