V. Pflanzensagen.

A. Die Tränen der Mutter Gottes.

[255] 1. Die Marienblümchen (Gänseblümchen) entstanden aus den Freudentränen, die Maria über den Gruß des Engels Gabriel vergoß.


  • Literatur: Pieper, Volksbotanik S. 343. Vgl. oben S. 7.

2. Sie entstanden aus den Schmerzenstränen, die Maria auf der Flucht nach. Ägypten vergoß. (Tirol.)


  • Literatur: Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols p. 398, vgl. Söhns,4 S. 73.

3. Das Zittergras wird Mutter Gottes-Tränen genannt: die Ährchen sollen die Tränen Marias sein. (Kujawien).


  • Literatur: Rogasener Familienblatt, Jahrg. 4 (1900), S. 36.

4. Als die Juden Jesus Christus zur Folterung griffen und ihn quälten, stand die Mutter Gottes nicht weit davon und weinte bitterlich. Wohin die Tränen fielen, da erstarrten sie zu Pfefferkörnern. Wenn man eins wegnimmt, wächst sofort ein anderes an dessen Stelle. (Russisch.)


  • Literatur: Manšura, Skazki S. 146.

Parallele.


5. Als auf Erden eine große Hungersnot ausbrach und Gott der Herr sich keinesfalls erweichen ließ, fing die Mutter Gottes bitterlich zu weinen an. Die[255] Tränen verwandelten sich in Erbsen: die sammelten sich die Menschen und nährten sich damit. Seit jener Zeit begann man Erbsen zu bauen, und das Volk nennt sie auch Mutter Gottes-Tränen. (Polnisch.)


  • Literatur: Zbiór wiad. 6, 279, Nr. 145.

6. Als die Juden Christum peinigten, sah die Mutter Gottes diese seine große Pein und weinte sehr. Und kaum waren ihre Tränen zu Boden gefallen, so entstanden sogleich aus ihnen Perlen. Die Menschen aber sammelten sie und verkauften sie und verkaufen sie auch heute; da es aber nicht allzuviel Tränen gab, so gibt es jetzt wenig echte Perlen, und deshalb sind sie so teuer.


  • Literatur: Zbirnyk 12, 116, Nr. 133 (Kleinrussisch).

7. »Frauentränen« heißt eine Nelkenart (die weiße Lichtnelke, melandrium pratense). Sie ist aus den Tränen unserer lieben Frau entsprossen, als diese den Heiland auf dem Kreuzwege nach dem Kalvarienberg geleitete. (Steiermark).


  • Literatur: Germania 1891, 387, mitget. von Schlossar. Vgl. Grohmann, Abergl. u. Gebr.: Wer sich mit slzičky panny Marie – Sankt Marientränen – die Augen wischt, ist vor Augenschmerzen gesichert.

8. Die karminrote wilde Nelke (dianthus silvestris, böhm. karafiátek planý), die an Rainen, Abhängen oder auch in Gärten wächst, ist entstanden, als Maria sowohl den Weg zur Todesstätte als auch den Ort des Leidens mit ihren Tränen netzte. Die Blumen tragen das Zeichen der Tränen an sich. (Böhmen.)


  • Literatur: Grohmann, Abergl. und Gebr. Nr. 680 = Květy 1846, 523.

9. Am Kreuze stand Jesu Mutter. Es wuchs aber auf dem Kalvarienberge eine grünblättrige Pflanze mit Blüten von tiefem Himmelsblau. Marias Augen waren so blau wie die Blumen, aber ihre Augenlider waren vom Weinen so rot wie die Knospen. Wie sie nun weinte, fielen ihre Tränen auf die Blätter und hinterließen Flecke. Und seitdem sind die Blätter gefleckt geblieben von einem Geschlecht zum andern, und die Pflanze wächst in den Gärten der Hütten und heißt Marienträne. Aber die Bücher nennen sie Pulmonaria.


  • Literatur: England. Folklore Journal 6, 118. Vgl. unten S. 258, 4.

10. Die Zaren fragen: »Welches Kraut ist das wichtigste?« Der weise Zar (David Essevitch) antwortet: »Der Weiderich ist das größte.« Denn als die Mutter Gottes zu ihrem Sohne ging, fielen ihre Tränen auf die feuchte Erde, da entsproß der Weiderich.


  • Literatur: Gaster, Greek-Slavonic p. 73.

11. Eine der Orchideen (die gefleckte Orchis) heißt Marienträne, auch unserer lieben Frauen Zähre. Die schwarzen Stellen auf ihren grünen Blättern sind von den heißen, bittern Tränen gesengt, die Maria unterm Kreuze weinte.


  • Literatur: Strantz, S. 246.

Parallelen.


1. Als unser Heiland die Kaiserkrone sah, die von außen ja so schön, in der Wurzel aber giftig ist, da jammerte ihn der Blume, und eine Träne floß in ihren Kelch. Seitdem senkt sie ihre Krone und weint über sich selbst.


  • Literatur: Claaßen, Pflanzenwelt in Natur, Geist und Leben. 1897. 1. Hälfte. S. 242.

2. Die weißen Rosen heißen Sankt Magdalenen-Rosen, weil sie ursprünglich rot waren, aber durch die Reuetränen der Heiligen entfärbt wurden.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 2, 549.

[256] 3. Der Tau bildet sich von den Tränen der hl. Barbara, welche des Morgens im Felde herumgeht und weint. Der Tau ist daher heilig und ein gutes Heilmittel gegen Augenkrankheiten und frische Wunden. (Kleinrussen in Österreich-Ungarn.)


  • Literatur: Zeitschr. f. öst. Volksk. 7, 16. Vgl. die Tränen der Eos: Roschers Lex. d. gr. u. röm. Myth. u.d. Wort Eos.

4. Aus den Tränen zweier himmlischer Turteltauben entstehen die Myrrhenblümchen.


  • Literatur: Ztschr. f. rom. Phil. 3, 473. Im übrigen siehe den Band: Pflanzensagen.

B. Blutstropfen der Mutter Gottes.

1. Die Wurzelblätter des Jungfrauenmantels (ranunc. rep. L.) zeigen auf der oberen Fläche rotbraune Flecke als wie von Blutstropfen. Diese rühren daher, daß unserer lieben Frau Blut darauf fiel.


  • Literatur: Baumgarten 1, S. 140.

2. Die dunklen Flecke auf den Blättern einiger Knötericharten rühren von Blutstropfen her, die die hl. Jungfrau verlor, als sie sich in den Finger geschnitten hatte.


  • Literatur: Pieper, Volksbotanik S. 391.

3. Da Maria vom hl. Geist empfangen, ihre Base Elisabeth heimsuchen ging, begegnete sie ihr an der Schwelle ihres Hauses. Während die hl. Jungfrau ihrer Base die freudenreiche Botschaft mitteilte, fielen auf ein zu ihren Füßen sprossendes Saichblüeml (eine Art Löwenzahn, Leontodon taraxacum) als wahrhaftiges Zeugnis, daß sie eine unbefleckte Jungfrau sei, einige Tropfen Blut ihrer Reinigung. Des zum ewigen Gedächtnis blieb dem Blümlein zu seinen grünen Blättern allzeit ein blutrotes Blatt.


  • Literatur: Leoprechting, Aus dem Lechrain S. 99.
    Parallelen siehe bei Pflanzen unter dem Kreuze und im Band Pflanzensagen. Ferner vgl. noch folgende

Kosakensage aus dem Terekgebiet (Kaukasus).


[Als der Kopf Johannis des Täufers der Herodias gebracht wurde, öffnete er den Mund und fuhr fort, der Königin über ihr ungesetzliches Zusammenleben mit Herodes Vorwürfe zu machen.] Um den Kopf zum Schweigen zu bringen, befahl Herodias ihren Dienern, die Zunge aus dem Munde hervorzuziehen, und sie durchbohrte sie dann mit einer Nadel. Das Blut floß in großen Tropfen auf die Erde; an den Stellen aber, wo es hinfiel, wuchs und erblühte eine schöne Pflanze, welche seit der Zeit Johannisblut genannt wird (d. i: hypericum perforatum, durchlöchertes Johanniskraut, Hartheu).


  • Literatur: Sbornik mater. kavkaz. 34, 2, 5.

C. Die Milch der Mutter Gottes.

1. Die Mutter Gottes ließ beim Säugen des Christkindes Milch auf eine Distel tropfen. Von da an bekam sie weiß gefleckte Blätter. Seitdem heißt sie Mariendistel.


  • Literatur: Menzel, christl. Symbol. 1, 141 f. = v. Martens, Italien 2, 237; vgl. Perger, S. 70; Söhns S. 18; Our Lady's Thistle: Folkard, Plantlore p. 41; Catalogus plantarmn p. 12 nennt carduus lacteus Mariae: Lady Thistle, vgl. den English Catalogue p. 45: Lady or Milke Thistle, auch in der Phytologia Britannica 1650, p. 22, Suffolk Folklore p. 2.

[257] Die blaue Distel, die bei Knocke in den Dünen der vlämischen Küste blüht, heißt Onze-Vrouwe-distel (nach Ons Volksleven 11, 127, weil sie um Maria Himmelfahrt blüht [?]).


2. Da Maria und Joseph gezwungen waren, aus Bethlehem nach Nazareth mit dem Kinde zu flüchten, setzte sich Maria unterwegs, um das Kind zu stillen. Einige Tropfen fielen auf die Erde, und wo sie fielen, erschien gleich »Maries Tisdel«, silybum Marianum, darum hat sie weißen Saft und daher der Name.


  • Literatur: Skattegraveren (1884) 2, 142. Vgl. Pritzel-Jessen, Volksnamen der Pflanzen S. 378.

3. Die weißen Flecken auf den Blättern der Nessel rühren von der Jungfrau her. Auf der Flucht nach Ägypten träufelte sie Milch darauf.


  • Literatur: Nork, Mythol. der Volkssagen 951, aus Hagens Germania 7, 429.

4. Das Lungenkraut (pulmonaria officinalis) heißt in Shropshire sowohl the Virgin Mary's Cowslip als auch the Virgin Mary's Honeysuckle. Man erzählt, daß die Blätter durch Milch der Maria gefleckt worden seien.


  • Literatur: Georgina F. Jackson, Shropshire Word-Book p. 464 u.d.W. Virgin Mary's Honeysuckle. Vgl. Folkard, Plantlore p. 41: die pulmonaria wird auch Unser Frauen Milch genannt (Gubernatis, Myth. d. pl. 1, 216). Bei Pritzel-Jessen S. 319 ist ›Unser lieben Frauen Milchkraut‹ aus Ostpreußen und Schlesien bezeugt.

5. Das polypodium vulgare soll nach deutscher Sage, wie einst aus Freyas Milch, so jetzt aus Marias Milch entsprossen sein.


  • Literatur: Folkard, ebenda.

6. Als Maria eines Tages kein Wasser hatte, ihre roten Rosen zu begießen, wurde ihr von Nachbarsleuten welches gebracht, aber Joseph, den das Fieber gepackt hatte, trank es aus. Die Rosen vertrockneten, und das Jesuskind, das sich sonst mit ihnen vergnügt hatte, fing dar über zu weinen an. Da ließ Maria einen Milchtropfen auf die welken Blumen fallen, und alsbald lebten sie wieder auf und wurden ganz weiß.


  • Literatur: Sébillot, Folkl. 3, 368 – Rolland 5, 251 (aus Revue de Gascogne 1883, 78).

D. Blumen, die unter den Füßen der Mutter Gottes aufblühten.

1. Aus Tirol.


Die Muttergottesschühlein heißen deshalb so, weil sie unter den Füßen der Mutter Gottes aufgeblüht sind und ihren Schuhen ähnlich sehen.


  • Literatur: Zingerle, Sitt., Br. u. Mein, des Tiroler V., 2. A., 1871, S. 109. Aus d. Unterinntal.

2. Aus Palästina.


Die Rose von Jericho ist in der Wüste auf der Stelle emporgesproßt, welche Maria auf der Flucht mit dem Fuße berührte.


  • Literatur: Karl von Raumer, Palästina, 1835, 79. Eine alte Sage der Pilger, die nach dem hl. Grabe zogen. So erzählt sie z.B. schon Jost Artus der Lautenist auf seiner Pilgrimschaft ins gelobte Land mit Felix Fabri in den Kuriositäten Bd. II, 5, S. 418.

Anders in einer arabischen Variante:


Eines Tages schloß die hl. Jungfrau eine solche Rose mit der Hand, und seitdem sind sie geschlossen geblieben, wie man sie gewöhnlich sieht.


  • Literatur: Rolland, Flore populaire 2, 89.

[258] Über die Rose von Jericho siehe: Revue des sociétés savantes 1872 deuxième sémestre p. 136–142; Nierembergius, de miraculosis naturis terrae promissae cap. XI (mir unbekannt); Genter Ztschr. Volkskunde 12, 88–96.

Grässe, Beiträge 91 f. sagt über sie:


»Sie hat nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einer Rose und wächst in Arabien.« »Diese Pflanze verdirbt nie noch verfault sie. Man kann sie ganz aus der Erde nehmen oder abbrechen, sie hält sich unter allen Umständen. Setzt man die dürre und geschlossene Pflanze ins Wasser, so öffnet sie sich nach und nach, schließt sich aber wieder, sobald man sie herausnimmt ... Man trieb aber ehedem mancherlei Betrug mit ihr; denn die Einwohner der Gegenden, wo sie wächst, verkauften sie den Kreuzfahrern und Pilgern sehr teuer, indem sie ihnen versicherten, sie sollten dieselbe, wenn sie sich nicht ein Unglück zuziehen wollten, nie anders als zur Christnacht ins Wasser setzen, dann werde sie ihnen aber die Zukunft verkünden.«


Der Glaube, daß sie nur in der Christnacht aufgehe und blühe, gegen den schon Tabernaemontanus in seinem Kräuterbuch (1588) und später Erasmus Franciscus in seinem ost- und westindischen wie auch sinesischen Lust- und Staatsgarten (1668) und andere sich wandten, ist noch heute mehrfach bezeugt.

Landweibel von Einsiedeln, Jakob Ochsner, 1798–1871, berichtet (in den Jahren zwischen 1862 und 1871):


Ein Nachbar von mir hat noch immer eine Jerichorose oder hl. Rose, und zwar seit vielen Jahren, um selbe in der hl. Weihnacht 12 Uhr aufblühen zu lassen und den Leuten zu zeigen, denen auch noch versichert wird, daß dieselbe zu keiner anderen Zeit aufblühe, und daß so eine nur vom hl. Vater in Rom bezogen werden könne.


  • Literatur: Schweiz. Arch. f. Volksk. 8, 302. Vgl. ebd. 1, 65 (aus dem Kanton Zug).

Eine hohe Bedeutung wird der mehr oder minder vollkommenen Entfaltung der Weihnachtsrose (Jerichorose) zugeschrieben und daraus auf die Fruchtbarkeit der Wiesen und der Obstbäume geschlossen.


  • Literatur: Ebenda S. 302.

Bemerkenswert ist, daß in England eine ähnliche Sage von dem am Weihnachtsabend blühenden Schwarzdornbusch von Glastonbury existiert, der angeblich von dem Stocke Josephs von Arimathia herrührt, den dieser auf seiner legendarischen englischen Reise auf dem nahen Wearyall Hill in die Erde gestoßen haben soll.


  • Literatur: Brand, Observ. on pop. antiqu. (Lond. 1842) t. III p. 203 f.1

Eine andere Parallele bei Pitrè, Usi e cost. Sic. 3, 250, lautet:


Der Polei blüht in der Johannisnacht (24. Juni) und hält sich in gutem Zustande bis in die Christnacht. Gerade um Mitternacht, bei der Geburt des Kindleins, blüht er wieder auf und gewinnt frisches Leben. Speziell mit dem Polei schmückt man die Krippen- und Stallgrotte.[259]


Vgl. im übrigen über Blühen in der hl. Nacht: Tille, Geschichte der deutschen Weihnacht S. 219 ff.

Über Blumen, die unter den Tritten von Menschen hervorsprossen, siehe: Der Urquell, N.F. 2, 86 ff. und den Band Pflanzensagen.

Parallele aus einem altchinesischen Leben Buddhas:


Als Buddha geboren war, ging er einige Schritte nach jeder Himmelsrichtung, und unter seinen Füßen entsprang eine Lotosblume.


  • Literatur: Beal, Sâkya Buddha 49.

E. Verschiedenes.

1. Aus Italien.


Nach dem Tode Jesu hat die Madonna viele Tage lang nichts weiter als Minze (menta) gegessen. Diese ist daher gesegnet.


  • Literatur: Finamore, Tradizioni populari Abruzzesi 227; Pitrè, Usi e cost. Sic. 3, 250.

Nach Bauhinus, de plantis p. 55–57, 65 f., der mehrere alte Quellen zitiert, ist Mentha spicata und Mentha Saracenica (costus hortensis) = Sanctae Mariae herba [mentha], S. Virginis mentha, Balsammünz und Unser Frauen Münz, frz. Mente de notre dame.


2. Aus Frankreich (Gegend von Dinan).


Wenn sich in einem Büschel Veilchen ein weißes findet, so hat die Jungfrau es mit ihrem Mantel berührt.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 451.

3. Aus Deutschland und Holland.


a) Einst wollte ein Fuhrmann seinen Wagen, der mit Weinfässern schwer beladen war, einen sandigen Hügel hinauffahren. Es war ein heißer Sommertag. Die Pferde trieften von Schweiß, und die Wagenräder schnitten tief in den lockeren Sandboden ein. Plötzlich blieben die Pferde stehen, sie waren zu sehr ermüdet und vermochten den Wagen nicht mehr fortzuschaffen. Der Fuhrmann wurde Herüber sehr böse und wollte sie mit unbarmherzigen Schlägen und lästerlichem Fluchen zum Weitergehen zwingen. Doch seine Anstrengungen waren vergeblich. Da – auf einmal, als er gerade einen bösen Fluch getan und die armen Pferde schrecklich gepeitscht hatte, erschien ihm die Mutter Maria. Sie tadelte seine Roheit und versprach, für einen Trank Weines den Wagen auf den Berg zu schaffen. Dann erfaßte sie die Zügel der Pferde, und ruhig und gehorsam zogen die Tiere den Wagen den Berg hinauf. Als sie oben waren, gab sie dem Fuhrmann die gute Lehre, in Zukunft sein ungestümes Wesen und sein gottloses Fluchen zu unterlassen; durch Ruhe und Besonnenheit erreiche man viel eher das Ziel. Hierauf erbat sie sich das versprochene Glas Wein. Doch der Fuhrmann geriet in große Verlegenheit, als er merkte, daß ihm ein Glas fehle. Aber die Mutter Gottes ergriff eine am Wege blühende, kleine, weiße Ackerwinde und bat, diese zu füllen. Die roten Streifen, die mitunter in der Blüte sind, rühren von dem roten Weine her. In Erinnerung hieran heißt die Pflanze auch Mutter Gottes Trinkbecher [Muttergottesgläschen].


  • Literatur: Wagner, Entdeckungsreisen in Flur und Wald, 1882, S. 23; Reling und Bohnhorst, Unsere Pflanzen, 2. Aufl., 1889, S. 163. Grimm, Märchen, Anhang: Kinderlegenden Nr. 7 und Myth.4 999. Vlämisch bei Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 119. Teirlinck, Folklore flamand p. 38. Da die Ackerwinde (convolvulus arvensis) auch Teufelsdarm heißt – Grimm4 860 – so liegt wohl christliche Umdeutung heidnischen Glaubens vor.

[260] b) Ein Klausner bat einst die hl. Jungfrau um Obst für die armen Bewohner des Gebirges. Da nahm Maria den Kranz, den sie auf dem Haupte trug, herab, zerpflückte ihn und streute ihn über die Berge. Daraus entstanden die Preißelbeeren, die wachsen seitdem reichlich auf den Bergen.


  • Literatur: Montanus, Die deutschen Volksfeste, Volksbräuche und deutscher Volksglaube, 1854, S. 158.

4. Aus dem Archipel.


Als die Jungfrau Maria durch das Tal Josaphat kam, blieb sie stehen, erfreut durch den lieblichen Geruch der blühenden Orangen- und Zitronenbäume. Ehe sie weiter ging, segnete sie diese Bäume. Und seitdem sind zu jeder Jahreszeit die Orangen- und Zitronenbäume mit duftenden Blüten und reichlichen Früchten beladen.


  • Literatur: La Tradition 10, 71.

5. Slawische Sage.


Die Anemone (pulsatilla patens) wurde wegen ihrer Giftigkeit von der Mutter Gottes verflucht. Seitdem blüht sie, während alle anderen Blumen den ganzen Sommer hindurch blühen, nur im Frühjahr, und zwar blüht sie nicht von der Wärme auf, sondern vom Wind, nach dem sie auch Windblume genannt wird.


  • Literatur: Etn. Sbornik VI, Abt. 1, S. 126.

6. Aus Tirol.


Die Mutter Gottes wandelt dann und wann auf der Erde umher und sitzt gern auf Kirschbäumen. Tritt sie nun auf ein Kirschlaub, so zeigen sich alsbald kleine Schlangen auf den Blättern des Baumes, und wo die Schlangen auf dem Blatte sitzen, wird dasselbe dem Schlangenleib nach ausgefressen. Ganz deutlich kann man den Kopf der Schlange unterscheiden. Dies ist sodann der Vorbote eines Schlangenregens, der alles verheert. Eine Bäuerin im Bozner Boden zeigte im Oktober 1885 dem Gewährsmann dieser Sage solch geschlängeltes Kirschlaub und jammerte entsetzlich in ihrer Furcht vor dem zu erwartenden Schlangenregen.


  • Literatur: Heyl, Volkssagen aus Tirol, S. 246.

Vgl. Zingerle, Sagen aus Tirol, 2. Aufl., S. 372:


In alten Zeiten waren die Menschen einmal so lasterhaft, daß Gott Schlangen regnen ließ. Zu warnender Erinnerung sieht man auf den Blättern der Kirschbäume schlangenförmige Zeichnungen.

Fußnoten

1 Vgl. Menzel, christl. Symbol. 2, 286 aus Prätorius, Saturnalia S. 82.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 261.
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