Drittes Kapitel
Beiträge zur abderitischen Litterargeschichte
Nachrichten von ihren ersten theatralischen Dichtern, Hyperbolus, Paraspasmus, Antiphilus und Thlaps

[252] Bei aller dieser anscheinenden Gleichgültigkeit, Toleranz, Apathie, Hidypathie, oder wie man's nehmen will, müssen wir uns die Abderiten gleichwohl nicht als Leute ohne allen Geschmack einbilden. Denn ihre fünf Sinnen hatten sie richtig und vollgezählt; und wiewohl ihnen, unter den angegebnen Umständen, Alles gut genug schmeckte: so deuchte sie doch, dieses oder jenes schmecke ihnen besser als ein andres; und so hatten sie denn ihre Lieblingsstücke und Lieblingsdichter so gut als andre Leute.


Damals, als ihnen der kleine Verdruß mit dem Arzt Hippokrates zustieß, waren unter einer ziemlichen Anzahl von Theaterdichtern, welche Handwerk davon machten – die Freiwilligen nicht gerechnet – vornehmlich zween im Besitz der höchsten Gunst des abderitischen Publicums. Der eine machte Tragödien und eine Art Stücke, die man itzt komische Opern nennt; der andere, Namens Thlaps, eine Art von Mitteldingen, wobei einem weder wohl noch weh geschah, wovon er der erste Erfinder war, und die deswegen nach seinem Namen Thlapsödien genennet wurden.


Der erste war eben der Hyperbolus, dessen schon zu Anfang dieser eben so wahrhaften als wahrscheinlichen Geschichte als des berühmtesten unter den abderitischen Dichtern erwähnt worden ist. Er hatte sich zwar auch in den übrigen Gattungen hervorgetan; die außerordentliche Parteilichkeit seiner Landsleute für ihn hatte ihm in allen den Preis zuerkannt; und eben dieser Vorzug erwarb ihm den hochtrabenden Zunamen Hyperbolus: denn von Haus aus nannte er sich Hegesias. Der Grund, warum dieser Mensch ein so besonderes Glück bei den Abderiten machte, war der natürlichste von der Welt – nämlich eben der, weswegen er und seine Werke an jedem andern Orte der Welt als in Abdera ausgepfiffen worden wären. Er war unter allen ihren Dichtern derjenige, in welchem der eigentliche Geist von Abdera, mit allen seinen Idiotismen und Abweichungen von den[252] schönern Formen, Proportionen und Lineamenten der Menschheit, am leibhaftesten wohnte – derjenige, mit dem alle übrigen am meisten sympathisierten – der immer alles just so machte, wie sie es auch gemacht haben würden – ihnen immer das Wort aus dem Munde nahm – immer das eigentliche Pünktchen traf, wo sie gekützelt sein wollten – mit einem Wort, der Dichter nach ihrem Sinn und Herzen; und das nicht etwa in Kraft eines außerordentlichen Scharfsinns, oder als ob er sich ein besonderes Studium daraus gemacht hätte, sondern lediglich, weil er unter allen seinen Brüdern im Marsyas am meisten – Abderit war. Bei ihm durfte man sich darauf verlassen, daß der Gesichtspunkt, woraus er eine Sache ansah, immer der schiefste war, woraus sie angesehen werden konnte; daß er zwischen zwei Dingen allemal die Ähnlichkeit just fand, wo ihr wesentlichster Unterschied lag; daß er je und allezeit feierlich aussehen würde, wo ein vernünftiger Mensch lacht, und lachen würde, wo es nur einem Abderiten einfallen kann zu lachen, u.s.w. Ein Mann, der des abderitischen Genius so voll war, konnte natürlicher Weise in Abdera alles sein, was er wollte. Auch war er ihr Anakreon, ihr Alcäus, ihr Pindar, ihr Aeschylus, ihr Aristophanes, und seit kurzem arbeitete er an einem großen Nationalheldengedicht in acht und vierzig Gesängen, die Abderiade genannt – zu großer Freude des ganzen abderitischen Volks! »Denn, sagten sie, ein Homer ist das einzige, was uns noch abgeht: und wenn Hyperbolus mit seiner Abderiade fertig sein wird, so haben wir Ilias und Odyssee in einem Stücke beisammen; und dann laß die andern Griechen kommen, und uns noch über die Achseln ansehen, wenn sie das Herz haben! Sie sollen uns dann einen Mann stellen, dem wir nicht einen aus unserm Mittel gegenüber stellen wollen!« –

Indessen war doch die Tragödie das eigentliche Fach des Hyperbolus. Er hatte deren hundert und zwanzig (vermutlich auch groß und klein in einander gerechnet) verfertiget – ein Umstand, der ihm bei einem Volke, das in allen Dingen nur auf Anzahl und körperlichen Umfang sah, allein schon einen außerordentlichen Vorzug geben mußte. Denn von allen seinen Nebenbuhlern hatte es keiner auch nur auf das Drittel dieser Zahl bringen können. Ungeachtet ihn die Abderiten wegen des Bombasts seiner Schreibart ihren Aeschylus zu nennen pflegten, so[253] wußte er sich selbst doch nicht wenig mit seiner Originalität. Man weise mir, sprach er, einen Charakter, einen Gedanken, ein Sentiment, einen Ausdruck, in allen meinen Werken, den ich aus einem andern genommen hätte! – oder aus der Natur, setzte Demokritus hinzu – »O! (rief Hyperbolus) was das betrifft, das kann ich Ihnen zugeben, ohne daß ich viel dabei verliere. Natur! Natur! die Herren klappern immer mit ihrer Natur, und wissen am Ende nicht was sie wollen. Die gemeine Natur – und die meinen Sie doch – gehört in die Komödie, ins Possenspiel, in die Thlapsödie, wenn Sie wollen! Aber die Tragödie muß über die Natur gehen, oder ich gebe nicht eine hohle Nuß darum.« Von den seinigen galt dies im vollesten Maß. So wie seine Personen hatte nie kein Mensch ausgesehen, nie kein Mensch gefühlt, gedacht, gesprochen noch gehandelt. Aber das wollten die Abderiten eben – und daher kam es auch, daß sie unter allen auswärtigen Dichtern am wenigsten aus dem Sophokles machten. »Wenn ich aufrichtig sagen soll, wie ich denke«, sagte einst Hyperbolus in einer vornehmen Gesellschaft, wo über diese Materie auf gut Abderitisch raisonniert wurde – »ich habe nie begreifen können, was an dem Oedipus oder an der Elektra des Sophokles, insonderheit was an seinem Philoktet so außerordentliches sein soll: Für einen Nachfolger eines so erhabnen Dichters wie Aeschylus, fällt er wahrlich gewaltig ab! Nun ja, attische Urbanität, die streit' ich ihm nicht ab! Urbanität so viel Sie wollen! Aber der Feuerstrom, die wetterleuchtenden Gedanken, die Donnerschläge, der hinreißende Wirbelwind – kurz, die Riesenstärke, der Adlersflug, der Löwengrimm, der Sturm und Drang, der den wahren tragischen Dichter macht, wo ist der?« – Das nenn' ich wie ein Meister von der Sache sprechen, sagte einer von der Gesellschaft – O! über solche Dinge verlassen Sie sich auf das Urteil des Hyperbolus (rief ein andrer); wenn er das nicht verstehen sollte! – Er hat 120 Tragödien gemacht, flüsterte eine Abderitin einem Fremden ins Ohr; 's ist der erste Theaterdichter von Abdera!

Indessen hatte es doch unter allen seinen Nebenbuhlern, Schülern und Caudatarien ihrer zweenen geglückt, ihn auf dem tragischen Thron, auf den ihm der allgemeine Beifall hinauf geschwungen, wanken zu machen – Dem einen durch ein Stück,[254] worin der Held gleich in der ersten Scene des ersten Acts seinen Vater ermordet, im zweiten seine leibliche Schwester heiratet, im dritten entdeckt, daß er sie mit seiner Mutter gezeugt hatte, im vierten sich selber Ohren und Nase abschneidet, und im fünften, nachdem er die Mutter vergiftet und die Schwester erdrosselt, von den Furien unter Blitz und Donner in die Hölle geholt wird – Dem andern durch eine Niobe, worin außer einer Menge Ω! Ω! Αι, Αι! Φευ, Φευ, und Ελελελελευ, und einigen Blasphemien, wobei den Zuhörern die Haare zu Berge standen, das ganze Stück in lauter Action und Pantomime gesetzt war. Beide Stücke hatten den erstaunlichsten Effect gemacht. – Nie waren binnen drei Stunden so viele Schnupftücher voll geweint worden, seit ein Abdera in der Welt war. Nein, es ist nicht zum Aushalten, schluchzten die schönen Abderitinnen – Der arme Prinz! wie er heulte! wie er sich herumwälzte! Und die Rede, die er hielt, da er sich die Nase abgeschnitten hatte, rief eine andere und die Furien, die Furien, schrie eine dritte – ich konnte vier Wochen lang kein Auge vor ihnen zutun – Es war schrecklich, ich muß es gestehen, sagte die vierte; aber, o! die Niobe! wie sie mitten unter ihren übereinander hergewälzten Kindern dasteht, sich die Haare ausrauft, sie über die dampfenden Leichen hinstreut, dann sich selbst auf sie hinwirft, sie wieder beleben möchte, dann in Verzweiflung wieder auffährt, die Augen wie feurige Räder im Kopf herumrollt, dann mit ihren eigenen Nägeln sich die Brust aufreißt, und Hände voll Bluts unter entsetzlichen Verwünschungen Himmel wirft – Nein, so was rührendes muß nie gesehen worden sein! Was das für ein Mann sein muß, der Paraspasmus, der Stärke genug hatte, so eine Scene aufs Theater zu bringen! – Nun, was die Stärke anbetrifft, sagte die schöne Salabanda, darauf läßt sich eben nicht immer so sicher schließen. Ich zweifle, ob Paraspasmus alles halten würde, was er zu versprechen scheint; große Prahler, schlechte Fechter. – Man kannte die schöne Salabanda für eine Frau, die so was nicht ohne guten Grund sagte – Dieser einzige Umstand brachte so viel zuwege, daß die Niobe des Paraspasmus bei der zweiten Vorstellung[255] nicht mehr die Hälfte der vorigen Wirkung tat; und der Dichter selbst konnte sich in der Folge nicht wieder von dem Schlag erholen, den ihm Salabanda durch ein einziges Wort in der Einbildungskraft der Abderitinnen gegeben hatte.

Indessen blieb ihm und seinem Freunde Antiphilus doch immer die Ehre, der Tragödie zu Abdera einen neuen Schwung gegeben zu haben, und die Erfinder zwoer neuer Gattungen, der grißgrammischen, und der pantomimischen, zu sein, in welchen den abderitischen Dichtern eine Laufbahn eröffnet wurde, wo es um so viel sichrer war, Lorbeern einzuernten, da im Grunde nichts leichters ist als – Kinder zu erschrecken, und seine Helden vor lauter Affect – gar nichts sagen zu lassen.

Wie aber die menschliche Unbeständigkeit sich auch an dem, was in seiner Neuheit noch so angenehm ist, gar bald ersättiget, so fingen auch die Abderiten bereits an, es überdrüssig zu werden, immer und alle Tage gar schön zu finden, was ihnen in der Tat schon lange gar wenig Vergnügen machte: als ein junger Dichter, Namens Thlaps, auf den Einfall kam, Stücke aufs Theater zu bringen, die weder Komödie noch Tragödie noch Posse, sondern eine Art von lebendigen abderitischen Familiengemälden wären; wo weder Helden noch Narren, sondern gute ehrliche hausgebackne Abderiten auftreten, ihren täglichen Stadt-, Markt-, Haus- und Familiengeschäften nachgehen, und vor einem löblichen Spectatorium gerade so handeln und sprechen sollten, als ob sie auf der Bühne zu Hause wären, und es sonst keine Leute in der Welt gäbe als sie. Man sieht, daß dies ungefähr die nämliche Gattung war, wodurch sich Menander in der Folge so viel Ruhm erwarb. Der Unterschied bestand bloß darin: daß er Athenienser und jener Abderiten auf die Bühne brachte; und daß er Menander, und jener Thlaps war. Allein da dieser Unterschied den Abderiten nichts vorschlug, oder vielmehr gerade zu Thlapsens Vorteil gereichte: so wurde sein erstes Stück52 in dieser Gattung mit einem Entzücken aufgenommen, wovon man noch kein Beispiel[256] gesehen hatte. Die ehrlichen Abderiten sahen sich selbst zum erstenmal auf der Schaubühne in puris Naturalibus, ohne Carricatur, ohne Stelzen, ohne Löwenhäute, Keulen, Scepter und Diademe, in ihren gewöhnlichen Hauskleidern, ihre gewöhnliche Sprache redend, nach ihrer angebornen eigentümlichen abderitischen Art und Weise leiben und leben, essen und trinken, freien und sich freien lassen, u.s.w. und das war eben was ihnen so viel Vergnügen machte. Es ging ihnen wie einem jungen Mädchen, das sich zum erstenmal in einem Spiegel sehen würde; sie konnten's gar nicht genug kriegen. Die vierfache Braut wurde vierzehnmal hinter einander gespielt, und eine lange Zeit wollten die Abderiten nichts als Thlapsödien sehen. Thlaps, dem es nicht so fix von der Faust ging als dem großen Hyperbolus und dem Nomophylax Gryllus, konnte deren nicht genug fertig kriegen. Aber da er seinen Mitbrüdern einmal den Ton angegeben hatte, so fehlte es ihm nicht an Nachahmern. Alles legte sich auf die neue Gattung; und in weniger als drei Jahren waren alle mögliche Süjets und Titel von Thlapsödien so erschöpft, daß es wirklich ein Jammer war, die Not der armen Dichter zu sehen, wie sie druckten und schwitzten, um aus dem Schwamme, den schon so viele vor ihnen ausgedruckt hatten, noch einen Tropfen trübes Wasser herauszupressen.

Die natürliche Folge davon war, daß unvermerkt alle Dinge wieder ins gehörige Gleichgewicht kamen. Die Abderiten, die, nach ziemlich allgemeiner menschlicher Weise, Anfangs für jede Gattung eine ausschließende Neigung faßten, fanden endlich, daß es nur desto besser sei, wenn sie dem Überdruß durch Abwechslung und Mannigfaltigkeit wehren konnten. Die Tragödien, gemeine, grißgrammische und pantomimische, die Komödien, Operetten und Possenspiele kamen wieder in Umlauf; der Nomophylax componierte die Tragödien des Euripides; und Hyperbolus (zumal da ihn das Project, abderitischer Homer zu werden, im Kopfe stak,) ließ sichs, weil's doch nicht zu ändern war, am Ende gerne gefallen, die höchste Gunst des abderitischen Parterre mit Thlapsen zu teilen; zumal, da dieser durch die Heirat mit der Nichte eines Oberzunftmeisters seit kurzem eine wichtige Person geworden war.[257]

52

Es nannte sich Eugamia, oder die vierfache Braut. Eugamia war von ihrem Vater an einen, von der Mutter an den andern, und von einer Tante, an deren Erbschaft ihr gelegen war, an den dritten Mann versprochen worden. Am Ende kam heraus, daß das voreilige Mädchen sich selbst in aller Stille bereits an einen vierten verschenkt hatte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 2, München 1964 ff., S. 252-258.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geschichte der Abderiten
C. M. Wielands sämtliche Werke: Band XX. Geschichte der Abderiten, Teil 2
C. M. Wielands sämtliche Werke: Band XIX. Geschichte der Abderiten, Teil 1
Geschichte Der Abderiten (1-2)
Geschichte Der Abderiten
Geschichte Der Abderiten (2)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon