F. Die Frau als Federvogel.

[194] 1. Den Tabak hat der Teufel erfunden, und kein Mensch hat den Namen des Krautes gekannt, bis er auf folgende Weise ruchbar wurde.

Eines Tages sah ein Bauer, wie der Teufel ein großes Stück Land mit Pflanzen bestellte. Der Bauer kannte das Kraut nicht, ward neugierig und fragte: »Was ist das, Teufel, was pflanzt du da?« »Das rätst du dein Lebtage nicht!« sprach der Teufel. Die Rede verdroß den Bauer, und er rief: »Was du weißt, weiß ich auch. So klug wie du, bin ich noch immer!« – »So? Wollen wir wetten?« fragte der Teufel. »Wenn du in drei Tagen den Namen des Krautes errätst, so soll dir das ganze Stück Land und alles, was darauf steht, zugehören; wo nicht, bist du mein eigen und verfällst mir mit Leib und Seele!« Der Bauer war trotzig und ging auf die Wette ein; doch schon auf dem Heimweg fiel ihm das Herz in die Hosen, und als er zu Hause angelangt war, setzte er sich traurig nieder und nahm nicht Speise noch Trank.

»Was ist dir, Vater?« fragte die Bäuerin. »Ach, Mutter,« sprach er, »es ist eine schlimme Geschichte!« und dann erzählte er ihr alles, wie es gekommen war. – Sagte die Alte: »Wenn's weiter nichts ist, so iß und trink und sei guter Dinge. Den Namen des Krautes will ich dir schon erraten!« Sprach's und zog sich splinternackt aus und kroch in eine Teertonne, dann schnitt sie ein Bett auf und wälzte sich in den Federn, daß sie am ganzen Leibe damit bedeckt war. Darauf ging sie auf das Feld, das mit dem fremden Kraute bepflanzt war, und lief zwischen den Furchen auf und ab und neigte den Kopf zur Erde, als wollte sie von den Blättern fressen. Kaum war der Teufel ihrer gewahr geworden, so lief er zum Hause hinaus, um den großen Vogel zu vertreiben, und klatschte in die Hände und rief: »Tschuch, du großer Vogel! Willst du aus meinem Tabak heraus! Tschuch! Tschuch! Tschuch!« Die Frau aber hatte an diesen Worten genug, eilte nach Hause und erzählte dem Manne, wie der Teufel das Kraut genannt habe.

Als nun der dritte Tag kam, freute sich der Böse schon, eine Seele gewonnen zu haben, und lachte über das ganze Gesicht und fragte den Bauer, wie das fremde Kraut hieße. »Das ist der Tabak,« gab ihm der Bauer zur Antwort. Da hatte der Teufel seine Wette verloren und mußte ohne die Seele in die Hölle zurück; der Mann aber bekam das große Stück Land mit dem Tabak darauf, und von ihm hat aller Tabaksbau in der Welt seinen Anfang genommen.


  • Literatur: Ulrich Jahn, Volksmärchen aus Pommern u. Rügen I (1891), 265. Vgl. Kálmány, Szeged Népe III, 179. (Der Teufel gab dem Bauer Tabakssamen, hieß ihn einpflanzen und drohte ihm, falls er den Namen nicht wisse, wenn er wiederkomme, müsse er sterben. Der weitere Verlauf des Märchens wie oben.)

[194] 2. Ein Mensch begegnete einmal dem Teufel, und sie fingen an, zusammen zu reden. Nach einiger Zeit sagte der Teufel: »Wollen wir uns nicht in einiger Zeit an dem und dem Ort treffen? Jeder soll ein Tier bringen: erkenne ich das deinige, so soll es mir gehören, erkennst du aber meins, so gehört es dir.« Der Mensch war damit zufrieden. Am bestimmten Tage ließ er seine Frau sich entklei den, bestrich sie mit Honig, rollte sie in Federn und nahm sie mit. Als er auf dem Wege war, hörte er, wie der Teufel, der vor ihm her zog, vor sich hin sprach: »Ich bringe eine Ziege mit, er kann nicht wissen, was das ist.« Als sie beide am Ort waren, zeigten sie sich ihre Tiere. Der Teufel mußte zugeben, daß er nicht wüßte, was für ein Tier er da vor sich sähe. »Doch was habe ich da?« fragte er den Menschen. »Das ist eine Ziege,« sagte dieser. So hatte der Mensch den Teufel überlistet, nahm das Tier mit, und seit dieser Zeit gibt es Ziegen. Vorher kannte man keine.


  • Literatur: Rolland, Faune populaire V, 203.1

Der naturgeschichtliche Hinweis auf den Ursprung des Tabaks und der Ziegen ist in diesen beiden ein willkürlicher Zusatz. Der Grundgedanke ist vielmehr nur die Übertölpelung des Teufels, wie man beispielsweise aus folgender Sage ersehen kann:


Der Teufel wettet mit dem heiligen Martin, daß dieser den Namen der Pflanze nicht raten könne, die er säe. Martin sagt dem Teufel: Nachts kommt ein Tier in das Feld. Der Teufel paßt die nächste Nacht auf, Martin hat sich mit Leim bedeckt in Federn gerollt, kommt ins Feld. Der Teufel ruft: »Was ist das für ein Tier, das meine Linsen zerstört!« Martin hört also den Namen und gewinnt.


  • Literatur: Carnoy, Légendes de France, p. 26.

Zwei Motive, die sich großer Beliebtheit erfreut haben, sind in unseren beiden Versionen vereinigt: das Namenerraten und der Federvogel. Zu dem ersten vergleiche ein wallachisches Märchen, in welchem gleichfalls ein Geheimnis von dem überlisteten Teufel selbst preisgegeben wird.


Der Teufel verspricht einem Menschen einen Sack voll Geld, wenn er binnen drei Tagen sein Alter errät. Der Mensch kriecht zuletzt – es war gerade Weihnachten – auf einen Baum und ruft dreimal wie ein Kuckuck. Der Teufel läuft hin, erstaunt um diese Zeit einen Kuckuck zu hören, und ruft aus, daß er bereits 7777 Jahre alt ist, aber den Kuckuck zu Weihnachten noch nicht hörte. So erfuhr der Mann also dessen Alter, und der Teufel mußte ihm das Geld verschaffen.


  • Literatur: Aus Matouš Václavek, Valašské pohádky a pověsti, Heft II (1898), Nr. 12 (S. 60 f.), in der Ztschr. f. österr. Volksk. IV, 160, mitget. von Polívka, der an andere zahlreiche Märchen erinnert, in welchen ein Mädchen in einem Jahre ermitteln mußte, was der Teufel für einen Namen habe, der ihr so viel Geld als Mitgift verschaffte. Pröhle, K.V.M., Nr. 23 u.ä. Vgl. ferner Bolte, Zeitschr. f. Volksk. VI, 172 zu Gonzenbach 84 (Namen des Zwerges oder bösen Geistes erraten).

[195] Die Frau als Federvogel findet sich z.B. bei Joos, Vertelsels I, Nr. 32.


Der Teufel verspricht einem Jäger, ihm fünf Jahre lang so viel Wild zu besorgen, wie er begehrt. Dafür fordert er dessen Seele. Doch sollte der Teufel, wenn er nicht der Seele verlustig gehen wolle, von jedem Wild, das der Jäger schieße, den Namen angeben können. Als die fünf Jahre zu Ende gehen und der Jäger »van verdriet« nicht mehr essen, trinken und schlafen kann, dringt seine Trau in ihn, alles zu erzählen, und prellt dann den Teufel, indem sie sich mit Sirup bestreicht, in Federn wälzt und in den Wald geht, wo sie dem Jäger als Wild in die Flinte läuft. Der Teufel rät: »Es ist ein Hottentott!« Da er falsch geraten, hat der Jäger gewonnen Spiel.


Zu diesem Motiv der zumeist geteerten und gefederten Frau vergleiche Hans Sachs, Fabeln 3, 83; 5, 9 und die zahlreichen Nachweisungen von Joh. Bolte zu Val. Schumann, Nachtbüchlein (1559), Nr. 47, S. 412, und dessen »Nachträge zu Val. Schumanns Nachtbüchlein« in seiner Ausgabe von Freys Gartengesellschaft, S. 286. Ferner Bolte, Ztschr. f. vergl. Literaturgeschichte, N.F. 7, 457; 11, 71. Polívka, Arch. f. slav. Phil. 21, 283; 22, 305 f. Anthropophyteia 2, 180.

Fußnoten

1 Vgl. Κρυπτάδια I, 59–61; IV, 197. Wer den Namen des Tieres rät, das der andere reitet, dem soll ein strittiges Rübenfeld gehören. Der Teufel reitet einen Hasen, der Bauer errät den Namen. Der Teufel verliert, da er den Namen des Weibes nicht errät.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 196.
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