4. Prinz Ali.

[57] Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn; er besass nur diesen einzigen Sohn. Als dieser geboren wurde, übergab er ihn der Amme und brachte beide in einem kuppelförmigen Glasbaue unter,[57] damit der Knabe weder eine Frau noch einen Mann zu sehen bekäme, sondern mit der Amme allein sei. Sobald der Knabe Speisen zu sich nehmen konnte, gab man ihm Fleisch ohne Knochen und Brot ohne Rinde; man gab ihm bloss die Krume und bloss die saftigen Stücke vom Fleische.

Eines Tages hatte dies die Dienerin, deren Geschäft das war, vergessen und brachte ihm Fleisch mit Knochen und Brot mit Rinde. Er sah dies und fragte: »Was ist das?« Die Dienerin entgegnete ihm: »Das Brot ist nur nahrhaft mit seiner Rinde, und das Fleisch nur mit den Knochen, wenn man das Knochenmark trinken kann.« Als er gespeist hatte, da begann er das Mark herauszuklopfen; dabei schlug er an die Glaskuppel und zerbrach eine Glasscheibe von derselben. Er sah auf die Strasse hinunter, sah Leute hin- und hergehen und einen Basar und einen Ausrufer. Er rief die Dienerin herbei und fragte sie: »Was sind das für Wesen?« Jene entgegnete: »Mein Herr, das sind Menschen wie wir.« Er sprach: »Ich dachte, ich wäre ganz allein auf der Welt, und es gäbe sonst keine Menschen.« Jene erwiderte: »Nein, mein Herr, es giebt noch mehr!« Er sprach zu ihr: »Verlass mich jetzt!« Als sie ihm am folgenden Tage das Mittagessen brachte, da wollte er es nicht essen; ebensowenig das Abendbrot. Er bestieg sein Bett und legte sich hin. Da begab sich die Dienerin zu seiner Mutter und berichtete ihr alles. Seine Mutter kam zu ihm und sprach: »Mein Sohn, was ist mit dir, es fehlt dir doch nichts Schlimmes? Wir wollen dir die Ärzte rufen lassen!« Er entgegnete ihr: »Nein, ich will die Ärzte nicht, rufe mir zunächst meinen Vater!«

Sein Vater kam und sprach zu ihm: »Mein Herr, wenn du krank bist, so sage es mir ja!« Er entgegnete seinem Vater: »Sage du mir zuerst, ob ich eine Frau oder ein Mann bin!« Sein Vater sprach: »Was soll diese Rede bedeuten, mein Sohn?« Dieser entgegnete: »Die Menschen gehen hier auf der Strasse hin und her, und ich sitze hier eingesperrt!« Sein Vater sagte: »Mein Sohn, ich habe Angst, dass irgend jemand dir etwas anthun könnte, oder dass du irgend jemandem ein Leid anthun könntest!« Der Prinz entgegnete: »Ich will spazieren gehen wie alle Leute; warum sollte mir jemand etwas anthun? Ich will ausgehen und umhergehen wie meine Altersgenossen.« Sein Vater entgegnete ihm: »Nun gut, so geh aus!« Der Prinz ging aus; das geschah an zwei Tagen; am dritten Tage führte ihn das Schicksal an einen Pferdestall. Er[58] betrat den Stall; die Reitknechte hewillkommten ihn und küssten ihm die Hand. Er befahl ihnen: »Bringt mir jenes Ross dort und sattelt es!« Dann bestieg er es und ritt spazieren. Ein Reitknecht ritt mit ihm aus. Den ersten und den zweiten Tag ritt der mit ihm aus; am dritten Tage aber sprach der Prinz: »Es soll niemand mit mir ausreiten, ich will allein sein!« So ritt nun der Prinz den ersten und den zweiten Tag allein aus; dabei stiess er die Leute an und rief nicht: »Achtung!« Einem Manne verursachte er ein gebrochenes Glied und ein altes Weib überritt er. Die Stadt ward dies von ihm überdrüssig, und es begann zu heissen: »Ja, der Prinz ruft nicht Achtung, er beschädigt die Bürger!«

Eines Tages sass nun auch eine Anzahl Leute da und unterhielt sich über ihn, da kam die Alte, die er überritten hatte, heran. Sie trat an diese Leute heran und sprach zu ihnen: »Ihr redet über den Prinzen! Ich werde zu seinem Vater gehen und euch verklagen; der lässt euch dann den Kopf abschneiden!« Jene Leute erwiderten: »Wir reden durchaus nicht über ihn!« Sie entgegnete: »So? Ich habe es ja gehört!« Sie sagte weiter zu ihnen: »Nun, werdet nur mit mir handelseinig, dann verursache ich, dass er eure Stadt verlässt!« Man kam mit ihr über zehntausend Piaster überein. Sie sagte: »Bringt mir jetzt das Geld!« Man schaffte es ihr, und sie brachte es nach Hause und verschloss es in einem Kasten. Dann sprach sie zu jenen: »Seid guten Mutes! Ihr wisst eben nur das: ich werde bewirken, dass der Prinz die Stadt verlässt!«

Am folgenden Morgen stand die Alte auf und wanderte genau mitten in den Weg, auf dem der Prinz herzukommen pflegte, und kauerte hin. Der Prinz kam und begann zu rufen: »Achtung, alte Mutter, Achtung, altes Weib!« Sie aber blieb mit Willen ihm gerade im Wege sitzen. Da stiess das Pferd sie an. Sie rief: »Was für ein Ungestüm ist in dir, Prinz! Du hast wohl die Sineddur heimgeholt, über sieben Meere auf Geierrücken?« Als sie ihm diese Worte gesagt, da kehrte er um. Er legte sich zu Bette. Man brachte ihm das Mittagsbrot, er ass es aber nicht; man brachte ihm das Abendbrot, er ass es auch nicht. Die Dienerin begab sich zu ihrer Herrin und sagte: »Herrin, der junge Herr hat nun schon seit drei Tagen keine Speise zu sich genommen!« Seine Mutter kam zu ihm und fragte: »Mein Herr, dir ist doch nichts Schlimmes geschehen, dir fehlt doch nichts?« Er entgegnete: »Mutter, ich[59] möchte, dass alle alten Frauen hier in der Stadt zu mir kämen!« Seine Mutter entgegnete: »Gott befohlen!«

Die alten Weiber kamen nun und traten zusammen ein, allemal drei oder vier zusammen in einer Reihe. So zogen sie vor ihm vorüber. Jeder einzelnen, in der er nicht die gewünschte erkannte, gab er ein Geschenk für den gehabten Schrecken. Schliesslich hatte er alle gesehen ausser der Alten, welche ihm jene Worte von der Sineddur gesagt hatte. Die war nicht erschienen. Er sprach: »Die Alte, die ich brauche, ist nicht hier, sie ist nicht erschienen.« Man erwiderte ihm: »Herr, da ist noch eine altersschwache Frau übrig, der müssen wir eine Kutsche oder einen leichteren Wagen schicken.« Er sandte ihr einen leichten Wagen, und man brachte sie her. Man führte sie in den Palast hinauf. Sie liess sich neben ihm nieder, und man setzte ihr das Frühstück vor. Als die Alte gefrühstückt hatte, zog der Prinz sein Schwert und rief: »Beim allmächtigen Gotte, wenn du mir jetzt nicht die Wahrheit redest und mir nicht die Bedeutung der Worte sagst, die du mir gesagt hast, schlage ich dir den Kopf herunter!« Sie entgegnete ihm: »Mein Herr, da giebt es ein fremdes Land, ein Land voll von Menschenfressern und Schrecknissen; das ist das Land, in welchem Sineddur wohnt; es liegt hinter sieben Meeren, auf Geierrücken zu überfliegen.« »Mein Sohn,« fuhr die Alte fort, »jene Sineddur ist eine Geisterprinzessin.« Der Prinz gab der Alten hierauf eine Summe Geld, das man zum Leben auf dieser Welt so nötig braucht, und jene ging nach Hause. Er aber wandte sich an seine Mutter und sprach: »Ich muss verreisen!« Sie entgegnete ihm: »Wohin willst du ziehen? Wer dir jene Worte von der Sineddur gesagt hat, der hat Böses gegen dich geplant!« Er aber sprach: »Ich muss verreisen!« Sie versetzte: »Wir müssen erst deinen Vater befragen!«

Seine Mutter begab sich zu seinem Vater und sprach zu ihm: »Sieh, dein Sohn will verreisen!« Sein Vater kam und sagte zu ihm: »Verreise nicht; ich habe ja nur dich, du lässt mich dann ganz allein!« Der Prinz erwiderte: »Ich muss fort!« Sein Vater sprach: »Dann geh wenigstens nicht allein; ich will jemand mit dir reisen lassen!« Er entgegnete: »Gut, mein Vater!« Letzterer sprach weiter: »Ich werde deinen Vetter, den Sohn des Wesirs, mit dir schicken.« Der König sandte zum Wesir und liess ihm sagen: »Dein Sohn muss sich reisefertig machen, er soll mit meinem Sohne[60] verreisen!« Der Wesir entgegnete: »Ich gehorche.« Er begab sich zu seinem Sohne und sprach zu ihm: »Mein Sohn, du sollst also mit dem Prinzen verreisen! Sei höflich und zeige keinen Hochmut, erachte dich für seinen Diener, und gebt gegenseitig hübsch Achtung aufeinander!« Der Sohn entgegnete: »Gott befohlen, Vater!« Der Wesir begab sich nun zum Sultan und sprach zu ihm: »Mein Sohn ist reisefertig; hat sich dein Sohn auch reisefertig gemacht?« Man brachte nun dem Prinzen sein Ross, er legte seine Rüstung an, bestieg sein Ross, nahm seinen Reisesack mit der Reisekost und füllte seine Taschen mit Goldstücken. Man brachte dem Wesirsohn dasselbe; er nahm auch einen Reisesack und eine Summe Geld mit. Dann reisten sie ab und zogen in die offne Gegend und ins freie Land, und der Herr der Führung leitete alles so, wie er bestimmt und beschlossen.

So hatten sie eine Strecke von zehn oder zwölf Tagen zurückgelegt; da kamen sie an einen Scheideweg. Daselbst befand sich ein Stein mit einer Inschrift. Die Inschrift besagte: »Der du rechts gehst, wirst Gewinn haben; der du links ziehst, wirst Verlust erleiden!« Der Prinz wandte sich an den Wesirsohn und sprach zu ihm: »Lass uns hier absteigen!« Sie stiegen ab, assen und tranken. Muhammed der Wesirsohn sprach jetzt zum Prinzen Ali: »Bruder, ich muss mich hier offenbar von dir trennen!« Der Prinz entgegnete: »Bruder, wir sind doch zusammen ausgezogen, da wollen wir auch zusammen heimkehren!« Jener aber entgegnete: »Nein, wenn wir uns trennen, wird es besser für uns sein!« Der Prinz fragte: »Wer soll denn nach rechts, und wer nach links reiten?« Jener entgegnete: »Wir wollen das Loos ziehen!« Der Prinz sprach: »Gut, entscheiden wir durch dasselbe!« Das Loos bestimmte rechts für Prinz Ali und links für Muhammed, den Sohn des Wesirs. So zogen sie weiter, einer nach rechts und einer nach links.

Muhammed, der Sohn des Wesirs, zog also nach links. Er reiste zehn oder fünfzehn Tage, da zeigte sich vor ihm eine Stadt; Er betrat diese Stadt, stellte sein Pferd in den Khan und mietete für sich ein Zimmer in der Herberge. Er fand, dass die Bürger sehr lustige Gesellen waren; jetzt hiess es bei ihm: nimm nur immer und thu nichts wieder hinzu, dann fällt schliesslich das Gebirge ein! Da ging ihm denn das Geld gründlich aus. Er verkaufte das Pferd, den Sattel und die Waffen; alles verkaufte er. Er verkaufte auch seinen Anzug und hatte schliesslich nur noch einen Schurz um. So[61] war er nun ohne Kleider, der Arme; eine Nacht hatte er etwas zu essen, die andere Nacht bekam er nichts. Eines Tages gelangte er vor den Laden eines Ringelbäckers und setzte sich hin. Die Leute kauften Ringel; er aber sass da und hungerte. Der Ringelbäcker sprach zu sich: »Was ist's mit jenem Menschen? Die Leute gehen und kommen, er aber sitzt dort beständig an ein und derselben Stelle!« Der Ringelbäcker wandte sich an Muhammed und fragte ihn: »Was ist's mit dir, mein Sohn?« Er entgegnete: »Ich bin hier fremd!« Der Bäcker sprach: »Willst du arbeiten, wenn dir jemand Arbeit giebt?« Muhammed entgegnete: »Wer Gutes thun will, braucht nicht erst zu fragen!« Da stellte ihn jener in seinem Laden an, um das Feuer zu unterhalten und den Laden zu fegen; dafür gab man ihm Abendbrot und Frühstück.

Die Erzählung möge sich wieder zu Prinz Ali wenden. Er war also nach rechts gereist und war zehn oder fünfzehn Tage schon durch die Gegend gezogen; da erblickte er einen Mann, der hatte vor sich ein totes Kameel liegen und nagte an dem Fleische des toten Tieres herum, an dem rohen Fleische. Prinz Ali trat auf ihn zu und sagte ihm dreimal seinen Gruss. Jener entgegnete: »Hätte ich nicht deinen Gruss eher gehört, als ich dich sah, so hätten die Berge das Knirschen deiner Knochen vernommen!« Ali stieg vom Pferde ab und band es an einen Baum, dann sprach er zu jenem: »Weswegen Vater?« Jener entgegnete: »Des Hungers und Durstes wegen!« Prinz Ali sprach: »Warte!« Er nahm sein Dolchmesser und zog das tote Kameel ab, zündete ein Feuer an, zerlegte und briet das Fleisch und gab es dem Riesen zu essen, der schliesslich satt wurde. Dann nahm er sein Schermesser und schor jenem den Kopf, schnitt ihm das zottige Haar ab, verschnitt ihm die Nägel und wusch ihm seine Kleider, damit jener ihm einen Rat erteilen möchte. Der fragte ihn nun: »Wohin gehst du, Ali?« Er erwiderte: »Ich will zur Sineddur, über sieben Meere, auf Geierrücken!« Jener entgegnete ihm: »Wer dir diese Worte gesagt hat, der hat Böses gegen dich beabsichtigt und dich ins Verderben gebracht!« Ali erwiderte: »Ich muss mein Glück versuchen, und was Gott mit mir thut, das ist gut!« Jener sprach darauf: »Ich will dir raten. Zieh weiter: dann wirst du zu meiner Schwester gelangen, die ist um eine Nacht älter als ich und hat mehr Verstand als ich! Die wirst du in einem Zelte wohnen sehen. Wenn du sie mahlen siehst, während schwarze Hühner um sie laufen, dann geh[62] nicht zu ihr heran, sondern verbirg dich! Siehst du sie aber mahlen, während weisse Hühner um sie herumlaufen, dann tritt an sie heran und erfasse ihre rechte Brust, sauge an derselben und sprich: ›Ich komme als dein Sohn!‹« Jener Menschenfresser gab ihm ferner sieben Haare aus seinem Barte und sprach zu ihm: »Wenn du in eine schlimme Lage kommen solltest, so räuchere mit einem solchen Haare!«

Prinz Ali reiste weiter und gelangte schliesslich zur Schwester des Menschenfressers; er sah sie mahlen, während weisse Hühner um sie umherliefen. Er sprach zu sich: »Ali, Gott hat dich recht geleitet!« Er begann sich heranzuschleichen und stürzte sich schliesslich auf ihre Brust, hielt sie fest und saugte an ihr. Sie blickte hin und sprach: »Was ist's mit dir?« Ali entgegnete: »Ich bin als dein Sohn gekommen!« Sie fragte: »Mein Bruder hat dir dies mitgeteilt?« Ali entgegnete: »Jawohl.« Sie sprach zu ihm: »Gottes Schutz sei mit dir!« Sie bewirtete ihn nun drei Tage; nach drei Tagen sprach sie: »Ich werde dir einen Gefallen thun und werde dich über jene Gegend hier vor dir hinwegbringen; in derselben hausen sieben Menschenfresser, die erkennen weder Gott noch die Menschen an; wer ihnen in den Weg kommt, den fressen sie auf!« Jene nahm nun Ali mit sich und brachte ihn sicher durch die Gegend, in der die Menschenfresser hausten. Als sie ihn durch diese Gegend gebracht hatte, sprach sie zu ihm: »Nun, mein Sohn, mir und dir sei Gott gnädig!«

Ali wanderte weiter, und schliesslich zeigte sich vor ihm eine Stadt. Er begab sich in diese Stadt; er bemerkte, dass die Mauer dieser Stadt mit Menschenköpfen besetzt war. Er ging in die Stadt hinein, stellte sein Pferd in den Khan und wanderte dann in der Stadt umher. Da kam ihm ein Mann entgegen, den fragte er: »Was bedeuten diese Köpfe auf der Mauer?« Der Mann entgegnete: »Wenn du mich über den Weg nach den Basaren befragst, so musst du hier weitergehen!« Ali begab sich dann zu einem Krämer und fragte denselben: »Was ist's mit den Köpfen, die ringsum an der Mauer aufgehängt sind?« Jener entgegnete: »Das Brötchen kostet eine Karrube und die Unze zwei; ferner kann ich schöne Oliven und gutes Salzeingemachtes empfehlen, sowie duftige Apfelsinen.« Ali sagte weiter nichts über jene Köpfe; er dachte bei sich: »Es ist gewiss verboten, über die Köpfe zu sprechen.« Dann ging er weiter und sah einen alten Mann, der war ein Flickschuster. Dem folgte er bis an seine Wohnung. Da sah sich der Greis um und[63] fragte: »Warum gehst du mir nach?« Er entgegnete: »Ich bin fremd und habe niemanden hier in der Stadt.« Der Alte erwiderte: »Komm mit herein, mein Söhnchen, ich wohne mit meiner alten Gemahlin ganz allein im Hause!« Der Alte nahm ihn mit ins Haus und liess ihn bei sich wohnen; er sprach zu seiner Frau: »Wir haben einen Glast bekommen; geh du und sieh zu, wo du uns etwas Geld borgen kannst, damit wir dem Gaste Abendbrot vorsetzen!« Ali hörte, was jene sprachen und sagte: »Was ist mit dir, mein Vater? Wenn du kein Geld hast, so kann ich dir welches geben!« Er griff in die Tasche und übergab ihm einen Beutel mit fünfhundert Goldstücken. Der Greis sah Ali an und sprach: »Die Bewirtung soll dem Gaste Kosten verursachen?« Ali entgegnete: »Das ist gleichgültig! Du seist mein Vater, und ich sei dein Sohn! Du hast kein Geld, du bist unbemittelt und einer, der sich ordentlich abplagen muss.« Der Greis nahm das Geld an und ging einkaufen; er kaufte für das Abendessen ein und bereitete Ali eine Tafel, die mit allem Möglichen besetzt war; da gab es Fleisch, Paradiesäpfel, Fleischbrühe und Kuskus, ferner gefüllte Pfefferschoten; kurz, alles vom salzigen ersten bis zum süssen letzten Gerichte. Man ass zu Abend, lobte und pries Gott und ruhte jene Nacht wohl und gesund. – Ali war bei jenem nun schon drei Tage zu Gast; jeden Tag gab er ihm einen Beutel mit fünfhundert Goldstücken.

Die dritte Nacht fragte ihn der Greis: »Was suchst du hier in der Stadt, mein Sohn?« Ali entgegnete: »Ich möchte dich wegen der Stadtmauer befragen, – weshalb sie nämlich mit Menschenköpfen geschmückt ist.« Da entgegnete ihm der Alte: »Jetzt hast du bei mir Wasser und Salz genossen, und nun muss ich dich aus meiner Wohnung fortjagen! Aber deine Wohlthat ist nun einmal schon in meinen Magen hinab gelangt!« Hiermit wandte er sich an seine alte Gemahlin und sprach zu ihr: »Dieser Mensch ist so gut wie einer von unsrer Familie!« Die Alte entgegnete: »Ich will es ihm jetzt erzählen.« Ali sprach: »Ja, erzähle mir Alles, Mutter!« Sie begann: »Richtig, der Sultan hat eine Tochter. Wer nun kommt und bei ihm um sie wirbt, dem stellt er sieben1 Bedingungen; ferner lässt er Weizen, Gerste, Bohnen, Kichererbsen und Wicken untereinander mischen und erklärt jenem: ›Wenn ich morgen früh komme und nicht alles auseinandergelesen finde,[64] so lasse ich dir den Kopf abschneiden!‹« Ali erwiderte hierauf: »Morgen begebe ich mich zum Sultan und werbe um seine Tochter!« Da begann die Alte zu weinen und sprach: »Mein Söhnchen, bei Gott, warum willst du deinen Tod verursachen?« Er entgegnete: »Was gehe ich dich weiter an? Morgen will ich zum Sultan!«

Er begab sich am folgenden Tage zum Sultan. Der Sultan wandte sich an den Wesir mit den Worten: »Was will jener da?« Der Wesir entgegnete: »Lass ihn seine Klage vorbringen; denn das wird er wollen!« Ali trat auf den Sultan zu und begann: »Ich komme als ein Werbender und begehre deine Tochter!« Der Wesir blickte Prinz Ali an und sprach zu ihm: »Mein Sohn, lass diese Rede fallen! Du thust mir leid; ich fürchte, du möchtest sterben müssen, und du bist doch noch schön und jung!« Ali entgegnete: »Fürchte nichts für mich! Mit Gottes gnädigem Willen werde ich schon die Sache erreichen!« Der Wesir fragte: »Kennst du auch ihre Bedingung und nimmst du dieselbe an?« Ali entgegnete: »Ich nehme sie an!« Da blickte der Sultan den Wesir an und sprach zu ihm: »Führe ihn durch den Palast und bringe ihn nach dem bewussten Zimmer und mische Weizen, Gerste, Bohnen, Kichererbsen und Wicken für ihn unter einander!« Man brachte Ali in jenes Haus und schloss ihn ein. Jetzt dachte er bei sich nach und sprach: »Da bin ich in eine sehr schlimme Lage geraten! Was soll ich beginnen? Morgen werde ich sterben müssen!« Er dachte gar nicht an die Haare, die ihm der Menschenfresser gegeben hatte. Dann kam ihm dies in den Sinn, er erinnerte sich wieder derselben und sprach bei sich: »Der Menschenfresser gab mir doch einst sieben Haare und sprach zu mir: ›Wenn du einmal in eine schlimme Lage kommst, so räuchere ein Haar!‹ Ali zog nun ein Haar von jenen Haaren hervor und verbrannte es.« Sogleich erschien der Menschenfresser in eigener Person und rief: »Was bedarfst du, mein Herr?« Ali entgegnete: »Du siehst ja meine Lage!« Jener sprach: »Nimm noch ein Haar hervor und verbrenne es!« Ali verbrannte demgemäss das Haar, da begann das Zimmer von Ameisen zu wimmeln. Der Menschenfresser befahl denselben: »Leset dies Gemenge, jede Art für sich!« In zwei Stunden hatten die Ameisen alles gelesen. Da fragte ihn der Menschenfresser: »Mein Herr, bist du jetzt zufrieden? Ja, das Mädchen wird man dir jetzt geben, du wirst sie heiraten! Wenn du aber wieder einmal in eine schlimme Lage kommst, so räuchere mir wieder!«[65]

Man öffnete die Thür am folgenden Morgen, und der Sultan trat mit dem Wesir und dem Gefolge ein. Sie traten ein und fanden die verschiedenen Körner richtig auseinander gelesen! Der Sultan wandte sich an den Wesir und sprach zu ihm: »Was ist das? Wer hat ihm das gelesen?« Der Wesir entgegnete: »Mein Herr, du hast viele Menschen wegen deiner Tochter töten lassen; diesem aber hat der Herr Glück geschenkt; da du ihm nun dein Versprechen gegeben hast, und er jene Bedingungen angenommen (und nun erfüllt) hat, so musst du sie ihm geben; es gehört ja auch zur Frau der Mann, und zum Manne die Frau!« Der Sultan entgegnete: »Ja, bei Gott!« Dann bereitete man die Hochzeit für Ali und rief in der Stadt aus: »Heute Nacht findet die Hochzeitsfeier (der Prinzessin) statt!« Ali heiratete die Prinzessin; sie bewillkommte ihn und er sie, und er brachte bei ihr die ganze Nacht zu. Doch nachdem die Hochzeit vorüber war, sprach er bei sich: »Ich bin wegen der Sineddur ausgezogen; dies ist sie aber nicht!« Er ward unzufrieden mit sich. Seine Gemahlin sah ihn an und sprach zu ihm: »Was ist mit dir, mein Herr, doch nichts Schlimmes?« Er entgegnete: »Ich zog aus, um einen Auftrag meines Vaters zu erfüllen.« Seine Frau entgegnete: »Worin besteht der Auftrag deines Vaters?« Ali sprach: »Mein Vater trug mir auf, Sineddur zu bringen.« Jene begann wieder: »Gieb mir zunächst dein Wort, dass du wieder zu mir kommen willst, wenn du die Rückreise antrittst!« Ali versprach dies seiner Gemahlin. Es erwiderte dieselbe: »Da will ich dir einen Hat geben! Begieb dich also zum Hirten meines Vaters, zum Kuhhirten. Bei dem wirst du einen schwarzen Stier finden; treib denselben an das Seeufer, schlachte ihn, zieh ihm das Fell ab und schneide aus der Fleischmasse vierzehn Stück Fleisch heraus; verstecke dieselben in einiger Entfernung und verbirg dich selbst, zeige dein Gesicht nicht! Nun werden Geier kommen und schreien: ›Der du dies gethan hast, wir wollen dich reich machen!‹ Schweig und sprich nicht, bis jene gefressen haben und satt geworden sind! Dann werden sie schreien: ›Der du dies gethan hast, Gottes Schutz sei über dir!‹ Alsdann antworte ihnen!«

Prinz Ali begab sich nun zum Hirten, nahm den schwarzen Stier, schlachtete ihn, zog ihm das Fell ab, schnitt aus der Fleischmasse vierzehn Stücke Fleisch heraus und versteckte dieselben und verbarg sich selbst. Dann kamen die Geier und begannen zu[66] schreien: »Der du dies gethan hast, wir wollen dich reich machen, dich beschenken und kleiden!« Er aber verhielt sich still, bis jene gefressen hatten und satt waren. Da schrieen sie wieder: »Der du dies gethan, Gottes Schutz sei über dir!« Ali verliess nun sein Versteck. Jene Geier sahen ihn und sprachen zu ihm: »Verlange, was du begehrst!« Ali entgegnete: »Ich möchte zu Sineddur ziehen, über sieben Meere, auf Geierrücken!« Jene fragten sich gegenseitig: »Kennst du dies Land?« Die allgemeine Antwort hiess: »Ich kenne es nicht!« Einer blickte auf und sprach: »Wir haben noch einen altersschwachen, bejahrten Geier in seinem Neste, der nicht mehr fliegen kann; zu dem müssen zwei hinfliegen und ihn herbringen.« Als jene ihn herbeigeschleppt, da fragte man ihn: »Kennst du das Land der Sineddur über sieben Meeren, auf Geierrücken?« Der alte Geier erwiderte: »Ich kenne es und habe genugsam in ihren Gärten gehaust und auf ihrem Schlosse genistet!«

Man sprach nun: »Wir wollen eine Fatiha lesen, dann wird er wieder jung wie wir!« Man las eine Fatiha; Gott erhörte ihren Wunsch und machte den alten Geier jung wie die übrigen. Nun forderten ihn die übrigen Geier auf: »Wohlan, lass Prinz Ali auf deinen Rücken steigen und bringe ihn (nach jenem Lande), damit er sein Vorhaben ausführe; alsdann bring ihn wieder zurück!« Der Geier entgegnete: »Gott befohlen!« Er liess Ali aufsteigen und sagte zu ihm: »Nimm das Futter für mich in die Hand!« Ali rief: »Fertig!« –, und jener flog mit ihm hinauf in den Äther; er flog mit ihm zum ersten Meere, da sprach er zu ihm: »Gieb mir jetzt mein Futter, sonst werfe ich dich ins Meer!« Ali gab ihm das erste Fleischstück von seinem Vorrate. Nun flog jener über das zweite Meer, da gab ihm Ali das zweite Fleischstück. Dann flog jener mit ihm über das dritte Meer, da gab er ihm das dritte Fleischstück, – und schliesslich, über dem siebenten Meere, gab er ihm das siebente Fleischstück. Hierauf setzte jener Ali ans Ufer hin und sagte zu ihm: »Dort ist der Garten und dort ist das Schloss; geh hin und führe dein Vorhaben aus! Ich werde dich hier erwarten.«

Ali verliess den Geier und schritt auf das Schloss zu; schliesslich gelangte er an das Schloss und fand das Schlossthor offen. Er trat ein und suchte und wanderte im Schloss umher. Da fand er einen Bettvorhang und ein Prachtbett. Er schlug den Bettvorhang zurück, guckte hinein und sah drinnen etwas Schwarzes, Er trat näher heran, schlug die Vorhänge ganz auseinander und hob jene[67] schwarze Masse auf; da sah er, dass es das Haar von einem Mädchen war, und dies Haar war auch über ihr Gesicht gebreitet. Als er diesem Mädchen nun das Gesicht aufdeckte, sah er, dass ihr Gesicht wie ein Licht leuchtete, ob ihrer grossen Schönheit. Ali rief aus: »Gott! Lob sei Dir über dieses schöne Weib!« Er pries die Einheit des Schöpfers. Dann dachte er bei sich nach und sprach zu sich: »Eine Frau wie diese verlasse ich nicht so ohne weiteres! Doch es ist mir verwehrt, sie zu küssen, ohne einen Ehekontrakt zu besitzen.« Darauf zog er ein Tintenfass und ein Schreibrohr aus seiner Tasche und schrieb seinen Ehebund mit ihr mit eigner Hand. Dann stieg er zu ihr ins Bett und küsste sie. Als er sich sattgeküsst, legte er den Ehekontrakt neben ihr Haupt; sie aber schlief während aller dieser Vorgänge, denn ihre Gewohnheit war, drei Monate beständig zu schlafen und drei Monate beständig wach zu sein. Dann zog er seinen Fingerring ab und steckte ihn ihr an und den ihrigen steckte er sich an den Finger. Hierauf dachte er weiter bei sich nach und sprach zu sich: »Es ist nicht nötig, dass ich sie in Person bringe; jetzt habe ich das erreicht, was ich wollte; da genügt es, wenn ich jenen daheim ein Beweisstück bringen werde, etwa den Ring!«

Hierauf begab sich Ali wieder zu dem Geier, der ihn hierher gebracht hatte. Dem stieg er auf den Rücken. Jener flog mit ihm über das erste Meer, da sprach er zu ihm: »Gieb mir ein Stück Fleisch, mein Herr!« So hatte Ali dem Geier, als man über das sechste Meer gekommen war, sechs Fleischstücke gegeben. Hierauf wollte er ihm das siebente Fleischstück reichen, da entglitt ihm das und fiel ins Meer. Ali zog sofort das Dolchmesser, schnitt sich ein Stück Fleisch aus dem Oberarme, gab es dem Geier, und der frass es. Er sprach zu Ali: »Mein Herr, wie süss schmeckte doch gerade dieses letzte Stück Fleisch!« Schliesslich setzte der Geier den Prinzen wieder am Ufer nieder. Die anderen Geier kamen und begrüssten ihn; sie sprachen zu ihm: »Mein Herr, hast du dein Vorhaben ausgeführt?« Sie fragten ihn ferner: »Hat der Geier dich gut behandelt?« Ali entgegnete: »Er behandelte mich gut und brachte mich in Sicherheit hin und zurück.« Darauf sahen sie Ali's Kleider an und bemerkten, dass dieselben mit Blut befleckt waren. Die Geier sprachen zu ihm: »Dir fehlt doch nichts, mein Sohn?« Er entgegnete: »Mir fehlt weiter nichts!« Jene aber sprachen: »Sage uns die Wahrheit!« Ali entgegnete: »Ich werde euch die[68] Wahrheit sagen! Über dem siebenten Meere entglitt mir ein Stück Fleisch, da schnitt ich aus meinem Oberarm ein Stück heraus, gab es jenem, und er frass es.« Jetzt sahen die Geier einander an, und es hiess: »Du musst jetzt das Stück Menschenfleisch ausspeien, das du gefressen hast.« Der Geier spie dasselbe wieder aus; jene legten dasselbe auf die Stelle, wo es hingehörte, und strichen mit Speichel darüber hin und spuckten darauf, bis es wieder angeheilt war.

Hierauf begab sich Ali wieder zu seiner Frau; die begrüsste ihn und sprach: »Was hast du ausgerichtet, hast du dein Vorhaben erreicht?« Ali entgegnete: »Gott führt die Pläne zu glücklichem Ausgange!« Jene Nacht verbrachte Ali bei seiner Frau, am folgenden Morgen aber begab er sich in den Palast des Sultans. Der sprach zu ihm: »Diese lange Abwesenheit, mein Herr, bedeutete doch nichts Schlimmes?« Ali verlebte drei Tage mit dem Sultan zusammen. Dann sprach er: »Ich möchte nach meiner Heimat zurückkehren!« Der Sultan entgegnete: »Ich will dich nicht abhalten, in die Heimat zu ziehen, aber was willst du mit deiner Frau beginnen, willst du sie mitnehmen oder hierlassen?« Ali entgegnete: »Ich werde sie mitnehmen.« Ali begann nun seine Habe und seine Koffer zu packen, machte sich reisefertig, empfahl sich Gottes Schutz und reiste ab. Er war erst drei Meilen oder ein wenig mehr von der Stadt entfernt, da bereute es schon der Sultan, dass er seine Tochter hergegeben hatte. Er sprach: »Da kommt so ein Landstreicher zu mir, ein Stück von einem Stricke, den ein Fluss angeschwemmt hat; da kommt zu mir so ein Mensch, und dem muss ich meine Tochter geben, ohne zu wissen, ob sein Vater ein Tagelöhner oder ein Stockmeister ist!« Er wandte sich an den Wesir mit den Worten: »Du musst ihn einholen, ihn töten und mir meine Tochter zurückbringen!«

Prinz Ali sah auf und erblickte den Staub hinter sich. Seine junge Frau wandte sich an ihn und sprach: »Nimm dich ja in Acht! Ach, mein Vater hat alles bereut und Fusstruppen und Reiter gegen dich gesandt, die wollen dich töten und mich wieder heimbringen!« Ali wandte sich an seine Diener und gebot: »Zieht ruhig weiter!« Jene zogen weiter und verschwanden bald. Er aber trat den Heerschaaren ihres Vaters allein entgegen. Der Wesir blickte ihn an und rief ihm zu: »Lass von dem ehrbaren Manchen ab und geh allein unbehindert weiter!« Ali erwiderte jenem: »Ich habe meine[69] Frau mit Fug und Recht erworben, ich lasse sie nicht los!« Der Wesir entgegnete: »Mein Sohn, dann verteidige dich!« Ali erwiderte: »Ihr habt nicht vor euch einen, der flieht!« Jetzt umzingelten sie ihn; er aber stürmte gegen sie an und tötete von ihnen fünfhundert. Man kämpfte, bis die Nacht einbrach; in der Nacht aber stellte man die Feindseligkeiten ein, um auszuruhen.

Prinz Ali kehrte zu seiner Gemahlin ins Gebirge zurück und brachte die Nacht daselbst zu. Am folgen den Morgen bestieg er sein Ross und ritt gegen die feindliche Reiterschaar, um sie zu bekämpfen. Er blickte den Wesir an und sprach: »Tretet einzeln an gegen mich! Des Mannes Gegner soll ein Mann sein!« Der Wesir entgegnete: »Das ist richtig!« Dann sprach er zu den Soldaten: »Der Sultan beköstigt euch und kleidet euch, und ihr bekommt euren Sold, wohlan, zeiget euren Mannesmut! Greifet ihn an, einer nach dem andern!« Die Ritter machten nun, einer nach dem andern ihren Angriff auf Ali; schliesslich tötete derselbe zweihundert Ritter. Da sprach wieder der Wesir zu den Soldaten: »Greift ihn alle zusammen auf einmal an!« Die sämtlichen Soldaten griffen ihn auf einmal an, und er begann sie zu bekämpfen, bis die Nacht einbrach. Dann kehrte er zurück zu seiner Gemahlin, betäubt, müde und verwundet. Seine Frau geriet in Angst seinetwegen und sprach zu ihm: »Mein Herr, es ist zu viel für dich!« Er entgegnete ihr: »Mein Hort ist Gott; das Alles thut weiter nichts!« So war er also wieder geschützt (für diese Nacht); da dachte er bei sich nach und sprach: »Habe ich denn nicht die Haare des Menschenfressers? Er sagte mir doch: ›Wenn du einmal in eine schlimme Lage kommst, so räuchere mir mit einem solchen Haar!‹« Ali blickte seine Frau an und sprach zu ihr: »Bring mir einen Gluttopf mit Feuer!« Sie brachte ihm einen Gluttopf, und er verbrannte ein solches Haar. Der Rauch stieg noch von demselben in die Höhe, da rief schon der Menschenfresser: »Was willst du, mein Herr?« Ali entgegnete: »Du siehst es ja; ich befinde mich in einer peinvollen Lage, und Pein beengt mich zur Stunde, wo du mich siehst!« Der Menschenfresser entgegnete: »Hab' keine Angst weiter! Dir stehen lauter tüchtige Leute zu Gebote! Bleib du nur morgen ganz ruhig und sieh bloss zu!« Diese Nacht blieb der Menschenfresser bei Ali als Gast; Ali schlachtete für ihn vier Kameele, denn jener war ein grosser Fresser.

Am folgenden Morgen stiess die feindliche Reiterschaar auf[70] Herrn Ali; da erhob sich der Menschenfresser, empfahl sich Gott und begann den einen mit dem andern zu erschlagen, er hob einen Mann empor und erschlug mit ihm einen andern. So kämpfte man eine Zeit lang; als dann die Feinde sahen, dass sie überwunden wurden, und nur noch wenige von ihnen übrig waren, da flohen sie und kehrten zum Wesir zurück. Sie sprachen zu demselben: »Wir haben fliehen müssen und sind umgekehrt; jenen können wir nicht bezwingen, der ist ein Menschenfresser, der erschlägt einen mit dem andern von uns, er kämpft gegen uns ohne Waffen, er nimmt einen Mann empor und erschlägt mit ihm einen andern!«

Prinz Ali nahm nun ungehindert seine Gemahlin und zog weiter; er reiste weiter und erblickte schliesslich vor sich eine Stadt. Er sprach zu sich: »Ich will hier etwa einen Monat ausruhen und mich pflegen!« Er betrat die Stadt, mietete sich in derselben ein Haus und brachte in demselben seine Diener und seine Gemahlin unter. Jeden Tag ging er des Morgens aus, um einzukaufen und seinen Leuten zu bringen, was gegessen und getrunken wird, und um sich die Stadtviertel und verschiedenen Strassen anzusehen. Als er eines Tages so umherwanderte, da kam er an dem Laden eines Ringelbäckers vorüber; plötzlich erblickte er den Sohn des Wesirs, Muhammed, bloss mit einem Schurze bekleidet und mit einem alten Lappen auf dem Kopfe, mit dem er sich den Kopf umwickelt hatte. Ali trat ein und sprach: »Ich möchte zehn Pfund Eingel haben.« Dann wandte er sich an den Ringelbäcker und sagte zu demselben: »Hast du jemanden, der sie mir nach Hause schaffen könnte?« Der Bäcker entgegnete (indem er auf Muhammed zeigte): »Ich habe den armen Menschen hier; wenn du ihm eine kleine Belohnung giebst, so wird er sie dir gar zu gern heimschaffen.« Ali sprach zu jenem: »Trage also das Gebäck!« Muhammed legte alles auf ein Tragebrett und trug es. Er ging mit Prinz Ali; der begab sich mit ihm nach dem Obergeschosse seines Hauses und sprach: »Setze dort die Eingel hin, mein Bursche!« Nun kannte der Prinz den Wesirsohn, aber jener hatte den Prinzen nicht wiedererkannt. Da sah Ali jenen an und sagte zu ihm: »Bist du nicht Muhammed der Sohn des Wesirs?« Muhammed sah jenen an, brach in Thränen aus und stürzte zu Boden. Ali sprach aber: »Weine nicht, erzähle mir, was dir geschehen ist!« Muhammed erwiderte: »Frage mich nicht danach,, was mir geschehen ist!« Ali fragte: »Wo ist denn dein Ross, dein Geld und deine Kleider?« Muhammed entgegnete: »Fort sind sie,[71] ich habe sie allesamt verkauft und mit ihrem Erlöse lustig gelebt!« Da sandte Ali jenen ins Bad, gab ihm einen neuen Anzug, schor ihm den Kopf und schnitt ihm das zottige Haar ab, kurz, machte ihn wieder zu einem netten Menschen, sodass er wie ein Krystall mit Ali heimkam.

Jene Nacht verbrachte Muhammed in Ali's Hause, am nächsten Morgen aber gab ihm der Prinz ein Ross und Waffen; dann stieg man zu Pferde, empfahl sich Gottes Schütze und ritt ab. Als sie einen oder anderthalb Monat gereist waren, da ging ihnen das Wasser aus. Man suchte nach Wasser und fand schliesslich einen Brunnen. Nun hatte aber Muhammed, der Wesirsohn, als er beim Prinzen die Frau und die Diener gesehen hatte, Eifersucht zu empfinden begonnen und sich gesagt: »Wie kommt's, dass der Prinz mit einer Frau und mit Dienern heimzieht, während ich ohne alles das heimkehren muss, wie der Piquebube?!« Als man zum Brunnen kam, da hiess es: »Wer soll hinabsteigen?« Ali forderte Muhammed auf: »Steig du hinab und befördere uns Wasser herauf, dass wir trinken und unsre Tiere tränken!« Muhammed entgegnete: »Das sind deine Tiere, was gehen die mich an? Ich habe bloss ein Pferd, für das werde ich Wasser sammeln und dann ziehe ich ab; aber du hast ja eine Masse Tiere und Diener und eine Frau, steig du hinab!« Prinz Ali stieg nun hinab, beförderte Wasser herauf und versorgte die Pferde mit Wasser; sie tranken; er liess auch die Wasserschläuche füllen. Nachdem man oben fertig war mit der Füllung der Wasserschläuche, rief Ali hinauf: »Ziehe mich empor!« Muhammed begann jenen emporzuziehen; als jener aber halb emporgekommen war, da zog Muhammed sein Schwert und schnitt das Seil durch. Prinz Ali stürzte wieder hinab und blieb unten liegen. Der Wesirsohn Muhammed begann die Leute des Prinzen einzuschüchtern mit den Worten: »Wer nicht mit mir weiterzieht, dem schneide ich den Kopf ab!« So zog man weiter, und schliesslich gelangte Muhammed nach seiner Vaterstadt.

Der Wesir fragte seinen Sohn: »Wo ist denn der Prinz?« Muhammed entgegnete: »Ich weiss weder von ihm, ob er auf einem Baugerüste arbeitet, noch ob er als Gehülfe den Badeofen heizt.« Der Wesir dachte bei sich nach und sprach zu sich: »Diese That (solche Diener und eine so schöne Frau sich zu verschaffen,) kann unmöglich mein Sohn fertig gebracht haben, mein Sohn bringt keine Prinzessin heim; alles dies kann nur der Prinz zu Stande[72] gebracht haben, meinen Sohn kenne ich als Taugenichts!« Der Sultan hörte ebenfalls, dass der Sohn des Wesirs zurückgekehrt sei; er sprach zum Wesir: »Rufe mir deinen Sohn, ich will ihn fragen!« Der Sohn des Wesirs kam zum Sultan, der fragte ihn: »Wo ist dein Vetter?« Muhammed entgegnete: »Wir verweilten in einer Stadt, etwa einen halben Monat lang, da begann er seine Habe zu verkaufen und übermässige Ausgaben zu machen, bis er schliesslich ganz mittellos wurde. Ich habe ihn beständig zur Vernunft ermahnt, er aber wollte nicht auf meine Worte hören!« Da ward der Sultan sehr aufgebracht, als er solche Kunde über seinen Sohn vernahm; er wandte sich an den Wesir und sprach zu ihm: »Wenn du hörst, dass mein Sohn die Stadt wieder betreten hat, so nimm ihn fest und töte ihn und bring mir ein Glas von seinem Blute, denn er macht mir Schande!«

Die Erzählung möge nun zu Prinz Ali im Brunnen zurückkehren! Sein Pferd war durchgegangen, und niemand hatte es einfangen können, als Muhammed den Strick, an dem der Prinz hing, durchgeschnitten hatte, und jener hinabgestürzt war. Prinz Ali war aber in eine schlimme Lage geraten und ward ungeduldig da unten. Als er so dasass, da erschien ihm plötzlich ein weiblicher und ein männlicher Affe; die wollten sich vor ihm einen Streit schlichten lassen; der Affe und die Äffin gehörten aber zu den Wesen der anderen Welt. Wenn nun Herr Ali bei dem Schiedsgerichte in einem Punkte dem Affen Recht gab, da prügelte ihn die Äffin durch; gab er aber der Äffin Recht, so prügelte ihn der Affe. Ali blickte auf und sprach zu sich: »Ich muss ihre Sache schnell schlichten, sonst prügeln sie mich noch tot!« Somit wandte er sich an den Affen und sprach zu ihm: »Du Affe, wenn du klug und verständig wärest und Wahrsageschrift zu lesen verständest, (dann dächtest du an folgenden Rat:) behalte lieber eine Äffin, die sich an dich gewöhnt hat, und lass ab von einer Gazelle in Freiheit!« So machte Ali Frieden zwischen dem Affen und der Äffin. Der Affe ward froh und sprach zu Ali: »Steig auf meinen Rücken!« Dann kletterte jener mit Ali empor, brachte ihn oben aus dem Brunnen hinaus und setzte ihn oben nieder. –

Der Wesir hatte Wächter angestellt, welche ihn benachrichtigen sollten, wenn sie sähen, dass der Prinz heimkäme. An dem Tage, wo der Prinz die Stadt wieder betrat, da sah ihn einer von den Wächtern, der begab sich zum Wesir und meldete ihm: »Der Prinz[73] ist wiedergekommen.« Der Wesir ging dem Prinzen entgegen, bewillkommte ihn und sprach zu ihm: »Sei gegrüsst! Wie geht's dir?« Dann nahm er ihn mit in seinen Palast und beherbergte ihn drei Tage als seinen Grast, ohne dem Vater des Prinzen etwas zu sagen. Denn er dachte: »Wenn mir auch der Sultan gesagt hat, ich solle ihn töten, so will ich es doch nicht thun; denn wer nicht die Ausgänge der Dinge ins Auge fasst, der hat keinen Freund auf der Welt!«

Die Erzählung möge jetzt zu Sineddur zurückkehren. Als sie aus dem Schlafe erwachte, da fand sie, dass sie guter Hoffnung sei. Was sprach sie? Sie sprach: »Mein Zustand ist nicht der gewöhnliche!« So verging denn einige Zeit, und schliesslich gebar sie; sie brachte einen Sohn zur Welt. Sie zog den Ehekontrakt, den Prinz Ali geschrieben hatte, hervor unter dem Kopfkissen und las ihn. Sie fand darin geschrieben: »Thue niemandem ein Unrecht! Niemand anders hat sich dir genaht als Prinz Ali!« Sie liess nun einige Zeit verstreichen, und schliesslich wurde ihr Sohn drei Jahre alt. Eines Tages blickte der Knabe seine Mutter an und sprach zu ihr: »Mütterchen, habe ich denn keinen Vater?« Sie entgegnete: »Du hast einen, aber er wohnt in einem fernen Lande.« Der Knabe sprach: »Aber wir müssen nach dem Lande gehen, wo der Vater sich befindet.« Sie entgegnete: »Gott befohlen, mein Sohn!« Sie drehte die Krone auf ihrem Haupte um, da erschienen sieben Geisterkönige. Sie befahl denselben: »Ich wünsche ein königliches Heer!« Das Heer erschien, und sie bestieg ihr Ross und ritt in der Mitte dieses Heeres, während man über ihr Fahnen schwenkte; so gelangte sie nach der Stadt, wo sich Prinz Ali befand. Sie befahl dem Heere, draussen vor der Stadt haltzumachen; dann schlug man die Soldatenzelte und ihr Prachtzelt mit seinen vier goldnen Kuppeln auf.

Ein Muezzin in der Stadt stieg auf das Minaret, um zum Gebete zu rufen; da erblickte er diese Heermassen rings um die Stadt geschart! Zitternd stieg er herab, begab sich schnell zum Sultan und berichtete: »Ringsum die Stadt haben sich Truppen geschart: alle Steine unsrer Stadt kommen ihnen nicht an Zahl gleich!« Der Sultan sprach zum Wesir: »Begieb dich hin, frage und erkundige dich, was dies Heer bedeuten soll, kommen sie und wollen sie uns töten, oder was wollen sie sonst!« Der Wesir stieg zu Ross und ritt hin. Er stieg am Eingange des Prachtzeltes ab und begrüsste sie ehrfurchtsvoll als Majestät. Er liess sich neben[74] Sineddur nieder und küsste ihr die Hand; dann blickte er sie an und sprach zu ihr: »Benachrichtige mich! Dies Alles bedeutet doch nichts Schlimmes?« Sie entgegnete dem Wesir: »Ich wünsche, dass ihr mir jetzt denjenigen bringet, der mein Land und mein Schloss betreten hat!« Der Wesir entgegnete: »Ich weiss von alledem nichts!« Sie aber sprach: »Aus eurer Stadt müsst ihr ihn mir jetzt bringen!« Der Wesir versetzte: »Da will ich wieder in die Stadt reiten und den Beherrscher der Stadt hiervon in Kenntnis setzen!«

Der Wesir ritt wieder zum Sultan zurück und sprach: »Mein Herr, so etwas war uns nicht in den Sinn gekommen!« Der Sultan entgegnete: »Ich werde mit dir hinreiten!« Sie stiegen beide auf, und als sie an den Eingang des Zeltes für die Unterhändler gelangten, stiegen sie ab und gingen zu Fuss weiter bis an das Prachtzelt. Dann brachten sie ihren königlichen Gruss vor. Jene forderte sie auf, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Der Sultan blickte auf und sprach: »Was ist die Kunde?« Sie entgegnete: »Ich wünsche, dass ihr mir denjenigen bringt, der mein Schloss und mein Land betreten hat!« Der Sultan sprach hierauf zum Wesir: »Gieb mir einen Bat! Du bist in deine Stellung eben zu dem Zwecke gelangt, um mir zu raten!« Der Wesir erwiderte: »Mein Herr, da will ich in die Stadt gehen und meinen Sohn fragen; mein Sohn war ja verreist, möglicherweise hat er jene That ausgerichtet!«

Der Wesir ritt in die Stadt zurück und rief seinen Sohn zu sich. Er sprach zu ihm: »Mein Sohn, bist du nach dem Lande der Sineddur gelangt?« Jener entgegnete: »Jawohl.« Da sprach sein Vater: »Komm jetzt mit, damit dich Sineddur sieht!« Sein Sohn ritt mit ihm hin, und sie kamen nach dem Lager. Als sie an den Eingang des Abgesandtenzeltes gelangten, stiegen sie ab und begaben sich zu Fuss zur Königin; sie begrüssten sie als Königin. Muhammed trat nun mit seinem Vater vor sie hin; sie blickte den Wesir an und fragte ihn: »Wo ist der, welcher mein Land betreten hat?« Er entgegnete ihr: »Da ist er!« Da sprach Sineddur zu Muhammed: »Wo ist dein Beweis?« Der Wesirsohn entgegnete: »Ich habe kein Beweisstück, ich habe keines mitgenommen.« Da befahl sie: »Legt ihn in Ketten und führt ihn ins Gefängnis, denn er ist ein Lügner!« Dann wandte sie sich an den Sultan und sprach zu ihm: »Suchet nach und bringet mir den, der mein Schloss betreten hat, sonst zerstöre ich eure Stadt Stein um Stein!« Da[75] blickte der Wesir auf und sprach zum Sultan: »Gieb mir Urlaub! Ich will in die Stadt, um dort ein Weilchen nachzudenken und die Lage zu betrachten!«

Der Wesir begab sich in die Stadt zurück, ging in sein Schloss und zwar in das Zimmer des Prinzen Ali. Demselben küsste er die Hand und sprach zu ihm: »Mein Herr, steh uns mit deinem Rate bei; denn wir befinden uns in einer grossen Pein!« Prinz Ali begriff ohne Weiteres, worum es sich handelte und sprach: »Setz dich zu mir her, Vater, lass mich dir jetzt erst eine Geschichte erzählen!«

Er begann: »Es war einst ein Sultan, derselbe hatte keine Söhne. Eines Tages ging er spazieren, da fand er einen kleinen Knaben, den man im Wickeltuche ausgesetzt hatte. Der Sultan wollte an demselben vorübergehen; da blickte ihn der Wesir an und sprach: ›Dieses Knäbchen, das man hier ausgesetzt hat, bringt dir vielleicht die göttliche Vorsehung in den Weg; du thust wohl gut, wenn du ihn zu deinem Sohne machst; du hast ja keine Söhne!‹ Der Sultan nahm den Knaben mit und besorgte eine Amme für denselben. Schliesslich wuchs der Knabe heran. Als er Gutes und Böses unterscheiden konnte, begann er Dinge anzustellen, die weder Gott noch den Menschen gefallen konnten, Zu denselben gehörte ein Ding, das er vom Wesir verlangte; er sprach nämlich zu demselben: ›Was sagt das Wasser, wenn man es auf das Feuer setzt, und wenn es kocht?‹ Der Wesir entgegnete ihm: ›Mein Herr, ich bin nicht Salomo, der alle möglichen Sprachen verstand!‹ Der Sultan blickte den Wesir an und sprach zu demselben: ›Was mein Sohn wünscht, das muss erfüllt werden; du musst meinem Sohne Antwort geben auf das, wonach er dich gefragt hat; und wenn du meinem Sohn nicht binnen neun Tagen Antwort bringen kannst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen!‹ Der Herr Wesir nahm von den Leuten feierlich Abschied und bestieg sein Ross. Er ritt planlos umher und kam schliesslich an das Zelt eines Beduinen. Da stieg er ab und bemerkte ein kleines Mädchen. Er wandte sich an sie und sprach zu ihr: ›Was ist's, warum bist du allein im Zelte? Wo ist deine Mutter?‹ Das Mädchen entgegnete: ›Meine Mutter ist ausgegangen, um Gott zu bekämpfen.‹ Der Wesir fragte darauf: ›Wo ist denn aber dein Vater?‹ Das kleine Mädchen entgegnete: ›Er lässt den Bedränger auf den Bedrängten los.‹ Während der Wesir dort im Zelte sass, da kam[76] ihre Mutter; dieselbe kam heim und wehklagte, denn ihr Sohn war gestorben. Das Mädchen blickte den Wesir an und sprach zu demselben: ›Habe ich dir nicht gesagt, meine Mutter bekämpft Gott? Eine Sache, die Gott eben einmal so gebracht hat, deretwegen sollten wir nicht dergleichen anstellen; ein Ding, das dahin ist, nach dem sollten wir nicht weiter fragen!‹ Während er noch so dasass, da kam auch der Vater des Mädchens heim; er kam mit einem Windhunde und trug eine junge Gazelle. Das Mädchen blickte den Wesir an und sprach zu ihm: ›Habe ich dir nicht gesagt, mein Vater lässt den Bedränger auf den Bedrängten los? Der Windhund ist der Bedränger und die Gazelle der Bedrängte!‹ Der Vater nahm ein Lamm aus der Herde, schlachtete es und bereitete es für das Abendessen. Man forderte den Wesir auf: ›Iss mit uns!‹ Er entgegnete: ›Ich vermag weder zu essen, noch zu trinken!‹ Man fragte ihn: ›Warum?‹ Er entgegnete: ›Der Sohn des Sultan, dem ich in seinem Leben nur Gutes erzeigt habe, hat an mich eine Anforderung gestellt, die der Satan nicht begreifen würde!‹ Man fragte den Wesir: ›Welcher Art ist dieselbe?‹ Er entgegnete: ›Nun, da sagt ihr mir, was das Wasser spricht, wenn man es aufs Feuer setzt, und es kocht!‹ Da blickte der Beduine den Wesir an und sprach zu ihm: ›Das ist eine leichte Frage!‹ Hiermit rief er sein kleines Töchterchen heran und sprach zu demselben: ›Sag du es ihm!‹ Das kleine Mädchen sprach zum Wesir: ›Weh', weh' schrei' ich; vom Himmel floss ich; im Grunde lag' ich; das Holz, das ich belebte, durch das verbrenn' ich!‹«

Da verstand der Wesir (was jene Erzählung bedeuten solle,) dass Prinz Ali seinem Sohne Muhammed Gutes erwiesen, jener aber ihm Böses angethan hatte. Der Wesir nahm den Prinzen mit und brachte ihn ins Lager der Sineddur; jener gelangte an das Thor des Prachtzeltes und trat auf die Anwesenden zu. Sineddur erhob sich und fragte ihn: »Bist du der, welcher mein Schloss und Land betrat?« Ali entgegnete: »Ja.« Jene sprach zu ihm: »Zeig mir dein Beweisstück!« Er entgegnete ihr: »Da ist dein Ring!« Sie erwiderte: »Ja, das ist mein Ring.« Darauf blickte sie der Prinz an und sprach zu ihr: »Zeige mir den Ehekontrakt!« Sie zog ihn hervor und zeigte ihn dem Prinzen; dann holte sie ihren gemeinsamen Sohn herbei und sprach: »Dies ist dein und mein Sohn, ein rechtmässiges Kind!« Nun erhob sich auch der Sultan und begann seinen Sohn und dessen Gemahlin zu umarmen und beide zu küssen;[77] er sprach zu ihr: »Du sollst meine liebe Tochter in dieser und in jener Welt sein!« – Sineddur blickte auf und befahl dem Befehlshaber ihrer Truppen, sie sollten sich nach ihrer Heimat begeben. Jene zogen ab. Prinz Ali nahm seine Frau und kehrte mit ihr in die Stadt zurück, nebst seinem Vater und dem Gefolge.

Doch bevor er die Hochzeit feierte, sprach er zu ihr: »Ich muss dich auf ein Ding aufmerksam machen: ich habe schon eine Frau, diese habe ich früher als dich genommen. Du bist von den Geistern und lässt vielleicht Zorn in deinem Herzen gegen sie entstehen.« Sineddur aber entgegnete: »Ich werde nicht garstig sein! Gott so mache sie zu meiner Schwester in dieser und jener Welt!« – Der Sultan blickte den Wesir an und sprach: »Hast du all das Böse vernommen, das dein Sohn meinem Sohne angethan hat? Was für ein Urteil verdient er?« Der Wesir entgegnete: »Er verdient den Tod, und ich werde ihn mit eigner Hand töten!« Man brachte Muhammed herbei und stellte ihn in den Blutkreis. Da eilte Prinz Ali herbei, warf sich auf den jungen Menschen und sprach zu seinem Vater: »Lass mich zu seinen Gunsten reden, Vater! Sein Vergehen schädigte niemanden, ausser einen nobeln Menschen; er hat böse an mir gehandelt, ich aber werde gut mit ihm handeln; denn jeder handelt so, wie seine Natur ist!«

1

Der Erzähler erwähnt im Folgenden aber nur eine einzige Bedingung.

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 57-78.
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