7. O du Fliehende, Gottes Verordnung holt dich ein!

[106] Es war einmal ein Mann, der mit der Tochter seines Onkels verheiratet war. Beide waren von Kindheit an zusammen in einem Hause aufgewachsen. Der Vater des jungen Mannes hatte einst zu seinem Bruder gesagt: »Diesen meinen Sohn und jene deine Tochter wollen wir doch aneinander verheiraten! So lange wir noch leben, haben wir unsre Freude an ihnen!« Da hatte der Bruder geantwortet: »Gut!« Sie hatten also die beiden jungen Leute an einander verheiratet. Nach einiger Zeit starben die Eltern der beiden Kinder, und der junge Gemahl blieb in schöner Liebe mit seiner Base vereint hier zurück. Jeden Tag pflegte er seinem Geschäfte in seinem Laden obzuliegen und sich gegen Mittag zum Mittagsessen nach Hause zu begeben. Doch in der Nacht pflegte seine Frau regelmässig im Schlafe aufzuseufzen. Der Mann war im Unklaren über die Bedeutung dieses Seufzens und sprach bei sich: »Was fehlt ihr wohl? Geld haben wir in Menge, und sie leidet in keiner Weise Not; warum seufzt sie so?« Als er eines Morgens wieder ausgegangen war, da kam ein bejahrter Mann in seinen Laden und setzte sich hin; den befragte der junge Gemahl und sprach zu ihm: »Sage mir ja nicht: ›Rate du mir!‹ (als Antwort auf meine Bitte um guten Rat)!« Der Greis forschte: »Was ist's?« Der junge Mann begann: »Wenn meine Frau des Nachts schläft, dann stösst sie im Banne des Schlafes Seufzer aus.« Hierauf erwiderte der Alte:[106] »Kaufe dir einen schwarzen Hammel, der kein Mal an sich hat! Bring denselben in dein Zimmer und binde ihn da an! Wenn dich deine Frau über ihn fragt, so entgegne nur: ›Ich will ihn fettmachen!‹ Wenn sie nun im Schlafe zu seufzen beginnt, dann nimm den Hammel her, schlachte ihn, schneide auf sein Herz los und hole dasselbe heraus! Doch sie muss währenddem schlafen!

Es kann dir Nachricht über ein Herz nur ein andres Herz bringen!« Der junge Gemahl kaufte nun einen Hammel, nahm ihn mit nach Hause und band ihn an der Thüre des Schlafzimmers fest. Seine Frau fragte: »Was soll das, mein Freund?« Er entgegnete: »Ich will ihn grossziehen.« Der junge Mann wartete hierauf, bis seine Frau eingeschlafen war. Als sie nun wieder so zu seufzen begann, da stand er auf und schlachtete den Hammel, nahm das Herz des Hammels heraus und legte es auf das Herz seiner Frau. Dann horchte er. Da, als sie wieder aufseufzte, begann das Herz des Hammels zu sprechen und redete das Herz der Frau an; es sprach zu demselben: »O du Herz, was umfängt dich, dass du seufzest?« Das Herz der Frau entgegnete: »Ich muss über das seufzen, was meinem Körper zustossen soll!« Das Herz des Hammels bat: »Teile mir mit, was demselben zustossen soll!« Das Herz der Frau erwiderte: »Mein Körper wird betteln gehen und fremden Männern zu Willen sein und in einem Bade Dienste leisten müssen!« Da wurde ihr Gemahl beunruhigt.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, fragte sie: »Warum ist der Hammel geschlachtet?« Ihr Gemahl entgegnete ihr: »Er wollte sterben; da schlachtete ich ihn.« Er zog ihr nun den Hammel ab und trug ihr auf, von dem Fleische das Mittags- und Abendbrot zu bereiten; dann begab er sich nach seinem Laden. Zu Mittag kam er wieder nach Hause. Sie setzte ihm das Mittagsbrot vor; da sah sie, dass er sich in aufgeregter Stimmung befand. Sie fragte ihn: »Warum bist du so aufgeregt?« Er entgegnete ihr: »Mir fehlt weiter nichts.« Doch sie erklärte ihm: »Wenn du mir nicht den Grund sagst, so töte ich mich auf der Stelle oder ich verlasse das Haus und bleibe nicht mehr bei dir!« Als er sah, dass sie dies mit Schwüren und feierlichen Versicherungen beteuerte, erzählte er ihr, was das Herz gesagt hatte. Er sagte ihr: »Du wirst betteln gehen, fremden Männern zu Willen sein und in einem Bade Dienste leisten müssen!« Seine Gemahlin aber blickte ihn an und sprach: »Iss nur ruhig dein Mittagsbrot! Mache dir keine schweren Gedanken![107] Wo könnte ich einen Besseren finden als Dich! Du bist ja ein für allemal mein trauter Vetter!« Er speiste und ging dann wieder nach seinem Laden.

Sie aber dachte bei sich: »O mein Leben, mein Schicksal und mein Dasein! Soll ich auf diese Stufe gelangen, betteln gehen und fremden Männern dienstbar sein müssen!? Da will ich lieber sterben!« Hiermit nahm sie eine Wäschleine und hing sich an der Decke auf. Als nun ihr Vetter wieder nach Hause kam, da fand er sie tot. Er nahm sie herunter und fühlte Reue; er sprach: »Ach, hätte ich ihr doch das Alles nicht erzählt!« Dann begab er sich zum Leichenbestatter des Stadtviertels und bat ihn: »Bring mir eine Leichenwäscherin!« Jener brachte ihm die, sowie die Sänger, und bereitete die Bestattung vor. So bestattete sie ihr Gemahl.

Als man sie begraben hatte, und die Leute wieder nach Hause zurückgekehrt waren, liessen sich zwei Vögel auf ihr Grab nieder; dieselben riefen: »O du Fliehende, Gottes Bestimmung holt dich doch ein!« Diese Vögel öffneten ihr Grab; sie waren aber zwei Engel, von Gott gesandt. Die Tote schlug ihre Augen auf; da befand sie sich mitten im Grabe! Sie verliess das Grab, nahm ihr Leichentuch mit und hüllte sich in dasselbe; so begab sie sich in die Stadt hinein. Sie fühlte Hunger und bettelte: »O Mildthätiger, gieb mir etwas um Gottes Willen!« Da gab ihr einer eine Karrube, ein andrer zwei, ein dritter ein halbes Brötchen. So kam sie schliesslich an die Thür eines Frauenbades. Sie trat in die Hausflur ein und wollte die Besitzerin des Bades um eine Gabe bitten; sie sprach zu derselben: »Gieb mir, Herrin, um Gottes Willen!« Die Besitzerin des Bades blickte sie an und begann: »Meine Tochter, du bist ein junges und schönes Mädchen, was hat dich in solche Not gebracht, dass du betteln musst?« Die junge Frau entgegnete: »So hat Gott es mir bestimmt, mein Mütterchen!« Jene fuhr fort: »Wenn ich dir Gutes thäte, und du hier bei mir bleiben dürftest, wäre es dann recht?« Die junge Frau entgegnete: »Wer Gutes thun will, der braucht nicht um Rat zu fragen!« So blieb denn die junge Frau bei der Besitzerin des Bades und wurde deren Gehülfin. – Eines Tages kam eine Frau, welche Mädchen im Geigenspiele zu unterrichten pflegte, nach dem Bade, um sich zu waschen. Dieselbe erblickte die junge Frau, und letztere gefiel ihr; sie dachte: »Die ist sehr jung und schön!« Dann fragte diese Musikmeisterin die Besitzerin des Bades: »Was hat es mit dem Mädchen für eine Bewandtnis?«[108] Die Besitzerin entgegnete: »Sie ist eine Fremde.« Die Musikmeisterin sprach: »Du musst sie mir überlassen! Ich will sie unsre Kunst lehren.« Die Besitzerin des Bades entgegnete: »Gut! Wenn sie es will, so bin ich auch einverstanden.« Sie rief nun die junge Frau heran und sprach zu ihr: »Die Frau hier will dich mitnehmen und dich in der Musik unterrichten; du wirst es bei ihr sehr gut haben!« Da ging die junge Frau mit der Musikmeisterin. Letztere begann sie nun im Lauten- und Geigenspiele zu unterrichten. Diese Meisterin war aber auch zugleich eine Kupplerin, und wenn Männer zu ihr kamen und sprachen: »Das Mädchen da gefällt uns, wir möchten mit ihr lustig sein!«, – dann pflegte sie zu sagen: »Recht so!« Da musste denn das arme Mädchen sich auch hierzu erniedrigen!

Jetzt möge die Erzählung sich wieder zu dem Gemahle der jungen Frau wenden! Der hatte zuerst geäussert: »Ich werde keine Frau wiedernehmen, nachdem ich meine Base verloren!« Bald ward er aber doch der Ehelosigkeit überdrüssig; auch sprachen die Leute auf ihn ein: »Nimm dir eine Frau! Es ist nun genug mit dem Zustände der Ehelosigkeit!« Da begann er wieder um eine Braut zu werben. Schliesslich konnte er die Hochzeit vorbereiten. Er wollte nun seine Hochzeit auch durch Lauten- und Geigenspieler verschönern. Drum brachte er jene Musikmeisterin ins Haus, welche seine eigne Frau zu sich genommen hatte, um sie zu unterrichten. Er liess also diese Meisterin kommen; seine Frau aber kam als deren Schülerin mit. Jene traten ein. Als seine Frau ins Haus trat, da erkannte sie ihr Haus und ihr Zimmer wieder. Man brachte den Musikern Kaffee, und sie assen zu Abend. Dann nahm die Musik Platz. Schliesslich stand seine Frau auf und sang. Was sang sie?


»Das Haus ist mein Haus, das Bett mein Bett,

Das Lager mein Lager, doch mein nicht die Stätt'!«


So sang sie und weinte. Ihr Vetter aber erkannte ihre Stimme und rief: »Meine Frau ist doch tot, und ich habe sie begraben! Diese hier aber hat ihre Gestalt und ihre Stimme, und Preis sei Gott, dem niemand ähnlich ist!« In demselben Augenblicke sprach er zu dem, der ihm seine Tochter gegeben hatte: »Geh fort und nimm dein Töchterchen mit, und verzeihe mir wegen deiner Ausgaben! Denn ich habe mir hier meine traute Base heimgeholt!« Dann schickte er alle jene Leute fort und feierte die Brautnacht mit seiner Base wieder als neuer Bräutigam mit einer neuen Braut.

Quelle:
Stumme, Hans: Tunisische Märchen und Gedichte. Leipzig: Hinrich: 1893, S. 106-109.
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