Baukunst

[585] Baukunst, Inbegriff jenes Wissens und Könnens, das zur Errichtung von Bauwerken befähigt, die nicht nur bestimmten Bedürfnissen des menschlichen Lebens vollkommen genügen, sondern auch eine ansprechende äußere Gestaltung erhalten sollen.

Während die dürftigste Hütte oder Höhle ihren Bewohnern im wesentlichen den gleichen Schutz bietet, wie der Palast dem Reichen, und die Eigenschaft der Zweckmäßigkeit auch der unschönsten Schöpfung des gewöhnlichsten Handwerkes innewohnen kann, soll die Baukunst – wie überhaupt jede Kunstihren Gebilden vollkommene Harmonie zwischen Form und Inhalt (Zweck) zu geben wissen, die auch der Laie bei Betrachtung solcher Bauwerke empfinden und die ihn angenehm berühren muß. Insofern scheiden gewisse Produkte des technischen Bauwesens, die ausschließlich auf dem Wege der Ueberlegung zustande kommen, aus dem Gebiete der Baukunst aus; eine Baggermaschine, ein Eisbrecher, eine Wasserleitungsröhre, ein Kloakensystem, ein Schwedlerträger, eine Baupumpe, ein Ziegelofen u.s.w. können durchaus zweckmäßig sein, aber nicht den Anspruch auf Schönheit machen. In diesem Sinne ist die Baukunst – im Gegensatze zu allen dem Bauwesen zugehörigen unschönen Zweckmäßigkeitsprodukten – von jeher verstanden, und weil sie sich infolgedessen auf Bauten beschränkt, die über der Erde aufgerichtet sind, auch Hochbaukunst oder Architektur genannt worden. Die sogenannten TiefbautenKanalisationen, Gas- und Wasserleitungen, soweit sie in die Erde eingegraben sind, Bergwerke, Tunnels u.s.w. – gehören wohl zum technischen Bauwesen, nicht aber zur Baukunst. Anderseits können viele der im Ingenieurwesen in der neueren Zeit entstehenden, großartig in die Erscheinung tretenden Bauwerke: steinerne Brücken, ein Teil der eisernen Brücken, Bahnhöfe, Aquädukte, Maschinenhäuser, Wassertürme u.s.w. zu dem Gebiet der Baukunst gerechnet werden, sobald zu dem rein praktischen Motive das dekorative getreten ist. Die Schönheit eines Bauwerkes ist natürlich nichts Absolutes; der Begriff entwickelt sich nur durch Vergleichung und ist in zivilisierten Staaten bezüglich des Minimums in gewissem Sinne konventionell bei der kirchlichen, bürgerlichen, öffentlichen und privaten Baukunst. In fast allen Bauordnungen haben Vorschriften hinsichtlich[585] der äußeren Erscheinung der Gebäude Aufnahme gefunden. Es darf z.B. weder in Städten noch auf dem Lande ein Gebäude errichtet werden, das gegen die Straße hin nur eine Mauerfläche ohne Fenster und Türen zeigt, wenn es für den Bauherrn aus andern Gründen auch zweckmäßig erscheinen würde, die Fassade nur gegen den Hof zu haben u.s.w. In vielen Städten werden für schöne Fassaden seitens der Stadt besondere Prämien bewilligt. – Gesteigerte Ansprüche an die äußere Erscheinung führen dort, wo die Mittel vorhanden sind, zu den Werken der Monumentalbaukunst, die als Denkmäler der religiösen, staatlichen und kulturhistorischen Entwicklung eines Volkes Jahrhunderte überdauern, wie z.B. Kirchen, Museen, Parlamentsgebäude, Rathäuser, Bibliotheken u.s.w. im Hochbau, Brücken, Aquädukte, Bahnhöfe u.s.w. im Ingenieurbauwesen u.s.w.

Die Baukunst ist ohne Zweifel sehr alt; aus ihr entwickelten sich erst die übrigen bildenden Künste. Ueberall bildeten sich gewisse Regeln (Gesetze) in der Kunst aus, die auch bis zu einem gewissen Grade für die Formgebung der Erzeugnisse der Kleinkunst maßgebend wurden, so daß die Entwicklung der Baukunst für den jedesmaligen Kulturzustand eines Volkes oder einer Epoche ein getreues Spiegelbild ist. Aufschluß über einen Teil dieser Entwicklung in der Vergangenheit gibt uns die Baugeschichte bezw. Kunstgeschichte. – Die Urgeschichte der Baukunst ist, wie die der andern Künste, in Dunkel gehüllt. Die wahrscheinlich ältesten Baudenkmäler finden sich in Aegypten. Die Urform der monumentalen Baukunst ist die Pyramide, neben der im Obelisken auch schon die Säulenform angedeutet erscheint. Letztere wurde besonders in Griechenland und Rom in verschiedenen Stilarten ausgebildet, dort nur mit geradliniger Ueberdeckung, hier zum Teil mit Anwendung des Rundbogens. Die Weiterbildung der Säulenformen führte zum römischen (kompositen) Stil, während die altitalischen Bauwerke, mit Ausnahme jener der Etrusker, dieselbe Richtung bekunden wie die griechischen Werke des heroischen Zeitalters. Vom 10. Jahrhundert an bildete der Rundbogen die Grundform des sogenannten romanischen Stils. Daneben bestanden der byzantinische und maurisch-arabische Stil, beide mit antiken Grundformen, jedoch mit Anwendung und Weiterbildung des Bogens zur Hufeisenform und zum Spitzbogen. Letzterer bildet das hervorstechendste Merkmal der gotischen Baukunst, in der bei den religiösen Bauten (Kirchen, Basiliken, Tempeln) an die Stelle der alten, massigen Bauart eine durchbrochene, schlankere, mehr aufstrebende tritt, während die Profanbauten (Burgen, Paläste) den massigen Charakter noch beibehielten, bis die Renaissance auch hier leichtere und gefälligere Formen schuf. Der nun folgende Barockstil wich vom Charakter des Antik-Gediegenen ab und legte das Hauptgewicht auf das dekorative Moment. Die Baukunst unsrer Zeit ist noch im Stadium der Entwicklung begriffen.


Literatur: Die Literatur über Baukunst ist außerordentlich reichhaltig. Als Führer kommt in erster Linie W. Lübke, Geschichte der Architektur, 6. Aufl., Leipzig 1884 (enthält sehr vollständige Literaturnachweise und führt insbesondere die zahlreichen Einzelpublikationen und Sammelwerke auf) in Betracht; daneben als Hauptwerke: Kugler, Geschichte der Baukunst, Stuttgart 1856–59, Bd. 1–3, fortgesetzt von Burckhardt und Lübke (Renaissance in Italien, Frankreich und Deutschland, 2. Aufl., ebend., 1878–82), und Schnaase, Geschichte der bildenden Künste, 2. Aufl., Düsseldorf 1865–78, 8 Bde. Als inhaltreichstes, am größten angelegtes Werk über die Baukunst des Altertums ist Perrot und Chipiez, Geschichte der Kunst im Altertum, Bd. 1: Aegypten, deutsche Ausgabe, Leipzig 1882–84, anzuführen, daneben Reber, Geschichte der Baukunst im Altertum, Leipzig 1867. Als grundlegend für die Kenntnis der griechischen Baukunst ist K. Bötticher, Die Tektonik der Hellenen, 2. Aufl., Berlin 1869 ff., hervorzuheben. Die beste bautechnische Prüfung der Ueberreste der klassischen griechischen Baukunst findet sich in Durm, J., Baukunst der Griechen, Darmstadt 1881. Einen vorzüglichen Leitfaden der Geschichte der Baukunst lieferte W. Lübke, Abriß der Geschichte der Baustile, 4. Aufl., Leipzig 1878. Wertvolles und reiches Material über eine Hauptepoche der italienischen Baukunst enthält O. Mothes, Die Baukunst des Mittelalters in Italien, Jena 1883. – Durch Monographien, Einzelpublikationen und Sammelwerke ist im Laufe der Zeit die Zahl der bildlichen Darstellungen geradezu ins Ungeheure angewachsen. Die wichtigsten hierhergehörigen Sammelwerke sind: Gailhaband, Denkmäler der Baukunst aller Zeiten und Länder, a. d. Franz. von Lohde, Hamburg 1842–50, 4 Bde.; Lübke und Lützow, Denkmäler der Kunst, 4. Aufl., Stuttgart 1884; Kunsthistorische Bilderbogen, 2. Aufl., Leipzig 1884 (mit Textbuch von A. Springer); Semper, Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, 2. Aufl., München 1878–79; Viollet-le-Duc, Dictionnaire de l'architecture française, Paris 1878. Für die deutsche Renaissance: A. Ortwein: Deutsche Renaissance, Leipzig 1871 ff., und ergänzend hierzu Fritsch, Denkmäler deutscher Renaissance, Berlin 1882 ff., und E. Förster, Denkmäler deutscher Baukunst, Leipzig 1857–59.


Als Lehrbücher sind in erster Linie zu nennen: Deutsches Bauhandbuch, eine systematische Zusammenstellung der Resultate der Bauwissenschaften, Berlin 1874–83 (mit zahlreichen Abbildungen); Handbuch der Architektur, herausgeg. von Durm u.a., Darmstadt, seit 1881 (mit zahlreichen Abbildungen).

Zeitschriften: Zentralblatt der Bauverwaltung (amtliches Organ des preuß. Arbeitsministeriums); Zeitschrift für Bauwesen; Deutsche Bauzeitung (erscheinen sämtlich in Berlin); Allgemeine Bauzeitung (Wien); Zeitschr. d. österr. Archit.- und Ingen.-Vereins (Wien); die Zentralorgane des Auslandes sind: für England The Architect, The British Architect, The Builder und The Building News; für Frankreich Revue d, Encyclopédie d'Architecture und Gazette des Architectes et du Bâtiment; für Holland Bouwkundig Weekblad und Bouwkundig Tijdschrift; für die Vereinigten Staaten American Architect and Building News; für Italien Atti della J.R. Accademia: delle belle arti in Milano, in Venezia u.s.w.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 1 Stuttgart, Leipzig 1904., S. 585-586.
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