Ode an Doris

[15] Erseufzte Stunde, da ich sie wiederseh,

Da sich ihr Arm mir zärtlich entgegenstreckt,

Stunde der süßen Freudenschauer,

Eil aus der Liebe Schoß hernieder.


Nur selten steiget eine der Seligen

Ätherschen Stunden, wie sie der Himmel lebt,

Nieder zur Erde, wo die Menschen,

Sich nicht bekannt, die Zeit verträumen.


Aber dich sendet, goldene Stunde, mir

Der Gottheit Tochter, die ich, von wenigen

Gehört, den Menschen sang, die Liebe,

Selber aus ihrer Schoß hernieder.


So schweben über Liebende Seraphim

Mit Zephyrsüßen Stunden der Freude hin,

So, wie ich dich genießen werde,

Fühlt dich der Jüngling jenes Erdballs;
[15]

Der dort im Meer unzählicher Sonnen schwimmt,

Von Glanz bedecket, keinem Cassin bemerkt,

Dir nur sichtbar, dem selbst Eloas

Wohnplatz die himmlische Muse zeigte.


Was werd ich fühlen? Doris, was fühlst du dann?

Was keine Zunge sterblicher Sänger spricht,

Was nicht die Seel in seinem Umfang

Denken kann, was sie entzückt nur fühlet!


Kaum wird sie glauben, wenn ihr das Auge sagt,

Daß du ihr nah seist, bis sie vor Freude stumm,

In Umarmungen sanft zerschmolzen,

Zärtlichste Seele, Dich gegenwärtig


Empfindet, bis die Schauer der Sympathie

Sie sanft durchdringen, daß von den Schauern dann

Jede Begierde bebt und fröhlich

Ihrer Geliebten entgegenwallet.


Was für Gedanken, was für Empfindungen,

Dem Mund unnennbar, redst du, o Auge, mir?

Himmlisches Aug, was vor Entzückung

Weinst du, mit Blicken der holden Liebe


Auf meine Wangen? Heiliger Augenblick,

Da ich zuerst dir, Freundin, entgegenkam!

Da ich dich liebte! Meines Glückes

Und dieser Stunde Quell sei gesegnet!


Wenn nun die Arme müd von Umarmungen

Sich ungern lassen, wenn sich die Seelen nun

Aus der Empfindungen süßem Taumel

Bebend erholen und um sich sehen,


Denn blickt ein Auge wundernd das andre an,

Das volle Herz strömt noch von den Lippen nicht,

Stumm, doch voll namenloser Freuden

Dankt dann der ernste Blick gen Himmel,
[16]

Lange verweilend; sinkt dann zurück und ruht

Auf dem geliebten Angesicht; jeder Blick,

Jede Miene, des Herzens Ausdruck

Wird der aufmerksamen Liebe sichtbar.


Dann kommt, Stunden, denen mein tränend Aug

So vielmals nachsah, da ihr geflohen wart,

Dann kommt ihr wieder, ihr der Weisheit

Ihr der Unsterblichkeit heilige Stunden.


Da wir von Gott, uns, oder der Tugend Glück,

Zärtlich besprachen, da wir Empfindungen

Zu Gedanken erhöhten, und Klopstock

Uns mit den Engeln vertrauter machte.


Da führt uns Bodmer hin in die erste Welt,

Wo er im Garten, den einst sein Milton sang,

Vor eine Eva, Drei voll Unschuld,

Jede Dir ähnlich, o Doris, zeiget.


Mit freiem Blicke sehn wir mit Addison

Ins Herz der Menschen, jeglichen Trieb spürt er

Aus seinen Höhlen aus, der Tugend

Herrschenden Wink verstehn zu lernen.


Die Weisheit, die so fremde den Weisen ist,

Die Young so göttlich sang, die der Ewigkeit

Uns leben lehret, zeigt uns Rowe

Menschlicher, schön wie sie selbst, in Bildern.


Sie selber sehn wir, wie sie am Frühlingsbach

Auf Blumen träumet, oder den Hain durchschweift,

Und in der einsamen Schatten Stille

Ihre Gedanken behorcht und sammlet.


Wenn sie erzählet, sehn wir mit Augen fast,

Wie Rosalinde, schön wie ein Maientag

Im Schäferkleide bei dem Jüngling,

Der in der Laube schlummert, still steht,
[17]

Ihn sanft erzitternd ansieht und zweiflend sinnt,

Ob er vielleicht nicht einer der Sylphen sei:

Hin gerne küßte, doch sonder Unruh

Bald ihn verläßt und oft zurücksieht.


So, Doris, eilen nicht nur an Küssen reich,

Vom Geist genossen, unsere Stunden weg.

Da, Freundin, da verschönt dein Antlitz

Denkender Ernst und Begier nach Weisheit.


Wenn deine Lippen mir, was dein Herz empfindt,

Was deine Seele denkt, die so himmlisch denkt,

Natürlich schön, in freier Anmut

Sagen, wenn jeder Gedank des Herzens


Aufrichtigs Bild ist, wenn ich der Augen Glanz

Nun nimmer sehe, wenn mich der schönste Mund

Nicht mehr zu küssen lockt, wenn jede

Leblose Schönheit vor mir verschwindet:


Da schaut die Seele, voll unaussprechlicher

Geistlicher Freuden, nur deine Seele an,

Sieht, wie in ihr das Bild des Schöpfers

Sich so seraphisch enthüllt und glänzet.


Schön ist der Schimmer, der um Auroren her

Aus Taugewölken nieder zur Erde fließt,

Wenn sich die Rosen ihm eröffnen

Und um ihn jeglicher Hügel aufblüht.


Schön ist des Mädchens redender Blick, wenn er

Die erste Liebe nimmer verhehlen kann

Und schon die Träne der Entzückung

Zitternd herauf ins Auge dringet.


Schöner als diese ist's, wenn ein blühend Kind,

Des Vaters Bildnis, sich, wie ein Liebesgott,

Um den Busen der holden Mutter,

Die ihm lächelt, voll Unschuld krümmet.
[18]

Aber noch schöner, nicht nur dem Auge schön,

Schön vor die Seele, reizend den Engeln selbst,

Ist die Seele, wenn ihre Triebe

Tugend und Harmonie beleben.


Das auszudrücken, was die uns fühlen lehrt,

Was sie vor Triebe in uns begeisternd zeigt,

Sind Arm und Lippen unvermögend.

Nur durch Gedanken und edler Taten


Zärtlichen Gleichlaut drückt es die Liebende

Der Freundin aus, die ihr mit antwortenden

Gleichedlen Handlungen dann sagen,

Daß sie sich ewig Lieben werden.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 15-19.
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