Zweites Buch

[342] Was, beim Anubis! konnte das

Für eine Stellung sein, in welcher Phanias

Die beiden Weisen angetroffen?

»Sie lagen doch – wir wollen bessers hoffen! –

Nicht süßen Weines voll im Gras?«

Dies nicht. – »So ritten sie vielleicht auf Steckenpferden?«

Das könnte noch entschuldigt werden;

Plutarchus rühmt sogar es an Agesilas.1

Doch von so feirlichen Gesichtern, als sie waren,

Vermutet sich nichts weniger als das,

Ihr Zeitvertreib war in der Tat kein Spaß;

Denn, kurz, sie hatten sich einander bei den Haaren.


Der nervige Kleanth war im Begriff, ein Knie

Dem Gegner auf die Brust zu setzen,

Der, unter ihn gekrümmt, für die Philosophie,

Die keine Bohnen ißt,2 die Haare ließ; als sie

In ihrem Skythischen Ergetzen

Des Hausherrn Ankunft stört. Beschämt, als hätte ihn

Sein Feind bei einer Tat, die keine fremde Leute

Zu Zeugen nimmt, ertappt, zum Stehn wie zum Entfliehn[342]

Unschlüssig, wünscht er nur dem Gast an seiner Seite

Ein Schauspiel zu entziehn, das Sie weit mehr erfreute

Als von Menandern selbst (dem Attischen Goldon)

Das beste Stück. Allein sie waren schon

Zu nah, sie sah zu gut, der Schauplatz war zu offen,

Er konnte nicht sie zu bereden hoffen

Sie habe nichts gesehn. Die Kämpfer raffen sich

Indessen auf; sie ziehen sittsamlich

Die Mäntel um sich her, und stehen da und sinnen

(Weil Phanias, damit sie Zeit gewinnen,

Die Nymph am Arm, nur schleichend näher kam)

Der Schmach sich selbst bewußter Scham

Durch dialektische Mäander zu entrinnen.

Vergebens, wenn Musarion

Großmütig ihnen nicht zuvor gekommen wäre.

»Die Herren üben sich«, spricht mit gelaßnem Ton

Die Spötterin, »vermutlich nach der Lehre,

Daß Leibesübung auch des Geistes Stärke nähre.

Ein männlich Spiel fürwahr! wovon

Mit bestem Recht zu wünschen wäre,

Daß unsrer Sitten Weichlichkeit

Nicht allgemach es aus der Mode brächte.«


Man sieht, sie gab dem wilden Stiergefechte

Ein Kolorit von Wohlanständigkeit

(Nicht ohne Absicht zwar). – Wer war dabei so freudig

Als Phanias! – Allein der stoische Kleanth

(Zu hitzig oder ungeschmeidig

Zu fühlen, daß es bloß in seiner Willkür stand

Das Kompliment in vollem Ernst zu nehmen)

Zwang seinen Schüler sich noch mehr für ihn zu schämen.

Der Augenblick, worin Musarion

Ihn überfiel, ihr Blick, der schalkhaft sanfte Ton

Der Ironie, und (was noch zehnmal schlimmer

Als alles andre war) ihr ungewohnter Schimmer,

Die Majestät der Liebeskönigin,

Das Wollustatmende, das eine Atmosphäre

Von Reiz und Lust um sie zu machen schien,[343]

Bestürmt auf einmal, für die Ehre

Der Apathie 3 zu stark, den überraschten Sinn.

Er stottert ihr Entschuldigungen,

Zupft sich am Bart, zieht stets den Mantel enger an,

Und unterdes entwischt dem weisen Mann

Was niemand wissen will, – er hab im Ernst gerungen.

Der Streit, versichert er, ging eine Wahrheit an,

Die er so sonnenklar, so scharf beweisen kann,

Nur ein Arkadisch Tier, ein Strauß, ein Auerhahn –

Hier rötet sich sein Kamm, es schwellen Brust und Lungen,

Er schreit – Mich jammert nur der arme Phanias!

Bald lauter Glut, bald leichenmäßig blaß,

Steht er beiseits und wünscht vom Boden sich verschlungen

Worauf er steht. – Die Schöne sieht's, und eilt

Ihn von der Marter zu erretten.

Mit einem Blick voll junger Amoretten

Und Grazien, der stracks an unsichtbare Ketten

Kleanthens Tollheit legt, Theophrons Rippen heilt,

Spricht sie: »Wenn's euch beliebt, so machen wir die Fragen,

Wovon die Rede war, zu unserm Tischkonfekt;

Ich zög ein solch Gespräch, sogar bei leerem Magen,

Der Tafel vor, die Ganymedes deckt.

Wie freu ich mich, daß ich den Weg verloren,

Da mir das Glück so viel Vergnügen zugedacht!

Glückselger Phanias, der Freunde sich erkoren,

Von denen schon der Anblick weiser macht!

Jetzt wundert mich nicht mehr, wenn er zum Spott der Toren

Mitleidig lächeln kann, und, glücklich, wie er ist,

Athen und uns und alle Welt vergißt! «


So sprach sie; und mit Ohren und mit Augen

Verschlingt das weise Paar was diese Muse spricht:

Begierger kann die welke Rose nicht

Den Abendtau aus Zephyrs Lippen saugen.

Zusehends schwellen sie von selbst-bewußtem Wert:

Nicht, daß ein fremdes Lob sie dessen erst belehrt;

Nur hört man stets mit Wohlgefallen

Aus andrer Mund das Urteil widerhallen,[344]

Womit uns innerlich die Eitelkeit beehrt.

Ein Philosoph bleibt doch uns andern allen

Im Grunde gleich; wär er so stoisch als ein Stein,

Und hätte nichts die Ehr ihm zu gefallen,

Er selbst gefällt sich doch! Schmaucht ihn mit Weihrauch ein,

Und seid gewiß, er wird erkenntlich sein.

Es stieg demnach von Grad zu Grade

Der Schönen Gunst bei unserm Weisenpaar;

Ihr lachend Auge fand selbst vor der Stoa Gnade,

Und man vergab es ihr, daß sie so reizend war.


Ein kleiner Saal, der von des Hauswirts Schätzen

Kein allzu günstig Zeugnis gab,

Nahm die Gesellschaft auf Ein ungekämmter Knab

Erschien, die Tafel aufzusetzen,

Lief keuchend hin und her, und hatte viel zu tun

Bis er ein Mahl zu Stande brachte,

Wovon ein wohlbetagtes Huhn

(Doch nicht, der Regel nach, die Catius erdachte,4

In Cypernwein erstickt) die beste Schüssel machte.


Ob die Philosophie des guten Phanias

Der schönen Nymphe gegen über

Bei einem solchen Schmaus so gar gemächlich saß,

Läßt man dem Leser selbst zu untersuchen über.

Ein wenig falsche Scham, von der er noch nicht ganz

Sich los gemacht, schien ihn vor einem Zeugen

Von seines vorgen Wohlstands Glanz

Ein wenig mehr als nötig war zu beugen.

Allein der Dame Witz, die freie Munterkeit,

Die was sie spricht und tut mit Grazie bestreut,

Und dann und wann ein Blick voll Zärtlichkeit,

Den sie, als ob sie sich vergäß, erst auf ihn heftet,

Dann seitwärts glitschen läßt, entkräftet

Den Unmut bald, der seine Stirne kräust;

Stets schwächer widersteht sein Herz dem süßen Triebe,

Und, eh er sich's versieht, beweist

Sein ganzes Wesen schon den stillen Sieg der Liebe.
[345]

Indessen wird, so sichtbar als es war,

Den beiden Weisen doch davon nichts offenbar,

Ob sie die Schöne gleich mit großen Augen messen.

Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht;

Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Doch sind die unsrigen entschuldigt; denn indessen

Daß Phanias ein liebliches Vergessen

Von allem, was sein steifer Pädagog

Ihm jemals vorgeprahlt, aus schönen Augen sog,

War auf Musarions Verlangen

Das akademische Gefecht schon angegangen,

Womit sie etwas sich zu gut zu tun beschloß.

Kleanth bewies bereits: »Der Weise nur sei groß

Und frei, geringer kaum ein wenig

Als Jupiter, ein Krösus, ein Adon,

Ein Herkules, und zehnmal mehr ein König

Auf mürbem Stroh als Xerxes auf dem Thron,

Des Weisen Eigentum, die Tugend, ganz alleine

Sei wahres Gut, und nichts von allem dem

Was unsern Sinnen reizend scheine

Sei wünschenswürdig« – Kurz, die Wut für sein System

Ging weit genug, ganz trotzig, ohne Röte,

Zu prahlen: »Wenn in Cypriens Figur

Die Wollust selbst leibhaftig vor ihn träte,

Schön, wie die Göttin sich dem Sohn der Myrrha5 nur

Bei Mondschein sehen ließ, – und diese Venus böte

Auf seinem Stroh ihm ihre schöne Brust

Zum Polster an – ein Mann wie Er verschmähte

Den süßen Tausch.« –


Hier war es, wo die Lust

Des Widerspruchs Theophron sich nicht länger

Versagen kann – ein Mann von krausem schwarzem Bart

Und Augen voller Glut, kein übler Sänger

Und Citharist, dabei ein Grillenfänger

So gut als jener, nur von einer andern Art.

»Das geht zu weit, (fiel er Kleanthen in die Rede)

Zum mindsten führet es gar leicht zu Mißverstand.[346]

Nicht daß ich hier das Wort der Wollust rede

Im gröbern Sinn! Die ist unleugbar eitel Tand

Und Schaum und Dunst, ein Kinderspiel für blöde

Unreife Seelen, die mit ihren Flügeln noch

Im Schlamm des trüben Stoffes stecken.6

Doch sollt uns nicht die Nektartraube schmecken,

Weil ein Insekt auf ihrem Purpur kroch?

Der Mißbrauch darf nicht unser Urteil leiten:

Alt ist der Spruch, zu selten sein Gebrauch!

Saugt nicht auf gleichem Rosenstrauch

Die Raupe Gift, die Biene Süßigkeiten?«


Begeistert wie ein Korybant,

Und von Musarion die Augen unverwandt,

Fing jetzt Theophron an, in dichterischen Tönen,

Vom Ersten Wesentlichen Schönen

Zu schwärmen: »Wie das alles, was wir sehn

Und durch der Sinne Dienst mit unsrer Seele gatten,

Von dem, was übersinnlich schön

Und göttlich ist, nur wesenlose Schatten,

Nur Bilder sind, wie wenn in stiller Flut,

Von Büschen eingefaßt, sich Sommerwolken malen.«

Von da erhob er sich, bei immer wärmerm Blut,

Zu den geheimnisvollen Zahlen,

Zur sphärischen Musik, zum unsichtbaren Licht,

Zuletzt zum Quell des Lichts. – Ekstatischer hat nicht,

Wie aus der alten Nacht die schöne Welt entsprungen,

Und von Deukalion, und von der goldnen Zeit,

Virgils Silen den Knaben vorgesungen

Die ihn im Schlaf erhascht und zum Gesang gezwungen.


Dann fuhr er fort, und sprach vom Tod der Sinnlichkeit,

Und wie durch magische geheime Reinigungen

Die See und nach und nach vom Stoffe sich befreit,

Und wie sie, durch Enthaltsamkeit

Von Erdetöchtern und – von Bohnen,

Zum Umgang tüchtig wird mit Göttern und Dämonen.

Bis sie (dem Wurme gleich, der in die Sommerluft[347]

Auf neuen Flügeln sich erhebet)

Dem Stoff sich ganz entreißt und ihres Körpers Gruft,

Zur Göttin wird und unter Göttern lebet.


Belustigt an dem hohen Schwung,

Den unser Doktor nahm, stellt sich die schlaue Schöne,

Als ob vor Hörenslust und vor Bewunderung

Ihr Busen sich in seinen Fesseln dehne.

Zum Unglück für den Mann, der lauter Wunder spricht,

Entsteht dadurch (und sie bemerkt es nicht)

Ich weiß nicht welche kleine Lücke,

Die seinen Flug auf einmal unterbricht;

Und wie zuletzt die Richtung seiner Blicke

Ihr sichtbar macht was ihn zerstreut,

Und sie beschäftigt scheint den Zufall zu verbessern,

Hat sie die Ungeschicklichkeit,

(Wofern's nicht Bosheit war) das Übel zu vergrößern.


Der Umstand ist an sich nur eine Kleinigkeit;

Doch wird vielleicht die Folge zeigen

Daß er entscheidend war. Es folgt ein tiefes Schweigen,

Wobei Kleanth sogar das volle Glas,

Und, was kaum glaublich ist, die Lust zum Zank vergaß;

Indes, vertieft in Sinus und Tangenten,

Der Jünger des Pythagoras

Den wallenden Kontur7 gewisser Sphären maß,

Woran die Lambert selbst sich übermessen könnten;

Vor Amorn unbesorgt, der hier zu lauern pflegt,

Und schon den schärfsten Pfeil aus seinen Bogen legt.


Mit lächelnder Verachtung sieht die Dame

Das weise Paar, mit seinem Flitterkrame

Von falschen Tugenden und großen Wörtern, an;

Und eh die Herren sich's versahn,

Weiß sie mit guter Art den unbescheidnen Blicken,

Was ihres gleichen zu entzücken

Die Chartinnen nicht mit eigner Hand

So schön gedreht, auf einmal zu entrücken;

Und alles sinkt sogleich in seinen alten Stand.
[348]

Drauf sprach sie: »In der Tat, man kann nichts schöners hören,

Als was Theophron uns von unsichtbarem Licht,

Von Eins und Zwei, von musikalschen Sphären,

Vom Tod der Sinnlichkeit und von Vergöttrung spricht.

Wie schade, wär es nur ein schönes Luftgesicht

Wornach er uns die Lippen wässern machte!

Und doch, der Weg zu diesem stolzen Glück

Ist, deucht mir, das, woran er nicht gedachte?«


Theophron, noch ganz warm von dem was seinem Blick

Entzogen war, und voll von wollustreichen Bildern,

Beginnt den Weg, den Prodikus so schmal

Und rauh und dornig malt,8 so angenehm zu schildern,

So lachend wie ein Rosental

Zu Amathunt, dem Aufenthalt der Freuden.

Ein Sybarit, der einen Weg aus beiden

Zu wählen hätt, erwählte sonder Müh

Den blumigen, den die Philosophie

Theophrons ging, – durch zauberische Schatten,

Wo Geist und Körper sich, bei ungewissem Licht,

In schöne Ungeheuer gatten,

Und Amor, nicht der kleine Bösewicht

Den Coypel malt, ein andrer von Ideen,

Wie der zu Gnid von Grazien, umschwebt,

Ein Amor, der vom Haupt bis zu den Zehen

Voll Augen ist und nur vom Anschaun lebt,

Der Seele Führer wird, sie in die Wolken hebt,

Und, wenn er sie zuvor – in einem kleinen Bade

Von Flammen – wohl gereinigt und gefegt,

Sie stufenweis durch die gestirnten Pfade

Bis in den Schoß des höchsten Schönen trägt.


Doch eh zu so erhabner Liebe

Die Seele leicht genug sich fühlt,

Befreit Theophron sie vorher von jedem Triebe,

Der tierisch im Morast des groben Stoffes wühlt.

»Und hier ist's,« fährt er fort, »wo unsre Afterweisen

Ein falsches Licht verführt. Die guten Leute preisen[349]

Uns ihre Apathie als ein Geheimnis an,

Das uns zu mehr als Göttern machen kann.9

Nach ihnen soll der Weise alles meiden

Was Aug und Ohr ergetzt; so kleine Kinderfreuden

Sind ihm zu tändelhaft; stets in sich selbst gekehrt

Beweist er sich allein durch das was er entbehrt

Die Größe seines Glücks, fühlt nichts, um nichts zu leiden,

Und – irret sehr. Das Schöne kann allein

Der Gegenstand von unsrer Liebe sein;

Die große Kunst ist nur, vom Stoff es abzuscheiden.

Der Weise fühlt. Dies bleibt ihm stets gemein

Mit allen andern Erdensöhnen:

Doch diese stürzen sich, vom körperlichen Schönen

Geblendet, in den Schlamm der Sinnlichkeit hinein,

Indessen wir daran, als einem Widerschein,

Ins Urbild selbst zu schauen uns gewöhnen.

Dies ist's, was ein Adept in allem Schönen sieht,

Was in der Sonn ihm strahlt und in der Rose blüht.

Der Sinnensklave klebt, wie Vögel an der Stange,

An einem Lilienhals, an einer Rosenwange;

Der Weise sieht und liebt im Schönen der Natur

Vom Unvergänglichen die abgedrückte Spur.

Der Seele Fittich wächst in diesen geistgen Strahlen,

Die, aus dem Ursprungsquell des Lichts

Ergossen, die Natur bis an den Rand des Nichts

Mit fern nachahmenden nicht eignen Farben malen.

Sie wächst, entfaltet sich, wagt immer höhern Flug,

Und trinkt aus reinern Wollustbächen;

Ihr tut nichts Sterbliches genug,

Ja, Götterlust kann einen Durst nicht schwächen

Den nur die Quelle stillt. So, meine Freunde, wird,

Was andre Sterbliche, aus Mangel

Der höhern Scheidekunst, gleich einer Flieg am Angel,

Zu süßem Untergange kirrt,

So wird es für den echten Weisen

Ein Flügelpferd zu überirdschen Reisen.[350]

Auch die Musik, so roh und mangelhaft

Sie unterm Monde bleibt – denn, ihrer Zauberkraft

Sich recht vollkommen zu belehren,

Muß man, wie Scipio, die Sphären

(Zum wenigsten im Traume) singen hören10

Auch die Musik bezähmt die wilde Leidenschaft,

Verfeinert das Gefühl, und schwellt die Seelenflügel;

Sie stillt den Kummer, heilt die Milzsucht aus dem Grund,

Und wirkt (zumal aus einem schönen Mund)

Mehr Wunderding als Salomonis Siegel.«


Hier kann Kleanth nicht länger ruhn,

Er muß, vom Wahrheitsdrang gezwungen,

Der Schwärmerei des Mannes Einhalt tun;

Denn alles was Theophron uns gesungen,

War, seinem Urteil nach, vollkommner Aberwitz.

Schon richtet er auf seinem Polstersitz,

Den rechten Arm entblößt, die Stirn in stolzen Falten,

Sich drohend auf, und hat, noch eh er spricht,

Den leichten Sieg bereits erhalten;

Als ihn ein Auftritt unterbricht,

Auf den das weise Paar sich nicht gefaßt gehalten.


Der Saal eröffnet sich, und eine Nymphe tritt

Herein, das Haupt mit einem Korb beladen,

Den Busen leicht verhüllt, und gleich den Oreaden

So hoch geschürzt, daß jeder schnelle Schritt

Den schlanken Fuß bis an die feinsten Waden,

Und oft sogar ein Knie von Wachs entdeckt,

Das eilend wieder sich im dünnen Flor versteckt.

Nicht schöner malt die Heben und Auroren

Alban, der wie ihr wißt, so gerne Nymphen malt.

Mit Einem Wort, sie war so auserkoren,

Daß unser Theosoph (beim ersten Blick verloren

Im Widerschein, der ihm entgegen strahlt)

Die Düfte nicht empfindt, die aus dem Korbe steigen,

Und die Kleanth mit Mund und Nase in sich schlürft.

Musarion, die sich den Ausgang schon entwirft,[351]

Winkt ihrem Freund ein Pythagorsches Schweigen,

Indes den Korb die schöne Sklavin leert,

Und mit sechs großen Nektarkrügen,

(Genug von einem Faun den Weindurst zu besiegen)

Mit Früchten und Konfekt den runden Tisch beschwert.


»Die Herren (spricht hierauf die Schöne) haben beide

Mich wechselsweise, so wie jeder sprach, bekehrt:

Wie sehr ich auch das Glück der Apathie beneide,

So deucht mich doch die geistge Augenweide,

Die uns Theophron zeigt, nicht minder wünschenswert.

Erlaubet, daß ich mich ein andermal entscheide.

Es sei der Rest der Nacht, die mich so viel gelehrt,

Den Musen heilig und der Freude!

Nimm, Phanias, die Schal, und gieß sie aus

Der himmlisch lächelnden Cytheren;

Und du, Theophron, gib uns einen Ohrenschmaus,

Und laß zum Saitenspiel uns deine Stimme hören.«


Das leichte philosophsche Mahl

Verwandelt nun (Dank sei der Oreade,

Die Hebens Dienste tut) durch unbemerkte Grade

Sich in ein kleines Bacchanal.

Zwar läßt zum Lob des unsichtbaren Schönen

Der bärtige Apoll das ganze Haus ertönen;

Allein sein Blick, der nie von Chloens Busen weicht,

Beweist, wie wenig was er fühlet

Dem was er singt, und einer Rolle gleicht,

Die auch der künstlichste Komödiant so leicht

Und ungezwungen nie, wie seine eigne, spielet.

Die lose Sklavin hilft des Weisen Lüsternheit

Durch listige Geschäftigkeit

Mit jedem Augenblick lebhafter anzufachen;

Stets ist sie um ihn her, und macht sich tausend Sachen

Mit ihm zu tun, in immer hellerm Glanz

Die Reizungen ihm vorzuspiegeln,

Die nur zu sehr die Seel in ihm beflügeln

Die unterm Zwerchfell thront.11 Ein großer Blumenkranz,[352]

Womit sie seine Stirne schmücket,

Vollendet was ihm fehlt, damit wer ihn erblicket,

Wie er den Zärtlichen und Angenehmen macht,

Fast überlaut ihm an die Nase lacht.


Wie traurig, Phanias, siehst du die schönste Nacht,

Dir ungenützt, bei diesem Spiel verstreichen!

Er gähnt die Freundin kläglich an,

Er winkt, er seufzt: umsonst, sie folget ihrem Plan,

Und denkt vielleicht nicht weniger daran

Ihn mit dem seinen zu vergleichen.


Zu ihrer Freude bringt der schlauen Chloe Kunst

Den schlüpfrigen Pythagoräer

Dem abgeredten Ziel zusehends immer näher.

Er buhlt durch Blicke schon um ihre Gegengunst

So feierlich, antwortet ihren Blicken

Mit so fanatischem, so komischem Entzücken,

Daß Hogarths Laune selbst kaum weiter gehen kann.

Wozu, Verführerin, bietst du den Nektarbecher

Dem Lechzenden so zaubrisch lächelnd an?

Sein Brand bedarf kein Öl! Nimm lieber einen Fächer,

Und kühle seinen Mund und seiner Wangen Glut!

Wohnt so viel Grausamkeit in sanften Mädchenseelen?

Glaubt ihr, ein weiser Mann sei nicht von Fleisch und Blut?

Doch Chloe weiß vermutlich was sie tut;

Sie hat die Miene nicht, ihn unbelohnt zu quälen.


Nicht wenig stolz auf sein gefrornes Blut,

Beweist indes mit hoch empor geworfner Nase

Kleanth, der Stoiker, bei oft gefülltem Glase,

Daß Schmerz kein Übel sei, und Sinnenlust kein Gut.

Ihm hängt, wie dort Horaz, dem trägen

Lastbaren Tiere gleich, sein Lehrling, weil er muß

Verzweiflungsvoll ein schläfrig Ohr entgegen,12

Und widerspricht zuletzt aus Langweil und Verdruß.

Natürlich reizet dies noch mehr des Weisen Galle;

Im Eifer schenkt er sich nur desto öfter ein,[353]

Glaubt, daß er Wasser trinkt, nicht Wein,

Und demonstriert den Aristipp, und alle

Die seiner Gattung sind, in Circens Stall hinein.


Sein Eifer für den Lieblingssatz der Halle,13

Durch jeden Widerspruch und jedes Glas vermehrt,

Hat von sechs Flaschen schon die dritte ausgeleert;

Als der Planetentanz,14 womit der Geisterseher

Die Damen zum Beschluß ergetzt,

Ihn vollends ganz in Flammen setzt.

Nun wird nichts mehr verschont: Ägypter und Chaldäer15

Erfahren seine Wut, wie Er des Weingotts Macht;

Und eh der Tänzer noch uns von den Antipoden

Den Gott des Lichts zurück gebracht,

Fällt taumelnd sein Rival und liegt besiegt zu Boden.


Der dritte Akt des Lustspiels schließt sich nun,

Und alles sehnet sich, den Rest der Nacht zu ruhn.

Kleanth, der, wie er lag, Virgils Silenen

Nicht übel glich, (nur daß er nicht erwacht,

So sehr ihn Chloe zwickt, so laut man um ihn lacht)

Wird standsgemäß, umtanzt von beiden Schönen,

Mit Bacchischem Triumph in – einen Stall gebracht,

Und lachend wünschet man einander gute Nacht.

1

An Agesilas – Der Reim muß die kleine Freiheit entschuldigen, daß der Name Agesilaus hier in Französischer Gestalt erscheint. Dieser berühmte Spartanische König war ein so gefälliger Vater, daß er einsmals von einem seiner Freunde überrascht wurde, da er mit seinen Kindern auf dem Steckenpferde herum trabte. »Sage ja niemanden nichts davon«, sagte Agesilaus zu ihm, »bis du selbst Vater bist«.

2

Die Philosophie, die keine Bohnen ißt. – Die Pythagorische. Das Verbot ihres Meisters, sich der Bohnen zu enthalten, (über dessen wahren Grund schon viel vergebliches geschrieben worden ist) wurde von den ersten Pythagoräern so heilig beobachtet, und so weit getrieben, daß einige von ihnen, da sie sich von ihren nachsetzenden Feinden nicht anders als durch ein Bohnenfeld retten konnten, lieber den Feinden in die Hände liefen – si fabula vera est.

3

Für die Ehre der Apathie – So nannten die Stoiker die vollkommene Gleichgültigkeit ihres Weisen gegen alle sinnlichen Eindrücke von Schmerz und Vergnügen, die ihn natürlicher Weise allen Leidenschaften unzugänglich machen mußte.

4

Der Regel nach, die Catius erdachte – »Kommt (sagt dieser durch seine von Horaz aufbehaltenen Aphorismen aus der Küchenphilosophie berühmt gewordene Epikuräer)

Kommt unvermutet dir des Abends spät

Ein Gast noch auf den Hals, so laß dir raten,

Das alte zähe Huhn, (womit die Not

Dich ihn bewirten heißt) damit es ihm

Nicht in den Zähnen stecken bleibe, in

Falerner Moste zu ersticken –«

Horaz.

Satiren, 2. B. 4. S.

5

Dem Sohn der Myrrha – dem Adonis, dem geliebtesten unter ihren sterblichen Günstlingen.

6

Die mit ihren Flügeln noch im Schlamm des Stoffes stecken – Anspielung auf eine von den Pythagoräern und von Plato aus einer uralten morgenländischen Vorstellungsart angenommene Lehre von der dämonischen Natur der menschlichen Seele, ihrer Präexistenz in der Geisterwelt und ihrem Sturz in die Materie, wovon der göttliche Plato in seinem Phädrus, im zehnten Buche von den Gesetzen, im Timäus u.a. O. uns mancherlei schwer zu begreifende Dinge offenbart.

7

Das Wort Kontur (Contour, Conturno) scheint uns unter diejenigen ausländischen Kunstwörter zu gehören, welche man sonst, aus Ermanglung eines gleichbedeutenden Deutschen Wortes, immer nur durch Umschreibung zu geben genötigt wäre. Denn Kontur und Umriß sind keineswegs gleichbedeutend. Umriß heißt bloß das, was von der Form eines Körpers durch den Sinn des Gesichts erkannt wird: Kontur hingegen bezeichnet eigentlich die Vorstellung, die wir von einer körperlichen Form vermittelst des Gefühls und Betastens erhalten. Es ist eine bloße Täuschung – nicht unsrer Sinne, sondern unsres voreiligen Urteils, wenn wir den Kontur eines Körpers (z.B. der Sphären, wovon hier die Rede ist) zu sehen glauben. Bevor wir ihn durch das Gefühl ausgetastet, haben wir von seiner Form nur eine sehr mangelhafte Vorstellung, weil uns das Auge nicht mit der Dichtheit, Rundung, Eckigkeit, Glätte, Rauheit usw. sondern bloß mit der heller oder dunkler gefärbten Oberfläche der Körper bekannt macht.

8

Den Weg, den Prodikus so rauh und dornig malt – den Weg der Tugend in der Erzählung von Herkules auf dem Scheidewege auf welche im ersten Buche schon angespielt wird.

9

Das uns zu mehr als Göttern machen kann – Denn, da die Götter keine Bedürfnisse und also auch keine Leidenschaften haben, so würde ein Sterblicher, der es in der Apathie so weit als ein Gott bringen könnte, eben darum weil sie nicht eine notwendige Eigenschaft seiner Natur, sondern ein Werk seines freien Willens und eines nicht immer leichten Sieges über seine Sinnlichkeit wäre, mehr als ein Gott sein. Daher sagt Seneca: »Est aliquid quo Sapiens antecedat Deum; ille naturae beneficio non timet, suo Sapiens.« (Epist. 53.) Und an einem andern Orte: »Sapiens tam aequo animo omnia apud alios videt contemnitque quam Jupiter; et hoc se magis suspicit, quod Jupiter illis uti non potest, Sapiens non vult.« (Ep. 73.)

10

Muß man, wie Scipio, die Sphären

(Zum wenigsten im Traume) singen hören. –

Anspielung auf eine Stelle in dem bekannten Traumgesichte des Scipio, dem schönsten Fragmente, das sich von dem verloren gegangenen Werke des Cicero, de Republica, erhalten hat, worin die Harmonie, die aus den verschiedenen Intervallen der Bewegung der Planetenkreise und des Sternhimmels entstehen soll, nach Pythagorischen Begriffen, wiewohl nicht sehr verständlich, beschrieben wird. Cicero läßt den jungen Scipio diese himmlische Harmonie in seinem Traumgesichte hören: Pythagoras hatte, nach der Versicherung seines Legendenschreibers Jamblichus, das Vorrecht sie sogar wachend zu vernehmen; und die Ursache warum sie nicht von jedermann gehört wird, ist bloß, weil dieses Getön so stark ist, daß es unser Ohr gänzlich übertäubt. Hoc sonitu oppletae aures hominum obsurduerunt, nec est ullus hebetior sensus in vobis. Somn. Scip. c. 5.

11

Die nur zu sehr die Seel in ihm beflügeln

Die unterm Zwerchfell thront.

Plato gibt in seinem Timäus dem Menschen drei Seelen, wovon die erste göttlicher und unsterblicher Natur ist und ihren Sitz im Haupte hat, von den beiden andern sterblichen aber die eine die Brusthöhle, und die andere (deren Begierden bloß auf Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse gehen) die Gegend zwischen dem Zwerchfell und Nabel zu ihrer Wohnung angewiesen bekommen hat, »wo sie (sagt der hochweise Timäus) gleich einem Tiere, das nichts zu tun hat als zu fressen, an die Krippe angebunden, so weit als möglich von dem denkenden und regierenden Princip entfernt worden ist, um dasselbe desto weniger durch ihr Geräusch und Geschrei nach Futter in der Ruhe zu stören, deren es, zu der ihm obliegenden Besorgung dessen was Allen zuträglich ist, vonnöten hat.«

12

Ein schläfrig Ohr entgegen. – Anspielung auf die Stelle in der 9ten Satire des ersten Buchs der Horazischen Satiren:

Demitto auriculas ut iniquae mentis asellus

Dum gravius dorso subiit onus.

13

Den Lieblingssatz der Halle – der stoischen Philosophie, die von der vornehmsten der Hallen (oder bedeckten Säulengänge) in Athen, welche gewöhnlich, wegen der Gemälde womit sie geziert war, die Poikile (die bunte) genannt wurde, ihren Beinamen erhielt, und, so wie diese Halle selbst, auch die Stoa schlechtweg hieß, weil Zeno und seine Nachfolger in derselben öffentlich zu lehren pflegten.

14

Als der Planetentanz – Vermutlich ein Pythagorischer Tanz, der die Bewegungen der Planeten nachahmt. Es scheint hier auf eine Stelle in Lucians Dialog über die Tanzkunst gedeutet zu werden, wo Lycinus sagt: »Die Tanzkunst habe mit dem ganzen Weltall einerlei Ursprung, und sei mit jenem uralten Amor des Orpheus und Hesiodus zugleich zum Vorschein gekommen. Denn (setzt er hinzu) was ist jener Reigen der Gestirne und jene regelmäßige Verflechtung der Planeten mit den Fixsternen und die gemeinschaftliche Mensur und schöne Harmonie ihrer Bewegungen anders als Proben jenes uranfänglichen Tanzes?«

15

Ägypter und Chaldäer erfahren seine Wut – will vermutlich so viel sagen, Kleanth habe seinen Eifer gegen die Pythagorisch seinsollenden Torheiten des Theophron bis zu einem Ausfall gegen die alten Chaldäischen und Ägyptischen Weisen getrieben, von welchen Pythagoras, nach der gemeinen Sage, die vornehmsten Lehren und den Geist seiner Philosophie geborgt haben sollte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 4, München 1964 ff., S. 342-354.
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Musarion
Musarion oder die Philosophie der Grazien

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Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

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