5. Teufelsgeschöpfe, die im Wetteifer mit Gott (zumeist als Nachahmung göttlicher Geschöpfe) entstanden sind.

[164] 1. In der Revue des trad. pop. I, 202–203 ist ein interessantes Verzeichnis von Teufelsschöpfungen aufgestellt, die der Volksglaube in der Haute- und Basse-Bretagne als Nachahmung der Schöpfungen Gottes auffaßt:


Werke Gottes:Werke des Teufels:


Der Mensch H., B.Der Affe H., Affe und Frau B.

Das Pferd H., B.Der Esel H., B.

Die Kuh H., B.Die Ziege H., B.

Der Stier H., B.Der Ziegenbock H., B.

Der Hammel H., B.Der Wolf H., B.

Der Hund H., B.Der Wolf H., der Fuchs B.

Der Hase H., B.Das Kaninchen H., der Iltis B.

Der Adler H., B.Die Nachteule H., B.

Das Huhn H., B.Der Rabe H., B.

Die Taube H., B.Die Elster H., B.

Die Turteltaube H., B.Der Häher H., B.

Der Fink H., Fink und

Nachtigall B.Der Sperling H., B

Die Schwalbe B.Die Fledermaus B.

Die Amsel H., B.Die Drossel H., B.[164]

Der Schwan H., B.Die Gans H., B.

Die Lerche H., B.Der Sperber H., B.

Die Biene H., B.Die Wespe H., Wespe

und Fliege B.

Der Schmetterling H., B.Der Maikäfer H., B.

Der Walfisch B.Der Haifisch B.

Der Schellfisch B.Der Katzenhai (squalus

canicula) B.

Die Makrele B.Der cariau (?) B.

Der Meeraal B.Der Leng (gadus molva),

Trüschenart mit zähem Fleisch B.

Die Seezunge, Scholle B.Der Röche B.

Der Flußaal H., B.Die Natter H., B.

Der Knurrfisch B.Die Seekröte B.

Der Hummer B.Die Krabbe B.

Der Seekrebs B.Die Wasserspinne B.

Das Seeohr B.Die Schalmuschel B.

Die Tische imDie Erd- und

allgemeinen B. Wassersalamander B.

Der Apfelbaum,Der Weiß- und

Birnbaum H., B.Schwarzdorn H., B

Die Eiche H., B.Die Stechpalme H., B.

Die Kastanie H., B.Die Roßkastanie H., B.

Der Weinstock H., B.Der Brombeerstrauch H., B.

Die Nuß H., B.Die Eichel H., B.

Der Ginster H., B.Der Stechginster H., B.

Die Rose H., B.Die Heckenrose H., B.

Der Kohl H., B.Die Distel H., B.

Die Möhre H., B.Der Schierling H.. B.

Das Getreide H., Weizen B.Das Riedgras (carex) H., B.

Der Weizen EL, B.Das Unkraut H., B.

Der Hafer H., B.Die Paternosterbohne H., B.

Der Klee H., B.Die Flachsseide H., B.

Die Erde H., B.Das Wasser, um sie zu

ertränken H.

Die Sonne H., B.Der Mond H.

Der Regen H., B.Der Hagel H.

Der Wind H., B.Der Sturm H.

Der Tag H., B.Die Nacht H.

Das Leben H., B.Der Tod H.

Das Gold H., B.Das Kupfer H.

Das Silber H., B.Das Blei H.

Das Eisen B.Die Feuersteine B.

H. = Haute-Bretagne. B. = Basse-Bretagne.


2. Sagen von der Ziege.

Gott schafft das Schaf, der Teufel die Ziege in folgenden polnischen Sagen:

a) Als Gott das Schaf erschuf, sagte der Teufel, der ihm zuschaute, er sei imstande, ein gleiches Geschöpf zu machen. Als Gott dies gestattete, fing der Teufel zu schaffen an. Aber er erschuf eine Ziege und hob sie beim Schwanz in die Höhe, um sie Gott zu zeigen, und riß ihr den Schwanz ab. Daher ist die Ziege jetzt ohne Schwanz.

Da nun des Teufels Macht beim Schafe aufhörte, so kann er sich nicht in ein Schaf verwandeln.


  • Literatur: Wisła 1893, S. 385.

b) Als Gott das Schaf erschuf, wollte auch der Teufel seine Macht zeigen. Er machte also aus Lehm ein Tier mit solchen Hörnern, wie er sie[165] selbst auf dem Kopfe hatte, und zog es am Schwanz zum Herrgott an Erlen vorbei. Gott bestrafte die Anmaßung des Teufels. Er ließ es geschehen, daß die Ziege unterwegs sich losriß. Ihr Schwanz blieb in den Klauen des Teufels, während das Blut von dem abgerissenen Schwanz die Erlen bespritzte.

Seitdem haben die Ziegen keinen Schwanz, und die Erlen haben rotes Holz.


  • Literatur: Zbiór wiad. d. antrop. krajow. VII, S. 109, Nr. 7. Ebd. werden Ziege, Schaf, Biene, Wespe, Hummel, Hornisse einander entgegengestellt.

3. Gott schafft die Katze, der Teufel die Maus. (Finnisch.)

a) Als Jumala den Menschen erschaffen, zeigte er ihn dem Teufel. Der Teufel wollte etwas noch Absonderlicheres schaffen und erschuf die Maus. Er zeigte sofort Jumala sein Werk und sagte: »Ich machte einen Springer!« (finn. kippariu). Jumala aber sagte: »Ich werde einen Ringer (Kämpfer, Zänker) machen!« (finn. koppariu). Dann erschuf Jumala eine Katze und warf sie hinter der Maus her. Der Teufel ergriff aber die Katze fest am Kopf und am Schwanz und bog sie um. Seit der Zeit ist der Rücken der Katze krumm geblieben.


  • Literatur: Krohn, Nr. 280. Auch ins Russische übersetzt in Živaja Starina V, 446. Des Teufels Anteil an der Erschaffung der Katze findet sich, anders erzählt, auch in Frankreich: Gott wollte die Katze schaffen, da sagte der Teufel zu ihm: »Mache die Katze, wenn du willst, aber der Kopf gehört mir.« Und so gehört nun der Kopf der Katze dem Teufel, während der Leib Gott gehört. Vgl. das provençalische Sprichwort, Li chien soun dóu bon Dieu et li cat sun dóu diable. Sébillot, Folklore de France III, 72 = Desaivre, Croyances 23.

b) Als im Anfang der Welt das Getreide schon anfing zu wachsen, schuf der Teufel die Maus, daß sie den Menschen das Getreide abfräße. Gott aber schuf die Katze, daß sie das Werk des Teufels zerstöre.


  • Literatur: Böhmisch. Grohmann, Aberglauben und Gebräuche, Nr. 1683. Vgl. Nr. 398.

4. Gott schafft die Biene, der Teufel die Fliege (oder Bremse). (Ungarisch.)

a) Als der Herrgott die Biene erschuf, machte sich der Teufel dran, auch welche zu erschaffen; doch die seinen wurden Fliegen.

b) Der Herrgott ging zu ihm hin, nachzusehen, wie die Bienen wären, und fragte ihn, wo denn das wäre, was sie eingesammelt und zusammengetragen hätten. Der Teufel wies ihm die Bienen; sie waren im Bienenkorb, aber da war nichts, was sie eingesammelt hatten; nur wie er sie hineingetan, in einem Haufen, da waren sie alle. »Na komm, schau dir meine an!« Er ging hin; siehe, da hatten die Bienen schon eingesammelt: da waren viele schöne Waben, Honig und Wachs. Da wurde der Teufel wütend und stieß den eignen Bienenkorb um, weil die seinen nicht auch eingesammelt hatten. Da flogen sie auseinander, wurden zu Fliegen, sind auch hierher gekommen, und seitdem gibt es Fliegen.


  • Literatur: Kálmány, Világunk al. ny., S. 13.

[166] c) Andere Varianten ebd. benutzen den Doppelsinn des ungarischen Wortes für Fliege (légy), das zugleich bedeutet »sei [werde]«. Der Teufel wird von Gott gerufen, während er sich müht, die Biene nachzuschaffen, und das Wort »légy« (»sei«) wandelt die Geschöpfe des Teufels in Fliegen.

d) Auch St. Peter wird die Erschaffung der Fliege zugeschrieben, als verunglückter Versuch, die Biene nachzuschaffen.1

e) Als Gott die Welt schuf, ging der Teufel hin, daß er auch etwas erschaffe. Fragte ihn der Herrgott: »Was schaffst du, Teufel?« Er sprach: »Eine Fliege, so groß wie ein Pferd, und wen sie sticht, der soll sterben.« »Dem sei nicht so, sondern ich werde auch eine Fliege erschaffen, aber nur so groß, daß sie die Schnitter nicht schlafen läßt!« So schuf der Herrgott eine so große Fliege. Das wäre aber auch schön gewesen, wenn des Teufels Fliege so groß geworden wäre wie ein Pferd, und wenn die einen Menschen gestochen hätte, wär's gleich mit ihm aus gewesen!


  • Literatur: Kálmány, Világunk al. ny., S. 13.

5. Biene und Wespe.

a) (Polnisch.) Gott erschuf die Biene. Als aber der Teufel versuchte, eine gleiche Kreatur zu schaffen, gelang es ihm nicht. Er schuf nur eine Wespe.


  • Literatur: Wisła 1893, S. 385.

b) (Französisch.) Eines Tages ruhten der Heiland, St. Peter und St. Johann nach den Mühen im Schatten am Rande einer großen Straße. Jesus vergnügte sich, indem er verschiedene Fliegenarten schuf. – Der Teufel, der dort vorbeiging, blieb stehen, um zu sehen, was Jesus mache, und sagte, daß er eben solche schöne Fliegen machen würde wie die seinigen. Jesus nahm die Herausforderung an. Der Teufel suchte ziemlich lange, arbeitete wiederholt sein Werk um, um schließlich die Wespen zu schaffen. Jesus schuf sofort die Bienen und sagte, daß, um den Wert der einen und der anderen zu beurteilen, es erforderlich wäre, sie von allen Gesichtspunkten zu betrachten. Nach eingehender Prüfung erkannte man, daß in Farbe und Gestalt die Wespen es wohl mit den Bienen aufnehmen könnten, aber was Charakter und Geschicklichkeit anlangt, den Bienen ohne weiteres die Palme gebühre.

Im Land von Vannes, wo diese Erzählung aufgefunden wurde, gibt es verschiedene Arten von Fliegen, deren Erschaffung dem Teufel zugeschrieben wird; vor züglich sind es diejenigen, die mit Fühlern versehen sind, die den Hörnern ähnlich sind, und man nennt diese Fliegen aiguilles (Nadeln).


  • Literatur: Rev. d. trad. pop. I, 202 = P.M. Lavenot, Légendes et contes du pays de Vannes, p. 12–13.

c) (Österreichisch.) Die Bienen hat der Herr Jesus erschaffen. Er schuf sie, indem er Hölzlein in einen Korb warf. Petrus wollte es ihm nachmachen und tat ebenso. Doch sieh, da entstanden die Wespen.


  • Literatur: Baumgarten I, 108.

6. Die Ameise.

[167] a) (Oberpfälzisch.) St. Petrus wollte auch gerne etwas erschaffen. Der Herr erlaubte ihm, die Ameise zu schaffen, »aber«, sagte er, »in Mittô«, d.h. auf Mittag. St. Petrus verstand es aber unrecht und machte alle Ameisen ›i da Mitt ô‹, d.h. in der Mitte ab: er knickte den Leib in der Mitte ab. Da mußte der Herr kommen und helfen. Er hängte sie in der Mitte wieder ein wenig zusammen. Daher haben sie den geknickten Leib, in der Mitte dünn, an den Enden dick und plump.


  • Literatur: Nach Schönwerth, Aus der Oberpfalz III, 307. Petrus ist hier offenbar statt des Teufels eingesetzt. [Vgl. in den »Nachträgen« die während des Druckes mir übersandte dänische Sage.

b) (Österreichisch.) Christus trug einmal dem Petrus auf, Ameisen und Wespen zu schaffen, indem er die Worte »z' Mittag, z' Mittag« ausspreche. Petrus aber verstand unrecht und sprach: »Z' Mitt ab«, und so wurden diese Tierchen, wie dieselben noch sind.


  • Literatur: Baumgarten I, 108.

7. Die Heuschrecke. (Aus Algier; moslemisch.)

Gott hatte Himmel, Erde und Meer, Sonne, Mond und Sterne, Engel und Menschen, Tiere, Insekten und Pflanzen geschaffen. Die Djinns, geführt vom Satan, waren verflucht worden, und der Satan irrte auf Erden und verführte Gottes Geschöpfe zum Bösen.

Er betrachtete die Welt und sagte: »Ist denn nun alles vollkommen in der Welt? Nein, wahrlich nicht! Ich könnte mehr als Gott.«

Der Ewige hörte es. »Wohlan!« sagte er zu ihm. »Ich gebe dir die Macht, das Wesen, das du erschaffen wirst, zu beleben. Durchlaufe die Welt und komme nach hundert Jahren wieder.«

Der Böse antwortete: »Es sei, Herr! Ich nehme die Herausforderung an. Angesichts meines Geschöpfes wirst du sagen: Satan ist stärker als ich.« Damit ging er.

Auf einer grünen Wiese sah er ein edles Tier mit einem schmucken und stolz erhobenen Haupte.

»Ich nehme den Kopf des Pferdes!« sagte Satan und gab ihn einem seiner Diener, um ihn in die Hölle zu tragen.

Etwas weiter hin fesselte ihn das sanfte Auge des Elefanten.

»Ich nehme diese Augen!« sagte er und setzte seinen Weg fort.

Eine muntere Antilopenschar lief in einem tief eingeschnittenen Tale daher. Die Tiere trugen ihre langen, krumm gebogenen Hörner so schön, daß der Satan voll Bewunderung stehen blieb.

»Mir diese Hörner!« sagte er.

Weiter war da ein Stier, der mit einem grimmigen Löwen kämpfte.

»Ich nehme den Hals des Stieres und die Brust des Wüstenkönigs!« rief Satan. Er schlug die beiden Tiere nieder und nahm den Hals des einen und die Brust des andern.

»Was brauche ich noch?« fragte sich Iblis. Und er suchte weiter in der Welt. Als er das Kamel traf, nahm er ihm seine festen Schenkel; danach entführte er dem gewandten Strauß seine herrlichen Beine.

[168] »Was brauche ich noch?« wiederholte Satan. »Den Bauch des Skorpions.« Und er suchte den Skorpion in den glühheißen Steinen der Wüste.

»Soll mein Geschöpf verdammt sein, sich über den Erdboden zu schleppen? Nein. Ich will, daß es die Flügel des Adlers habe.«

Mit diesen Worten schoß der Böse einen seiner Pfeile auf den König der Vögel und nahm ihm seine Flügel.

»Jetzt ans Werk!« sagte Satan.

Er kehrte in seine Behausung zurück und verwandte lange Zeit hindurch all sein Wissen darauf, diese Tierstücke zu vereinigen. Die einen waren zu derb, andere zu klein.

Satan feilte, schnitt, sägte, ließ weg, fügte hinzu und tat so wackere Arbeit, daß ihm am Ende der hundert Jahre nicht mehr als ein ganz kleines Tier in den Händen blieb. Er blies es an und gab ihm das Leben.

»Nun?« sagte der Herr zu ihm.

»Da ist, was meine Kunst geschaffen!« sagte der Böse.

»Das da ist also das Werk deines Geistes? O Satan ... Wohlan! Zum Zeugnis deiner Schwäche und Ohnmacht vermehre dies Tier sich stark auf Erden und lehre die Menschen, daß kein Gott ist außer Gott.«

Verwirrt entwich der Teufel. Seit dem Tage mehren sich die Heuschrecken im Lande der Araber so stark.2


  • Literatur: La Tradition II, 1888, S. 274/76. Mitget. von C. de Warloy.

8. Austern und taube Austern. (Französisch.)

Eine Legende aus Manche erzählt:

Als der liebe Gott die Austern geschaffen hatte, kam der Teufel und sagte zu ihm: »Du hast da sehr häßliche Muscheltiere gemacht.« »Sind sie nicht sehr hübsch, so sind sie doch sehr gut.« »Oh, so erlaube mir, sie zu kosten, damit ich auch sehe, ob sie so gut sind, wie du sagst.« Der liebe Gott erlaubte es ihm, und als der Teufel sie gekostet hatte, fand er sie aus gezeichnet und sagte: »Sie sind wirklich sehr gut, diese Muscheltiere, und ich will auch ähnliche machen.« »Wenn du es kannst,« dachte der liebe Gott. Der Teufel tat sein Bestes, aber es wollte ihm nicht gelingen; der liebe Gott hatte wirkliche Austern geschaffen, der Teufel aber unechte, taube, die man unter dem Namen Zwiebelmuschel (Anomia ephippium) kennt, und die die Fischer verwünschen.


  • Literatur: Le Calvez, in Revue des trad. pop. I, 202.

Nach einem anderen Bericht heißt es:


Als der Teufel die Austern kosten wollte, aß er auch die Schalen mit, denn er konnte sie nicht öffnen, und er fand sie schlecht und hart. Da sagte ihm der liebe Gott, nicht die Schale sei gut, sondern das Innere, und er befahl einer[169] der Austern, ihre Klappen zu öffnen. Sie gehorchte, und der Teufel steckte seinen Finger hinein, um das Tier herauszuholen, aber die Auster schloß sich wieder und quetschte den Finger so sehr, daß der Teufel laut zu schreien anfing. Da sagte er, er wolle welche machen, die sich leichter öffnen ließen, aber er konnte nur taube Austern machen.


  • Literatur: F. Marquer in Revue des trad. pop. XII, 542.
    Les Coquillages de mer par P. Sébillot. Paris, Maisonneuve 1900, p. 9.

9. Der Storch. (Polnisch.)

Den Storch schufen Gott und der Teufel. Gott gab ihm weiße Flügel, der Teufel schwarze. So ist denn dieser Vogel nicht gut, denn in ihm wohnt Gut und Böse.


  • Literatur: Zbiór wiad. d. antr. kraj. VII, 1. 112, Nr. 16.

Pflanzen.

1. Trüffel und Kaper.

Angebliche Worte Mohammeds:


Das Paradies lächelte, und die Trüffel entstand. Die Erde lächelte, und der Kapernstrauch wuchs.


  • Literatur: Perron, Médecine du Prophète, p. 98.

2. Weinstock und Brombeerstrauch. (Aus Roussillon.)

Der Teufel forderte eines Tages Jesus heraus und sagte zu ihm: »Ich will sehen, was deine Kunst ist, du Zimmermannssohn; laß uns jeder eine Pflanze machen, um zu sehen, welcher es am besten kann.« Jesus antwortete nicht, sondern lächelte nur und ließ einen Weinstock entstehen, der mit seinem grünen Laub gen Himmel kletterte und köstliche Trauben trug. Der Teufel sagte: »Nun bin ich an der Reihe.« Er nahm alle seine Kraft zusammen, betrachtete den Weinstock aufmerksam und schuf einen Brombeerstrauch. Jesus lachte beinahe laut auf, und der Teufel entfloh. Man hat ihn nicht wiedergesehen.


  • Literatur: Folklore Catalan, Légendes du Roussillon, par H. Chauvet, p. 93.

3. Rebe und Stachelbeerstrauch. (Slawisch.)

Als vor Zeiten einmal der heilige Petrus den Teufel aus einem Menschen vertrieben, bat ihn der Böse, er möge ihm, bevor er ihn vollends gebannt, noch einmal gestatten, seine Trugkünste zu versuchen. Der heilige Petrus gewährte ihm diese Bitte und machte sich selbst daran, die Rebe zu pflanzen, während der Teufel den Stachelbeerstrauch in die Erde setzte. In dem Augenblick, wo ihm der Heilige den Rücken kehrte, ergriff der Teufel die beiden Enden des Sprößlings, steckte gleichzeitig beide in den Boden und schnitt den Stock in der Mitte entzwei. Und so entstanden aus einem zwei Schößlinge.

Da verfluchte der heilige Petrus den Stachelbeerstrauch. Der pflegt seitdem auch mit seinen Ausläufern Wurzeln zu fassen.


  • Literatur: Krauß, Sagen u. Märchen der Südslawen I, S. 474.


4. Lorbeer und Stechpalme. (Französisch.)

[170] Warum die Stechpalme Stacheln hat? – Weil, als Jesus Christus den Lorbeer geschaffen hatte, der Teufel seinerseits einen machen wollte; aber es gelang ihm nur eine Stechpalme zustande zu bringen.


  • Literatur: Revue des trad. pop. IV, 361 (aus Béarn).

5. Getreide und Lolch. (Französisch.)

Eines Tages wettete der Teufel mit dem heiligen Guenolé, daß er ebenso gutes Getreide schaffen und wachsen lassen könne, wie Gott. Er säte, erntete, breitete die Garben an der Luft aus und rief laut, daß er ebenso mächtig sei, wie sein Herr, doch als er es drasch, kamen keine Körner heraus, denn alle Ähren waren leer. Es war ja der Lolch (Teufelskorn), den es noch heute gibt.


  • Literatur: Sébillot, Folklore de France III, 443 = Revue des trad. pop. XVII, 595 = Le Carguet, Légendes de la ville d'Is, 13–15.

6. Orchideen. (Französisch.)

Man findet auf den höchsten Weidegegenden von Savoyen eine niedliche Pflanze mit roter Blüte aus der Familie der Orchideen, deren Wurzel sich in zwei Organismen teilt, die geformt sind wie die Finger einer Hand. Jedes Jahr im Frühling wird der eine zerstört, um dem zweiten Platz zu machen, der sich in demselben Augenblicke entfaltet. Die Einbildungskraft der Hirten sieht in dem ersten die Hand des Teufels, der das Leben verletzt und zurückzieht, und in dem zweiten die Hand Gottes, der die Kräuter wiederherstellt und befruchtet.


  • Literatur: Magasin pittouresque 1850, S. 375 = Revue des trad. pop. IV, 90, Nr. 306.

7. Des Teufels Glockenblume (Soldanella alpina). (Österreichisch.)

Der Teufel dachte einst, da er eben nichts Besseres zu tun hatte, eine Blume zu erschaffen. Am leichtesten erschien es ihm, die Glockenblume nachzuahmen, und er machte sich auch gleich ans Werk. Wirklich gelang es ihm, eine Pflanze dieser Art zustande zu bringen. Aber man merkt gleich, daß der Teufel sie gemacht hat. Der Blumenkrone fehlt jene schwungvolle schöne Form und die herrlich blaue Farbe der Glockenblume. Die Kelchblätter sind zerrissen und zackig, die Farbe zu düster, nicht blau und nicht grau. Blätter vermißt man an ihr gänzlich, einige kleine Lappen am Wurzelstocke vertreten deren Stelle. Auch blüht sie nur auf den Bergen in unwegsamen Gegenden und wagt sich nicht in den fröhlichen Kreis ihrer Schwestern im Tale.


  • Literatur: v. Freisauff, Salzburger Volkssagen, 1880, S. 536.

Fische. (Isländisch.)

Einstmals wanderte Christus mit Petrus am Meeresufer entlang. Christus spie in die See, und es entstand der Sandaal (stone-grig) daraus.

Darauf spie auch Petrus in die See, und es wurde der weibliche Sandaal daraus. Und diese beiden Fische sind sehr gut zu essen, der männliche ist sogar ein Leckerbissen.

In einiger Entfernung folgte der Teufel, der auch am Ufer entlang ging und so sah, was vorging. Er wollte nicht der Geringste sein, und so spie auch[171] er in die See. Aber daraus entstand die Qualle – ein so unnützes Ding, wie nur möglich.


  • Literatur: Arnason, Icelandic Legends, 2nd Ser., p. 11 (transl. by Powell and Magnussen). Vgl. Entstehung der Pilze in Band II, Kapitel »Christi Wanderungen«.

Der Regenbogen.

a) (Oberpfälzisch und schwäbisch.) Erscheinen zwei Regenbogen auf einmal am Himmel, so hat den schwächeren der Teufel gemacht, um seine Kunst zu zeigen. Er pfuscht alle Gotteswerke nach, bringt aber nie was Rechtes zustande.


  • Literatur: Schönwerth, Aus der Oberpfalz II, 1858, S. 129 = Birlinger, Volkstüml. aus Schwaben I, 1861, S. 196 = E. Meier, Sagen aus Schwaben I, 227.

b) (Österreichisch.) Sagt jemand: »Dort seh' ich einen Regenbogen,« so ärgert sich der Teufel darüber und sucht ihn nachzumachen; es gelingt ihm jedoch nicht völlig, daher erscheint oft ein zweiter (Neben-Regenbogen), der aber stets blasser und wässeriger aussieht. Spricht man aber: »Da ist ein Himmelsring,« so ist des Teufels Kunst aus, und es kommt kein zweiter Regenbogen zustande.


  • Literatur: Baumgarten I, 13.

Fußnoten

1 Magyár Nyelvör XXIII, 282 (Christus heißt St. Peter eine Handvoll Staub aufnehmen, weil Petrus etwas schaffen möchte. Das Märchen endet in demselben Wortspiel. Auf Christus' Geheiß soll St. Peter beim Öffnen der Hand sprechen: »légy!« Dadurch entsteht die Fliege).


2 Nach einer anderen moslemischen Version, welche El-Baïha, Sur la foi de Abi Mamatou-el-Banouli, erzählt, sagte Mahomet:

Marie [Myriam], die Tochter Aomrams (d.h. die Mutter Jesu), bat Gott um die Gnade, ein Fleisch, das kein Blut habe, zu essen. Da schickte Gott ihr die Heuschrecken (auch Mahomet selbst aß sie; hierüber, wie über das Essen der Heuschrecken s. La Tradition II, S. 276.)


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 172.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldsteig

Der Waldsteig

Der neurotische Tiberius Kneigt, ein Freund des Erzählers, begegnet auf einem Waldspaziergang einem Mädchen mit einem Korb voller Erdbeeren, die sie ihm nicht verkaufen will, ihm aber »einen ganz kleinen Teil derselben« schenkt. Die idyllische Liebesgeschichte schildert die Gesundung eines an Zwangsvorstellungen leidenden »Narren«, als dessen sexuelle Hemmungen sich lösen.

52 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon