An die durchlauchtigste Herzogin Anna Amalia

[55] In der ersten Stunde des Jahrs 1783


Was hab ich, leider! ohne Frucht

an diesem Abend nicht versucht,

um, meiner Fürstin zu Preis und Ehren,

in dieser Gratulantenzeit

die dreimal drei Kastalische Dören

zu einem Liede zu beschwören?

Und weil die Musen sonder Streit

zur guten Geisterschar gehören,

die man (wie Doctor Obereit

und andre weise Männer lehren)

durch Anziehn nur gewinnen kann,

griff ich das Werk mit Räuchern an;

goß Storax und Borax, Musk und Mazis,

und Jusquiam und Aloës

und sieben andre Species

die Avicenna, Psellus und Razis

uns vorgeschrieben, auf Kohlenglut

in vollem Glauben und festem Mut,

die vorbesagten Kastalischen Feen

leibhaftig, alle drei zumal,[55]

vor meinem Pult erscheinen zu sehen.

Der Rauch stieg, wie zu Alpenhöhen

ein Nebel aus einem engen Tal,

in Wolken hoch zum Sternensaal

empor – Allein, bei allen Busen

der großen Diana zu Ephesus!

wer, mir zum bittersten Verdruß,

nicht kam – das waren meine Musen.


Itzt fing mir, wie ich sagen muß,

die Galle mächtig an zu sprudeln.

»Nein!« rief ich, in meinem Zorn, »beim Styx!

So sollen die Jungfern mich nicht hudeln!

Erscheinen sie nicht augenblicks,

mit einem demutsvollen Knicks

ihr bestes Lied mir vorzududeln:

so soll, ich schwörs beim Wunderzahn

des Obermeisters aller Affen,

beim großen Zaubrer Hanneman,

so soll Hans Faust mir Recht verschaffen!«

Wiewohl ich mit Herrn Urian

sonst auf dem besten Fuß nicht stehe,

und, weil er mir von Jugend an

schon manchen bösen Tück getan,

ihm sonst gern aus dem Wege gehe,

für diesmal bringt die Not mich dran.

Es schlägt schon Eins! Bald kräht der Hahn

und auch ein Blatt nur voll zu reimen

ist keine Minute zu versäumen.


Zwar muß ich bekennen, erlauchte Frau,

mir ward ein wenig grün und blau

vorm Auge, da ich den ersten Bogen

zum Zauberkreis um mich gezogen.

Allein nun war der Rubicon

passiert, und nennt mir den Haymons Sohn

dem nicht das Herz, wenn's Ernst gilt, schlottert!

Genug, ich stund in meinem Kreis[56]

und las – zwar freilich ein wenig leis –

(mit unter ward auch wohl gestottert)

mit hochemporgehaltnem Stab

den ganzen Höllenzwang herab,

durch den sonst, wie wir alle wissen,

die Geister unterm Monde stracks

auf allen Vieren, wie ein Dachs,

herangekrochen kommen müssen.

Allein, wo auch der Fehler gesteckt,

das Zauberwerk blieb ohne Effekt.

Zitieren kann jeder die Geister freilich;

doch, ob sie kommen wollen, das steht

bei ihnen! – »Unglücklicher Poet!

Ist dies dein Lohn? So lang und treulich

dienst du den Hexen vom Helikon

wohl sechs und dreißig Jahre schon

und drüber! Hast so treubeflissen

so manchen schönen Gänsekiel

in ihrem sauren Dienst zerbissen,

so manche Stanze gedreht, soviel

nach Reimen, wie Kakadus nach Nüssen,

und Baham nach Fliegen, haschen müssen,

und ach! so manches Ries Papier

für sie besudelt und zerrissen,

und das ist nun der Dank dafür!«


So rief ich mit gesenkten Ohren,

allein die Musen hörten's nicht;

und, Zauber, Rauchwerk, Öl und Licht

kurz, Malz und Hopfen war verloren!

Ja freilich im ganzen Heiligen Reich

ist diesen eigensinnigen Miezen

von alten zieraffischen Cantatrizen

kein Maid of Honour an Laune gleich.

Ich möchte wie Orlando rasen,

wenn ich bedenke, wie leicht es auch

den Mädchen war, mit Einem Hauch

die schönsten Verse mir einzublasen![57]

Nun sitz ich, sauge wie ein Gauch

am Daumen, ziehe mich bei der Nasen,

kratz hinterm Ohr, reib an der Stirne,

und strapaziere mein Gehirne

und melkte doch eher von einem Bock

den besten Wein aus Languedoc

als einen einzigen Fingerhut

voll Witz aus meinem Occiput.


Was nun zu machen? Allenfalls

gleich einem Schwan mit langem Hals

was am Gesange fehlt durch Heulen

ersetzen? Wir würden die Ehre zwar

Mit mancher zehnten Muse teilen:

doch scheint in solchen Fällen klar,

das Klügste sei zum Schlusse zu eilen;

denn Heulen quadriert doch nur auf Eulen,

und Persiflieren bringt Gefahr.

Drum wünsch ich ohne längeres Weilen

mit diesen treugemeinten Zeilen

Der Besten Fürstin zum neuen Jahr

Drei hundert Fünf und Sechzig Tage,

an denen von der ganzen Schar

der magern Sorgen keine nage:

auf jeden Tag an reinem Ertrage

stets volle vier und zwanzig Stunden

die Stunde zu Sechzig Minuten gezählt,

und jede Minute zu Sechzig Secunden,

und jede Secunde, daß keine fehlt,

von einem reinen Genuß beseelt,

mit etwas dessen man gerne sich wieder

erinnert wenn alles andre fehlt,

und frei von allem was Seel und Glieder

was Augen, Ohren und – Füße quält.


Im übrigen ist, zumal im Grünen

von Longus und von Lucian

als Kammerjunkern sich bedienen[58]

zu lassen, immer wohlgetan.

Zwar sind die Herren, an denen man

sich schon zweitausend Jahre zu Tode

gelesen, ein wenig aus der Mode;

doch immer für eine Episode

noch gut genug, und haben auch

vor andern edeln Kammertieren

die Tugend und den löblichen Brauch

die Fürsten nicht länger zu ennuyieren

als Ihnen selbst belieben mag.

Das übrige alles was dieser Tag

zu wünschen pflegt, sei den Najaden

Sylphiden, Dryaden und Oreaden

und allen den geistigen iden und aden,

die mit der Sublunarischen Welt

gern oder ungern sich beladen,

ins Werk zu setzen heimgestellt!

Wohl dem, dem Alles wie's ist gefällt!

Und so empfehl ich mich zu Gnaden.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 55-59.
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