Seeschiffahrt

[38] Seeschiffahrt vermittelt den Verkehr auf dem Weltmeer und den Güteraustausch auf dem Weltmarkt, besonders zwischen Ländern verschiedener Kultur.

Die Grundlage der Seeschiffahrt bildet der Reedereibetrieb, welcher als selbständiges Verkehrsgewerbe seine Wesensaufgabe nicht im Handel, sondern im Güteraustausch und internationalen Passagierverkehr erblickt und sich hierzu vornehmlich der Seeschiffe, bestehend in den verschiedenen Typen der Fracht- und Passagierdampfer sowie der Segelschiffe, bedient. Die Seeschiffahrt bildet hiernach das wichtigste Glied des Seegewerbes; daneben spielt die Ausgestaltung der Seehäfen eine beachtenswerte Rolle, um den Güteraustausch von Kontinent zu Kontinent unter Ausnutzung der günstigsten Transportmittel mit Riesendampfern sicherzustellen. Die einzelnen Seehäfen müssen daher durch Korrektion der Flußläufe, Ausbaggerung einer Fahrrinne, Schaffung ausgedehnter Kaianlagen mit mechanischen Entladevorrichtungen und Speichern sowie durch ausreichende Dockgelegenheiten den erhöhten Anforderungen der Seeschiffahrt gerecht werden. Schließlich kommen für die Seeschiffahrt auch die übrigen Glieder des Seegewerbes, als der Seeschiffbau, die Seeversicherung und die Schiffsklassifikation namentlich mit Bezug auf die Entwicklung und Ausgestaltung der Schiffstypen in Frage, denn sowohl in der Daseinsberechtigung als auch in der kapitalistischen Ausgestaltung des Frachten- und Passagierverkehrs bestehen zwischen Schiffbau, Schiffsklassifikation, Seeversicherung und Reedereibetrieb mannigfache Wechselbeziehungen [1]–[4], [9]–[11]. – Die Entwicklung der Seeschiffahrt im besonderen hat seit etwa vier Jahrzehnten durch Schaffung von direkten und regelmäßigen Schiffahrtslinien zwischen bestimmten Seehäfen – Linienreedereien – einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren und alsbald zu einer Organisation und Verbandsbildung in der Handelsschiffahrt Veranlassung gegeben, damit die großen Reedereien als Diener des Handels und der Produktion und als Organ der nationalen Wirtschaft zur vollen Wirksamkeit gelangen konnten. Daneben spielt die Trampschiffahrt, d.h. die Dampfschiffahrt in wilder Fahrt, welche die Schiffe je nach Bedarf auf allen möglichen Gewässern und für jede Art von Frachtfahrt beschäftigt, sowie die reine Segelschiffahrt für weite Ueberseestrecken und für die kleine Fahrt immer noch eine beachtenswerte Rolle für den Austausch von Massen- sowie von Stückgütern. Da die scharfe Konkurrenz in der Trampschiffahrt, namentlich durch Uebererzeugung von Trampdampfern veranlaßt, die Frachten erheblich gedrückt hat und damit einen Gewinn in Frage stellte, ist man auch für die freie Fahrt einer Verbandsbildung zur Regelung der Konkurrenz und Festsetzung von Mindestfrachtsätzen für die Massenartikel des Weltverkehrs nähergetreten [6]–[8], [12]. Neben dieser rein privaten Anregung zur Förderung der Seeschiffahrt kommen bei fast allen Schiffahrt treibenden Nationen seit dem letzten Jahrzehnt Maßnahmen zur Geltung, um durch Subventions- und Prämiensysteme die Reedereibetriebe und den Seeschiffbau zu fördern. Zugleich ist man bestrebt, auf dem Gebiete der Vorschriften über die Sicherung der Seeschiffahrt internationale Vereinbarungen herbeizuführen; hierher gehören die Schiffsvermessung (s.d.), die Seeunfallverhütungsvorschriften, die Freibordvorschriften oder die Festsetzung der Tiefladelinie. Vgl. Board of Trade, Freibord, Seeberufsgenossenschaft und [1], [4], [5], [7], [8].


Literatur: [1] Wiedenfeld, K., Die nordwesteuropäischen Welthäfen, Berlin 1903. – [2] Lindsay, W., History of Merchant Shipping, London 1876. – [3] Babes, W.W., American Marine, Boston 1897. – [4] Roux, Ch., Notre marine marchande, Paris 1898. – [5] Schwarz und v. Halle, Die Schiffbauindustrie, Berlin 1902. – [6] Nauticus, Die deutsche Handelsmarine und fremde Handelsmarinen, Berlin 1903/08. – [7] Thieß, K., Organisation und Verbandsbildung in der Handelsschiffahrt, Berlin 1903. – [8] Schwarz, Tj., Schiffbau und Schiffahrt im Zeitalter der Kartelle und Trusts, Marinerundschau 1905, S. 1. – [9] Schrödter, C., Die englische Handelsschiffahrt, Halle 1906. – [10] Peters, M., Die Entwicklung der deutschen Reederei, Jena 1905. – [11] Pleß, F., Geschichte der Assekuranz und der hanseatischen Seeversicherungsbörsen, Hamburg 1902. – [12] Fitger, H., Die wirtschaftliche und technische Entwicklung der Seeschiffahrt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Leipzig 1902.

T. Schwarz.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 8 Stuttgart, Leipzig 1910., S. 38.
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