Blattwerk

[41] Blattwerk oder das Blatt im allgemeinen findet in der Ornamentik aller Stilarten reiche Verwendung. Es ist unmöglich, die Blattformen der verschiedenen Bauweisen an dieser Stelle eingehend zu besprechen, und wir müssen uns daher auf die Aufstellung einiger allgemeiner Gesichtspunkte beschränken.[41]

Nach der Verwendung lassen sich die Blätter in zwei Gruppen teilen:

1. In Blätter, die eine struktive Tätigkeit anzudeuten haben. Die Blätter erscheinen an ihrem Stielende abgeschnitten und in eine Reihe gestellt. Die Wichtigsten hierhergehörenden Formen sind: die Blattwellen, der Karnies und die Hohlkehle. Die Stilisierung der Blattformen ist eine sehr verschiedene; die am strengsten durchgeführte bietet der dorische Stil in Griechenland, denn bei diesem werden, insbesondere bei den sogenannten dorischen Blattwellen, sowie bei dem Echinuskymation Pflanzenformen verwendet, die sich in der Natur überhaupt nicht vorfinden. Auch im gotischen Stile werden aufrecht gestellte Blätter, die eine Bekrönung anzuzeigen haben oder bloß dekorativ in Hohlkehlen oder andre passende Bauglieder eingelegt erscheinen, verwendet; sie haben dann aber in den meisten Fällen keine so ausgesprochen struktive Bedeutung wie in der Antike. Fast in allen Stilarten werden Blätter mit Vorliebe als wesentlichster Schmuck der Kapitale verwendet, dabei erscheinen sie sowohl in der Antike als auch in den mittelalterlichen Stilen zumeist an ihrem Stilende abgeschnitten, haben aber trotzdem in der Regel keine struktive Bedeutung, sondern werden in rein dekorativem Sinne gebraucht. In der Gotik sind es zumeist Blätter oder wohl auch kleine Zweige, die lose an die Kelchform des Kapitales angeheftet erscheinen (Fig. 1). In der antiken Baukunst ist die Anordnung der Blätter, die ein Kapital zu schmücken haben, eine wesentlich verschiedene, eine weit strenger stilisierte; es kommen zumeist Blätter vor, deren unteres Ende stark beschnitten ist und die derart aufrecht gestellt erscheinen, daß sich nur die Spitze ein wenig überneigt (Fig. 2). In der Regel finden zur Ornamentierung der Bauteile die in den betreffenden Ländern wachsenden Pflanzenformen Verwendung. Dies ist insbesondere in hohem Maße im gotischen Stile der Fall, nur das Akanthusblatt macht hiervon eine Ausnahme, indem sich die ornamentale Verwendung dieses Blattes fast über die ganze zivilisierte Welt verbreitet hat.

2. Wird Blattwerk in der Baukunst und im Kunstgewerbe in der Weise verwendet, daß es keine struktive Aufgabe zu erfüllen hat, sondern lediglich zur gefälligen Ausfüllung der neutralen Flächen dient. Bei dieser Gruppe werden selten Blätter für sich verwendet; zumeist treten sie in Verbindung mit der Ranke und nehmen zuweilen sogar noch Blüten und Früchte mit auf. Die in Griechenland in dieser Beziehung am häufigsten angewendeten Pflanzenformen sind: der kurze, stark geriefte Stengel der Doldengewächse, die sich spiralförmig windende Weinranke, der scharfgeschnittene Akanthus, das ausgezackte Distelblatt, die Lotosblume und die Palmette. Die Behandlung ist in der Regel eine etwas trockene und nüchterne (Fig. 3). Wenn wir den antiken Formen diejenigen gegenüberstellen, die im gotischen Stile gebräuchlich waren, so ist zunächst der Reichtum des Blattwerks hervorzuheben, der hier zur Verwendung kam: neben vielen kleinen, unscheinbaren Pflanzen waren es namentlich die Blätter größerer Pflanzenformen, die eine entsprechende Stilisierung erfuhren, wie Efeu, Weinlaub, Stechpalme, Malve, Hagebutte, Wacholder, Ahorn. In der gotischen Frühzeit wurden die Blattformen zumeist sehr naturalistisch behandelt. Es wurden kleine Zweige genommen, fast so, wie sie die Natur geschaffen, und mit Vorliebe in eine Hohlkehle oder in sonst ein passendes Bauglied gelegt (Fig. 4). In der gotischen Spätzeit nahmen dann die Formen allerdings eine strenge Stilisierung an, die in einem eigentümlichen gebuckelten Blattwerk endigte, bei dem sich dann die Pflanzengattung nicht immer[42] feststellen ließ. Die Renaissance wendet mit besonderer Vorliebe das der Antike entnommene Akanthusblatt an, daneben auch die im Lande wachsenden Pflanzen. Die Frühperiode dieses Stiles, die besonders dekorationsluftig ist, wird wesentlich beeinflußt durch den Marmor, der eine seine Behandlung des Ornamentes zuließ. Infolgedessen charakterisiert sich das Pflanzenornament durch elegante Linienführung bei mäßiger Bedeckung des Grundes sowie durch ziemlich breite Blattformen mit dünner, zarter Stengelbildung. Diese Art der Formengestaltung wurde in der Regel auch auf Ornamente übertragen, die in einem andern Materiale ausgeführt wurden. Die moderne Zeit schließt sich zum großen Teile an die verschiedenartigen Bildungen des Blattwerkes der Renaissanceperiode an, zum Teile wußte sie eigenartige Formengestaltungen durchzuführen, die aber zu mannigfaltig sind, um eingehender besprochen werden zu können; vgl. hierüber v. Schubert-Soldern, Stilisieren der Pflanzen, Zürich 1887.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 3.
Fig. 4.
Fig. 4.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 2 Stuttgart, Leipzig 1905., S. 41-43.
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