4. Teufelsgeschöpfe, die bei dem Versuche entstanden sind, den Menschen zu erschaffen.

[156] Der Nachahmer Gottes sucht diesem vor allen Dingen in der Erschaffung des Menschen gleichzukommen. Aber seine Unfähigkeit und Ohnmacht fördert nichts als mißglückte Wesen zutage. So entsteht


A. Der Affe.

1. Sage aus Mecklenburg:


Der Teufel behauptete in einem Streit mit einem Engel, er sei ebenso mächtig als Gott. Dieses bestritt der Engel Und wies darauf hin, daß Gott die Welt und die Menschen geschaffen hätte. Der Teufel antwortete: »Einen Menschen kann ich ebenso gut machen als Gott.« Er ging auch dran, brachte aber nur den Affen zustande. Daher man zu einem albernen Menschen wohl zu sagen pflegt: »Di hett de Düwel wol makt as'n Apen.«


  • Literatur: Bartsch, Sagen, Märchen u. Gebräuche aus Mecklenburg, I, S. 518.1

[156] 2. Aus Frankreich:


Als Gott Adam aus einem Erdenkloß geschaffen hatte, wollte der Teufel es ihm gleichtun und auch ein Geschöpf haben. Er formte eine menschliche Gestalt aus ge kneteter Erde und blies ihr seinen Odem ein, um sie zu beleben. Die Gestalt ward lebendig, aber anstatt ein Mensch zu sein, war es nur ein Affe geworden.


  • Literatur: Sébillot, Litt. orale de l'Auvergne, p. 119 = Sébillot, Folklore de France III, 3. Vgl. Revue d. trad. pop. IV, 361, Nr. 33.

B. Der Maulwurf (französisch).

Um Ambert erzählt man, als Gott den Menschen geschaffen habe, sei er so zufrieden mit seinem Werke gewesen, daß er sich zum Teufel gewandt habe mit den Worten: »Mache auch so etwas.« Der Teufel begann zu arbeiten und arbeitete lange Zeit, doch brachte er nur einen Maulwurf zustande, mit Pfoten, die kleinen Händen gleichen.


  • Literatur: Sébillot, Litt. orale de l'Auvergne, p. 118.

C. Die Katze (isländisch).

Der Teufel wollte auf keinen Fall geringer sein als Gott und versuchte einen Menschen zu schaffen. Aber der Versuch war nicht allzu geschickt, denn nicht in Menschengestalt erschien sein Geschöpf, sondern als Katze ohne Fell. Petrus aber hatte Mitleid mit dem armseligen Geschöpf, und er machte ihm ein Fell. Und darum ist das Fell der Katze das einzige, was dem Menschen nützt.


  • Literatur: Arnason, Icelandic Legends. Transl. by Powell and Magnusson. 2nd Ser., p. 10.

D. Der Neger (brasilianisch).

Zur Zeit der Erschaffung Adams wollte Satan seinerseits einen Menschen erschaffen mit Hilfe der erforderlichen Menge von Ton, wie er es beim lieben Gott gesehen hatte, und es gelang ihm auch ziemlich gut; aber alles, was er berührte, wurde schwarz, und sein Mensch hatte natürlich auch diese Farbe. Wie Meister Satan das sah, wollte er ihn reinigen und ging, um ihn in den Jordan zu tauchen. Aber die Wasser des Jordan wichen sogleich zurück, und nur die Handflächen und die Fußsohlen des ersten Negers tauchten in das Gefäß ein, was ihre verhältnismäßig weiße Farbe erklärt.

Wütend versetzte der Teufel seiner Kreatur einen furchtbaren Faustschlag auf die Nase, welche dadurch platt wurde. Der Unglückliche flehte um Gnade, und da er an seinem eigenen Unglück nicht schuld war, sah der Teufel ein, daß er sich mit Unrecht gegen ihn ereifert hatte, und strich ihm mit einer Art höllischer Zärtlichkeit mit der Hand durch die Haare; da aber diese Hand sehr heiß war, so verrichtete sie sogleich den Dienst der Brennschere.

Darum sind die Neger schwarz, haben eine verhältnismäßig helle Handfläche und Fußsohle, eine plattgedrückte Nase und krauses Haar. (Es ist wahrscheinlich, daß diese Sage, obwohl unter den Schwarzen Brasiliens heimisch, ursprünglich von den Weißen ausgebildet wurde.)


  • Literatur: Revue des trad. pop. II, 41.

E. Die Wolkenschieber (polnisch).

[157] Als Gott Adam und Eva schuf, machte der Teufel auch Geschöpfe, die sich aber nicht belebten. Zornig stieß er sie mit dem Fuße. Gott erbarmte sich ihrer und befahl ihnen, Planetenbüter (?planetnik) zu sein, welche die Wolken schieben.


  • Literatur: Wisła 1895, 75 f.; vgl. ebda. 1898, 588, Nr. 117.

F. Der Mönch.

Unter der Überschrift: »Der Teufel ist unsere Herrgotts Affe« wird in Agricolas Sprichwörtersammlung (1548, 25)2 folgende Geschichte vom Ursprung des Mönches erzählt:


Was der Teuffel sihet von vnserm Herr Gott, das wil er baldt nach thun, wie ein aff auch pflegt, vnd kan doch nicht, das er sihet, der gestalt nach thůn, wie ers gesehen hat. Es sagen ettlich, das die münch auß sölchem affenspil des Teufels jren vrsprung haben, vnnd also, Gott name ein roten erden kloß (wie Moses schreibt) vnd richtet jhn zů, es solt ein lebendiger mensch drauß werden, stellet jn an ein wandt vnd sprach: fiat, also ward ein lebendiger mensch darauß vnd lebte. Vber etlich zeit hernach, wolte der Teüfel diß vnserm Herre gott nach thůn, nimmt auch einen erden klump, richtet jhn zů, es solt ein mensch drauß werden, vnd hette nicht fleissig achtung gehabt vff Gottes wort, das er nuzůmal vergessen hette, vnd stellet es an einen zaun vnd spricht: pfuat, da geried es übel, vnd ward ein münch darauß, vnd da der Teüfel diß heßlich bild sahe, sprach er: pfu dich an alle deine tag, wie übel hab ich mein arbeit angelegt, gehe hin in alle welt vnd betriege land vnd leütt etc. Vnnd wiewol diß schimpfflich geredet wirt, so ists doch leider gar zů war, dann in Egypten nach der prophecei Jacob, sein vil frummer leüt gewesen, die sich mit jhrer händ arbeit erneret haben, Macharius, Abraham, Anthonius vnd andere, fleissig am wort vnd gebet, wie das bůch Vitas Patrum3 sagt, vnd die historien melden. Von disen frummen vättern vnd jhrem leben, welchs da frei war, hat man einen standt4 gemacht, nit leder, sonder holtz zů schůhen getragen, nit fleisch, sonder fisch zu essen, wüllen vnd hären hembd zůtragen etc. biß das sollichs affenspil geradten ist zů einer faulheit, geitz, hoffart, bracht, reichthumb vnd grossem schlung5 der hellische verfürung, des Teüfels, säwstellen vnd hůrenheüsern. Man saget schertz-weiß, aber es ist im grunde die lautter warheit, das in Egypten zur zeit der frummen vätter der Teüfel sie hefftig angefochten habe, vnd in dem hat er in der wüsten antroffen ein faulen, teigen6, losen brůder vnd gefraget, wer bistu? vnd was thuestu hier? Da hat der brůder geantwort, er sei ein Christ vnd sei darumb in die wüsten gewichen, das er der christlichen leere neben seiner arbeit dester besser gewarte müge. Da hat der Teüfel wider gsagt: wolan, weil du von den leüten gewichen bist, so wirt folgen, das du heiliger vnd frümmer[158] seiest dann ander leütte, darumb will dir gebüren, das du vnd jhr alle auch ein andere klei dung tragen, dadurch jr von andern gemeinen leütten für heilig vnd frůmm mögen erkandt vnd dafür gehalten werden. Der brůder sihet an seine kleider, die nu fast zerrissen vnd dünne waren, so war er faul, vnd die arbeit thet jm wee, vnd sprach, er wolt ein ander kleid tragen, wann ers het. Der Teuffel sprach: ich wil dir eins bringen. Auff den andern morgen bracht er dem brůder ein gantz graw tuch, schnied mitten ein loch hindurch vnd hieng es jm also gantz an halß. Der brůder geht vnd tregt das tuch fornen vnder den armen, hinden blib es jhm an den büschen vnd dornen hangen vnd machet jhm so viel zůschaffen, das er der arbeit gar entwonet7, zu der er vor auch kein lust hat. Vber etliche tage kumpt der Teuffel wider, vnd da jm der bruder klagte, wie jm das tuch so vil mühe mächte, nimpt er ein wide von einem baum vnd schürtzet jn darein, wie mit einem gürttel vnd macht jm ein grosse schoß, geren8 vnd weite ermel. Daher es noch kumpt, das sie gürttel mit knoden tragen vnd die kutt so weit ist worden, dz sie noch heutiges tags niemandt erfüllen mag. Darnach machet er jm ein krantz, dann es gezimpt einem heiligen mann nit haar zutragen, wie die leien vnd vnheiligen thun. Endtlich, da sich der bruder beklagte, wie es jhm nit were müglich, das er sich nun forthin mit arbeit solte ernehren, dz kleid were zu weit vnd zu groß etc. Gibt jm der Teuffel einen solchen radt, er solle gehn in den nechsten flecken vnd bitten vmb Gottes willen vnd schreien: ein brot durch Gott. Vnd das es jm ja nit mocht manglen an etwas, darein er das brot samlen möchte, so nimpt der Teuffel des brůders hembd, nehet es vnden vnd oben zu, schneidet mitten ein loch darein vnd machet ein gardian9 drauß. Der brůder gehet hin vnd wil brot bitten vmb Gottes willen, vnd da er ins dorff kame vnd den leutten ein solliches wunderbarlichs thier noch new vnd vnbekandt was, lieffen die kinder (so bei den pferden vnd gänsen auff dem felde waren) heim vnd schrien vnd wüsten nicht, was das für ein vngehewr thier was. Es war aber eben vmb die zeit, da der hirdt pflegt zu mittag das vihe einzutreiben, da schrie der dorffochs: mo, mo, mo, mönch. Da sagten die kinder: hör, hör, vnser dorffochs kennet jhn, es ist ein mönch. Der Teuffel macht den ersten münch, der dorffjochs aber hat n getauffet vnd den namen geben etc ....


Sehr ähnlich berichtet auch Kirchhofs Wendunmut I, 2, 41: Was ein mönch für ein thier sey und woher er ein anfang genommen.


»Dieweil der teuffel unsers herrgotts aff ist, wolte er im auch diß nachthun und einen menschen machen, nam derhalben einen klumpen koth, schmackt den auff ein stein, hett aber das wort, dardurch gott den menschen geschaffen, nicht recht war genommen oder behalten, und sagte für fiat pfuat; da ward also bald darauß ein person dick und starck von gliedern, eines breiten rücken, dicken fetten bauchs, fleischichten schultern und eines starcken halses, darauff erschiene ein grosser, weitmeulichter und wie ein narr beschorner kopff, mit auffgeblasenen roten backen und auffgesperreten augen. Welche, da sie der meister vor im sahe, ward erzürnet über dem scheutzlichen monstro und sagte: ›Pfui dich immer an, pfui meiner unnützen arbeit.‹« Des weiteren wird erzählt, wie dies Geschöpf zu keiner Arbeit zu brauchen ist. Darum will ihm[159] der Teufel auch keine Speise mehr verschaffen, sondern hängt ihm Kutte und Bettelsack um, daß er sich fürderhin selber versorge. Im Dorfe flieht jung und alt vor dieser schrecklichen Erscheinung. »Wiewol man seiner mit der zeit etwas gewohnete, kondte doch niemand seinen namen, wie er auch selbst erfinden oder anzeigen, biß zuletzt, da er eins mals im mittag, eben wie das vieh vom felde kam, zu eim dorff eyngieng, hůb der dorff ochß so gewaltig an zu schreyen: mo, mo, mo, monih, monih. Hör, hör, sprachen die kinder, unser dorffochß kennet disen, er heißt in ein mönch, darumb soll er auch solchen nammen behalten.«


Hierzu hat schon Österley auf eine bemerkenswerte Stelle in Luthers Tischreden (Eißleben 1566, fol. 372) hingewiesen, worin es heißt, daß die Frage nach dem Ursprung der Mönche zu Heidelberg im Quodlibet disputiert und dahin beantwortet worden: »Der Teufel wäre der Mönchen Stifter und Schöpfer; denn da Gott die Priester gemacht hatte, wollte ihm der Teufel nachahmen, hatte er die Platte zu groß gemacht, da wäre ein Mönch daraus worden. Ist ein recht fein Gedicht. Denn ein Mönch taugt weder zum Kirchen-, noch weltlichen oder häuslichen Regiment! Darumb muß der Teufel Mönch machen, die Gottes Wort verdunkeln usw.«

Also nicht nur in der Literatur, sondern auch in der mündlichen Disputation war dieser Stoff bekannt und gern wiederholt. Natürlich haben sich auch die Meistersinger den dankbaren Gegenstand zu nutze gemacht. Auf der Erzählung Agricolas beruhen zwei Schwänke Hans Sachsens, die sich im einzelnen an die Vorlage anlehnen und nichts Neues bieten (Götze, Fabeln und Schwänke von H.S. I, 283, Nr. 95; II, S. 151, Nr. 243 = Keller IX, 458). Zweimal hat sich auch Ambrosius Metzger (geb. 1573, gest. um 1632) an dem Stoffe versucht. Sie stehen in der Göttinger Folio-Handschrift Cod. phil. 196:

Geistliche und Weltliche Historien, auch Kurtzweilige Reden vnd dergleichen. In Meister Thön gebracht. Durch M. Ambrosium Metzgerum der Schul bey S. Aegidien [in Nürnberg] Collegam Anno 16[25 begonnen]. Man findet dort die beiden Lieder auf S. 220 f. und 221 f. Sie lauten:


I.

In der Blawen Korn Blumen weiß M. Metzgeri.

Wo die Mönichen herkommen sein.


1.


Nach dem der Teuffel auf ein Zeit

in der wüst hett antroffen

ein mann, welcher floh die arbeit,

der in faulheit ersoffen,

fragt er ihn, das er war, durch list

als er antwort: ich bin ein Christ

vnd thutt diß von mir g'schehen,[160]

Daß ich bewohn die wüsteney

von den leuten abg'legen,

das ohn verhinderung ich frey

recht mög des gebetts pflegen,

der Teuffel sprach: weil die andacht

des gebetts dich hatt einsam g'macht,

so ist drauß zu verstehen,

Daß deines g'müths Devotion

andren nicht zu vergleichen,

drumb wird von dir erfordert schon,

das du ein g'wißes Zeichen

solcher andacht durch ein Kleidung

dieße kund machest alt vnd jung,

wan du darin thust gehen.


2.


Als der Mann sagt, das er keins hett,

dar von er ihn thett b'scheiden,

der böß ein graus thuch bringen thett,

ward ein loch darein schneiden

vnd warffs dem bruder an den hals.

deß Kleidt er sich gebraucht nachmals.

weil das hindertheil b'stecket

An dörnen, Büschen, stock vnd stein,

darüber er thett gehen,

als es ihm bracht groß müh vnd Pein,

gab er diß zu verstehen

dem Teufel, der eins baums wid nam,

band die Kutt in der Mitt zu samm,

das es nicht so weit blecket.

Im g'leichen auch Ermel fast weit,

deß arm thetten verhülen,

das solche noch zu dießer zeit

keins wegs seind zu erfüllen.

darnach er ihm auch schor ein Crantz,

macht auß deß hembd einen Sack gantz

vnd ihm den list entdecket.


3.


Daß er durch gott sein Cost allzeit

heischet, weil ihm entgegen

sonsten auch wer schwere arbeit,

in ein dorff nah gelegen,

alß der Mann also bekleidt ging,

der Kinder hauff ein g'schrey an fing,

weil sie des gleich nie g'sehen.

Wie nun jezund der abend hie,

da der hirt thett ein treiben,

der Spiel Ochs Mo, Mo, Monich schrie,[161]

ward ihm der Nam verbleiben,

dan die Kinder sagten behänd:

vnßer Ochs dießen man woll känd

deß g'schrey gibts zu verstehen.

Hierauß kan wissen jede Zunfft,

was alhie an gerühret,

wo her die Mönich ihr ankunfft

erstlich haben geführet,

der Teuffel dießer schöpffer ist,

der Spiel Ochs ihr tauffgodt der frist,

Darvon Meldung geschehen.


  • Literatur: fecit M. Ambrosius Metzgerus, den 26. Julij 1626.

II.

In der spitzigen Pfeil weiß M. Metzgeri.

Der teuffel ist vnsers herrgotts Aff.


1.


In einem fast alten sprichwort

hatt man zu sagen pflegen:

der teuffel des herren gottes Aff ist,

der nach will thun, was er macht jeder frist;

Wie er diß auch er wießen dort,

da gott war angelegen,

wie von ihm wurde mit guttem bedacht

der Mensch auß einem Erden Cloß gemacht.

Als er den selben hett formirt

vnd alß artlich gliedmasirt,

wie er noch ist alwegen,

ohn das er noch nicht hett deß lebens g'nad,

sprach er wie zu andrem geschöpfft fiat.


2.


Auff welches wort deß Menschen bild

als bald empfing das leben

also das es ein schöne Creatur

voller weißheit, deß verstand rein vnd pur.

Da solches sah der Teuffel wild,

wolt er gott nichts nach geben

vnd ihm hierin sein Meisterstuck nach than,

machet auß einem Erden Cloß ein mann.

Die weil er aber dieße wort,

die gott gesprochen an dem ort,

nicht hett gemercket eben,

sagt er für fiat, welchs gott g'sprochen hatt,

auß lauterer unwissenheit pfuat.


[162] 3.


So bald von dem Teuffel die Reedt,

wie jezt vermelt, geschehen,

wurd auß seinem formirten bild als bald

ein dicker Mönch abschewlicher gestalt.

Nach dem jezund der Teuffel hett

solch scheutzliches bild sehen,

sagt er: Pfuj dich, das ich dich hab gemacht,

mein werck hab ich übel an dir vollbracht.

Mache dich von meim g'sicht an heut,

das du betriegest land vnd leut,

thu in all welt außgehen.

hatt also dieße heiloß schelmen Zunfft

von dem verfluchten Teuffel ihr zu Kunfft.


  • Literatur: fecit M. Ambrosius Metzgerus, den 27. Julj 1626.

Eine fernerstehende Parallele, die in diesen Zusammenhang gehört, findet sich bei Sandrub, delitiae historicae et poeticae 1618 (Nr. 100: Warumb die Pfaffen kaal seyn):


Als Christus seine Jünger anblies, daß sie Gottes Wort in aller Welt verkündigten, wollte der Teufel auch Jünger aussenden, um durch seine falsche Lehre viele Menschen zu verführen,


»Wolt aber sie vor auch anblasen,

Vnd thet ein Maul vol Aehtem fassen,

Da sie nun lagen auff der Erden

Vnd solten angeblasen werden,

Bließ auff die K pff der Teuffel oben,

Daß die Haar h uffig dannen stoben,

Daher hat man das merckmahl noch,

Welchem sie angeh ren doch,

Ein solche kale Pfaffen blatt

Vom Teuffel jhren vrsprung hat.«


  • Literatur: (Aus Euricius Cordus verdeutscht.)

Ein derbe Weiterbildung unserer Sage steht in dem alten holländischen Büchlein De Geest van Jan Tamboer, Amsterd. 1668, S. 226 f.


Als Sankt Peter auf Erden wandelte, fand er einen Menschendreck, schlug mit dem Stock darauf und sagte: Fiat. Alsbald sprang ein Schneider heraus. (Und daß dies wahr ist, ersieht man daraus, daß sie beim Nähen auf dem Tisch sitzen. Sie haben immer noch Angst, daß die Ferkel sie auffressen möchten.) Kaum hatte nun der Teufel bemerkt, daß Sankt Peter den Schneider gemacht hatte, wollte er es ihm gleichtun. Er sah einen Kuhfladen liegen, stieß mit dem Fuß daran und sagte: Fuat anstatt Fiat. (Vgl. oben!) Da kam ein Mönch zum Vorschein. Mit Verwunderung sah der Teufel sein mißgestaltetes Geschöpf, das ihm so ähnlich war. Was soll ich nun mit ihm anfangen? dachte er. Ich will einen Bettler aus ihm machen. Betteln schändet zwar, aber ich will's schon zu einem guten Werk umwandeln. So geschah es. Der Teufel[163] machte die Welt glauben, daß der Mönch eine heilige Person sei und mit den ihm gewährten Almosen vom Fegefeuer erlösen könne. Und es vermehrte sich die Zahl der Mönche gleich den Maden in einem verrotteten Käse.


Wer diesen so vielfach behandelten Stoff erfunden hat, steht dahin. Ein witziger Kopf und ein böser Satiriker, ohne Zweifel, aber auch ein guter Kenner volkstümlicher Schwänke, der insbesondere in der weitverbreiteten Gruppe dualistischer Schöpfungssagen die Anregung zu seinem Spotte finden konnte.

Aus ihr sind folgende Bestandteile entnommen:

1. Der Teufel will als Nachahmer Gottes einen Menschen machen, aber die Schöpfung mißglückt (oben S. 156).

2. Der Teufel ist unfähig, sein Geschöpf zu beleben (oben S. 92 ff.).

3. Der Teufel wendet eine falsche Belebungsformel an (oben S. 147 ff.).

4. Gott stellt den geformten Menschen an eine Wand, der Teufel bemerkt es, und seine Eifersucht er wacht. (Oben S. 96 ff. legt Gott den Körper zum Trocknen hin, um ihm später die Seele zu geben.)

5. Den Teufel erfaßt Wut über das eigne Geschöpf (vgl. das Ausreißen des Ziegenschwanzes, oben S. 153).

Neu ist dagegen der Schluß: die etymologische Spielerei mit dem Namen Mönch. ›Vom Teufel erschaffen, vom Dorfochsen getauft,‹ – in der Tat eine vortreffliche Steigerung der Satire. Ein recht fein Gedicht, wie Luther sagt, und für den Historiker ein hübscher Beitrag zur Charakteristik des Reformationszeitalters mit seinem Haß gegen das Mönchtum.

Fußnoten

1 Vgl. Luthers Tischreden IV, S. 11 (Ausg. Irmischer 1854) Nr. 1469: »Die Schlangen und Affen sind für allen andern Thieren dem Teufel unter worfen, in die er fähret und sie besitzt; braucht derselbigen, die Leute zu betrügen und zu beschädigen.«


2 Abgedruckt auch bei Bobertag, Vierhundert Schwänke des 16. Jahrhunderts (Kürschners Nat.-Lit. 24), S. 388 ff.


3 Köln 1470 und dann öfter gedruckt und aus dem Lateinischen in fast alle Sprachen übersetzt, fälschlich dem Hieronymus zugeschrieben.


4 Orden.


5 Verschlingung, Fressen.


6 Verlotterten.


7 Sich ganz entwöhnte.


8 Keilförmig unten eingesetztes Stück eines Gewandes, Schoß, Saum.


9 Hier = Quersack, Bettelsack der Mönche.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 164.
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