Das vierte Capitel.

Rechte Erforschung zu der Beicht entgehet der strengen Erforschung des jüngsten Gerichts.

[817] An jenem Tag, da der HErr kommen wird zu richten, werden erschröckliche Bücher eröfnet werden; spricht Hieronymus, alles Verborgenes wird an Tag kommen. Calender weiß, alles von Jahr zu Jahr, von Stund zu Stund, von Augenblick zu Augenblick aufgemerckt dem allergerechtisten und allwissenden Richter vorgestellet werden. Wehe mir Elenden, ruffet der H. Bernardus: an jenem Tag, wann die Bucher werden eröfnet werden, in welchen alle meine sündliche Gedancken und Werck in Gegenwart des HErrn werden abgelesen werden. Da werde ich mit geneigtem Haupt in Angst und Schröcken aus Ursach meines bösen Gewissens zu Schanden stehen, als man mir sagen wird: sihe dieser Mensch und seine Werck. Der hundert jährige Heil. Abbt Elias bekennet drey Dinge, welche ihme in der Betrachtung Kummer gemacht, erstlich die Entscheidung der Seel aus dem Leib, [817] zum zweyten die strenge Erforschung aller meiner Missethaten; drittens der unwiderrufliche Ausspruch, welcher vom gerechtisten Richter wird ergehen; in diesen Gedancken zittert mein Hertz, er schaudert mein Leib, bekümmert sich mein Seel. Ich hab gebeichtet, ja vor der Beicht sehr genau mein Gewissen erforschet, dannoch bin ich nicht gewiß, ob ich der Lieb oder des Hasses werth bin. Ex vitis Patrum.

Zu diesem und dergleichen genauen Erforschern ihres Gewissens spricht der HErr: Förchtet euch nicht ihr kleine Heerde, dann es hat eurem Vatter wohlgefallen euch das Reich zu geben. Luc. 12. v. 32. Eure Sünd hat der HErr hinterrucks geworffen; er wird eurer Missethaten nimmermehr gedencken, eurem Gehör wird er Freude geben, und es werden die gedemüthigten Gebein aufhupfen, die Barmhertzigkeit GOttes wird ihr in Ewigkeit singen. Weilen ihr euch gerichtet, so werdet ihr nicht gerichtet werden, dann es stehet geschrieben: wann wir uns richteten, freylich wurden wir nicht gerichtet. 1. Cor. 11. v. 31.

Aus göttlichem Befehl wurde ein schönes Wasch-Gefäß im Salomonischen Tempel von reinen Spieglen, welche das Frauen-Volck darzu gegeben, zugericht. Exod. 38. v. 8. Wer Verlangen hätte sich zu reinigen, der müßte bevor sich umsehen und selbsten wohl betrachten; das geschahe zur äusserlichen, aber was soll nicht geschehen zur innerlichen Reinigung? Als Rosalia noch eine eytle Fräule in Vätterlichem Haus zu Palermo gewesen, erforschte sie täglich in dem Spiegel die Reinigkeit ihrer Augen, Wangen, Nasen und Lefzen, die Heiterkeit des gantzen Angesichts: mein Rosalia, du bist zwar Jungfräulich in vielen unschuldig, aber dein Absehen menschlichen Augen zu gefallen, benimmt dir viele schöne Stunden, was in dir innerlich ungestaltet ist, auszumusteren; deine gar zu eytele Gedancken seynd ein rußiger Staub, welcher deine Seel verschwärtzet.

Einsmahlen war Rosalia in ihrem Aufbutz, aber gähling veränderet sich der Spiegel, die Haar in Dorn, das fröliche in ein trauriges Angesicht, sie sihet nicht mehr sich selbst, sondern den blutfliessenden gecreutzigten König und Bräutigam der Auserwählten, ja der redlose Spiegel fanget an zu reden: Rosalia mein Angesicht ist verspyen, meine Haar ausgerauft, du aber spieglest dich in Eytelkeit. Sie erschracke darüber, und gedachte bey ihr, was soll oder kan ich thun? der, welcher die Gedancken erkennet, antwortet aus dem Spiegel: Leg ab deine Eytelkeit, bewahre die Jungfrauschaft, richte dich und verrichte eine gute Beicht.

Und flugs vergehet die lebhafte Gestalt des Gecreutzigten. Ehr Entschluß folget gar bald, fort mit allem Werckzeug der Eytelkeit, fort mit der Perlenschnur, Ohrgehäng und Hand-Ring, fort mit allem Goldstuck, Purpurfarb und stoltzen Kleydungen, auf ihre Knye und Angesicht niederfallend, [818] beredet sie sich selbsten, hinführo spiegle dich meine Seel in den Satzungen GOttes, das thäte sie, und dieses klaget sie mit Weinen, und nach Erforschung des Gewissens verfügte sie sich zur Beicht; bewehret auch ihr Beicht, in die Wüsten entfliehend, damit sie der Eytelkeit und Gefährlichkeit entgehen möchte. Ex vita Pragæ impress. Lauda filia Sion, jubila Israel, & exulta in omni corde filia Jerusalem, abstulit Dominus judicium tuum. Sophoniæ 3. Wiewohlen du Tugend liebende Rosalia dich acht Täg vor deinem Tod sehr bekümmert hast, sprechend: Ach! wie erschröckt mich die Peyn der Höllen, wer gibt mir annoch vor meinem End, daß ich alle meine Sünden erkenne, bereue und beichte. Dieses ihr innigliches Verlangen wurde erhöret; der Priester Cyrillus, ihr Vetter kommt wunderlich von Palermo zu ihr, höret auch an ihr offenhertzige Beicht vom gantzen Verlauf ihres Lebens, er befunde, daß sie ihre Sünd zum allergenauisten erforschet und kläglich angezeigt habe: Ihr Unschuld war groß, und dannoch war ihr Reumuth viel grösser, wird also von allen ihren Sünden, in Kraft der Priesterlichen Lossprechung gereiniget, stirbt auch gar bald darauf den 4. Septembris 1159. Nun Rosalia lobe den HErrn, du bist eine Tochter Sion, eine reine Jungfrau, frolocke und hupfe auf in deinem Hertzen du Tochter des himmlischen Jerusalem, der HErr hat von dir genommen dein Gericht; nemlich, weilen du durch genaue Erforschung dich selbsten geurtheilet und beichtend angeklagt, dannenhero wirst du am jüngsten Tag nicht geurtheilet werden.

O unglückseelige Spieglung zum eytlen Wohlgefallen! O seelige und überseelige Spieglung zur Reinigkeit der Seelen!

Doch ist nicht rathsam, daß viele Beicht-Spiegel gebraucht werden: es ist genug einen haben nach dem Gutbeduncken des Beichtvatter. Der H. Graf Elzearius war von Jugend auf Tugendlich erzogen, dannoch im siebenzehenden Jahr seines Alters siehet er in einer Verzuckung in der Stadt Aquis alle begangene Sünden, als einen erschröcklichen Wust, er entsetzet sich darüber, weilen er zuvor aus Mangel der Erforschung sich niemahlen selbsten recht in seinen Verbrechen erkennet, folgends aber sich zu erkennen beflissen. So oft er sich zur Beicht gerichtet, so oft betrachtet er mit gar zu genauer Erforschung sein Gewissen, daß endlich einsmahls ein göttliche Stimm vom Himmel erschallet: Elzeari kümmere dich nicht zu sehr in Nachforschung deiner Sünden, meine Barmhertzigkeit ist unendlich grösser als deine und alle Boßheit. Surius 27. Sept. Die H. Büsserin Thais hat zur Erkanntnus ihrer selbsten, an statt des Beicht-Spiegel gehabt den Heil. Einsidler Paphnutius, die Egyptische Maria, den Zosimas; also kan mancher geistreicher Beichtvatter auch die Beicht-Kinder erleuchten, daß sie in die Erkanntnus ihrer selbsten, und demnach [819] aller ihrer verübten Bosheiten kommen, und mit Hugone a sancto Victore aufschreyen: O maculæ veteres! O maculæ fœdæ, & turpes! quid tam diu hæretis? abite, discedite, & ne præsumatis oculos dilecti offendere: Pfui alte, schändlich und stinckende Mackel, und Befleckung; wie lang, wie lang werd ich mich abscheulich machen, fort mit euch, verstellet mich nicht also, daß ich deme mißfalle, deme ich schuldig bin allweg zu gefallen. Die gewaltige Frau, von welcher die Sprüchwörter Salomonis erzählen, war eine genaue Erforscherin ihres Hauses, considerat semitas domus suæ, sie beobachtet alles, nicht allein ihr selbst eigenes, sondern auch der Zugehörigen Thun und Lassen, damit sie nicht etwan von eigner, noch von fremder Sünd, oder auch in Ermanglung des Gutens sträflich wurde: dermassen soll ein jeder, welcher beichten will, auf seines Hauses Schuldigkeit Achtung haben, alles cum debita & diligenti præmeditatione, wie der H. Tridentinische Kirchen-Rath erfordert, Sest. 14. Can. 7. mit nothwendiger, und beflissener Nachforschung das Gewissen erforschen. Geschiehet dieses, so ist deme, der mit solcher Vorbereitung beichtet, am jüngsten Tag kein strenges Gericht zu besorgen, sondern ridebit in novissimo die: an jenem Tag wird er lachen: Prov. 13. Tunc exultabunt ligna sylvarum a facie Domini. quoniam venit: quoniam venit judicare terram. Ps. 95. v. 11. als dann werden vor Freuden springen alle Bäum der Wälder vor dem Angesicht des HErren, dann er kommt, er kommt den Erdboden zu richten: nemlich die, welche in Wildnussen, und Einöden vor Zeiten, der Zeit aber in Clöstern, oder in abgesönderten Kämmerlein Buß gethan, sich recht zur Beicht erforschet: jene werden: in jenem letzten Richts-Tag im Angesicht des Richters frolocken, vor Freuden springen, und lachen. Tunc laus erit unicuique a Deo. 1. Cor. 3. Eines jeden Lob wird alsdann offenbar werden vor GOtt: ihre Sünden werden ihnen nicht vorgehalten, zur Schand, sondern ihr Buß wird gelobet werden, zur Freud, dieweilen sie sich selbsten durch Erforschung des Gewissens geurtheilet haben, werden sie nicht geurtheilet werden.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 817-820.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldsteig

Der Waldsteig

Der neurotische Tiberius Kneigt, ein Freund des Erzählers, begegnet auf einem Waldspaziergang einem Mädchen mit einem Korb voller Erdbeeren, die sie ihm nicht verkaufen will, ihm aber »einen ganz kleinen Teil derselben« schenkt. Die idyllische Liebesgeschichte schildert die Gesundung eines an Zwangsvorstellungen leidenden »Narren«, als dessen sexuelle Hemmungen sich lösen.

52 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon