Neundter Aufftrit.


[144] Balduin. Villenchen. Donat. Urselchen.


DONAT. Wie stehts Monsieur mon Frere? Wo er an seinen Orte so glücklich ist als ich an meinem / so werde ich ihm gratuliren müssen.

BALDUIN zeucht ihn auff die Seite. Ich kan mich in die [144] Courtesie nicht finden. Ich habe mein gantz Complimentir-Buch ausgebetet / ietzo werde ich gleich auff die Formul kommen / da wolle ich ihr mein Messer geben / und wolte sie bitten / sie möchte mich entweder lieb haben / oder solte mich erstechen / daß ich der Marter loß käme.

DONAT. Ha ha Bruder / das sind Complimenten vor Stats-Damen / die Vexirerey verstehen: Solche Mägdgen muß man gar auff andern Stangen reiten: Sie verstehen die Worte nicht: Mann muß solche Sachen reden / davon sie einen Verstand haben. Bruder komm und rede nur von Bier-Vierteln / von Käsen / von Küchen / und andern Haußhaltungs Sachen / sie werden uns der Mühe gerne überheben / und werden das Wort alleine behalten.

BALDUIN. Aber damit machen wir sie nicht verliebt.

DONAT. Doch machen wir sie vertraulich / daß sie an uns gewohnen / darnach giebt ein Wort das ander / ich hätte bald gesagt / darnach giebt ein Mäulchen das ander.

BALDUIN. Ich hätte meine Liebe so weit nicht gesucht: Aber wem zu gefallen hab ich mein Complimentier-Buch auswendig gelernet.

DONAT. Es wird uns wohl nütze werden. Monsieur mon Frere komme nur und lasse sich die Probe weisen / was sein Mädgen soll vor ein Maul kriegen. Wie stehts ihr Gold-Mägdgen? In dem Hause gefälts uns trefflich wohl. Schade / daß sie nicht Bier schencken / wir blieben da / und wenn die Person 9. Käyser-Groschen versauffen solte.

URSELCHEN. Ja / ja / die Herren seyn immer freygebig / wenn wir kein Bier im Keller haben. Darnach wenn die Töpffe auff der Gasse hengen / so lassen sie uns das Bier gar fein sauer werden.

DONAT. Sie müssen so lange in Gedult stehen / biß wirs in der That erweisen können. Aber wie stehts Jungfer Villenchen? Scheint es doch / als wenn sie die Viertel im Hause waschen liessen.

VILLENCHEN. Ja es soll bald so seyn. Wir haben sonst gar eine feine Frau: Sie ist Leder-Matzens Schwester. Aber sie hat ietzund auff eine Kirmes zu kochen / so haben wir die Sand-Anne / das heßliche Raben-Aß holen lassen.

URSELCHEN. O das heßliche Raben-Aß die Sand- Anne dürffte meiner Frau Mutter nicht über die Schwelle schreiten.

VILLENCHEN. Je sie hat ja sonst drüben auch gewaschen.[145]

URSELCHEN. Ja sie hat gewaschen: Sie hat uns aber einen Possen gethan / der nicht gar zu hübsch ist.

VILLENCHEN. Nu garstig genung ist sie: Wo sie auch leichtfertig darzu ist / so wird sie es vollends verschütten.

URSELCHEN. Dencke doch / das Rabenaß stund in der Bütte / und solte Treber raffen / so ließ sie die Frau Mutter ruffen / und brachte eine todte Katze hervor / die war ersoffen: Und fürwahr sie mochte so viel Bier in Rantzen gesoffen haben / daß sie aussähe wie ein massig Kalb.

VILLENCHEN. Die Frau Mutter wird auch fein erschrocken seyn.

URSELCHEN. Wenn das Ding unter die Leute kommen wäre / wir hätten keinen Tropffen Bier verthan. Und was hatte das Rabenaß davon / daß sie so ein Gedräsche davon machte? hätte sie die Katze in einen Hader gewickelt / und weggeworffen. Die Frau Mutter gab ihr einen Orts-Thaler / daß sie das Maul hielt: Aber sie dachte: Du grobe Keule komm mir nicht noch einmahl.

VILLENCHEN. Ich fund neulich eine Kröte auf dem Spund-Loche sitzen: Ich gab ihr einen Träff / daß sie genung hatte / und die Frau Mutter soll selber noch das erste Wort davon erfahren.

URSELCHEN. Bey der Frau Muhme brauchen sie die Mäuse Micheln Springe Mertens Schwester / das ist eine hübsche Frau. Sie kan alles so fein anstellen / wenn die Frau Mutter Bier unter das Trincken legt / so beredet sie den Herrn flugs / es ist süsse Langvel.

VILLENCHEN. Und solchen Weibern kan man darnach wohl was zu einer halben Schürtze spendiren / oder man kan ihr ein klein Brodtel backen lassen.

BALDUIN ad Spect. Ich sehe doch wohl / daß die Kunst angehet. Meine Liebste lernet hübsch reden. Ich muß sehen / ob sie mit mir den Discours continuiren wird. Jungfer Villenchen ist das nicht des Herrn Vaters Garten draussen auff der Pumpel Gasse.

VILLENCHEN. Ja wir haben einen schlechten Garten draussen. Es ist nicht viel davon zu gedencken.

BALDUIN. Dem äusserlichen Ansehen nach darff niemand den Garten verachten.

VILLENCHEN. O es seyn Leute genung / die ihn verachtet haben. Plautze Nickels Frau hatte vergangen ein breit Maul gehabt: Aber die Frau Mutter hat sie bezahlet / sie wird nicht wieder kommen.[146]

BALDUIN. So gehets in der Welt / wer ein bißgen Brod mehr hat als der andere / dem wirds nicht gegönnet.

VILLENCHEN. Ja ja es glaubts kein Mensch / was man bey seinem Reichthume vor Angst und Noth ausstehen muß.

BALDUIN. Ich halte aber / wenn der Zins ausgezahlt wird / so können sie alles in Beutel stecken.

VILLENCHEN. O die Zeiten seyn ietzund gar zu schwehr. Die seel. Frau Mutter hat einmahl 40. Reichs-Thaler rothe Rüben in einem Jahre daraus verkaufft / und einmahl hat sie die Gurcken / ich weiß nicht / ob vor 8. Reichs-Thaler und 20. Groschen oder 20. Reichs-Thaler und 8. Groschen verkaufft.

BALDUIN. Und was aus der Erden wächst / das ist ein Segen Gottes.

VILLENCHEN. Heuer wollen wir einen guten Marckt mit den Kürbsen halten. Wir haben eine Türckische Birne / wie ein klein Viertel Faß.

BALDUIN. Das wird sehr viel gelten müssen.

VILLENCHEN. Die Frau Mutter macht nicht gerne viel Theuerung. Sie verkauffte gestern ein Viertel Rüben vor 2. Käyser-Groschen / und ich darff es nicht sagen was sie vergangene Kirmes vor ein Spott Geld vor die Reibe-Käse genommen hat.

BALDUIN. Haben sie auch Käse zu verkauften?

VILLENCHEN. Ach ja wir haben noch 13. Kühe im Stalle: Wenn uns neulich nicht eine gestorben wäre / so hätten wir gleich 14.

BALDUIN. Es ist mir leid vor das Unglücke.

VILLENCHEN. Sie war uns ein bißgen behext worden. Wir wüsten wohl / wers gethan hatte / aber Gott Lob und Danck / daß wir mit dem andern Viehe noch zu rechte kommen.

BALDUIN. Sie werden aber viel dabey zu sorgen haben.

VILLENCHEN. Ach nein. Der liebe Gott hat uns eine Magd zugewiesen / die kam den Kühen flugs ansehen / wenn sie kranck seyn / und hat so viel gute Würtzelgen / daß wir das gute Mensch nicht mit Golde bezahlen können.

BALDUIN ad Spect. Ich mercke wohl / mein ietziges Complimentir-Buch ist besser / als das erste. Das Mägdgen hätte gerne mit mir geschwatzt / und sie wüste nicht / was ich mit meinen Complimenten haben wolte. Denn ich weis die Stunde selber noch nicht / was sie bedeuten.


Quelle:
Komödien des Barock. Reinbek bei Hamburg 1970, S. 144-147.
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