Reibahle

[392] Reibahle (Räumer, Ausreiber), Werkzeug von zylindrischer oder konischer Gestalt mit schneidenden, seltener schabenden Kanten längs der Mantelfläche, zum Erweitern und Glätten von Löchern dienend. Die zylindrischen Reibahlen werden, damit sie in das zu erweiternde Loch eingeführt werden können, auf einem Teil (1/3–2/3) ihrer Länge schwach konisch gestaltet.

Man unterscheidet Hand- und Maschinenreibahlen. Erstere haben längere Schneiden und die konische Zuspitzung ist länger und schlanker; ihre Drehung erfolgt mit Hilfe eines Windeisens, das auf das vierkantig geschaltete Schaftende aufgesteckt wird. Die Maschinenreibahlen finden auf Drehbänken und Bohrmaschinen Verwendung; ihr Schaftende ist entsprechend der Einrichtung dieser Maschinen gestaltet. Reibahlen, die zum Ausreiben von Löchern ohne Rücksicht auf genaues Maß dienen, sind spiralgenutet und nicht geschliffen (Fig. 1); Reibahlen, die zum Ausreiben gut vorgebohrter Löcher auf genaues Maß dienen, sind gerade genutet und geschliffen (Fig. 2). Für niedrige Löcher verwendet man zweckmäßig kürzere Reibahlen, da diese weniger schwanken als längere. Um die durch die Abnutzung und das Nachschleifen eintretenden Veränderungen im Durchmesser der Reibahle ausgleichen zu können, hat man verstellbare [1], [2] Reibahlen konstruiert, die entweder einen mehrfach aufgeschlitzten Körper mit einer Stellschraube oder eingesetzte Messer (Fig. 3 und 4) besitzen. Reibahlen der letzteren Anordnung werden auch zum Einstellen verschiedener, nicht weit auseinander liegender Durchmesser angewendet. Die nachstellbaren Reibahlen werden entweder nur für durchgehende (Fig. 3) oder auch für Sacklöcher (als Grundreibahle) (Fig. 4) ausgeführt. Fig. 5 Hellt eine Aufsteck- oder[392] Hohlreibahle dar; sie wird auf Halter (Fig. 6) aufgesteckt und insbesondere zum Ausreiben größerer Löcher wegen des geringeren Preises angewendet; sie ist besonders zum Aufreiben doppelter Lagerstellen geeignet (vgl. Fig. 7), wofür auch die in den Fig. 8 und 9 dargestellten Reibahlen verwendet werden. Auch die Hohlreibahlen werden nachstellbar ausgeführt. – Die Reibahlen Fig. 1012 sind zur Herstellung konischer Bohrungen bestimmt. Für saubere und genaue Arbeit wird das Ausreiben in mehreren Operationen vorgenommen: die hinterdrehte Schruppreibahle Fig. 10 dient zum Ausreiben eines konischen an Stelle des zylindrischen Lochs; infolge ihrer Form erzeugt sie ein abgestuftes Loch, das durch die Vorreibahle Fig. 11 weiter ausgerieben wird, während man mit der Fertigreibahle Fig. 12 das Loch fertigstellt. Man kann auch mit den Reibahlen Fig. 11 und 12 allein auskommen [4]. – Die Konusreibahle Fig. 13 dient in Kesselschmieden, Brückenbauanstalten, Schiffswerften u.s.w. zum Aufreiben der Löcher für Nieten, Stehbolzen u. dergl. – Die Reibahlen System Berg besitzen an ihrem vorderen Ende seine Schraubengänge zwecks selbsttätigen Einzugs der Reibahle. Bei den Reibahlen von Gebr. Saacke in Pforzheim (D.R.P. Nr. 93762) sind die Schneidkanten am vorderen Ende durch Aussparungen unterbrochen zur Erreichung geringeren Kraftverbrauchs und selbsttätigen Einzugs (Fig. 14). – Die Teilung der Reibahlen ist sehr wechselnd; Reibahlen mit seiner Teilung (besonders für weiche Metalle wie Messing und Rotguß verwendet) werden als geriffelte Reibahlen bezeichnet. In der Regel ist die Teilung keine gleichmäßige, da die Praxis ergeben hat, daß mit Reibahlen mit ungleichmäßiger Teilung sich leichter genau runde Löcher erzielen lassen [3]. – Die Herstellung der Reibahlen erfolgt durch Fräsen. Beim Gebrauch von Reibahlen mit Schneidkanten ist darauf zu achten, daß sie nicht rückwärts gedreht werden, da hierbei die Schneidkanten ausbrechen. Als reichlich anzuwendendes Schmiermittel verwendet man am besten Talg.


Literatur: [1] Zeitschr. für Werkzeugmaschinen und Werkzeuge 1897, S. 65. – [2] Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ing. 1903, S. 1780. – [3] »Werkstattstechnik« 1907, S. 108, 673; 1908, S. 170. – [4] Ebend. 1907, S. 557 (Konusreibahlen).

A. Widmaier.

Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4., Fig. 6., Fig. 7., Fig. 8., Fig. 9.
Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4., Fig. 6., Fig. 7., Fig. 8., Fig. 9.
Fig. 5.
Fig. 5.
Fig. 10., Fig. 11., Fig. 12., Fig. 13., Fig. 14.
Fig. 10., Fig. 11., Fig. 12., Fig. 13., Fig. 14.
Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 7 Stuttgart, Leipzig 1909., S. 392-393.
Lizenz:
Faksimiles:
392 | 393
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon