Zugstabsystem, Zugtafelsystem

[1030] Zugstabsystem, Zugtafelsystem, eigenartige Einrichtungen zur Verhütung von Gegenfahrten auf eingleisigen Bahnstrecken.

Für jede Blockstrecke (s. Blockeinrichtungen und Eisenbahnbetrieb VII) ist nur ein besonders gestalteter Stab vorhanden. Nur derjenige Zug hat Fahrrecht für diese Blockstrecke, dessen Führer sich im Besitz des Zugstabes befindet. Dies Verfahren ist entstanden aus dem Fahren mit Lotsen (pilotman), der beständig zwischen den beiden Stationen einer so gesicherten Strecke hin und her fährt, ein Verfahren, das in Notfällen auch heute noch angewendet wird. Falls nicht stets Züge beider Fahrrichtungen miteinander abwechseln, hilft man sich so, daß die im Besitze des Zugstabes befindliche Abfahrtstation bezw. der auf der Abfahrtstation befindliche Lotse dem ersten von zwei oder mehreren nacheinander in derselben Richtung fahrenden Zügen und auch den folgenden, außer dem letzten, einen Fahrberechtigungsschein mitgibt, während der letzte in derselben Richtung fahrende Zug den Zugstab erhält bezw. vom Lotsen begleitet wird. Die hierin liegende Unvollkommenheit und Unsicherheit wird vermieden durch das elektrische Zugstabsystem. Bei diesem sind für jede Blockstrecke eine größere Anzahl gleichgeformter (aber von den Stäben der Nachbarstrecken verschieden geformter) Zugstäbe vorhanden. Diese sind in zwei auf den Endstationen der Blockstrecke befindlichen Behältern untergebracht, die derart elektrisch verbunden sind, daß stets nur ein Stab sich außerhalb der Behälter befinden kann. Befinden sich alle Stäbe teils in dem einen, teils in dem andern Behälter und es wird nur ein Stab einem der Behälter entnommen, so sind beide Behälter so lange für die Entnahme eines Stabes gesperrt, bis der erstentnommene Stab einem der beiden Behälter wieder eingefügt ist. Dies System gestattet, innerhalb der Zahl der vorhandenen Stäbe beliebige Fahrten nacheinander in gleichem Sinne oder mit Wechsel der Fahrrichtung. Ist der Verkehr dauernd in einer Richtung stärker, so muß die Möglichkeit bestehen, unter besonderen Sicherungen eine Anzahl Stäbe dem einen Behälter zu entnehmen und nach Ueberführung zum andern Ende der Blockstrecke dem andern Behälter einzufügen. Um auf Zwischenblockstellen die Zugstäbe ohne Anhalten der Züge auswechseln zu können, hat man besondere Austauschvorrichtungen gebaut. Fernere Vervollkommnungen machen die Signalstellung vom Zugstabsystem abhängig.

Das verbreitetste Zugstabsystem ist das von Webb & Thompson. Statt der Zugstäbe verwendet man auch runde Scheiben (Zugtafeln, Train tablets). In England ist für eingleisige Bahnen die Verwendung des einfachen Zugstabsystems oder eines elektrischen Zugstab- oder Zugtafelsystems vorgeschrieben. Auch in andern Ländern sind diese Systeme viel verwendet, dagegen nur ausnahmsweise in Deutschland. Neuerdings ist von Martin (Dresden) eine Einrichtung angegeben worden, bei der die beiden Zugstabbehälter nicht, wie bei den älteren englischen Systemen, durch Batteriestrom, sondern durch Wechselstromblockwerke von Siemens &Halske verbunden sind [3]. Inzwischen ist das System von Webb & Thompson für Betrieb mit Gleichstrominduktoren umgearbeitet worden, wodurch die Betriebssicherheit größer und die Unterhaltungskosten kleiner geworden sind [4].


Literatur: [1] Wilson, H.R., Power Railway Signalling, London 1908. – [2] Scholkmann, Signal- und Sicherungsanlagen, Eisenbahntechnik der Gegenwart, II, 4, Wiesbaden 1904. – [3] Oder, Ein neues Zugstabwerk, Dingl. Polytechn. Journ., Bd. 323, Heft 13. – [4] Ders., Das Zugstabwerk von Webb & Thompson in seiner neuesten Ausführungsform, Dinglers Polytechn. Journal 1909.

Cauer.

Quelle:
Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 8 Stuttgart, Leipzig 1910., S. 1030.
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