Neunzehnte Vorlesung.

[192] Vielerlei sind der Sprachen, Zungen und Charaktere auf der Welt, die einander nicht verstehen; die Poesie aber ist die heilige Flammenzunge, die aus aller Herzen zu aller Herzen spricht und jeden Menschen mit süßem Verständnis bewegt. Die Poesie ist die Natur, die ursprüngliche Menschheit, die sich mit jeder besonderen Erscheinung der Menschheit auf dem Felde der Geschichte gattet und daher, so allgemein menschlich sie in ihrer Quelle ist, doch jedesmal einer besonderen Menschheit, einem gewissen Zeitalter eigentümlich angehört. Man kann daher mit Recht von einer katholischen und griechischen Poesie sprechen, von einer romantischen und klassischen, nur wird man sich hüten, den Gegensatz unmittelbar in das Wesen der Poesie selbst zu setzen, die Poesie ist nur die eine bei allen Völkern, Zeiten und Zuständen, aber der Strahl dieser einen Sonne bricht sich tausendfach in der geistigen Atmosphäre und verursacht dadurch ein buntes Farbenspiel von Weltpoesien, deren Verständnis, nach Rückerts Ausdruck, allein zur Weltversöhnung führt.[193]

Die Geschichte der Poesie, diese Blüte der Geschichte der Menschheit, lehrt uns, daß jene Gattung von Poesie, welche man die epische nennt, bei allen Völkern die ursprünglichste und älteste war. Für die griechische und indische Poesie ist dies außer allem Zweifel gesetzt; für die römische hat Niebuhr es wahrscheinlich gemacht, indem er die ganze sogenannte älteste römische Geschichte, wie sie im Livius vorliegt, auf einen dichterischen Sagenursprung zurückführt und stellenweise in den Büchern des Livius noch die alten rhythmischen Klänge nachweist. Auch die deutsche Poesie verrät ihren epischen Ursprung, mag man diesen in die älteste Zeit des Augustus und der Hermannschlachten oder in die spätere der Völkerwanderung versetzen. Von jener ältesten ist uns allerdings kein einziges Denkmal übrig geblieben, allein die Nachrichten, die Tazitus in der Germania über die Poesie der Deutschen gibt und die Erwähnung altdeutscher Heldenlieder, welche Karl der Große zu sammeln befahl, setzen es beinah außer Zweifel, daß zur Zeit, als Virgil seine künstliche Aeneis schrieb, das geschichtliche Lied von den Taten der Vorfahren, das Epos noch als ein Naturgesang in den Wäldern Germaniens widerhallte. Noch zweifelloser ist die epische Natur der deutschen Poesie, die sich aus der Völkerwanderung entwickelt hat und worauf sich unsere heutige poetische Sprache als auf ihre erste ersichtliche Quelle zurückführt. Das Nibelungenlied des 13. Jahrhunderts bildet die künstlerische Vereinigung aller jener epischen Mythenstrahlen, welche seit dem 6. Jahrhundert einzeln den deutschen[194] Himmel überflogen, das Band der Rhapsodien, welche bis dahin, gleich den homerischen, von wandernden Sängern bei festlichen Gelegenheiten, einzeln vorgetragen wurden.

Fragen wir nach der Ursache, warum eben die älteste Poesie einen epischen Charakter trug, warum ein Homer früher kommen mußte als ein Sophokles? Ich denke, wir können uns auf folgende Weise über diese Erscheinung verständigen. Je weiter man den ersten Anfängen einer Volksgeschichte nachgeht, desto lebhafter wird man angereizt durch einen stehenden Charakterzug, der die frühere Menschheit von der jetzigen unterscheidet. Man sieht die Vorfahren und Stammväter eines jeden Volkes weit mehr als ihre Nachfolger und Enkel von einem gewissen einheitlichen Gefühl des Lebens durchdrungen, das sich nicht allein auf die Gegenwart erstreckt, sondern auf die Vergangenheit zurückwirkt und diese mit jener in unmittelbare Verbindung setzt. Bei uns ist es anders. Wir reißen uns allerdings nicht vollkommen aus der Verbindung mit der Vorzeit heraus, sondern unterhalten eine solche mittels der Geschichte, welche uns die früheren Zustände pragmatischkritisch vor Augen führt. Allein es verhält sich das, was wir Geschichte nennen, zum Epos des Altertums wie ein frisch blühender Baum zu einer eingetrockneten Pflanze, die im Herbarium des wissenschaftlichen Naturforschers liegt; oder es verhält sich die Kunde, welche das Altertum von seiner Vergangenheit hatte, zu der Kunde, welche die neue Zeit von früheren Dingen nimmt, wie die[195] Praxis zur Theorie, wie die unmittelbare Anschauung zum leblosen Bilde. Wir studieren die Geschichte aus Büchern, der eine weiß viel, ein anderer wenig oder nichts von dem, was vor Zeiten in der Welt und im Vaterlande vorging, wer aber ein Wissen davon hat, hat eben auch nur ein solches Wissen, das ihm in seiner indifferenten Objektivität unendlich fernliegt vom wirklichen Leben, von seinen eigenen Gefühlen, Überzeugungen und Anschauungen. Der frühere Mensch aber identifiziert die Vorzeit mit der Vergangenheit, er sog die Vergangenheit ein mit der Muttermilch, sie war ihm ein integrierender Teil seines Wesens, und alle Erscheinungen, Taten, Gefühle derselben blieben ihm so verständlich, wie die Erscheinungen, Taten und Gefühle der Gegenwart selber. Was daher ein Dichter von der Gegenwart sang, das sang er im gewissen Sinn auch von der Vergangenheit, und umgekehrt, was er der Vergangenheit Großes nachrühmte, davon traf er die lebendigen Bilder in der Gegenwart. Warum aber der Dichter am liebsten die Taten der Vergangenheit darstellte, mit denen dann die Ansichten und Gefühle der Gegenwart zusammenschmolzen, davon lag der Grund, wie es mir scheint, in der volkseinheitlichen, unpersönlichen Richtung der Poesie, welche den Dichter mit seinen individuellen Ansichten von Zeitcharakteren und Zeitereignissen ganz in den Hintergrund treten ließ und statt dessen nur den vollen, ungeteilten Strom der Volkssage, in die Dichtung einleitete. Die Poesie verlangte eine gewisse Ferne, ein Läuterungsfeuer der Zeit,[196] um alle Privatvorurteile und Nichtigkeiten beschränkter Ansichten von sich abzuscheiden und nur die Stimme des Volkes, Gottes Stimme walten zu lassen. Der Dichter sang nicht sich, sondern dem Volk und den Vorfahren zum Ruhm, und daher ward auch weniger der Dichter als das Gedicht unter dem Volk berühmt, wie z.B. der Name des Dichters, dem das Nibelungenlied seine jetzige Gestalt verdankt, gänzlich unbekannt geblieben ist, und wie selbst Homer allem Vermuten nach, erst in späterer Zeit seinen Ruf, ja seinen Namen erhalten hat.

Damit wäre nun freilich das Vorwalten des Epischen vor dem Lyrischen hinlänglich motiviert, weniger aber das Zurückstehen und das spätere Hervorteten des Dramatischen. Warum ist wie das Lyrische, so auch das Dramatische in ältester Zeit nur ein Element des Epischen, ohne selbständige Ausbildung, als Trauerspiel oder Lustspiel? Ich antworte, weil im Epos, wie überhaupt in der ältesten Zeit die ganze ungeteilte Weltansicht vorherrscht, weil sich darin keine Kraft des Geistes isoliert, sondern Empfinden, Wissen, Handeln harmonisch zusammenwirkt. In der Lyrik ist die Empfindung, im Drama die Tat oder vielmehr das Leiden der Persönlichkeit überwiegend, im Epos aber tritt beides in die gehörige Schranke zurück, in den Kreis, welcher der Erzählung gleichsam durch den Stab des Rhapsoden um die Dichtung gezogen wird. Das Drama sondert einen Helden, eine Begebenheit aus dem Kreise der Helden und Begebenheiten ab und gibt dadurch der einzelnen[197] Darstellung eine überwiegende Wichtigkeit; das Epos läßt den Helden, seine Leiden und Taten nur in einer ganzen Welt von Helden und Taten zur Erscheinung kommen. Das Epos ist seiner Natur nach unendlich wie die Geschichte, das Drama hingegen begrenzt, wenn auch nicht mit innerer Notwendigkeit so enge, daß eines Tages Sonne über den Helden auf- und untergehen müßte. Es kommt hinzu, daß nach Goethes Bemerkung das epische Gedicht vorzüglich den außer sich wirkenden Menschen darstellt, Schlachten, Stürme, Reisen, jede Art von Unternehmungen, die eine sinnliche Breite erfordern, das dramatische Gedicht aber mehr den nach innen geführten Menschen, daher auch dieses sich in wenig Raum und Zeit zusammendrängen läßt, ja wenn es echter Natur ist und streng in seinem Charakter gehalten wird, nur wenig Ortsveränderungen und Zeiträume bedarf. Auch dieses lag gänzlich in der Gemütsart des Altertums, es mußte den äußeren Bestand, das Objekt der gemeinsamen Anschauung, die Tat als den Vereinigungspunkt aller Meinungen überwiegend darstellen, und daher war eben jene alte Poesie, die epische, ein Gemeingut der ganzen Nation im höheren Grade, als es je die lyrische und dramatische werden konnte. Während nämlich das Drama, die Ode auf einen einzigen Dramen- und Odendichter als Verfasser zurückweist, hatte das Epos eine ganze Nation von Dichtern, aufzuweisen, wo keiner der Vorsänger so kühn sein konnte, sich allein mit dem Lorbeer zu schmücken, der allen gebührte.[198]

Indem ich auf diese Weise versucht habe, den Grund dafür anzugeben, warum das Epos die älteste Gattung der Poesie sei, habe ich zugleich den Grund mit berührt, warum die spätere Zeit nicht mehr imstande sei, ein echtes Epos zu schaffen. Der Versuche freilich sind bis auf die neueste Zeit sehr viele, noch vor einigen Jahren hat ein Landsmann von uns, der Bürgermeister Lindenhan, ein großes, episches Gedicht unter dem Namen Malta in die Welt geschickt, wo es aber nicht sehr weit hingekommen zu sein scheint. Selbst ein bedeutenderes, ja das bedeutendste dichterische Talent muß notwendig an der Aufgabe scheitern, mit der Iliade oder den Nibelungen in die Schranken zu treten. Ich erwähne der Aeneide des Virgil nicht, denn sie ist eben nur einer dieser verfehlten Versuche, durch willkürlichen Entschluß und mit persönlichem Talent die innere organische Notwendigkeit einer Volksdichtung nachzuahmen. Ein Epos im modernen Sinn, konzipiert von dem und dem namhaften Verfasser, ist seinem Charakter nach das gerade Widerspiel vom alten echten Epos, und die Strafe, sich an diesem versündigt zu haben, folgt den Verfassern gewöhnlich auf dem Fuße nach, indem ihr willkürliches Machwerk keine Seele erwärmt und begeistert, sondern herzliche Langeweile erregt, wenn auch ganze Zeiten und gewisse Menschen bemüht sind, sich, zu Ehren der epischen, vaterländischen Muse, darüber in Selbsttäuschung zu erhalten. Noch vor einigen und dreißig Jahren mußte jeder patriotische Deutsche den Namen des Klopstockischen Messias schimpfshalber mit einiger[199] Entzückung aussprechen, mochte er den Messias gelesen haben oder nicht; gegenwärtig, wo vielleicht kein Mensch in Deutschland lebt, der sich der vollständigen Durchlesung der Messiade berühmen kann, ist es erlaubt, bei aller Achtung für die riesenhafte Arbeit eines abstrakten Dichtergenius, sich dessen nicht zu schämen und jeder Anmutung der Art durch schlagende Gründe zu begegnen. Es ist ausgemacht, daß jedes epische Gedicht neuerer Zeit, je länger es geriet, desto langweiliger geraten ist, und daß nur die besondere romantisch- katholische Natur der Comoedia divina des Ariosts und des befreiten Jerusalems von Tasso, diesen epischen Gedichten einen Kreis gebildeter Leser erhalten hat und erhalten wird. Das Epos aber kann die Länge und Ausführlichkeit gar nicht vermeiden, denn sie sind ihm, wie schon bemerkt, wesentlich charakteristisch, mag der Dichter sich nun durch zwölf, oder gar durch vierundzwanzig Gesänge hindurchschlagen. Diese Erbsünde des modernen Epos: Langweiligkeit, entsprungen aus nötiger Länge, hat Jean Paul sehr humoristisch dargestellt im folgenden Abschnitt, der der Mitteilung bei dieser Gelegenheit vorzüglich wert ist.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Hamburg, Berlin 21919, S. 192-200.
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