4.

Wie Wilbaldus sich an ein verrůchten jungen hencket, welcher in gentzlich gegen seinem gesellen Fridbert in feintschafft beweget.

[13] Den halstarck, so Wilbaldo von seiner můter gegeben, hat er bald zů hertzen gefasset, seines zucht- unnd schůlmeisters straff und warnung wenig mer zů hertzen gefasset, also mit anderen üppigen knaben als mer geselschafft gehabt, davon dann sein gesell in grossen unmüt gefallen und die böß geselschafft understanden von im abzůlernen, insunders einem jungen, genant Lotarius, eines metzgers son; dann derselbig mer dann andre in aller boßheit geübt und erfaren was. So dann Fridbert sehen müßt, das sein brůder oder gesell mit disern ungezognen vogel gemeynsam hatte, so schwand im sein hertz in seinem leib vor grossem unmůt. Nun was Lottar ein freidiger und freveler junger, friß sich aller gůten stück, als; mit liegen, triegen, schlecken und stelen; und was er dann also überkommen möcht, was an der stet verspylet.

Eines tags begab sichs, das Fridbert seinen gesellen, der dann jetzund auff die zehen jar alters auff im hatt, bey im, dem Lottario, in einer tabern fand schlecken und spylen. Fridbert,[13] ein jungling oder knab von eylff jaren fast klůger und vernunfftiger sinn, fieng an den Lottarium zů straffen und sagt: ›Lotari, deinen namen thůst du gantz wol beweren; dann du mir mein liebsten brůder und gesellen auch understost zů deinem lotterwerck zů ziehen. Wann hat dein verwegen- und schalckeit dolest ein end? Wilt du nit gůt thůn, ach, so laß mir doch mein lieben brůder onverwent und onverfüret! Wo du aber je dich deiner boßheit nit massen wilt, so sag ich dir, das ich diß und alles meinem herr vatter und meiner frauw můter anzeigen will. Sodann wirst du deinen lon von ihn empfahen.‹

Lottarius, ein verwenter freveler junger, etwas stercker und krefftiger an glideren dann Fridbert, stund trotzlich gegen im auff und sagt: ›Ey du verwenter bawrenson, dessen vatter jederman wol erkennet, wie gern woltest du dich eines ritters son vergleichen, und der du umb gottes willen von herren Gottlieben auffgenummen bist, woltest dich jetzund seinen son nennen und schreiben lassen! Gang hinauß auff den meyerhoff zů deinem vatter! Den wurst du finden mit einem mistkropffen oder mit einer hewgabell; das seind seine ritterliche wafen, mit und in denen er sich zů aller zeit befleißt seiner ritterschafft, würt auch kein anderer adel von im gerümet; und stunde dir auch vil baß an, wann du dich nach deinem vatter artettest, dann das du also eines ritters son wilt genant sein. Ich sage dir auch, wo du mich mer mit sollichen trotzlichen worten wirst anfaren, wie du mir dann jetz gethon hast, dir sol nichts gůts von mir widerfaren. Demnach wiß dich zů halten!‹

Fridbert, der gůt jungeling, mit grossem kummer umbgeben ward, als er vernam, das ihm seines vatters schlecht herkummen von dem frevelen Lottario also schmechlich auffgerupffet ward, und er sich aber seines vatters nie hat verlougnet, fieng an mit zeherenden augen und demůtiger stimm zů reden: ›Ach mein lieber Lottary, meiner armůt hab ich mich nie beschambt, mich auch zů keiner zeit lassen edel schelten. Darumb ich aber meinen lieben herren einen vatter und mein liebe frawen eine můter genant, hab ich auß keiner verachtnüß meiner elteren gethon, hab auch kein hoffart darin[14] gebrauchet, wie mir dann söllichs von dir zůgemessen wirt. Gott wöll mir aber die genad geben, das ich umb alle die der gůthat vergelten müg, so mir widerfert, und sonderlich umb meinen lieben herren und fraw, die mich so schon und so lieblich erzogen hand. Aber du und alle die, so mir unverdient diß zůmessen, als wann ich mich eines andren herkummens rümet, dann wie ich von meniglichen geacht und auch wissentlich und worhafftig gehalten wird, werden sehen und erfaren in kurtzer zeit, das ir mir dis mit unrecht zůmessen.‹

Mit semlichen worten gieng Fridbert gar betrübt von dannen, gedacht im mancherley, weß er sich in solcher sachen halten wolt. Zůlest nam er im gentzlich für, seinen herren und frawen umb ein früntliches urlob anzůsprechen und witer an anderen orten sein heyl sůchen. Doch so fragt er zůforderist seinen zuchtmeister, wes er im darin zů rhaten, demselbigen wolt er auff das baldist nachkummen.

Als nun Fridbert von seinem gesellen und Lotario gegangen was, fieng der verrůcht und sehalckhafft jung Lothar mit Wilbaldo, des ritters son, an zů reden und sagt: ›Mein edler Wilbalde, was gibst du mir zů verehrung, das ich deinen widerwertigen angenummen brůder also mit meinen dapfferen worten und zornigen geberden von uns gejagt unnd vertriben hab? Fürwar du solt meinen worten gelauben: wirst du dich einmal disen bawrenson under sein joch bringen lassen, du kumst sein in ewigkeit nit mehr ab. Dir ist es nit loblich; dann du noch in zwey oder dryen jaren ein schöner junger manbarer edelmann erscheinen wirst, auff welichen menigklich ein auffsehens haben wirt, magst auch deines adels und geburt halben noch dahin kummen, an welche ort diser bawrenson nit dörfft gedencken. Deren ding du ungezweifelt gůt wissen treist. Darzů so sichstu, das dein herr vatter und dein fraw můter einen kleinen gefallen an dem haben, das dein zůchtmeister dir so hart ist, wie ich selb von dir verstanden. Dir mag an gůt, reichtum und ehren nit zerrinnen. Hab nur ein gůten můt! Ich will mich alzeit bey dir lassen finden; der dir leydes thůt, můß mich zůvor beleydigen. So mir dann beyd zů manbaren jaren kummen, wil ich dein diener sein, und was du mich heisest, gebütest, ermanest, soll zůstund von mir[15] erstattet werden. Dann in dein dienstbarkeit hab ich mich schon jetz ergeben. Gebeüt, heiß mich gleich jetz, was du von mir haben wirb! Du solt meine willige dienst erfaren. Ich beger mich dir nit gleich zů schetzen als einen brůder, wie dann diser baurenson understaht, sunder wil dir sein als ein gekauffter knecht. Das vertrauwen solt du zů mir haben jetz unnd zů allen zeiten‹.

Mit disen worten endet der schalck seine red. Der torecht jung edelmann verstund die sach nit, das ihm die zů solchem grossen nachteil reychen würd. Das zůsagen aber und versprechen des Lottars gefiel im auß der massen wol; dann er meinet sich schon ein juncker sein, wie dann gewonlich alle jungen geneigt seind, wo sie etwas gůts und rychtumb hinder in wissen. Darumb so fieng er an von disem tag sich fast wider Fridberten zů setzen, und wolte im gar nicht gefallen, was er anfing. Des im dann Fridbertus nit wenig unmůt und bekümerniß nam, also das er nit mehr frölich gesehen ward.

Des nam sein zuchtmeister, welcher dann ir beider zuchtmeister was, gantz fleisig war, stalt Fridberten darumb zů red; der im dann all ding zu wissen thet, was sich zwischen ihm und seinem lieben gesellen verlauffen hett. Felix der zuchtmeister sagt zů ihm: ›Mein lieber Fridberte, nicht laß dich semlichen unverstand deines gesellens krencken, laß dir auch die boßbeit Lottary nit angelegen sein! Dann ich hab mich vor lang beflissen deinen gesellen auff gůte und rechte ban zů bringen. Die liebe aber, so sein můter zů im treit, hat semliches fürkummen. Dann als ich in auff ein zeit freüntlich und ganz tugentlichen straffet, hat er das zůstund seiner frauw můter angezeigt; sie als ein liebe můter iren zart erzogenen son liebhabend, nit hat gestatten wöllen, im etwas unwürses zůzůreden und mich auch mit freüntlichen worten darfür gebetten, im semlichs zů erlassen. Also hab ich ihr gefolget und mich in solchem fal gemasset, ihn mit worten oder wereken zů straffen. Das magstu auch thůn, mein lieber Fridbert. Gedenck, was dir nutz sey, und hang nit böser geselschafft nach, biß in deiner lernung geflissen! So magstu noch zů hohem stand kummen onangsehen deiner nidrigen geburt.‹[16]

Auff sölliche wort antwort Fridbert: ›Wolan, muß ich dann meinen lieben gesellen also durch böse geselschaft sehen undergon, so můß mich immer reüwen, das ich an seines vatters tisch erzogen worden bin, und nit wie andere geschwistert in meines vatters armen heüßlein mein jungen tag herbracht hab. So wißt ich doch nit von sollicher kostlichkeit, sonder meynet, ich müßt also arm sein und bliben. Aber eh dann ich will mein liebsten gesellen in semlichem verderben sehen, eh will ich von meinem liebsten herren und frawen hinwegziehen, do man mich nit mehr erfaren soll.‹

Also mit weynenden augen endet er sein red. Mit lachendem mund Felix der zůchtmeister anfieng zů reden und sagt: ›Mein frummer Fridberte, nit nim die sach so schwerlich zů hertzen! Setz dir nit für, darumb dein vatter, můter, herren und frawen zů verlassen; gedenck und betracht mehr, wie du in deinem gůten anfang, so du hast, fürfaren mögest! Du hast zimlich und wol studiert, so du im anderst obligst. Darumb wöllest noch ein jar oder zwey gedult haben. Wo ich dann in läben bin, wil ich mit dir ziehen, war dein herz lustet. Wend die sach auch mit solcher bescheydenheit angreiffen, das wir freündtlich von unserem herren wöllend abscheiden. Sollichs mir und dir zů mererem lob reychen würt, dann wo du so heimlich on allen abscheid und urlob hinwegzuhest. So magstu auch an frembden orten mehr von unserem herren dann von dir selb gefurdert werden. So weiß ich auch, das er nimmermehr hand von dir wirt abziehen, wo du im anderst volgen wirst. Jedoch beflyß dich nichs desto weniger alle zeit noch bey inen zů sein, domit sie dannocht etlicher schalckeit sich maßgen! Wo anderst ein kleines fincklein der erbarkeit bey Wilbaldo glůnset, wirt es durch fleißige hůt etwann wider zů einem gůten feürlein mügen auffgon. Sodann er auch sehen unnd spüren wirt, das Lottarius mit so manigfeltigen lastern umbgeben und behangt ist, wirt im veilicht sein boßheit zůletst mißfallen und sich wider in zucht und scham begeben; so würt dann gewiß der scham nachfolgen ein ehrlich gemüt. Darumb, mein Fridberdt, vertrag die sachen noch ein zeitlang mit gedult! Wer weyßt, zeit wird rosen bringen. Frew dich aber zům allermeisten, das dir[17] gar kein schuld an disem üblen zůgemessen werden mag, es gerhat gleich wie das wöll.‹ Mit disen worten endet er sein red.

Fridbert nam urlob von seinem zuchtmeister, gieng mit bekummerten hertzen in einen lustgarten, den unfal seines brůders mit schmertzen bedencken. Solang es jetzund umb den nachtimbis ward, kam er nach seiner gewonheit, bereit die tisch und wartet also seines amptes mit gantzem fleiß und ernst. Als aber sein herr und frauw kamen das nachtmal zů volbringen, haben sie beidsamen nach irem son Wilbaldo geforschet; der aber nit vorhanden gewesen. Fridbert mit einem schweren seüftzen antwortet, er hette ihn bey Lotthario und seiner geselschafft verlassen; dann er in nit vermögt hett von in zů bringen. Deren wort ihm der ritter nit groß gefallen nam.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 13-18.
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