2. Hassan aus Bassra.

[13] Es war einmal ein Kaufmann; derselbe war reich. Er starb; sein Sohn nahm seine Stelle ein, der war aber nicht sparsam wie sein Vater, sondern ein Verschwender. Er begann viel Geld auszugeben. Die Leute verführten und verdarben ihn; er begann das Geld seines Vaters schlecht anzuwenden und wandelte weiter auf diesem Pfade, bis das Geld knapp wurde. Als es mit dem Gelde fast auf die Neige ging, sprach zu ihm seine Mutter: »Öffne doch einen Laden und treibe ein Geschäft in demselben, damit du etwas verdienst und ein ordentlicher Kaufmann wie dein Vater wirst und nicht ohne alle Beschäftigung dasitzest, dass die Leute über dich lachen!« Er hörte auf die Rede seiner Mutter, öffnete einen Laden und begann darin ein Geschäft.

Eines Tages sass er im Laden, da kam ein Mann, der sprach zu ihm: »Friede über euch!« Hassan entgegnete: »Über euch sei der Friede und die Gnade Gottes!« Der Fremde sprach: »Hassan, dein Vater war einer meiner besten Freunde; Dank sei Gott, der an des Vaters Stelle einen als Ersatz liess! Ich kam her und habe nach dir gefragt, schliesslich habe ich dich gefunden; nun will ich ein Weilchen bei dir bleiben; du musst aber auf meine Worte hören,[13] damit ich dich (so reich) mache, wie dein Vater war.« Der Fremde wohnte bei ihm schon drei Tage; im Verlaufe des dritten Tages sprach er zu Hassan: »Wohlan, ich will dir eine Beschäftigung zeigen, von der du leben kannst!« Er zog eine Büchse aus seiner Tasche und öffnete diese Büchse; in dieser Büchse aber war Goldstaub. Er sprach nun zu Hassan: »Geh, kauf mir zwei Eisenstäbe!« Hassan kaufte sie und brachte sie ihm; jener zündete ein Feuer an und legte die Eisenstäbe auf dies Feuer; sie wurden warm; nun streute er den Goldstaub auf sie, – da wurden die Stäbe zu Gold. Er sprach zu Hassan: »Bring sie auf den Basar!« Hassan brachte sie auf den Basar und verkaufte sie, einen jeden für hundert Goldstücke. Er brachte das Geld dem Gaste; dieser sprach zu ihm: »Gefällt dir diese Beschäftigung?« Er sagte ihm ferner: »Bring mir weitere Stäbe!« Hassan brachte ihm noch weitere Eisenstäbe; jener legte sie auf das Feuer, streute über sie den Goldstaub, da wurden sie wie die früheren (zu Gold). Hassan erzählte alles seiner Mutter. Seine Mutter aber sprach: »Mein Sohn, so in meinem Herzen mag ich den Gast nicht recht leiden.« Er sprach zu ihr: »Also auch du (bist so kleinlich)!« Er sagte seiner Mutter weiter nichts in dieser Angelegenheit; bei sich aber dachte er: »Jener wird mich in zwei Jahren reich machen.« Seine Mutter erwähnte auch nichts weiter über diese Angelegenheit. Sie brachte das Abendbrot für ihn und den Gast. Nachdem sie zu Abend gespeist, tranken sie Kaffee. Der Gast that ihm aber einen Schlaftrunk in den Kaffee. Hassan aus Bassra sank hin. Jener legte ihn in einen Koffer und trug ihn weg und zog mit ihm in die Nacht hinaus.

Am nächsten Morgen stand die Mutter Hassans auf: da war weder ihr Sohn, noch der Gast da; sie waren fort! Sie ging aus und begab sich nach den Läden und suchte nach, ohne jene zu finden. Sie kehrte wieder nach ihrem Hause zurück und begann zu weinen, die Arme! Sie begab sich in das Zimmer, wo ihr Sohn zu schlafen pflegte, stellte dort eine Art Grab her und kam jeden Tag an dies Grab und weinte. Sie sagte bei sich, ihr Sohn sei gestorben und sie habe ihn in dem Grabe begraben.

Als jener Fremdling den Hassan in dem Koffer fortgetragen hatte, hatte er mit ihm eine Strecke von drei Tagen zurückgelegt. Dann öffnete er den Koffer, gab Hassan ein Gegenmittel gegen den Schlaftrunk; Hassan wachte auf, nieste und rief: »Dank sei Gott!« Er rief aus: »In wessen Hand befinde ich mich jetzt?« Jener entgegnete ihm:[14] »In der Hand des Magiers Ibrahim!« Hassan sagte zu ihm: »Wie konnte das geschehen, dass du zu mir kamst, und ich dich in meinem Hause bewirtete, und du Brot und Salz mit mir assest, um mich schliesslich so treulos zu behandeln?« Ibrahim entgegnete: »Ich habe deinetwegen eine Reise von einem Jahre zurücklegen müssen, um dich zu bekommen und eigens herzubringen!« Er zog aus seiner Tasche ein kleines kupfernes Tamburin und schlug auf dasselbe mit einem kupfernen Stabe. Es erschien ihm ein Geist aus demselben, der sprach: »Was bedarfst du?« Ibrahim erwiderte: »Ich wünsche drei Reisekameele.« Die erschienen. Ein jeder bestieg ein Reisekameel, und ein drittes Reisekameel trug die Vorräte. So reisten sie; jeden Tag legten sie eine Strecke zurück, die sonst einen Monat beansprucht. Jener reiste mit Hassan zehn Tage. Nach Verlauf von zehn Tagen sprach Hassan zum Magier: »Lass mich ausruhen und gieb mir etwas zu verzehren!« Sie liessen die Kameele niederknieen und zogen so viel, als sie verzehren wollten, hervor. Sie tranken das erquickende Wasser. Hassan aus Bassra sah sich um, da erblickte er einen sehr hohen, in den Himmel (ragenden) Berg. Er fragte: »Was ist das für ein Berg?« Ibrahim entgegnete ihm: »Das ist der ›Wolkenberg‹.« Dann blickte Hassan nach rechts und sah ein Schloss, das ragte mitten in den Himmel hinein. Er fragte jenen: »Ibrahim, ist dieses Schloss bewohnt oder leer?« Jener erwiderte ihm: »Frage mich nicht danach! In ihm wohnen Feinde.« Sie stiegen wieder auf und zogen gegen den Berg; der Berg befand sich gerade vor ihnen, und sie reisten genau auf den Berg los. Sie gelangten an den Fuss des Berges und stiegen ab. Als sie abgestiegen waren, da ergriff Ibrahim eines von den Reisekameelen und schlachtete es. Er sprach: »Hassan, zieh ihm das Fell ab!« Hassan zog ihm das Fell ab. Nachdem er dies gethan, weideten beide dem Kameele den Leib aus. Dann sprach Ibrahim: »Wohlan, ich will dir zeigen, was du jetzt thun sollst! Ich werde dich also in den Leib des Kameeles stecken und dich einnähen. Bald werden die Geier kommen und dich emporheben; schliesslich werden sie dich auf den Gipfel des Berges bringen. Wenn du dann auf den Gipfel des Berges gelangst und merkst, dass sie dich auf den Boden niedergelegt haben, so zieh ein Messer hervor und trenne den Leib des Kameeles auf! Wenn du herauskriechst, werden die Geier fliehen und fortfliegen. Tritt dann auf den Gipfel des Berges hin; da wirst du vor dir ein Haus sehen; geh in dasselbe! In diesem Hause wirst[15] du einen Schrank erblicken und auf dem Schranke eine beschriebene Tafel; bring diese Tafel und komm her; dann will ich dich in deine Heimat zurückbringen!«

Hassan (vollführte diese Befehle) und brachte die Tafel. Ibrahim sprach zu ihm: »Gieb mir die Tafel, die du mir geholt hast!« Hassan erwiderte: »Ich gebe sie dir nicht eher, als bis du mich nach meiner Heimat gebracht hast.« Jener sprach: »Gieb sie mir nur! Ich will dich schon hinbringen.« Hassan übergab hiermit jenem die Tafel; als er sie ihm übergab, da rief ihm jener zu: »Bleibe nur hier und stirb vor Hunger und Durst!« Hiermit zog Ibrahim von ihm weg und liess ihn da hungernd und durstend umherwandern. Hassan begann auf dem Berge umherzuwandern, stillte seinen Hunger mit Gras und sprach bei sich: »Wie lange werde ich wohl schliesslich hier zubringen?« Dann dachte er daran, Wüstengras auszureissen und ein Seil herzustellen, um eine Art Leiter zu machen. Er begann eifrig zu flechten und zu messen, fand aber, dass er noch viel weiter hinabmüsse, und dass der Berg noch viel weiter hinabreiche. Er sprach bei sich: »Nun wohl, ich will hinabsteigen!« Er band sich fest an den Grasstrick an und sprach bei sich: »Auf Tod oder Leben!« Er glitt hinab; als er hinabglitt, gelangte er an das Ende des Strickes. Er sah unter sich: das war noch sehr tief bis nach unten! Er sagte sein Glaubensbekenntnis, schloss die Augen und liess los. Er stürzte hinab, kam aber ins Wasser und fand, dass ihm garnichts zugestossen war. Er begann zu schwimmen und kam schliesslich aus dem Wasser an das Ufer. Er wanderte jetzt am Ufer des Meeres zehn Tage einher und nährte sich von Gras und Muscheln. Schliesslich erblickte er in der Ferne ein Schloss; er wanderte nach diesem Schlosse zu; dies Schloss war aber das, nach dem er Ibrahim gefragt hatte, worauf ihm derselbe erwidert hatte, dies sei das Schloss der Feinde.

Hassan gelangte an das Schloss und blieb drei bis vier Stunden am Schlossthore, ohne dass sich ihm ein Wesen gezeigt hätte. Dann betrat er das Schloss und fand Betten und Speisen fix und fertig. Er ass und trank und ruhte aus; dann begab er sich in das Schlafzimmer und versteckte sich; er sprach bei sich: »Ich muss erst sehen, wer die Besitzer des Schlosses sind.« Der Besitzer des Schlosses aber war ein Geisterkönig. Man hatte bei ihm um seine Töchter geworben, er wollte aber dieselben niemandem zu Frauen geben. Er berief die Zauberer von den Geistern und befahl ihnen: »Baut mir[16] ein Schloss; in demselben wünsche ich Alles, was nur der Mund und die Zunge aussprechen kann!« Jene bauten ihm ein Schloss; es war (für die Mädchen) eine Reise von drei Jahren von (dem Wohnort) ihres Vaters entfernt. Der Geisterkönig ritt nach dem Schlosse und sah sich dasselbe an; er sah es und fand es vortrefflich. Dann schickte er seine sieben Töchter hin, damit sie dort wohnten. Sie wohnten jetzt also dort, als Hassan aus Bassra kam. Herr Hassan hatte sich bekanntlich im Schlafzimmer versteckt und bei sich gedacht: »Ich muss erst die Besitzer des Schlosses sehen!« Die Mädchen pflegten nun jeden Tag auf die Jagd auszuziehen. Jetzt kamen die Mädchen von der Jagd zurück, und eine jede begab sich nach ihrem Zimmer, um sich zum Mittagsbrote zu waschen. Die jüngste Schwester von ihnen fand Herrn Hassan aus Bassra im Schlafzimmer; sie rief ihm zu: »Wer ist das, ein Mensch oder ein Geist?« Er entgegnete: »Ein Mensch, und zwar einer von den besten der Art.« Sie fragte ihn: »Du bist Hassan aus Bassra?« Er entgegnete ihr: »Jawohl.« Sie sprach: »Also du bist Hassan, den der Magier Ibrahim hierher brachte und durch den er sein Vorhaben ausrichtete und den, er dort auf dem Gipfel des Berges zurückliess! Ach, wieviele wie du hat er schon hierhergebracht und sie vor Hunger und Durst zu Grunde gehen lassen; du aber lebst wirklich noch auf der Welt! Ein Betrüger und Schwindler ist jener.« Sie sprach ferner zu ihm: »Du kannst hier wie ein Bruder von uns wohnen; gedulde dich aber ein Weilchen, gehe nicht aus dem Zimmer, bleib hier!« Er erwiderte ihr: »Gut.« Jene begab sich zu ihren Schwestern und sprach zu ihnen: »Wenn zu uns ein Gast kommen sollte, wollen wir ihm da Böses anthun oder ihn gut aufnehmen?« Jene erwiderten: »Ist er gut, so wollen wir ihn gut aufnehmen; ist er böse, so wollen wir ihm Böses anthun.« Sie entgegnete ihren Schwestern: »Nun wohl, ich erwartete diese Antwort; ich will ihn jetzt holen.« Sie brachte Hassan, jene begrüssten ihn und sagten zu ihm: »Du bist unser Bruder, bleib hier, bei uns!«

Sie lebten nun zusammen im Schlosse. Einst öffneten sie ein Fenster, da erblickten sie ein Heerlager rings um das Schloss. Sie fragten sich: »Was bedeutet dies?« Da kam der Oberbefehlshaber jener Truppen heran und meldete: »Euer Vater lässt sagen: ›Ich wünsche, dass ihr zu mir kommt; ich habe eine Hochzeit vor; ich möchte, dass ihr einen Monat bei mir verweilet, bis die Festlichkeit vorüber ist!‹« Das jüngste Mädchen, die jüngste Schwester von ihnen,[17] sprach zu Hassan: »Bruder, wir werden dich auf einen Monat verlassen.« Sie fuhr fort: »Ich werde dir aber alles Nötige zeigen.« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn im Schlosse herum; sie zeigte ihm alle Gemächer. Sie sprach zu ihm: »Alle diese Gemächer hier kannst du öffnen, nur diese Thür hier sollst du nicht öffnen. Du brauchst weiter nichts, Vorrat für dich befindet sich hier im Schlosse.«

Er war nun im Schlosse schon einen oder zwei Tage, da begann er sich zu langweilen. Jene Mädchen hatten ihm gesagt: »Öffne dies Zimmer nicht!« Trotzdem dachte er: »Ich werde es doch wohl lieber öffnen.« Er öffnete jenes Zimmer und erblickte in demselben eine Leiter an die Wand gelehnt; er stieg auf diese Leiter und kam auf eine Terrasse. Er stieg auch auf diese und sah sich links und rechts um und erblickte einen wunderfeinen Garten und in demselben, was nur der Mund und die Zunge aussprechen kann, nämlich allerlei Blumen und Früchte, ferner ein Wasserbecken. Während er sich nun so umschaute, sah er schliesslich zehn Tauben herankommen, die liessen sich auf den Rand des Wasserbeckens nieder. Eine legte ihr Gefieder ab und ward eine Frau. Schliesslich verwandelten sich alle zehn zu Frauen. Sie stiegen ins Wasser, um zu baden, sie badeten und scherzten, dabei waren sie nackt und unbekleidet; Hassan aber sah ihnen zu. Eine von ihnen gefiel ihm ganz besonders, das war die jüngste von ihnen. Er schlich sich heran, da bemerkten sie ihn und flohen. Er ging wieder zurück (ins Schloss), liebeskrank und legte sich auf sein Lager hin.

Als seine Schwestern von dem Besuche bei ihrem Vater zurückkehrten, da fanden sie Hassan krank. Das jüngste Mädchen fragte ihn: »Was ist mit dir, mein Bruder?« Er entgegnete: »Ich bin krank und habe gar keine Kraft.« Jene erwiderte ihm: »Du hast vielleicht jene Thür geöffnet, die ich dir zu öffnen verbot!« Er entgegnete ihr: »Ich habe sie geöffnet und etwas erblickt, was ich in meinem Leben noch nie gesehen: es kamen Tauben, die zogen ihr Gefieder aus und badeten, und eine von ihnen gefiel mir besonders!« Sie erwiderte ihm: »Verfluche den Satan! Das ist eine schwere Sache für dich!« Er entgegnete: »Es muss aber sein (ich muss jene gewinnen)!« Als er nun schliesslich zu weinen begann, da sprach sie: »Ich will dir einen Rat geben, selbst wenn die Sache so schwierig ist! Jene kommen nämlich den ersten eines jeden Monats. Wenn sie kommen, dann steig du hinauf auf die Terrasse und beobachte sie sorgfältig! Wenn du siehst, dass sie ihr Gefieder ablegen und baden, dann[18] steig du hinab und stiehl das Gefieder der, die du begehrst; denn ohne das Gefieder kann sie nicht wieder fortfliegen!« Er geduldete sich nun, bis dieser Monat zu Ende ging. Dann begab er sich nach dem Orte; die Tauben kamen und zogen ihr Gefieder an der Stelle dort, wie es ihre Gewohnheit war, aus. Hassan begab sich vorsichtig hinab, schlich sich heran und stahl das Gefieder der, die er begehrte. Seine Schwester hatte ihm vorher gesagt: »Wenn du das Gefieder stiehlst, dann sprich dabei kein Wort! Jene aber werden rufen: ›Du, der du das Gefieder gestohlen hast, gieb es uns zurück, wir wollen dich ja auch reich machen!‹ – wenn du sprichst, werden sie dir Leides anthun!«

Hassan hörte auf die Worte seiner Schwester, war still und verhielt sich schweigend, bis die Zeit kam, wo jene wieder fortfliegen mussten. Eine jede von ihnen zog wieder ihr Gefieder an und flog fort; die aber, deren Gefieder er gestohlen hatte, musste zurückbleiben. Hassan ergriff sie jetzt mit den Worten: »Da bist du gefangen!« Er nahm sie und brachte sie zu seiner jüngsten Schwester; die sprach zu ihr: »Sei gegrüsst! Segen hat uns aufgesucht!« Jene weinte aber schliesslich in einem fort. Die jüngste Schwester brachte ihre übrigen Schwestern herbei, die begrüssten sie. Das Mädchen aber schimpfte auf sie und sprach zu ihnen: »Da habt ihr einen Menschen in eurem Hause, der stiehlt Königstöchter!« Die älteste Schwester sprach zu ihr: »Als dich Hassan festnahm, hat er dir da irgend etwas Schlimmes angethan oder dir einen Schaden zugefügt?« Sie entgegnete: »Nein.« Jene sprach wieder: »Warum weinst du dann? Für die Frau ist der Mann, und für den Mann ist die Frau bestimmt!« Sie aber weinte drei Tage lang und wollte nicht an die Hochzeit. Was that aber Herr Hassan in diesen drei Tagen? Er kam und küsste ihr die Hand und brachte ihr eigens die Speisen und den Kaffee, sie aber zeigte sich beständig spröde ihm gegenüber. Die jüngste Schwester sprach zu ihr: »Herr Hassan aus Bassra läuft für dich wie ein Diener, und du bist gar nicht besser als er! Sieh nur, sein Wesen ist ein königliches!« Da wurde ihr Herz umgestimmt (und bereit) zur Hochzeit. Man fertigte den Ehekontrakt aus, und Hassan verheiratete sich mit ihr und blieb dann eine Zeitlang bei seinen Schwestern wohnen.

Dann aber bekam er Sehnsucht nach seiner Mutter. Er kam zu seinen Schwestern und sprach zu ihnen: »Ich möchte zu meiner Mutter reisen, um sie zu sehen; ich weiss nicht, lebt sie, oder ist sie tot.«[19] Seine Schwestern erwiderten: »Gut, Gott befohlen, geh hin!« Seine jüngste Schwester blickte ihn an und sprach: »Bleib noch drei Tage hier und reise dann; denn in drei Tagen wird der Magier Ibrahim wieder einen Gläubigen bringen und ihn auf den Gipfel jenes Berges schicken, um mit ihm dasselbe zu thun, was er mit dir that!« Ibrahim brachte denn auch einen Menschen und schaffte ihn an den Fuss des Berges. Das Mädchen sprach: »Herr Hassan, töte ihn!« Hassan entgegnete: »Jener ist ein Zauberer, ich vermag ihn nicht zu töten.« Sie entgegnete ihm: »Ich werde dir ein Schwert geben, dies Schwert ist mit Zaubersprüchen beschrieben; dasselbe wird ihn töten.« Hassan ging hin, nahm das Schwert, und die Mädchen setzten sich auch zu Ross und zogen mit. Man traf Ibrahim am Fusse des Berges, als er den Menschen peinigte. Ibrahim sah jene nicht, er sah bloss Hassan mit dem Schwerte in der Hand. Die jüngste Schwester hatte aber Hassan bedeutet und zu ihm gesagt: »Rede ihn nicht an, sonst wird er Pulver auf dich streuen und dich zu Staub verwandeln!« Ibrahim sprach zu ihm: »Bin ich denn nicht dein Vater?« Hassan aber schwieg, erschlug ihn, schnitt ihm den Kopf ab und befreite jenen gefesselten Gläubigen; er befreite ihn und brachte ihn in das Schloss (der sieben Schwestern). Da ruhte sich der Gläubige aus und atmete wieder auf; dann gab man ihm ein Stück Geld und Reittiere, und so kehrte jener in seine Heimat zurück. Das kleine kupferne Tamburin jedoch, das der Magier Ibrahim besessen hatte, war ein Zaubertamburin; das hatte Hassan an sich genommen und es in die Tasche gesteckt.

Dann sprach Hassan zu seinen Schwestern: »Liebe Schwestern, jetzt bin ich schon drei Jahre von meinem Mütterchen fern.« Sie erwiderten ihm: »Wir wollen dich nicht von deiner Mutter fernhalten, wir geben dir schon etwas Urlaub.« Er sprach zu ihnen: »Schwestern, ich gebe euch mein Wort, dass ich wiederkommen und euch besuchen werde.« Dann zog er das Tamburin hervor und schlug auf dasselbe. Da erschien ihm ein Mann von den Geistern, der sprach zu ihm: »Was bedarfst du?« Er entgegnete: »Ich wünsche drei Kameele.« Dieselben erschienen; er bestieg eines, und seine Frau eines, und eines trug die Reisekost. Seine Schwestern schenkten ihm eine Summe Geld; so kehrte er heim nach der Stadt Bassra. Er gelangte nach dem Hause seiner Mutter und klopfte an die Thür. Seine Mutter, die Arme, sass da und weinte, sie fragte: »Wer ist's?« Hassan erwiderte: »Mach auf!« Da erkannte sie die Stimme ihres Sohnes,[20] ihr Herz klopfte, sie öffnete die Thür. Ihr Sohn trat herein und ergriff ihre beiden Hände, und sie begann ihn zu küssen und rief: »Mein Söhnchen, du warst lange fern, du warst drei Jahre weg.« Er entgegnete: »Da bin ich wieder, ich werde nicht wieder weggehen!« Dann brachte er das Geld ins Haus, und seine Mutter freute sich darüber und freute sich auch über die Frau, die ihr Sohn geheiratet hatte. Seine Mutter sah ihn an und sprach zu ihm: »Dies Geld darfst du in dieser Stadt hier nicht verzehren; wir wollen lieber nach der Stadt Bagdad ziehen und dort unter dem Schütze des Sultans wohnen; dort weiss man nicht, woher du gekommen bist.« Er entgegnete: »Gott befohlen!«

Er zog jenes Tamburin hervor und schlug auf dasselbe; es erschienen drei Kameele. Auf eines stieg seine Mutter, auf eines seine Frau, und auf eines er selbst. Er gelangte nach der Stadt Bagdad, kaufte ein Haus und zog in dies neue Haus, das er gekauft hatte, mit seinem Gelde und seinen Gütern. Er wohnte drei Jahre dort; da schenkte ihm seine Frau Kinder; sie gebar ihm zwei Knaben, und zwar Zwillinge. Einen nannte er Nassr und den anderen Manssur.

Einst wandte er sich an seine Mutter und sprach zu ihr: »Ich muss meine Schwestern (im Schlosse) besuchen, ich habe ihnen mein Wort gegeben, dass ich sie besuchen würde; wenn ich nicht komme, so ist dies ein Unrecht.« Sie entgegnete ihm: »Mein Söhnchen, gut, so zieh hin, aber bleib nicht zu lange von mir fern!« Er entgegnete: »Ich werde sechs Monate von dir fern bleiben, nach sechs Monaten werde ich wiederkommen.« Als er eben aufbrechen wollte, da rief er seine Mutter herbei und sprach: »Komm und sieh dies Gefieder meiner Frau, das hier im Koffer liegt; hab Achtung auf dasselbe, dass sie nicht etwa mit demselben fortfliegt!« Die Frau horchte aber und vernahm, was jene sprachen. Dann zog Hassan jenes Tamburin hervor und schlug auf dasselbe; es erschienen ihm drei Kameele. Er belud zwei Kameele mit verschiedenen Sachen, um seinen Schwestern Geschenke mitzubringen, stieg dann selbst auf ein Kameel, empfahl sich Gott und ritt ab. Er gelangte zu seinen Schwestern, Er begrüsste sie, und sie hiessen ihn willkommen. Nun war er also wieder bei ihnen.

Hassan befindet sich jetzt im Schlosse, da möge sich die Erzählung zu seiner Frau wenden. Nach Verlauf von zwei Monaten wandte sie sich an seine Mutter und sprach zu ihr: »Mutter,[21] ich möchte gern ins Bad gehen!« Jene entgegnete ihr: »Dein Gemahl hat mir aufgetragen und mir eingeschärft, ich solle dich nicht aus der Thür hinauslassen! Wie könnte ich dich da fortlassen?« Nur-Ennisä wurde darüber ärgerlich und begann zu weinen. Da empfand ihre Schwiegermutter Mitleid mit ihr und sprach: »Wohlan, geh hin!« Jene nahm ihre Sachen und nahm die Kinderchen und ihre Schwiegermutter mit. Man begab sich nach dem Bade und betrat dasselbe. Nur-Ennisä zog ihre Kleider aus, – da sperrten die anwesenden Frauen den Mund auf und sahen sie an. Jene ging ins Bad und wusch sich. Daselbst war auch eine Sklavin von den Sklavinnen der Subida, der Gemahlin des Harun Arraschid. Die bewunderte jene zusammen mit den Frauen; sie sprach: »Wenn ich zur Herrin heimkomme, werde ich ihr über diese schöne Frau berichten und sagen, ich habe eine Frau gesehen, deren Schönheit nicht von dieser Welt sei!« Die Sklavin kam heim zu ihrer Gebieterin, letztere sprach zu ihr: »Was ist mit dir, dass du so lange weggeblieben bist?« Sie entgegnete: »Herrin, ich habe eine Frau gesehen, von einer Schönheit, wie es auf der ganzen Welt kaum nochmals giebt! Diese hielt mich ab; ich musste sie immer ansehen.« Subida entgegnete ihr: »Sag' das nicht!« Sie aber erwiderte: »Doch, bei Gott, in Wahrheit, da war eine Frau, der du nicht bis an die Schenkel reichst!« Subida fragte: »Weisst du, wo sie wohnt?« Sie entgegnete: »Herrin, als jene das Bad verliess, da folgte ich ihr nach und schliesslich sah ich, wo sie eintrat.«

Subida rief nun den Eunuchenobersten herbei, – sein Name war Baba Srur, – und sprach zu ihm: »Geh mit der Sklavin hier; sie wird dir das Haus der schönen Frau, von der sie mir jetzt erzählte, zeigen; bring dieselbe her zu mir!« Baba Srur ging mit der Sklavin fort; dieselbe zeigte ihm das Haus. Er klopfte an die Thür, da kam die alte Mutter zu ihm heraus, die sprach: »Wer ist da?« Baba Srur entgegnete: »Der Haremsoberste des Sultan.« Die Alte öffnete die Thür; jener trat ein. Sie sprach zu ihm: »Es ist doch nichts Schlimmes?« Er entgegnete: »Nichts Schlimmes noch Böses; meine Herrin hat mich hergesandt, um die schöne Frau, die hier bei dir wohnt, zu holen, damit meine Herrin sie sieht.« Die Alte entgegnete ihm: »Die Frau bei mir hier darf nicht ausgehen, ihr Gemahl ist abwesend.« Baba Srur aber entgegnete: »Ich muss sie bringen.« Die Alte entgegnete: »Ich kann dir nicht erlauben, sie mitzunehmen.« Da nahm sie jener mit Gewalt hinweg; sie aber nahm[22] ihre Knaben mit. Die Alte ging ebenfalls mit ihnen und verschloss das Haus. Man gelangte zum Palaste des Sultan und stieg in die oberen Gemächer. Die Gemahlin des Sultan erblickte jene, betrachtete sie mit ihrer Umgebung und befahl ihr, die Kleider abzulegen und sich auf den Thronsessel zu setzen; dann bewunderten sie dieselbe, staunend über diese wunderbare Schönheit. Hierauf spielte man Musikstücke und begann zu scherzen und zu singen. Die Frauen begannen zu tanzen. Alle hatten schliesslich getanzt, Nur-Ennisä allein noch nicht. Subida wandte sich an sie und sprach zu ihr: »Jetzt ist die Reihe an dir!« Sie erwiderte ihr: »Gewiss!« Sie erhob sich und tanzte; sie setzte alle in Verwunderung, denn sie tanzte überaus schön. Subida sprach zu ihr: »Bravo!« Nur-Ennisä aber entgegnete: »Wenn ich mein Gefieder hier hätte, so wollte ich euch ein wahres Wunder zeigen.« Man fragte sie: »Wo ist dein Gefieder?« Sie entgegnete: »Unter der Obhut meiner Schwiegermutter.« Subida befahl, jener: »Bring es uns her, Alte!« Diese erwiderte: »Nein, ich habe keines.« Nur-Ennisä aber sprach: »Doch, sie hat es; es ist im Koffer eingeschlossen.«

Die Alte begann zu schreien, Subida aber sprach: »Sei still hier vor mir! Komm, Baba Srur, begieb dich nach dem Hause, brich den Koffer auf und bring das Gefieder!« Baba Srur begab sich nach dem Hause, brach den Koffer auf und brachte das Gefieder. Man breitete das Gefieder auseinander und sprach zu Nur-Ennisä: »Herrin, da ist dein Gefieder!« Sie nahm es, legte es an und ward zu einer Taube, hüpfte auf das Fenstergesims und machte Kunststückchen vor jenen. Den Frauen gefiel dies, sie sprachen: »Das ist ein prächtiges Kunststückchen mit dem Gefieder!« Jene aber nahm ihre Knaben, einen steckte sie unter den einen, den anderen unter den anderen Flügel, einen rechts und den anderen links. Dann hüpfte sie weiter und gelangte auf das Dach. Hierauf wandte sie sich an ihre Schwiegermutter und sprach zu derselben: »Wenn dein Sohn Liebe und Sehnsucht empfindet, und ihn der Hauch der Sehnsucht erfasst, so reise er nach der Insel Wakwak!« Dann flog sie auf und verschwand. Die Alte begann zu weinen und rief: »Die Gemahlin meines Sohnes ist verschwunden!« Bald begannen alle zu weinen. Die Alte begab sich nach Hause und sprach bei sich: »Wenn mein Sohn kommt und seine Frau und Söhne nicht findet, wird er mich töten.« Dann begab sie sich in ein Zimmer und grub daselbst drei Gräber aus, zwei kleine und ein grosses. Sie sprach bei sich: »Wenn mein[23] Sohn wiederkommt und mich fragt, wo seine Kinder und seine Frau seien, dann sage ich ihm, sie seien gestorben.«

Ihr Sohn sprach nunmehr zu seinen Schwestern: »Ich möchte zu meiner Mutter, meiner Frau und meinen Kindern zurückkehren.« Jene entgegneten ihm: »Gott befohlen! Wir wollen dich nicht fernhalten von deiner Frau, deinen Kindern und deiner Mutter.« Da zog er das kupferne Tamburin hervor; es erschienen drei Kameele. Eines trug die Geschenke, eines die Reisekost, und eines bestieg er selbst und legte den Heimweg zurück. Er gelangte nach seinem Hause, liess die Kameele niederknieen und klopfte an die Hausthür. Seine Mutter fragte: »Wer ist's?« Er entgegnete: »Mach auf!« Sie erkannte die Stimme ihres Sohnes und öffnete die Thür. Er brachte die Kameele herein ins Haus; seine Mutter hiess ihn willkommen. Er nahm die verschiedenen Sachen den Kameelen ab und sandte die Kameele weg; sie verschwanden. Dann liess er sich nieder und sprach zu seiner Mutter: »Was ist's, da sind ja weder meine Frau noch meine Kinder?« Seine Mutter begann zu weinen und sprach zu ihm: »Mein Sohn, sie sind gestorben, und wenn du denkst, ich lüge, so komm und besieh dir ihre Gräber im Zimmer!« Sie führte ihn zu seiner Frau und seinen Kindern. Da sank er hin und sprach zu ihr: »Erzähle mir, wie sie gestorben sind!« Dann fuhr er fort: »Mutter, gieb mir eine Hacke und einen Spaten!« Sie brachte ihm das Verlangte; er sprach: »Um meine Frau und Kinder zu sehen, will ich nach ihnen graben.« Er grub auf das erste Grab los, fand aber nichts; da rief er: »Sag mir die Wahrheit, sonst bringe ich dich um!« Seine Mutter entgegnete ihm: »Wenn eine Lüge retten kann, so rettet die Wahrheit doch viel sicherer!«

Sie erzählte ihm nun: »Mein Sohn, jene weinte mir immer vor und erregte mein Mitleid, da führte ich sie ins Bad. Daselbst erblickte sie eine Sklavin des Sultan, die erzählte von ihr der Subida. Subida schickte her und liess sie mit Gewalt holen. Als nun deine Frau vor jenen (im Palaste) scherzte und tanzte, und jenen dies gefiel, da sprach sie zu ihnen: ›Wenn ich mein Gefieder hier hätte, so wollte ich euch etwas Vorzügliches zeigen.‹ Man fragte sie: ›Wo ist dein Gefieder?‹ Sie entgegnete: ›Bei meiner Schwiegermutter.‹ Man befahl mir: ›Bringe jenes Gefieder!‹ Ich wollte nicht. Da kam der Eunuchenoberste und übte Gewalt aus, brach den Koffer auf und nahm das Gefieder weg. Er brachte es ihr. Sie zog nun ihr Gefieder an, und als sie es angelegt hatte, nahm sie[24] ihre Kinder und verschwand. Sie rief mir noch zu: ›Wenn dein Sohn Liebe und Sehnsucht empfindet, und ihn ergreift der Sehnsucht Hauch, so gehe er nach der Insel Wak wak!‹ Hassan sagte weiter nichts, der Arme, sondern brachte jene Nacht im Hause seiner Mutter zu.«

Am folgenden Tage zog er das Tamburin hervor, schlug auf dasselbe, da erschienen drei Reisekameele. Er stieg auf und kehrte zu seinen Schwestern zurück. Als sie ihn erblickten, wunderten sie sich und sprachen: »Wie ist die Sache? Er ist so bald wieder gekommen!« Sie bewillkommten ihn, und seine jüngste Schwester ergriff ihn bei der Hand, führte ihn in ihr Zimmer und sprach zu ihm: »Erzähle mir, was es giebt!« Hassan aber sank hin. Als er wieder zu sich kam, sprach sie zu ihm: »Was ist mit dir, Bruder, doch nichts Schlimmes?« Er entgegnete: »Meine Frau und meine Kinder sind fort!« Jene fragte: »Hat deine Frau irgend etwas gesagt, als sie fortging?« Er entgegnete: »Sie sagte meiner Mutter: ›Wenn dein Sohn Liebe und Sehnsucht empfindet, und ihn ergreift der Sehnsucht Hauch, so gehe er nach der Stadt Wakwak!‹« Seine Schwester entgegnete ihm: »Bruder, das ist eine schwierige Sache!« Er aber brach in Thränen aus und ward ohnmächtig und sank zu Boden. Seine jüngste Schwester begab sich jetzt zu ihren übrigen Schwestern und führte sie in das Zimmer. Sie fragten ihn: »Wie steht die Sache?« Er erzählte ihnen alles. Sie begannen ihm Geduld anzuraten, auch sprachen sie zu ihm: »Nimm doch eine andre Frau und lass von jener ab!« Er entgegnete ihnen: »Nein, entweder meine Frau und meine Kinder, oder ich will sterben!« Seine jüngste Schwester wandte sich an ihn und sprach: »Hassan, erzähle, was deine Frau sagte, als sie fortging!« Er berichtete jene Worte. Da senkten seine Schwestern die Augen zu Boden, und sahen sich wieder an; die älteste wandte sich an ihn und sprach zu ihm: »Bruder, gieb diese Sache auf, die ist zu schwierig für dich und für uns!« Er aber weinte und ward ohnmächtig. Die sechs ältesten Mädchen erhoben sich, und eine jede begab sich in ihr Zimmer. Bei Hassan blieb nur seine jüngste Schwester, die hatte ihn sehr lieb. Sie besprengte ihn mit Wasser, bis er wieder zu sich kam. Dann sprach sie zu ihm: »Hassan, lass ab von dieser Sache!« Er entgegnete ihr: »Entweder meine Frau und meine Kinder oder den Tod!« Sie entgegnete ihm: »Habe Geduld; bekümmere dich weiter nicht; hoffentlich kommst du wieder mit deiner Frau und deinen Kindern zusammen; gedulde dich nur[25] jetzt ein Weilchen!« Sie fuhr fort: »Hassan, wir haben einen Onkel von väterlicher Seite, der ist ein bejahrter Mann und hat keine Kinder, der hat uns sehr lieb und verweilt jedes Jahr ein wenig bei uns. Nun, wenn er kommt, wollen wir ihm alles erzählen, und er soll dir dann raten. Wenn er dir sagt, er werde dich (nach dem Lande deiner Frau) gelangen lassen, dann denke, du habest deine Frau und deine Kinder schon; wenn er dir aber sagt, er könne dich nicht dort hin gelangen lassen, dann sei uns und dir Gott gnädig!«

Hassan aus Bassra wartete nun eine kurze Zeit; dann kam ihr Onkel auf einem Elephanten geritten. Man bewillkommte ihn. Nach drei Tagen kam das jüngste Mädchen zu ihrem Onkel und sprach zu ihm: »Ich bin doch dein Töchterchen, Onkel!« Er entgegnete: »Sag nur, was du wünschest!« Sie begann: »Bei uns wohnt ein Mensch als unser Bruder, dem sind seine Frau und seine Kinder in die weite Ferne gezogen.« Der Onkel fragte: »Wer ist seine Frau?« Sie entgegnete: »Die Tochter des Grosskönigs von den Wesen, die Taubengefieder anlegen und fliegen.« Jener erwiderte: »Eine schwierige Sache!« Da begann das Mädchen zu weinen, und als ihr Onkel sie weinen sah, sprach er zu ihr: »Bring ihn mir!« Das Mädchen holte Hassan herbei; der küsste ihrem Onkel die Hand und setzte sich neben ihn hin. Jener sprach: »Erzähle, Hassan!« Er erzählte nun, was ihm geschehen war. Jener sprach darauf zu ihm: »Hassan, lass von dieser Sache ab, sie ist zu schwierig für dich und für mich! Nimm doch irgend eine andre zur Frau! Deine Schwestern werden dir Geld schenken, und ich werde dir welches schenken.« Hassan entgegnete: »Entweder meine Frau und meine Kinder, oder ich will sterben!« Da sprach jener zu ihm: »Gedulde dich, bis ich meinen Besuch bei meinen Nichten beendet habe!«

Als die Zeit seines Besuches vorüber war, bestieg er seinen Elephanten, um heimzureisen, und Hassan sass hinter ihm auf. Der Elephant flog mit ihnen weg; sie kamen dann auf den Gipfel eines Berges. Jener stieg ab und fand hier eine Höhle; er sprach zu Hassan: »Gedulde dich hier ein Weilchen und warte! Es wird dir alsbald ein schwarzes Pferd erscheinen, das kein Mal an seinem Körper hat; besteige du dieses Pferd!« Ferner gab er ihm einen Brief in die Hand und sprach zu ihm: »Das Pferd wird dich forttragen und dich an dem Eingange einer Höhle niedersetzen. Dort musst du drei Tage bleiben. Wenn dir alsdann ein Mann in roter[26] Kleidung erscheint, so verzweifele an der Welt; erscheint dir aber ein Mann in weisser Kleidung, so habe Zutrauen, dass du zu deiner Frau gelangen werdest!«

Das Pferd flog mit ihm fort und setzte ihn am Eingange der Höhle nieder. Dort blieb er drei Tage, dann erschien ihm ein bejahrter Mann, der hatte weisse Kleidung an und sprach zu ihm: »Sei gegrüsst, Hassan!« Er fasste Hassan bei der Hand und führte ihn hinein in die Höhle. Dann sprach er zu ihm: »Was wünschest du, Hassan?« Dieser erzählte jenem von seiner Frau und von seinen Kindern. Der Greis sprach zu ihm: »Mein Söhnchen, das ist eine schwierige Sache, gieb diese Sache auf! Es giebt doch Frauen in Menge, du kannst eine andre Frau nehmen, du bist ja noch jung, und sie kann dir (andre) Kinder schenken!« Er aber entgegnete dem Greise: »Nein, ich wünsche meine Frau und meine Kinder, sonst rase ich!« Der Greis sprach zu ihm: »Da wollen wir zu den Schülern gehen!« Die Schüler, die der Greis (in der Zauberkunst) unterrichtete, sahen ihn an und sprachen zu ihm: »Jenem brennt die Leber wegen seiner Kinder, nicht wegen der Frauen; du thust ein gutes Werk, wenn du ihn (zu seiner Frau und seinen Kindern) gelangen lässt.« Da rief der Greis einen Teufel her; der kam. Der Greis sprach zu Hassan: »Steig auf den Rücken des Teufels und schliess deine Augen! Dann wirst du dich neben meinem Bruder befinden, der ist noch bejahrter als ich. Steig auf! Der Teufel wird dich am Eingange einer Höhle niedersetzen. Bleibe daselbst drei Tage, und nach drei Tagen wird dir ein kleiner Knabe erscheinen, der wird dich fragen, was du willst! Dem musst du den Brief geben, welchen ich an meinen Bruder geschrieben habe. Dann musst du wieder drei Tage warten. Wenn dir dann ein schwarzer Neger erscheint, so verzweifle an der Welt; erscheint dir aber ein (weissgekleideter) Knabe, wie vordem, so vertraue, dass du zu deiner Frau und zu deinen Kindern gelangen werdest!«

Hassan aus Bassra stieg jetzt auf den Rücken des Teufels und steckte den Brief in die Tasche. Der Teufel brachte ihn an die Öffnung der Höhle, dort blieb Hassan drei Tage. Dann erschien ihm ein weissgekleideter Knabe; dem gab er den Brief. Wieder wartete er drei Tage; da erschien ihm wieder ein kleiner weissgekleideter Knabe. Der sprach zu ihm: »Komm mit mir herein, Hassan!« Der Knabe nahm ihn mit hinein zu dem Greise; Hassan trat zu demselben heran, küsste ihn und übergab ihm den Brief. Der Greis[27] las den Brief und lächelte. Er sprach: »Hassan, das ist eine schwierige Sache!« Hassan entgegnete ihm: »Ich bin in deiner Gewalt.« Der Greis fragte ihn: »Weisst du auch, wieviel Jahresreisen zwischen dem Orte, wo du jetzt bist, und deiner Heimat liegen?« »Ja,« fuhr er fort, »der Besitzer des Elephanten, der dich von den Mädchen wegführte, hat mit dir eine Reise von zwei Jahren zurückgelegt; das Pferd hat mit dir zum Hause meines Bruders eine Reise von zwei Jahren, und von dem Hause meines Bruders (bis hierher) hat der Teufel eine Reise von drei Jahren mit dir zurückgelegt. Weisst du übrigens den Namen meines Bruders? Mein Bruder heisst Abd Esseijad, und ich heisse Abd Elkuddus. Nun, ich werde dir einen Mann der Geister zu Gebote stellen, der wird mit dir eine Strecke von einer Jahresreise zurücklegen. Du wirst an einen Berg kommen und wirst den Berg voll von Vögeln finden, welche umherfliegen und singen; sprich kein Wort und verstopfe deine Ohren mit Baumwolle! Dann wird der Teufel mit dir ein Jahr lang im Feuer reisen, da wirst du einen Berg voll von Feuer sehen, aus diesem Berge lodert das Feuer. Dann wird er mit dir ein Jahr lang durch (das Land der) wilden Tiere reisen, und dann, wenn die Tiere vorüber sind, wird er mit dir durch die Wüste reisen, da wirst du keinen Menschen noch Geist zu Gesicht bekommen. Dann wird dich der Teufel am Rande des Meeres niedersetzen, und vor dir wird sich eine Stadt befinden. Ich werde dir nun einen Brief an den König dieser Stadt geben.«

Er gab ihm den Brief, und der Mann von den Geistern brach mit Hassan auf. Er brachte Hassan an den Feuerberg, aus dem das Feuer loderte; dann ging's durch das Land der wilden Tiere und durch die Wüste; schliesslich gelangten sie zu der Stadt. Dem Hassan kam jemand entgegen, der fragte ihn: »Wohin gehst du?« Er entgegnete ihm: »Ich gehe zum Könige.« Jener sprach zu ihm: »Ich will dich nach seinem Palaste führen.« Jener führte Hassan nach dem Palaste des Königs; Hassan überreichte dem Könige den Brief, der las ihn, küsste und ehrte ihn. Er sprach: »Hassan, mein Söhnchen, sei gegrüsst! Du, ein Mensch, bist nach diesem Palaste hier gelangt, dein Stern ist im Steigen begriffen! Bleib bei mir und ruh dich aus, hoffentlich führt Gott deine Sache zu einem guten Ende! Du kannst bei mir einen Monat bleiben.« Hassan entgegnete jenem: »Gut!« Der König sprach wiederum: »Jeden Monat kommen die Schiffe, um Waaren von hier nach dem Lande des Grosskönigs zu[28] schaffen, wo sich deine Frau befindet. Ja, dann will ich dich einem Schiffskapitän übergehen, der soll dich dort ans Ufer setzen. Mein Söhnchen, wenn jener dich dort ans Ufer setzt, wirst du ein Heerlager erblicken, und die Bewohner des Heerlagers bauen sich Hütten aus Holz. Lass dich von niemandem sehen, bis du in die Hütte kommst, die sich dir als die erste entgegenstellt! Betritt dieselbe und verstecke dich! Wenn die Besitzerin derselben kommt, so wirf dich ihr zu Füssen, weine und sprich: ›Herrin, ich bin vom Himmel gefallen!‹ Wenn sie dann gütig mit dir ist, wird deine Sache zu Ende geführt werden; wenn sie dich aber nicht gut aufnimmt, dann sei mir und dir Gott gnädig!« Hassan erwiderte: »Gott befohlen!« Er blieb bei jenem einen Monat lang, bis die Schiffe kamen, Waaren einluden und absegeln wollten.

Da schickte der König zu dem Schiffskapitän und befahl ihm: »Setze diesen jungen Menschen am Ufer des Landes ab, nach welchem du reisen willst! Ich möchte aber, dass ihn niemand sähe ausser dir.« Der König übergab hiermit Hassan dem Schiffskapitän, der brachte ihn in seinem Schiffe unter, und dann segelte man ab. Hassan gelangte nach jenem Lande und sah vom Schiffe aus aufs Land, er erblickte Holzhütten. Zu dem Heere gehörten achtzig Tausend, alles Frauen; da war kein Mann darunter. Als es dunkel wurde, da sprach der Kapitän: »Wohlan, junger Mann, verlass das Schiff!« Hassan begab sich ans Ufer. Jene Frauen kamen nun und kauften die Waaren, sie kauften alle Waaren auf. Hassan aber begab sich in das Lager, betrat die (erste) Hütte und versteckte sich in derselben; die Besitzerin derselben befand sich aber noch nicht in derselben. Er wartete, bis ihre Besitzerin kam. Dieselbe zog ihre Kleider aus, da fiel er ihr zu Füssen und begann zu weinen. Sie sprach: »Was ist's mit dir, mein Sohn Hassan?« Er entgegnete: »Gebieterin hin und her, ich bin vom Himmel gefallen!« Jene Frau aber war die Unterbefehlshaberin des Heeres; die Oberbefehlshaberin des Heeres dagegen war die Schwester von Hassans Frau, dieselbe hiess Menar-Ennisä. Die Unterbefehlshaberin sprach: »Wenn deine Frau sich in diesem Heere befindet, so will ich dich zu ihr bringen.«

Hassan schlief bei ihr. Am folgenden Morgen erhoben sie sich, und jene sprach: »Jetzt, wo es Tag wird, werden sich sämtliche Frauen ans Meer zum Bade begeben. Ich werde dich nun an eine bestimmte Stelle bringen, da kannst du aufpassen und nachforschen, ob du deine Frau unter jenen entdeckst!« Hassan erwiderte: »Gott[29] befohlen!« Jene kleidete ihn wie ein Mädchen, und er begab sich an jene Stelle und passte auf. Obwohl er alle Frauen zu sehen bekam, konnte er dennoch nicht seine Gemahlin unter ihnen entdecken. Er sprach zur Unterbefehlshaberin: »Ich habe sie nicht finden können.« Jene versetzte: »Komm jetzt mit mir!« Er folgte ihr nach ihrem Gemache; da sprach sie zu ihm: »Warte hier, bis ich wieder zu dir komme!« Sie begab sich zur Königin, die über das ganze Heer den Befehl führte (zur Menar-Ennisä), und sprach zu ihr: »Herrin, da ist zu uns ein Wicht von einem Menschen gekommen, der sucht seine Frau und seine Kinder.« Die Königin erwiderte ihr: »Bring ihn her zu mir!« Jene erwiderte: »Ich bringe ihn dir nur unter der Bedingung, dass du mir dein Wort giebst, ihm nichts Böses zu thun.« Die Königin erwiderte: »Ich erkläre hiermit seine Sicherheit!« Die Unterbefehlshaberin entgegnete: »Wenn du für seine Sicherheit stehst, dann will ich ihn holen.«

Sie begab sich nun zu Hassan und sprach: »Hassan, komm, wir wollen zur Königin!« Er entgegnete: »Gut!« Die Unterbefehlshaberin sprach: »Wenn du vor der Königin redest, weisst du da auch, wie du reden musst? Gieb ja Achtung, dass du nichts Ungehöriges sagst!« Dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Königin. Die sprach zu ihm: »Rede, mein Sohn!« Er entgegnete: »Meine Frau und meine Kinder sind in dies Land gekommen.« Die Königin entgegnete ihm: »Wenn du deine Frau und deine Kinder siehst, wirst du sie da erkennen?« Er erwiderte: »Was besagt das? Sollte ich meine Frau und meine Kinder nicht wiedererkennen? Sie hat mir ja die Kinder geboren!« Jetzt befahl die Königin, dass alle Frauen hereinkommen sollten und zwar mit unverhülltem Antlitz. Die Frauen kamen und traten ein, und Hassan musterte dieselben. Als alle vorübergezogen waren, sprach die Königin zu ihm: »Hassan, hast du deine Gemahlin unter ihnen erkannt?« Er entgegnete: »Nein, ich habe sie nicht gefunden.« Da blickte die Königin die Alte an und sprach zu ihr: »Mich allein hat er noch nicht gesehen.« Die Alte entgegnete: »Er muss auch dein Gesicht zu sehen bekommen Herrin!« Da blickte die Königin die Unterbefehlshaberin an und sprach zu ihr: »Bei Gott und wahrhaftig, wenn ich nicht in dir die Dienerin, die mich aufgezogen hat, sähe, so würde ich dich jetzt töten! Doch ich bin darauf eingegangen, und habe Hassan mein Wort gegeben, und auch du hast ihm dein Wort gegeben, damit sein Herz nicht verzweifele!« Sie sprach hierauf zu Hassan: »Nun, tritt hierher!« Er trat vor sie hin.[30] Sie sprach weiter: »Gott hat dir Glück gegeben, da du sogar vor Königstöchter treten darfst!« Dann entblösste sie ihr Antlitz und sprach zu ihm: »Da, schau, blick ordentlich her! Bin ich es?« Als er ihr Antlitz erblickte, da sank er hin. Sie rief ihm zu: »Was ist's mit dir; bin ich es etwa?« Er entgegnete: »Nein, du nicht, doch sie ist dir ganz gleich; du und sie, ihr seid wie eine Bohne, die in zwei Hälften geteilt ist.« Die Königin wandte sich jetzt an die Unterbefehlshaberin und sprach zu ihr: »Was ist der Grund hiervon? Alle Frauen hat er gesehen und hat bei keiner irgendwelche Ähnlichkeit entdeckt; als er aber mein Antlitz erblickte, da sank er zu Boden.« Die Unterbefehlshaberin entgegnete: »Vielleicht ist's eine von deinen Schwestern; wer weiss?«

Da sah Menar-Ennisä auf und sprach: »Das kann nur meine Schwester Nur-Ennisä sein! Ja, wieviele Jahre war diese doch fern von uns! Und als sie zurückkam, da brachte sie zwei Knaben mit. Als wir sie über dieselben befragten, antwortete sie uns, sie habe dieselben ausgesetzt gefunden, sie mitgenommen und aufgezogen.« Die Königin sprach nun zur Unterbefehlshaberin: »Nimm Hassan mit nach deiner Wohnung als Gast und bring ihn an einen Ort, wo er in sicherem Gewahrsam ist!« Die Alte brachte ihn jetzt in ihrem Schlosse unter und sprach zu ihm: »Bleib' hier! Ich muss dich auf kurze Zeit verlassen; Alles steht dir hier zu Gebote, du wirst weder Not noch Qual leiden.« Dann begab sie sich wieder zur Königin, dieselbe übergab ihr einen Brief und trug ihr auf: »Sage meinem Vater, wir hätten hier eine Festlichkeit; deshalb möchte ich, dass meine Schwester etwa einen Monat hier verweile! Und wenn mein Vater jener die Erlaubnis zur Reise erteilt, dann lass dir von meiner Schwester die beiden Knaben geben; komm mit den selben voraus und beeile dich!«

Die Unterbefehlshaberin begab sich zum Könige und gab ihm den Brief. Der las ihn, nahm Kenntnis von dem Schreiben und sprach zu seiner Umgebung: »Das ist der Traum, den ich gehabt habe!« Man sprach zu ihm: »Erzähle ihn uns wieder!« Er begann: »Ich sah im Traum sieben Edelsteine in meinem Besitze, und unter denselben war ein Stein ganz besonders schön, den liebte ich am meisten und hätte ihn am liebsten verschluckt. Da stürzte auf denselben ein Vogel vom Himmel herab, der raubte ihn. Dann wachte ich aus dem Traume auf. Wegen ebendieses Traumes habe ich in betreff meiner Tochter eine gewisse Besorgnis, es möchte[31] ihr etwas zustossen.« Man sprach zu ihm: »Du kannst sie aber nicht gut zurückhalten, ihre Schwester zu besuchen.« Da sprach er zu seiner Tochter: »Du wirst also zu deiner Schwester gehen; ich gehe dir meinen Abschiedsgruss, ich weiss nicht, oh du wiederkommen wirst oder nicht.« Nur-Ennisä begab sich nach ihrem Palaste; es kam zu ihr die Stellvertreterin der Königin und sprach zu ihr: »Herrin, lass mich doch die Kinderchen mitnehmen, und du selbst kannst ja in drei Tagen in aller Ruhe nachkommen!« Nur-Ennisä dachte bei sich nach und sprach zu sich: »Warum hat meine Schwester dies so angestellt, dass die Kinder vorausreisen sollen, was ist eigentlich der Grund davon?« Die Unterbefehlshaberin merkte jetzt, (dass jene stutzig wurde,) und sprach deshalb zu ihr: »Herrin, argwöhne nichts! Die Tante hat für die Jungen zwei Anzüge zugeschnitten, die möchte sie ihnen gern anprobieren.« Jene entgegnete: »Gott befohlen!« Sie übergab ihr die Kinder; dann liess sie jene abreisen. Sie sprach noch zu ihr: »Hoffentlich hole ich dich am dritten Tage von heute an ein.«

Die Unterbefehlshaberin reiste also heim, nahm die Knaben mit und gelangte zur Königin; die empfing die Knaben von ihr. Da befahl ihr die Königin: »Bring Hassan her!« Sie begab sich zu ihm und holte ihn. Er stieg hinauf in den Palast zur Königin; die sprach zu ihm: »Du bist also von Land zu Land gewandert und suchst deine Frau und deine Kinder! Sage jetzt die Wahrheit in deiner Rede: ist sie wahr, so sollst du davonkommen; ist sie unwahr, dann gehst du ins Verderben!« Die Königin führte ihn nun (zu den Knaben) hinein und zeigte ihm die Gesichter der Knaben. Als die Hassan sahen, da riefen sie: »Vater, Vater!« und sprangen auf ihn los, bewillkommten ihn und küssten ihn. Die Königin wandte sich an Hassan und sprach zu ihm: »Sind das deine Kinder, Hassan?« Er entgegnete: »Jawohl!« Da blickte die Königin die Unterbefehlshaberin an und sprach zu ihr: »Wenn du nicht ein gewisses Vorrecht hättest als die Frau, die mich aufgezogen, so würde ich dich und Hassan jetzt töten! Nun, begieb du dich jetzt nach Hause; Hassan aber verjage man aus der Stadt und treibe ihn in die Wüste!« Hiermit begab sich die Unterbefehlshaberin nach Hause; Hassan aber verjagte man aus der Stadt und vertrieb ihn. Dann nahm die Königin die beiden Knaben her, einem jeden legte sie eine Kette um den Hals und nagelte ihn so an die Wand.

Schliesslich traf die Mutter der Knaben ein. Da sprach die[32] Königin: »Nehmt sie fest!« Man nahm sie fest und brachte sie vor die Königin. Die sprach: »Du schlechtes Weib, du gehst ins Menschenland und führst ein lüderliches Leben, bringst Kinder zur Welt und fliehst dann wieder und bringst die Kinder jenes Mannes hierher! Ach, wenn doch Gott wenigstens gewollt hätte, dass du die Kinder des Mannes dort zurückgelassen hättest! Kein, da lässt du den Menschen hierherkommen, damit er unser Antlitz sehe!« Man ergriff sie und gab ihr fünfhundert Stockhiebe; dann warf sie die Königin ins Gefängnis und brachte ihre Kinder zu ihr.

Die Erzählung möge jetzt zu Herrn Hassan zurückkehren. Als er die Augen öffnete und sich umschaute, da sah er, dass er sich in einer vollständigen Einöde befand. Hassan sah um sich und verzweifelte an Seel' und Leben; er dachte, er sei schon gestorben. Dann ging er weiter planlos in der Einöde umher und ass Gras, Muscheln und Käfer am Ufer des Meeres. Da erblickte er vor sich eine Stadt und dachte: »Ich will auf diese Stadt losgehen, ich werde dort eben sterben oder weiterleben!« Hassan wanderte weiter, die Stadt war aber noch fern. Da traf er zwei junge Menschen, die hatten einen Streit miteinander; sie waren Brüder. Er sprach zu ihnen: »Worüber streitet ihr euch?« Sie antworteten ihm: »Über das Erbe von unsrem Vater.« Er fragte sie: »Worin besteht das Erbe?« Sie entgegneten ihm: »In einem Fez und einem Stabe. Ja, unser Vater war ein Weiser, ein Zauberer von den Zauberern der Geister.« Hassan fragte sie: »Worin besteht die Eigenschaft des Fez und des Stabes?« Jene entgegneten ihm: »Wenn du den Stab in die Hand nimmst und mit ihm einen Kreis auf dem Boden beschreibst, so erscheinen dir sieben Geisterkönige, und ein jeder König gebietet über vierzehn Volksstämme. Und wenn du dir den Fez auf den Kopf setzest, kann dich kein Mensch noch Geist sehen.« Hassan blickte auf und sprach bei sich: »Wenn du die beiden Gegenstände nicht in deine Gewalt bekommst, wirst du nimmermehr zu deiner Mutter, deiner Frau und deinen Kindern gelangen! Zwischen hier und deinem Lande liegt die Strecke einer Reise von vierzehn Jahren!« Er sprach: »Ich werde euren Streit schlichten, ihr jungen Leute!« Sie entgegneten ihm: »Du kannst ihn nicht schlichten; wir sind zum Fürsten, zum Kadi und zum Mufti gegangen; sie alle waren ratlos, wie sie unsern Streit schlichten sollten.« Er entgegnete: »Doch, ich werde jetzt euren Streit schlichten.« Sie entgegneten ihm: »Wie willst du das thun? Der will den Fez und ich will den Fez; der will den[33] Stab, und ich will den Stab!« Hassan entgegnete: »Legt den Fez und den Stab hierher neben mich! Dann will ich euch einen Stein weit fortschleudern: wer mir diesen Stein zuerst bringt, der soll den Fez und den Stab zusammen bekommen.« Er schleuderte den Stein; jene liefen um die Wette, wer den Stein zuerst brächte. Hassan aber setzte sich den Fez auf den Kopf und nahm den Stab in die Hand. Jene liefen nun um die Wette zurück, fanden aber weder Hassan, noch sonst jemand. Sie wandten sich hierhin, wandten sich dorthin, fanden ihn aber nicht. Da schauten die beiden einander an, und es hiess: »Ich sagte dir ja, Bruder, der Vater schärfte uns ein und sagte uns: ›Es wird ein Mensch zu euch kommen, der wird euch beide Gegenstände aus den Händen reissen; (drum seid hübsch vorsichtig)!‹ Auch beschrieb ihn uns der Vater näher. Das haben wir alles vergessen, unser Verstand war blind!«

Hassan begab sich nun wieder zur Unterbefehlshaberin des Lagers, nach dem Palaste der Königin, griff erstere bald an dieser bald an jener Stelle des Körpers an; sie aber erblickte niemanden. Da sah sie auf und sprach: »Bist du das, Hassan aus Bassra?« Er entgegnete: »Gewiss!« Sie sprach: »Hast du den Fez und den Stab erbeutet?« Er entgegnete: »Gewiss!« Sie sprach nun: »Geh jetzt und erfülle deine Aufgabe, hole deine Frau und deine Kinder, denn sie befinden sich in der grössten Pein!« Hassan begab sich zu ihnen und befreite seine Frau und seine Kinder aus dem Eisen. Seine Frau nahm einen Knaben, und er nahm einen Knaben, und so verliessen sie das Gefängnis. Als er nun das (Schloss) verlassen wollte, da war das Hauptthor, durch das er hereingekommen war, zugeschlossen. Er wandte sich an seine Gemahlin und sprach zu ihr: »Mit diesem Thore weiss ich nichts anzufangen! Jetzt wird es über uns Tag werden, und man wird uns ergreifen und uns alle töten!« Als er so nachsann, da öffnete die Unterbefehlshaberin jenes Thor. Sie sprach zu ihm: »Nun, Hassan, hast du die Angst des Todes gekostet?« Sie fuhr fort: »Übrigens habe ich jenes Thor mit dem Vorbehalte geöffnet, dass du mich mit dir reisen lässt; denn, wenn du mich hier zurücklässt, wird mich die Königin töten.« Er entgegnete ihr: »Gewiss, hier ist mein heiliges Versprechen, dass ich dich mit mir nehmen werde.« Dann trat man hinaus.

Als man hinauswar, da zauberte die Unterbefehlshaberin; es erschien eine Tonne, sie stieg auf die Tonne und zog vor den übrigen her. Sie sprach: »Sieh jetzt zu: wenn die Heerschaaren uns angreifen[34] sollten, so brauchen wir uns gar nicht weiter vor ihnen zu fürchten!« Sie fahr fort: »Ich könnte auch auf diese Stadt (und ihre Bürger) das Meer loslassen und sie alle zu Fischen verwandeln, doch ich fürchte die Strafe Gottes.« Jene sprachen: »Wohlan, lass uns aus der Stadt gehen!« Hassan sah jetzt auf, zog den Stab hervor und schrieb mit demselben ein Zeichen; da erschienen sieben Geisterkönige. Hassan sagte zu ihnen: »Zeiget mir, was ihr thun könnt! Jetzt ist der Augenblick der Gefahr!« Er fuhr fort: »Bringt mir sämmtliche Soldaten, die ihr unter eurem Befehle habt, damit ich sie mir ansehen kann!« Die Geisterkönige entgegneten ihm: »Das vermagst du nicht, (denn sie sind zu schrecklich anzuschauen): da giebt es welche, die so gross wie eine Palme sind; welche, die einen Leib ohne Kopf haben und welche, die nur einen halben Menschen darstellen.« Hassan befahl: »Wohlan, da möge mich einer von euch auf den Rücken steigen lassen, und einer meine Frau!« Sie entgegneten ihm: »Wir sind Könige, unser Rang gestattet es nicht, jemand zu tragen.« Sie sprachen ferner zu ihm: »Mein Herr, jener König, dessen Tochter du genommen hast, ist bekanntlich mächtiger als wir und herrscht über uns, und deinetwegen sollten wir ihn bekämpfen und beleidigen?« Hassan erwiderte: »Dann ratet mir, was zu thun ist!« Sie sprachen: »Mein Herr, wir werden dir ein Geisterpferd geben und deiner Frau und der Alten ebenfalls ein Pferd.« Sie brachten ihnen die Rosse. Ein jedes Ross hatte einen Reisesack, darin befand sich Vorrat; wer hungerte, der brauchte nur zuzugreifen und zu essen. Man stieg auf und ritt ab. Sie legten im Fluge eine Strecke von drei Jahren zurück.

Jetzt möge sich die Erzählung zur Schwester der Frau Hassans, zur Königin, wenden. Dieselbe erhob sich am Morgen und sprach: »Bringet jene her, damit ich ihr den Stock gebe und sie quäle!« Man begab sich nach dem Gefängnisse, fand aber weder die Frau noch die Knaben. Man kam wieder zur Königin und meldete ihr: »Im Gefängnisse ist niemand!« Die Königin sah auf und sprach: »Hassan hat sie entführt!« Sie befahl jetzt den Soldaten, sich marschfertig zu machen, um jene einzuholen und zurückzubringen. Dann schrieb sie einen Brief an ihren Vater und benachrichtigte ihn mit den Worten: »Meine Schwester ist entführt worden.« Sofort sandte ihr derselbe zwei Könige, und ein jeder von ihnen hatte ein Heer bei sich. Ihr Vater liess ihr sagen: »Du musst sie wiederbringen,[35] und wenn du bis ans Ende der Welt wandern müsstest!« Die Königin nahm die Soldaten und holte ihre Schwester ein.

Die Alte sah sich um, da erblickte sie das Heer von hinten heranrücken. Sie rief: »Wohlan, Hassan, mach dich kampfbereit!« Hassan stieg ab und errichtete ein Zelt in einem geschützten Orte im Gebirge, um dort hin seine Frau und seine Kinder zu schaffen. Dann drehte er den Stab um; es erschienen die sieben Geisterkönige. Er sprach zu ihnen: »Zeigt mir eure Fähigkeit! Das ist der grosse Tag!« Jene erwiderten ihm: »Bleib hier und sieh zu! Du hast lauter tüchtige Leute bei dir!« Herr Hassan sah also ruhig zu: da stiessen die Truppen auf einander! Jetzt begannen Feuersbrünste am Himmel, dann war es bald Regen, bald Donner, bald Schlössen, bald Graupeln und bald Schnee. Die Nacht brach ein, da kamen die Soldaten heim, um zu ruhen. Herr Hassan wandte sich an die Soldaten und fragte sie: »Was habt ihr ausgerichtet?« Jene entgegneten ihm: »Wir haben dreissig Tausend Gefangene gemacht und zweihundert Tausend von ihnen getötet; hoffentlich führen wir morgen, sobald es Tag wird, die Sache mit ihnen glücklich zu Ende.« Schliesslich brach der Tag an, und der Kampf zwischen jenen begann von neuem. Hassans Truppen überwandten ihre Gegner und nahmen die Königin und die beiden Könige, die ihr Vater gesandt hatte, gefangen; alle diese machte Herr Hassan zu Gefangenen nebst dreissig Tausend Soldaten. Als man die Gefangenen und die Königin vor Hassan führte, die ihn bekämpft hatte, da stürzte die Unterbefehlshaberin hervor und rief: »Oh, du schlechtes Weib! Ja, was verdient sie?« Sie fuhr fort: »Gieb mir ein Schwert, Hassan, lass mich der Nichtswürdigen den Kopf abhauen!« Da erhob sich ihre Schwester, die Frau des Hassan, und begann zu weinen; sie ergriff die Unterbefehlshaberin beim Arm, versperrte ihr den Weg und sprach: »Mutter, so wahr du die Erzieherin bist, die uns grossgezogen hat, lass mich für jene sprechen!« Die Alte erwiderte: »Weisst du denn gar nicht, was jene dir angethan hat? Sie peinigte dich doch, liess dir den Stock geben und legte dich und deine Kinder in Eisen!« Nur-Ennisä entgegnete: »Sie fehlte, und ich will verzeihen!« Die Alte sprach nun zur Königin: »Siehst du, deine jüngere Schwester hat Mitleid mit dir, während du sie gepeinigt hast; denn ihr Herz ist mitleidig, während das deinige hart ist!« Die Königin erwiderte: »Ich bereue alles!«

So gab Nur-Ennisä ihrer Schwester die Freiheit und den Königen[36] bei ihr ebenfalls. Man schloss Frieden. Hassans Frau wandte sich jetzt an die Alte und befahl ihr: »Bringe meine Schwester in ihre Heimat zurück, aber thue ihr kein Leid an!« Die Unterbefehlshaberin gab ihr darauf ihr Versprechen, dass sie jener kein Leid anthun wolle. Nun kehrten die Alte und die Königin in ihre Heimat zurück. Die Königin schrieb aber einen Brief an ihren Vater und sagte in demselben: »Ich habe meine Schwester nicht finden können.« Hassan stieg nun mit seiner Gemahlin wieder zu Pferde. Er ritt heim, und es reisten mit ihm die Geisterkönige. Hassan dachte bei sich nach und sprach: »Ich muss zu dem Könige gehen, welcher mich über das Meer fahren liess, und ihn besuchen; wenn ich nicht zu ihm gehe, erscheine ich als ein Schwindler und Sohn schlechter Leute.« Somit begab sich Hassan zu dem Könige. Derselbe sprach im Gerichtssaal Hecht, als Hassan eintrat. Der König sah auf und fragte: »Hast du deine Sache zu Ende geführt, mein Sohn?« Er antwortete ihm: »Gewiss!« Da sprach der König zu ihm: »Du gehörst zu den Glückseligen; es giebt sonst keinen Menschen, der nach diesem Lande gekommen und heil wieder heimgekehrt wäre.« Hassan blieb bei jenem drei Tage lang als Gast, und jener nahm ihn sehr gut auf. Nach drei Tagen gab jener König ihm ein Briefchen und sprach zu ihm: »Dies Briefchen ist für den Meister Abd Elkuddus bestimmt; sage ihm, er solle die Fatiha (die erste Sure des Koran) für mich beten!« Dann sprach noch der König zu Hassan: »Soll ich dir irgend etwas (etwa ein Geisterpferd) bringen, worauf du nach Hause zurückkehrst?« Hassan entgegnete ihm: »Ich danke dir sehr, aber ich habe selbst das Nötige.«

Hassan stieg auf und reiste, bis er schliesslich zu dem Greise Abd Elkuddus gelangte. Der Greis Abd Elkuddus sass da, als Hassan eintrat. Jener sprach zu ihm: »Herzlich willkommen, Hassan, sei gegrüsst!« Hassan trat ein und küsste dem Greis die Hände. Der Greis fragte ihn: »Hast du deine Sache zu Ende geführt?« Er entgegnete ihm: »Ja!« Hiermit übergab er dem Greise Abd Elkuddus das Briefchen von dem Könige. Der Greis las dasselbe und sprach zu Hassan: »Erzähle mir, mein Herr, was dir alles geschehen ist!« Hassan erzählte ihm alles, was ihm geschehen war. Jener sprach zu ihm, als er ihm von dem Fez und dem Stabe berichtet hatte: »Du kommst jetzt ins Menschenland, da können dir diese Dinge nichts weiter nützen. Drum will ich den Fez nehmen, und mein Bruder Abd Esseijad kann den Stab nehmen.« Hassan versetzte: »Mein[37] Herr, ich habe Sorge, dass mich der Vater meiner Gemahlin verfolgen, oder mir sonst was zustossen möchte.« Der Greis entgegnete ihm: »Habe hiervor keine Angst! Die Geister nämlich, welche von ihrem Vater kommen sollten, müssten sämmtlich hier vorüberkommen; dann werde ich niemand dir nachziehen lassen.« »Ich werde dir auch,« fuhr er fort, »ein Zettelchen schreiben; wenn du einmal in eine schlimme Lage kommen solltest, so wische nur eine Zeile darauf weg! Übrigens bist du immer mein Sohn, und ich gebe beständig Obacht auf dich.« Hassan sprach jetzt: »Herr, der Weg ist noch weit, wie soll ich da nach Hause gelangen?« Abd Elkuddus entgegnete: »Bei mir geht's schneller als bei dir!« Dann befahl er zwei Geistervögeln (zu kommen); zu Hassan sprach er: »Du willst also zu deiner Mutter nach Bagdad?« Hassan erwiderte: »Ich möchte erst meine Schwestern im Schlosse besuchen, die mit mir so gut gewesen sind.« Der Greis versetzte: »So besteige die Vögel! Eine Reise von drei Jahren werden sie mit dir in zwei Stunden zurücklegen.«

Hassan stieg auf und gelangte zu seinen Schwestern; die bewillkommten ihn und veranstalteten ihm eine neue Hochzeit. Er blieb bei ihnen einen Monat. Dann wandte er sich an seine jüngste Schwester und sprach zu derselben: »Ich habe Sehnsucht nach meiner Mutter bekommen; Gott gefällt, wer gut gegen seine Eltern ist!« Seine Schwester entgegnete ihm: »Ich will dich nicht abhalten, zu deiner Mutter zurückzukehren; bleib noch drei Tage bei uns und kehre dann heim!« Die jüngste Schwester wandte sich an ihre übrigen Schwestern und sprach zu denselben: »Wer mich lieb hat, der macht Hassan ein Geschenk!« Man beschenkte ihn und gab ihm Edelsteine, Geld und Diamanten. Herr Hassan wurde reich, wurde ein Millionär.

Er schlug auf das Tamburin, es erschienen die Reisekameele; er stieg auf und nahm die Güter und seine Frau und Kinder mit. Er empfahl sich Gottes Schutz und reiste ab; er kehrte heim nach Bagdad zu seiner Mutter. Die sass daheim, da klopfte es an die Thür; sie ging an die Thür und fragte: »Wer ist's?« Er entgegnete: »Mach auf, ich bin's, Hassan, dein Sohn!« Sie bewillkommte ihn und fiel ihm um den Hals mit den Worten: »Ich habe mich nach dir gesehnt, mein Söhnchen!« Er war froher Stimmung und liess sich neben ihr nieder. Als er genug geruht hatte und sich nach Beschäftigung sehnte, eröffnete er einen Laden im Hauptbasar und begann darin ein Geschäft. Eines Tages nun hatte Harun Arraschid[38] Geld nötig und äusserte: »Ich werde den Kaufleuten eine oder zwei Millionen auferlegen.« Die Kaufleute erhoben sich und sprachen untereinander: »Wir sind arme Leute, wir arbeiten tüchtig, um nur leben zu können, wir haben nicht soviel Geld!« Herr Hassan aus Bassra hörte, wie sie sich unterhielten und setzte sich zu ihnen hin, um das Gespräch ordentlich zu verstehen. Dann sagte er: »Sorgt euch weiter nicht! Ich werde zum Sultan gehen und ihm das Geld geben!« Darüber freuten sich die Kaufleute. Er sprach ferner zu ihnen: »Wohlan, legt euch guten Mutes schlafen und morgen kommt zu mir, dann wollen wir uns zusammen zum Sultan begeben!« Sie begaben sich zu Harun Arraschid. Der hielt eine Gerichtssitzung, da rief der Oberste der Thürsteher: »Mein Herr, die Kaufleute der Stadt sind gekommen!« Sie kamen herein, traten vor den Sultan und küssten ihm die Hand; dann zogen sie sich wieder zurück. Nun trat Hassan allein vor und sprach zu Harun: »Mein Herr, die Bürger brauchen das Geld nicht aufzubringen, ich nehme es auf mich.« Der Sultan erwiderte ihm: »Möge Gott dich für deine gute That belohnen!« Herr Hassan brachte das Geld richtig herbei. Der Sultan blickte auf und sprach: »Herr Hassan soll Wesir unmittelbar an meiner rechten Seite und Herrscher des Landes in meiner Vertretung sein!«

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 13-39.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Sophonisbe. Trauerspiel

Sophonisbe. Trauerspiel

Im zweiten Punischen Krieg gerät Syphax, der König von Numidien, in Gefangenschaft. Sophonisbe, seine Frau, ist bereit sein Leben für das Reich zu opfern und bietet den heidnischen Göttern sogar ihre Söhne als Blutopfer an.

178 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon