Fesselballon [1]

[709] Fesselballon, ein mit der Erde durch ein Tau oder Kabel verbundener Luftballon zu militärischen, wissenschaftlichen oder Vergnügungszwecken.

Bei sehr windigem Wetter ist ein kugelförmiger Fesselballon nicht verwendbar, sondern nur ein Drachenballon (s.d.), doch kann man ihn für Beobachtungszwecke bei Brisen von 8 m pro Sekunde noch mit Erfolg benutzen. Von einem Freiballon ist er durch folgende besondere Einrichtungen unterschieden: 1. die Fesselung, 2. die Aufhängung des Korbes bezw. der Instrumente, 3. die Winde zum Auflassen und Einholen. Die Fesselung erfolgt meist an einem Punkte, der in der Senkrechten unterhalb des Ballons liegt. Die Aufhängung des Korbes wird möglichst unabhängig von der Fesselung derart gemacht, daß er stets senkrecht hängt und wohl ein Pendeln, nicht aber ein Drehen desselben eintreten kann. In letzterer Beziehung ist sie nicht unabhängig von der Fesselung; man hat daher darauf Bedacht zu nehmen, daß schon ein Drehen des Ballons durch die Laune des Windes möglichst verhindert werde und daß die nachgebende Bewegung möglichst nur zwei Pendelungen in einer Vertikalebene enthalte, nämlich das Pendeln des Aerostaten um seinen Fesselpunkt und das Pendeln des Korbes um seine Aufhängung. Man erreicht dieses Ziel durch Einfügung von Raaen in die Fesselung, durch Aufhängung an einem elliptischen Ringe oder an den zwei Endpunkten einer Raae, sowie endlich dadurch, daß man dem ganzen System in sich durch diagonale Verbindungen eine hinreichende Starrheit gibt. Kupplungen und Aufhängungen dieser Art sind die von Yon (Fig. 1) und Renard (Fig. 2). Fesselballons, die zu Vergnügungszwecken in letzten Jahren auf Ausheilungen beinahe unentbehrlich geworden sind, haben bisher nur sehr primitive Fesselungen und Aufhängungen besessen, die wohlfeiler herzustellen waren, dafür aber nur bei günstigem Wetter einen für den Auffahrenden einigermaßen angenehmen Aufenthalt bieten, was mit dem Zweck dieses Fesselballons wohl in Einklang zu bringen ist. Die Winde für den Fesselballon ist je nach dessen Verwendungszweck eine feststehende oder fahrende und man unterscheidet Hand- und Dampfwinden. Die Kabel bestehen entweder aus Hanf oder aus Stahldraht. Bei militärischen Ballons sind sie gewöhnlich mit Telephonleitung versehen. Die besonderen Eigentümlichkeiten dieser Windenkonstruktionen bestehen 1. in einer nach allen Seiten sich leicht bewegenden festen Rolle; 2. in einer trotz des ungleichmäßigen Zuges des Kabels ordnungsmäßig aufwickelnden Windevorrichtung; 3. in einem System allmählich wirkender Bremsen. Eine weitverbreitete Konstruktion, die von Yon in Paris, ist in Fig. 3 und 3a abgebildet [2]. – Fesselballons wurden zuerst von den Franzosen in der Schlacht bei Fleurus am 26. Juni 1792 gebraucht. Später wurden sie im nordamerikanischen Bürgerkriege 1862,63, im Kriege der Tripelallianz gegen Paraguay 1866/67, im deutschfranzösischen Kriege sowie neuerdings bei den verschiedenen Kriegszügen der Engländer, Italiener, Franzosen und Holländer in den Kolonien sowie im russisch-japanischen Kriege verwendet [3]. Für Ausstellungen konstruierte Henry Giffard den ersten Fesselballon mit 5000 cbm Inhalt für die Pariser Weltausstellung 1867, und unübertroffen ist noch heute der bei gleicher Gelegenheit 1878 von ihm erbaute Ballon captif von 25000 cbm Inhalt, der 30–40 Personen gleichzeitig hochnahm.


Literatur: [1] Moedebeck, Handbuch der Luftschiffahrt, Leipzig 1886. – [2] Yon, Gabriel, Ingénieur-aéronaute, et Surcouff, Edouard, Ingénieur-aéronaute, Aérostats et Aérostation militaire à l'Exposition universelle de 1889, Paris 1893. – [3] Béthuis, G., Les aérostiers militaires, Paris 1889. – [4] Tissandier, G., Le grand ballon captif à vapeur de M. Henry Giffard, Paris 1878. – [5] Miret, Rapport sur l'exposition universelle de 1878, Aérostation, Paris 1879. – [6] Popper, Josef, Flugtechnik,[709] Berlin 1889. – [7] Zeitschr. f. Luftschifffahrt, Berlin 1882–96. – [8] de Graffigny, Traité d'aérostation théoretique et pratique, Paris 1891. – [9] Hoernes, H., Ueber Fesselballonstationen und deren Ersatz im Land- und Seekriege, Wien 1892. – [10] Revue de l'aéronautique, Paris 1888–91. – [11] Moedebeck, Taschenbuch für Flugtechniker und Luftschiffer, Berlin 1904.

Moedebeck.

Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 3a.
Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 3a.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 3 Stuttgart, Leipzig 1906., S. 709-710.
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709 | 710
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