8. Die Aussendung der Vögel.

[283] Natürlich hat auch der biblische Bericht von der Aussendung der Vögel sagenhafte Erweiterung erfahren. Eine rumänische1 und eine wallachische2 Legende erzählen in fast gleicher Weise folgendes:


[283] Anfangs hatte der Rabe ein schneeweißes Gefieder, und erst nach der Sündflut wurde es ganz schwarz. Als die Wasser anfingen sich zu verlaufen, schickte Noah den Raben aus, um die Erde zu untersuchen. Dieser fand ein verwesendes Pferdeaas, das er ohne Zögern in drei Tagen und drei Nächten auffraß. Als er in die Arche zurückkehrte, verfluchte ihn Noah und sprach: Dein Gefieder soll so sein, wie mein Herz! Und da Noahs Herz schwarz war, veränderten die Federn des Raben im Augenblick ihre Farbe und wurden schwarz.


In einer Variante3 bestimmt Noah außerdem noch, daß die Raben in Zukunft von Dezember bis Februar brüten sollten, damit sie sich nicht so stark vermehrten. Deshalb brüten die Raben noch heute zu dieser Zeit. Im Februar überlassen sie dann die Eier ihrem Schicksal. Erst wenn die starken Schalen vor Kälte bersten, kommen sie wieder und ziehen die Jungen heraus. – In einer dritten Fassung4 wird der Rabe auf die Bergspitzen und Felsen verbannt. Nur wenn sich ein Aas in einem Dorfe findet, verläßt der Rabe diesen Aufenthalt. Eine andere Wendung5 besagt, die Sonne habe, um die Erde schnell zu trocknen, dermaßen heiß geschienen, daß die Rabenfedern schwarz wurden. Außerdem wurde das Gefieder auch von dem Schlamm, der auf den Bergspitzen lagerte, beschmutzt.


In der Ukraine heißt es: Der Rabe, den Noah ausgesandt, traf irgendwo ein Pferdeaas, begann es zu benagen und kümmerte sich um nichts weiter. Und Gott verfluchte ihn: Geh, schau nach dem Pferde aus, solange die Welt steht. Darum kommt der Rabe noch heute angeflogen, wenn irgendwo ein Pferd verendet. Die Taube aber, die mit einem Rebzweiglein zurückkehrte, kann übers Meer fliegen, denn sie hat keinen Hunger.6


Eine besondere Wendung hat die Sage in einer russischen Variante7 erhalten, in der begründet wird, warum der Rabe trup! trup! ruft. Als die Sündflut war, brachte der Rabe ein Stück eines menschlichen Leichnams (russ.: trūp) zur Arche. Deshalb wird er bis ans Ende der Welt immer trup, trup! rufen.


Im Polnischen wird von der Taube erzählt: Als Noah aus der Arche eine Taube herausgelassen hatte, setzte sie sich auf eine Eiche, besudelte sich aber die Füße in dem Wasser der Sündflut, welches von dem Blute so vieler Menschen, die da untergegangen waren, ganz rot war. Seitdem haben die Tauben rote Füße.8


Wo ist die Quelle dieser Volkserzählungen zu suchen? Eine jüdische, vielleicht durch arabische Tradition beeinflußte Sage (in Pirke R. Eliezer Kap. 23) berichtet: Noah sandte den Raben aus, um zu erfahren,[284] wie es in der Welt aussehe, der Rabe fand die Leiche eines Menschen auf einer Bergspitze, verweilte bei ihr und brachte keine Botschaft zurück. Dasselbe wird auch (nach Grünbaum, Neue Beitr. S. 82) bei Ja'ḳûbî als Grund seines Ausbleibens angegeben. Tabarî9 erzählt folgendes:


Noah sprach zum Raben: Geh und setze deinen Fuß auf die Erde und sieh, wie hoch noch das Wasser ist. Der Rabe flog fort. Aber da er unterwegs ein Aas fand, fing er an zu fressen und kehrte nicht wieder zu Noah zurück. Noah war betrübt darüber und verwünschte den Raben: Möge Gott dich den Menschen verächtlich machen und Aas deine Nahrung sein lassen! Danach schickte Noah die Taube aus. Die Taube flog fort, und ohne sich aufzuhalten, tat sie ihren Fuß in das Wasser. Das Wasser der Flut war bitter und salzig10, es verbrannte die Füße der Taube, die Federn wuchsen nicht wieder, und die Haut fiel ab. Diejenigen Tauben, die rote Füße ohne Federn haben, sind Nachkommen von jener Taube, die Noah aussandte. Da sagte Noah: Möge Gott dich den Menschen angenehm machen. Darum ist die Taube den Menschen jetzt so lieb.11

Eine andere arabische Version12 lautet: Der Rabe hatte einst einen Kopf so weiß wie Schnee, einen Rücken wie Smaragd, Füße wie Purpur, einen Schnabel wie der klarste Sonnenhimmel und Augen wie zwei Edel steine. Nur der Leib war schwarz. Durch Noahs Fluch wurden die Raben ganz schwarz.13


Auch heißt es14, die Taube habe ein grünes Halsband erhalten, der Rabe aber, weil er sich an einem Leichnam versäumte, sei verflucht worden, weshalb er nicht mehr imstande ist, wie andere Vögel, gerade zu gehen. Im Syrischen findet sich die Verfluchung15, daß der Rabe, der damals weiß, schlank und schön gewesen sei, um seiner Gefräßigkeit und Vergeßlichkeit willen schwarz werden und Ruinen und Einöden zum Aufenthalt nehmen solle. »Zur selben Stunde veränderte sich die Gestalt des Raben, er wurde verachtet unter den Vögeln, und seine Farbe wurde[285] schwarz. Die frühere weiße Farbe zeigt sich nur noch bei seinen Jungen. Wenn diese auf die Welt kommen, haben sie ein weißes Gefieder.«16

Diese Sage von der Bestrafung des ungehorsamen Raben wird in Deutschland mit der Sage von den dürstenden Vögeln zusammengebracht, und man sagt: Im Juni (oder: im Juni und August) können die Raben nicht saufen. Sie laufen ängstlich trippelnd an den Rändern von Bächen und Teichen umher, aber Wasser zu sich nehmen dürfen sie nicht. Es soll das die Strafe dafür sein, daß der von Noah entsandte Rabe nicht zurückkehrte.17

Auch andere Vögel spielen eine Rolle in diesen Sündflutgeschichten. Eine sehr ansprechende fran zösische Sage erzählt vom Wasserspecht:


Als Noah die Taube hatte fliegen lassen, nahm er den Wasserspecht und sagte zu ihm: »Du kennst das Wasser und wirst dich nicht fürchten. So fliege denn auch du aus und sieh, ob die Erde erscheint.« Der Vogel brach vor Tagesanbruch auf, doch im selben Augenblick erhob sich ein so starker Wind, daß er seinen Flug zum Himmel nehmen mußte, um nicht in das Wasser gestürzt zu werden. Er flog mit ungeheurer Schnelligkeit – er hatte ja so lange nicht fliegen dürfen – und kam auch bald im Himmelsblau an, in das er sich sogleich versenkte. Da kriegte sein Gefieder, das bis dahin grau gewesen war, eine himmelblaue Farbe. Als er sich nun in dieser großen Höhe befand, sah er die Sonne weit unter sich aufgehen, und eine unbezwingbare Neugierde trieb ihn, sich die Sonne in der Nähe anzusehen. Er richtete seinen Flug auf sie zu, doch je näher er ihr kam, desto größer wurde die Hitze, bald fingen sogar seine Bauchfedern an, rot zu werden und Feuer zu fangen. Er gab sein Vorhaben auf und flog schnell zur Erde hinab, um sich in ihren Wasserfluten zu kühlen. Nachdem er sich mehrmals in das erfrischende Naß getaucht hatte, erinnerte er sich seines Auftrages, aber, soviel er sich auch umsah, die Arche war verschwunden. Während seiner Abwesenheit war die Taube mit einem Eichenzweig wiedergekommen, und die Arche war durch den großen Wind, den[286] Gott erregt hatte, auf Land gestoßen. Und als Noah sein schwimmendes Haus verlassen hatte, hatte er es zerstört, um Häuser und Ställe davon zu bauen. Der Wasserspecht aber, der nichts mehr auf den Wassern sah, versuchte mit durchdringendem Schreie Noah herbeizurufen. Noch heute sieht man ihn an den Flüssen entlang suchen, ob er nicht die Arche oder ihre Trümmer wiederfände. Und noch heute hat er an seinem Oberkörper die blaue Farbe, die er in Himmelshöhen bekommen hat, und ebenso zeigt sein roter Leib noch immer die Folgen jener Kühnheit, die bis zur Sonne strebte.


  • Literatur: Rolland, Faune populaire II, 74. Vgl. Swainson, British Birds S. 105.

Eine mecklenburgische Sage berichtet vom Gänserich.


De Ganter röppt18: Ararat. As nämlich bi de Sündflut de Diere all19 von Noah in den Kasten bröcht worden sind, is de Ganter vergäten worden. Dat grote Water hett em jo nu nicks dohn künnt, œwer dat Heimweh na sien Goosmudding20 hett em doch hellsehen pisackt21, un he is ümmer den Kasten naswommen. As sik de Kasten toletzt up dat Gebirge Ararat daallaten22 hett un alle Diere rutlaten23 sünd, donn hett de Ganter ümmer vör Freuden ropen: Ararat! Un so röppt he hüüt noch.


  • Literatur: Wossidlo, Volkst. Überl. aus Mecklenb. II, Nr. 316. Danach auch bei Sohnrey, Im grünen Klee, im weißen Schnee (1903), 126.

Von der Elster heißt es in England, daß sie nicht in die Arche gehen wollte.24 Sie zog es vor, sich auf das Dach zu setzen und über die untergehende Welt zu schwatzen. Seitdem soll es Unglück bringen, wenn man dem widerspenstigen Vogel begegnet.25

Eine Veränderung des Schauplatzes weist eine französische Legende auf26, in der sich der Rabe, ein Stück Menschenfleisch im Schnabel, vor Gott blicken läßt. Gott hält ihn für unwürdig, die Farbe der Unschuld noch länger zu tragen. Der Rabe wird schwarz wie die Nacht, ein Symbol des Todes und der Trauer. Hier erkennt man deutlich den Raben Noahs wieder, der bei dem Leichnam der Rückkehr vergaß.

Fußnoten

1 Revue des trad. pop. IX, 620 = Marianu, Ornitologia poporánă română II, 3.


2 Ethnographia X, 331: Als Noah den Raben zu sich in die Arche nahm, waren seine Federn weiß wie Schnee. Als Noah ihn nach dem Sinken der Flut ausschickte, kam er erst am vierten Tage wieder, weil er drei Tage Aas gefressen hatte. Noah war voller Zorn und verwünschte ihn, daß sein Gefieder so werde, wie jetzt Noahs Seele, und die war schwarz vor Wut.


3 Marianu S. 5.


4 Ebd. S. 8.


5 Ebd. S. 5.


6 Etnogr. Zbirnyk XII, Nr. 33. Das Verfluchen des Raben, der an einem Ertrunkenen fraß, auch Etnogr. Zb. 3, 7.


7 N. Verchratsky, Spodoby S. 119.


8 Zbiór wiad. VII, 110, Nr. 12.


9 Chronique de Tabarî ed. Zotenberg I, 112 f.


10 Vgl. Tabarî S. 112: Als Noah aus der Arche herauskam, blieb er 40 Tage auf dem Berge Djoudî, bis das Wasser der Flut sich zum Meer verlaufen hatte. Das bittere und salzige Wasser, das man jetzt im Meere findet, kommt von dem Wasser der Flut, die zu Noahs Zeit dahin zurückfloß. Vgl. Mas'udi, les prairies d'Or I, 74. Auch im Bundehesh Kap. 7 wird die Entstehung des Salzwassers auf die große Flut zurückgeführt.


11 Grünbaum, Neue Beitr. S. 82 erwähnt noch eine Fassung, die angeblich bei Tabarî stehen soll: Ein Aas verhinderte den Raben an der rechtzeitigen Rückkehr. Noah sprach über ihn den Fluch aus: Furcht vor den Menschen zu haben, weshalb der Rabe nie zahm wird. Als er darauf die Taube ausschickte, und diese mit einem Ölblatt im Munde und mit Kot an den Füßen zurückkehrte, da erbat er für sie von Gott ein grünes Halsband und segnete sie, daß sie zu den Menschen Zutrauen haben solle und in Gemeinschaft mit ihnen leben. Und seit jener Zeit lebt die Taube bei den Menschen.


12 Weil, Bibl. Legenden der Muselmänner S. 51.


13 Weil, Bibl. Legenden der Muselmänner S. 51.


14 Ebd. S. 45. »Eine jüdische Sage nach dem Midrasch (?) fol. 15, woraus gefolgert wird, daß man nie durch unreine Mittel zu seinem Zwecke zu gelangen suche, weil nämlich die Taube ein reines, genießbares, der Rabe aber ein unreines Tier ist.«


15 Lagarde, Materialien II, 79, 4; vgl. Grünbaum, Neue Beitr. S. 83.


16 Es wird dies von arabischen Schriftstellern, sowie von einigen Kirchenvätern erwähnt (Bochart, Hierozoikon, ed. Lond. 2, 205, Kap. 11). Dieselbe Vorstellung spielt in die jüdisch-arabische Sage hinein, daß der Rabe Adam gezeigt habe, wie Abel zu begraben sei. Als Lohn des Raben wird da gelegentlich erwähnt, daß Gott den jungen, weißen Raben, die von den Eltern nicht als die ihrigen anerkannt werden, ihre Nahrung beschert (Grünbaum, Jüdisch-deutsche Chrestomathie S. 182 f. Ehrmann, Aus Palästina und Babylon S. 62, Nr. 20). Erst nach 40 Tagen, wenn den Raben schwarze Federn gewachsen sind, kehren die Alten zurück (Rückert, 11. Makame, Anm.). Die Fabel von weißen Raben wird auch mit Christus in Verbindung gebracht. Sie sind schwarz geworden, weil sie einmal ein Bächlein, aus dem das Christuskind trinken wollte, getrübt haben. Zingerle, Sitten des Tiroler Volkes, 2. Aufl. S. 86. In Ungarn heißt es: Der Rabe war früher weiß und lebte von reinlicher Speise. Als Jesus vor seinen Verfolgern floh, und der Rabe sah, daß man ihn nicht erwischen konnte, rief er: Schade (kár)! Jesus fluchte ihm, daß er schwarz werden und sich von Aas nähren sollte (Ethnographia 10, 331). Auch die Schwalben sollen ursprünglich weiß gewesen, aber nach dem Sündenfall schwarz geworden sein: Altpreuß. Monatsschrift 22, 289. Aus dem Altertum ist bekannt, daß Apollo die Krähe schwarz machte, weil sie ihm die Botschaft von der Treulosigkeit der Koronis überbrachte. Vgl. Chaucer, Canterbury Tales.


17 Ztschr. f. Volksk. X, 214 (nordthüringisch). Mitzschke, Sagenbuch der Stadt Weimar S. 144. Wolfs Ztschr. f. dtsch. Myth. III, 409.


18 Der Gänserich ruft.


19 bereits.


20 Wörtlich: Gänsemutter, dann auch: Gänsefrau, Mudding wird im Plattdeutschen auch oft die Frau von ihrem Manne genannt.


21 wehgetan.


22 niedergelassen.


23 herausgelassen.


24 Notes and Queries, 4. Ser. 7, 299.


25 Dyer, English Folklore S. 86. Henderson, Notes on the Folklore of the Northern counties of England and the Borders S. 95. Reade, Put Yourself in his place p. 171.


26 Sébillot, Légendes chrétiennes de la Basse-Bretagne S. 20, II. = Folklore de France III, 158.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 287.
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