Batavische Republik.

[104] Motto: Venient in mentem legentibus nunc Arminius,

nunc Civilis, gemini illi Belgarum turbines,

Orangiique illorum temporum.

Strada.


Batavische Republik – ach, der Name Republik klingt immer schön, und ich bedaure mit dem edlen Lord den Untergang des Namens. Aber der Himmel hüte mich, dem Untergang der batavischen Republik mein Bedauern zu schenken. Wie sah es darin aus mit der Freiheit, dem Bürgerthum? Wie folgt. Einige altadelige Messires stellten das platte Land vor, einige fette Bürgermeister stellten die Städte vor, die Prinzen von Oranien stellten sich selber vor und das Volk stellte nichts vor. Da hat man in wenig Worten ein Bild jener erbärmlichen Aristokratenwirthschaft, welche sich batavische Republik nannte.

Das Volk stellte nichts vor – es hatte und[105] nahm keinen Antheil an den Angelegenheiten des Staats, es wurde nicht gezählt weder auf dem Lande noch in den Städten, weder am Hofe des Statthalters, noch in der Versammlung der Provinzialstaaten, noch in der Sitzung der Herren Staaten-General.

Das Volk machte Käse und Butter, holte Kaffee und Zucker, wucherte mit dem Korn der Ostsee, nahm dreitausend und einige hundert Procent vom Pfeffer, plünderte den Osten, brandschatzte den Westen, füllte seine Säcke mit Ducaten und bekümmerte sich eben so wenig um die Verwaltung, als um die Vertheidigung des Staats. Die Republik fütterte dagegen zum Schutz des Landes eine Menagerie ausländischer Bestien, Soldaten genannt, aufgegriffen aus den Höhlen des Elends, des Lasters, der Verzweiflung von ganz Europa, durch Spießruthen und Corporalstöcke in Zucht gehalten, zu Schilderthieren und Wachthunden abgerichtet oder im Fall unbezähmbarer Wildheit nach Java übergeschifft und gegen die unglücklichen Javanesen losgelassen, die zu ihrem Unglück die Freiheit lieber hatten, als die weißen Holländer und ihre ostindische Compagnie.

Liest man die Annalen des Tacitus, so lernt man, daß schon in ältester Zeit die reichen Gutsbesitzer überwiegenden Einfluß in der Volksgemeinde[106] ausübten. Ihr Civilis machte sie vom Joch der Römer frei, so lang es ihm gefiel; als es ihm nicht länger gefiel, unterhandelte er mit Cerealis und ließ die Römer wieder Besitz nehmen von der Insel. Dies geschah in einem Augenblick, wo es in seiner Macht stand, das ganze römische Heer durch Schwert und Wasser zu vernichten. Tacitus erzählt, Cerealis habe die Klugheit gehabt, des Civilis Landgüter zu schonen, während er alle übrigen plündern und verbrennen ließ. Das läßt sich hören. Civilis hatte große Talente, Feuer der Unternehmung, Glück, allein man darf ihn nicht zugleich mit Herrmann nennen, wie selbst deutsche Geschichtschreiber sich unterfangen. Civilis hatte nicht den Todeshaß gegen die Römer, nicht die Todesbegeisterung für die Freiheit, welche in Herrmanns großer Seele loderten. Die Römer zeigten sich übrigens als gnädige Herren, sie nannten die Bataver ihre Freunde und Brüder, warfen eine Menge Castelle in der Insel auf und zogen die Bundesreiterei ihrer Freunde und Brüder jeder andern in Europa vor.

Zur Zeit der fränkischen Grafen, welche über Holland regierten, sieht man den Nacken des Volks geduldig unter das Joch der Feudalverfassung geduckt. Die Grafen von Holland waren unumschränkte Gebieter, sie vereinten in ihrer Person[107] die dreifache, gesetzgebende, richterliche und ausübende Macht. Große Vorrechte waren den angesehenen Vasallen vorbehalten, es gab unter diesen Vorrechten solche, die mir einzig in ihrer Art scheinen. So führten die Herren von Wassenaar unter andern Titeln die Titel von Wasserherren und Federgrafen, ersteren, weil sie von allen Brennern und Brauern in Rheinland, Delfland und Schieland für die Erlaubniß, Wasser zu schöpfen, eine jährliche Abgabe, das sogenannte Gruitgelt erhielten, letzteren, weil in den besagten Wasserreichen kein Eigenthümer ohne ihre ausdrückliche Erlaubniß Schwäne im Teich halten durfte. Andere große Geschlechter, wie die Egmont's, die Brederode's, standen nicht zurück und der zahlreiche, wenn auch nicht kriegerische, nicht ritterliche Adel theilte sich mit der Geistlichkeit1 in den Besitz des Landes. Während nun um diese Zeit die südlichen Niederlande, die Brabanter, die Flamländer von ihren Fürsten und Grafen sich Privilegien auf Privilegien ertrotzten, über die gewonnenen mit unruhiger Eifersucht wachten, und ein für die Geschichte und unsere Zeit höchst interessantes dramatisches Leben entfalteten, sieht man Holland anfangs[108] schläfrig, dann aber mehrere Jahrhunderte hindurch von zwei mörderischen Parteien zerrissen, die gleich in ihrem Ursprunge nichts mit der Freiheit gemein hatten, in der Folge aber durchaus blind, zwecklos und sinnlos wurden. Der sogenannte Brod-und Käsekrieg, der in Friesland hausete, führte sein Verständniß doch schon im Namen mit sich; allein die Parteien der Huks und Kabeljauer haben Jahrhunderte lang gebrannt und gemordet, gefressen und geangelt2, ohne zu wissen, was sie thaten und was sie wollten. Man wirft den Brabantern ihre unruhige und blutige Geschichte vor – am Ende sollen sie sich noch vor den Holländern schämen.

Die Befreiung von Spanien, welche den Holländern geglückt und den Brabantern mißglückt ist, 1) weil Holland im Norden liegt und nicht wie Brabant an das katholische Frankreich grenzt, 2) weil Holland unter Wasser gesetzt werden kann – die Befreiung von Spanien, welche den Holländern nicht deswegen geglückt ist, weil sie sich muthiger zeigten, als die Brabanter, oder weil sie in Person so viel männlich trotzenden Muth an den Tag legten, wie die dithmarser Bauern, welche den Junker Sleeg zu Hause trieben und die Heere[109] des Königs von Dännemark vernichteten – die Befreiung von Spanien, sage ich, hat nur den Adel freigemacht und nicht das Volk. Der reichste, klügste und großartigste aus dem Adel, der Schüler des Macchiavelli, Wilhelm von Nassau, stürzte den Thron des Königs von Spanien in den nördlichen Niederlanden über den Haufen und brachte die Trümmer desselben für sich und seine Nachkommen auf die Seite. Diese haben ein paar Jahrhunderte daran gezimmert, um wieder einen ordentlichen Thron daraus zu machen, und man weiß, es ist ihnen geglückt. Der wiener Congreß hat aus holländischem Ducatengolde ihnen die Krone dazu geschenkt.

Schon der Prinz Moritz, der Sohn und nächste Nachfolger Wilhelms, saß, ohne König zu sein, sehr hoch und sehr fest. Er winkte nur und Oldenbarneveld's greises Haupt flog in den Staub, eben so rasch und wohlexecutirt, als hätte Alba's Henker in Brüssel dasselbe abgeschlagen. Oldenbarneveld's Verbrechen war sehr groß, zumal in einer Republik, er wollte die Bürger mann- und wehrhaft machen, um der rohen Soldatengewalt und der Willkür des Generalcapitains, Prinzen Moritz, die Stange zu halten. Derselbe Prinz beförderte Hugo Grotius auf das Schloß Lövenstein, das Spandau der Republik.[110]

Dessen Verbrechen war nicht minder schreiend, zumal in einer Republik. Er hielt es mit dem Doctor Arminius und der Prinz war des Arminius Feind und hielt es mit dem Doctor Gomarus und mit der Dortrechter Synode ekeln Andenkens. Glücklicher Weise entkam der Verbrecher durch die Liebe und List seiner Frau.

Funfzig Jahr später hatte Cornelius de Wit Gelegenheit, einen lateinischen Spruch aus dem Horaz zu citiren:


Justum et tenacem propositi virum

Non civium ardor prava jubentium,

Non vultus instantis tiranni

Mende quatit solida


rief er aus, als er auf der Folterbank lag und gestehen sollte, er habe dem Prinzen Wilhelm nach dem Leben getrachtet. Unterdessen wurde sein Bruder Johann, der in einer Zeit von zwanzig Jahren das Staatsschiff durch Sturm und Wetter geführt, vom aufgehißten Pöbel aus dem Gefängniß gerissen, gemartert, gesteinigt und über die Gassen geschleift, bis er seinen Geist und damit seine Macht aufgab. Mehr wollten die Orangisten nicht, sie hatten Wilhelm den Dritten, spätern König von England, zum Statthalter erwählt.

Johann de Wit saß über der Gefangenpforte des alten haager Schlosses, hinter den eisernen[111] rostigen Gittern, welche ich im Vorübergehen so oft betrachtet. Oldenbarneveld saß auch dort oben, auf jenem breiten Stein vor der Treppe ward er enthauptet. Dies Schloß hat den historisch interessanten Blutgeruch der alten königlichen Schlösser.

Fußnoten

1 Es gab allein an siebzig Abteien, worunter sehr reiche, wie jene von Rheinsberg bei Leiden.


2 Huk ist ein Angelhaken.


Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 112.
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