Elegie

[19] An Entzückungen leer und stillentfliehenden Seufzern

Süßer wallender Lust fließt du, mein Leben, dahin,

Leer an sympathetischen Schlägen im zärtlichen Busen,

Wenn nur ein liebendes Aug sich mit dem andern bespricht,

Schauert mein Herz durch einsame Tag, und suchet die Ruhe,

Die nur die Liebe gewährt, bei den Platonen umsonst.

Ach Sophie! ach himmlische Freundin, in kläglicher Ferne

Weinst du vielleicht auch itzt liebende Tränen mir zu!

Ach! du weinest vielleicht, dich sieht dein Engel nur weinen,

Sonst kein Sterblicher nicht! Ach Sophie, weinest du itzt,

Und ich soll nicht die Tränen den himmlischen Augen entküssen,

Und ich höre dich nicht, wenn Du beim Namen mich nennst!

Kläglich getrennt weint jedes und seufzt den Tagen entgegen,

Die uns die Zukunft mißgönnt, seufzt den entflohenen nach.

Stunden, wo seid ihr, da mich an ihrem Arme der Abend

Heitrer gegrüßt, da ihr Blick um und um Freuden erschuf,

Und von Ihrem sanfttönenden Munde die Harmonien

Mit gesenkten Flügeln lauschende Zephyr geschöpft?

Warum strömt ihr nicht mehr aus ihren begeisternden Augen

In mein erweitertes Herz süße Empfindungen hin?[19]

Warum fühl ich nicht mehr die stolzen Engelgedanken

Aus der erhabneren Brust schnell und unzählbar entfliehn?

Neue Gedanken, Geschöpfe der Lieb, in himmlischem Schimmer

Wie ein Maitag dem Schoß feuchter Auroren entsprießt.

Warum verlernst du mein Mund mit Seraphinen zu reden?

Warum lächelst du mir, himmlische Freude, nicht mehr?

Ach, Du bist mir geraubt, die Du mich leben gelehret,

Wie das Olympische Volk goldne Äonen durchlebt!

Ach, Du bist mir geraubt! Mit dir verließ mich die Freude

Und der Liebe Gefolg und die ätherische Ruh.

Kaum daß die Muse mich noch mit ihrer Gespielin besuchet,

Und die Leier mir nicht weinende Töne versagt.

Oft sinkt mein wünschendes Herz in träumrische Dämmrung, und siehet

Dein nachahmendes Bild vor sich und eilet ihm nach,

Wallt und bebt, als ob es in deine Umarmungen bebte,

An dein klopfendes Herz, doch Du umarmest mich nicht!

Denn erwach ich, der Schatten zerfließt in die Luft, denn entfließen

Tränen dem Aug, das bang hin in die Einsamkeit sieht.

Der du mein Klagen oft hörst, und die Augen voll suchender Blicke

Und das seufzende Herz hoch von den Wipfeln erblickst,

Oder aus silbernen Wolken, in deren lazurnem Schoße,

Ariel, dich oft mein dichtrisches Auge gesehn;

Siehst du auch itzt meine Tränen und wie am einöden Bache

Sich dein wehmütiger Freund unter den Tannen verliert;

O so höre mich an! Floß je dein himmlisches Herze,

Wenn es zwei Liebende sah, still in Entzückungen hin,

Strahlte dein Antlitz je heller, wenn ein unschuldiges Mädchen,

Das nie die Liebe gefühlt, stand, und ihr bebendes Herz

Und die errötende Wange besah und süßere Wünsche

Voll beliebter Unruh in sich sanft tönend vernahm,

Schöner errötet, und dann den redlichen Jüngling erblickte,

Der Sie die Liebe gelehrt, eh Sie die Liebe gekannt,

Schüchtern ihn ansah, und neue Gefühl im schlagenden Busen

Fühlt' und im Widerstehn, Liebe, dich siegend empfand;

Segnete jemals dein lächelndes Aug aus heiliger Stille[20]

Wenn mich Sophie umfing, unsern Empfindungen zu;

Brachtest du jemals in goldenen Schalen die Tränen der Hoffnung

Und der dankenden Brust stille Gebete vor Gott;

O so hör itzt, Ariel, mich um der menschlichen Freuden,

Die du oft beim Anblick unsrer Umarmung gefühlt!

Bringe Sie her, die mein Herze verlangt; du hast Sie begleitet,

Als Sie zuerst, unbewußt von mir geliebt zu sein, kam.

Ach! du warst's auch, der ihr, als ich der göttlichen weinte,

In die zärtliche Brust gleiche Bewegungen goß.

Bringe Sie mir entgegen, und wenn Sie nun nähert, so eile

Von der Göttlichen weg, die Du in Amorgestalt

Mit sanftwehenden Flügeln umgabst, und eile schnell schauernd,

Wie ein rauschender Nord goldene Ähren durchstürmt,

Vor ihr und rufe mich hin auf die Spur, die den eilenden Wagen,

Der dich, Sophie, mir bringt, schöner und festlich begrüßt.

Doch – verlasse Sie nicht! die sympathetische Liebe

Wird mich mit Göttergewalt schon zu der kommenden ziehn.

Bleibe bei ihr und schwebe zephyrisch mit fröhlichen Flügeln

Bald an der heitern Stirn meiner Geliebten dahin,

Bald um die Rosenwangen der Schönen Schwester, die würdig,

Ihre Schwester zu sein, blüht und Unsterblichen gleicht.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 19-21.
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