VII. Besondere Abneigung (Angst) oder Vorliebe einiger Tiere.

[243] 1. Aus Indien.


Es war einmal eine Nachtigall, die sah eines Tages, als sie so umherflog, einen Baum, an dem eine kleine Frucht hing. Darüber freute sich die Nachtigall sehr und sagte: »Ich will hier sitzen bleiben, bis die Frucht reif ist, und dann will ich sie essen.«

Der Vogel verließ also sein Nest und sein Weib und saß zwölf Jahre lang davor, ohne zu essen und zu trinken, und jeden Tag sagte er: »Morgen werd' ich die Frucht essen!«

Während dieser zwölf Jahre versuchten sehr viele Vögel, sich auf den Baum zu setzen, denn sie wünschten dort ihr Nest zu bauen. Aber so oft sie kamen, schickte die Nachtigall sie weg, indem sie sagte: »Diese Früchte sind nicht gut. Kommt nicht hierher!«

Eines Tages kam der Kuckuck und sprach: »Warum schickst du uns weg? Warum sollen wir nicht kommen und auch hier sitzen? Dir gehören doch nicht alle diese Bäume!«

»Das ist ganz gleich,« sagte die Nachtigall. »Ich werde hier sitzen, und wenn die Frucht reif ist, werd' ich sie essen.«

Nun wußte aber der Kuckuck, was die Nachtigall nicht wußte, daß der Baum eine Baumwollenstaude war. Zuerst kommt die Knospe, welche die Nachtigall für eine Frucht hielt, dann die Blume, und die Blume wird zu einer großen Schote, und die Schote birst, und alle Baumwolle fliegt weg.

Die Nachtigall war entzückt, als sie die schöne, rote Blume sah, die sie noch immer für eine Frucht hielt, und sagte: »Wenn sie reif ist, wird sie eine leckere Frucht sein.«

Die Blume wurde eine Schote, und die Schote barst.

[243] »Was ist all dies, das da umherfliegt?« sagte die Nachtigall. »Die Frucht muß doch jetzt reif sein!«

Sie blickte in die Schote hinein, und sie war leer. Alle Baumwolle war hinausgefallen.

Da kam der Kuckuck und sagte zu der zornigen Nachtigall: »Siehst du, wenn du uns erlaubt hättest zu kommen und auf dem Baum zu sitzen, so würdest du etwas Gutes zu essen bekommen haben. Aber da du selbstsüchtig warst und nicht wolltest, daß einer mit dir teilte, so zürnt Gott und straft dich dadurch, daß er dir eine hohle Frucht gibt.«

Da rief der Kuckuck alle anderen Vögel zusammen, und sie kamen und machten sich lustig über die Nachtigall.

»Ah, siehst du! Gott hat dich gestraft für deine Selbstsucht!« sagten sie.

Die Nachtigall wurde sehr böse, und alle Vögel flogen weg. Darauf wandte sie sich zu der Baumwollenstaude und sagte: »Du bist ein schlechter Baum! Du bist für keinen zu gebrauchen! Du gibst keinem Nahrung!«

Der Baum sagte: »Du irrst! Gott machte mich zu dem, was ich bin. Meine Blume dient den Schafen zur Speise. Meine Wolle macht Kissen und Matratzen für die Menschen.«

Seit diesem Tage geht keine Nachtigall an eine Baumwollenstaude heran.


  • Literatur: M. Stokes, Indian fairy tales S. 39.

2. Sage der Visayan (Philippinen).


Eines Abends war der Leuchtkäfer auf dem Wege nach dem Hause eines Freundes, und als er an der Wohnung des Affen vorbeikam, fragte ihn dieser: »Leuchtkäfer, warum trägst du ein Licht?« Der Leuchtkäfer erwiderte: »Weil ich die Moskitos fürchte.« »Da bist du wohl ein Feigling?« sagte der Affe. »Nein, das bin ich nicht,« war die Antwort. »Warum trägst du denn immer eine Laterne, wenn du dich nicht furchtest?« fragte der Affe. »Ich trage eine Laterne, damit ich die Moskitos sehen und mich verteidigen kann, wenn, sie mich beißen wollen,« erwiderte der Leuchtkäfer. Da lachte der Affe laut, und am nächsten Tage erzählte er allen Nachbarn, daß der Leuchtkäfer ein Licht trage, weil er ein Feigling sei.

Als der Leuchtkäfer hörte, was der Affe gesagt hatte, ging er in dessen Haus. Es war Nacht, und der Affe schlief. Aber der Leuchtkäfer blitzte ihm sein Licht ins Gesicht und weckte ihn. Der Leuchtkäfer war sehr böse und sagte: »Warum hast du das Gerücht verbreitet, daß ich feige sei? Wenn du erfahren willst, wer von uns tapferer ist, will ich nächsten Sonntagabend mit dir auf dem Marktplatz kämpfen.« Der Affe fragte: »Hast du Gefährten?« »Nein,« antwortete der Leuchtkäfer, »ich werde allein kommen.« Da lachte der Affe über den Gedanken, daß ein so kleines Geschöpf mit ihm kämpfen wolle. Aber der Leuchtkäfer fuhr fort: »Ich werde dich um 6 Uhr am nächsten Sonntag erwarten.« Der Affe versetzte: »Es wäre besser, du brächtest jemand zu Hilfe mit, da ich mit meiner ganzen Sippe kommen werde, an tausend Affen, jeder so groß wie ich.« Das sagte er, um das merkwürdige kleine Insekt einzuschüchtern; er meinte, es wäre von Sinnen. Aber der Leuchtkäfer antwortete: »Ich werde allein kommen. Lebe wohl!« Als der Leuchtkäfer fort war, rief der Affe seine Sippe zusammen und erzählte ihr von dem bevorstehenden Kampf. Er befahl, daß jeder eine Keule von 3 Fuß Länge mitbringen und um 6 Uhr am nächsten Sonntag zur Stelle sein sollte. Seine Gefährten[244] waren sehr erstaunt, doch da sie gewöhnt waren, ihrem Anführer zu gehorchen, so versprachen sie, sich einzustellen.

Am Sonntag vor 6 Uhr versammelten sie sich auf dem Platz und fanden den Leuchtkäfer dort, der schon auf sie wartete. Als die Kirchenglocken den angelus läuteten, schlug der Leuchtkäfer vor, daß sie beten sollten. Danach sagte er, er wäre fertig zum Anfangen. Der Affe hatte seine Leute in einer Reihe aufgestellt und sich an der Spitze. Plötzlich setzte sich der Leuchtkäfer auf die Nase des Affen. Der nächste Affe schlug nach ihm, aber er schlug so fürchterlich auf die Nase des Anführers, daß er ihn tötete. Der Leuchtkäfer sah den Schlag kommen und sprang auf die Nase des zweiten Affen, der vom dritten getötet wurde, gerade so, wie es dem Anführer ergangen war. Und so ging es fort, bis nur noch ein Affe übrig war. Der warf seine Keule hin und bat den Leuchtkäfer um Gnade. Der Leuchtkäfer schenkte ihm das Leben. Aber seitdem haben die Affen eine Todesangst vor den Leuchtkäfern gehabt.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 20, 314.

3. Aus Japan.


In dem aufsprießenden Geäst einer Lotuspflanze, die in einem Sumpfe stand, saß die Tochter einer Feuerfliege als unscheinbarer, kleiner Wurm. Niemand beachtete sie, und so verbrachte sie einsam ihre Tage; indessen machte sie sich nichts daraus, denn sie dachte bei sich, wenn die Zeit gekommen wäre, wo sie erwachsen sei, dann müßte ihr Los sich wenden, und während sie jetzt allein in ihrem Blütenkelche ruhte, würde sie später Gesellschaft und Unterhaltung genug bekommen.

Ihre Hoffnung erfüllte sich auch richtig, denn eines Abends strahlte ihr Körper in so zauberhaftem Lichte, daß alles rings umher davon geblendet wurde, und die schmale, glänzende Mondsichel am Himmel zog sich vor lauter Neid hinter eine Wolke zurück. Von dem Lichte angezogen, kamen alsbald Tausende von Insekten und brachten dem glänzenden Glühwurm ihre Huldigungen dar. Der graue Nachtfalter umflatterte ohne Unterlaß den Kelch der Lotosblume, in dem sie wohnte; große und kleine Käfer schwirrten unaufhörlich in der Luft oder setzten sich der Leuchtenden zu Füßen, und zahllose buntfarbige Tierchen stimmten ihr zu Ehren Lieder an, die weithin tönten. Aber all diesen Huldigungen setzte das Glühwürmchen kalte Verachtung entgegen. Es rührte sich kaum in seinem duftenden Blumenbette und tat, als ob es rings umher gar nichts vernähme.

Als sich jedoch Abend für Abend das Gewirr wieder holte, da erhob sich die Schöne endlich und trat hervor. »Laßt mich in Ruhe,« rief sie. »Keiner von euch gefällt mir; ich werde nur den erhören, der mir ein Licht bringt, wie ich selbst es habe.«

Betroffen hörten alle ihre Bewunderer diesen Ausspruch; allein kaum waren die Worte verklungen, so flog alles von dannen, um Licht zu holen, damit der Wunsch des leuchtenden Wesens erfüllt würde. Eitel Bemühen! Alle die zahllosen Insekten stürzten sich tapfer und ohne sich zu besinnen in die Flamme jeder Lampe, jeder Kerze, die ihnen in den Weg kam, und dennoch haftete kein Strahl davon auf ihren Flügeln oder ihrem Leibe, nein, kläglich mußten sie für ihr Wagnis büßen.

Die spröde Prinzessin Glühwurm blieb nun verschont und allein, und sie hätte lange auf einen Freier warten können, wenn nicht plötzlich der Leuchtkäfer gekommen wäre. Dieser glänzte genau so hell wie der Glühwurm, und als sich beide erblickten, da waren sie gegenseitig von ihrer Schönheit bezaubert, so daß sie alsogleich beschlossen, einander zu heiraten.

[245] Die armen Insekten aber, welche die Prinzessin mit so hinterlistigen Worten fortgeschickt hatte, mühen sich bis zum heutigen Tage vergebens ab, sobald sie ein Licht sehen, etwas davon zu erhaschen; sie verbrennen sich dabei Flügel und Füße oder gar den ganzen Leib und gehen elendiglich zu Grunde.


  • Literatur: Brauns, Japanische Märchen. S. 57 ff. Vgl. Junker von Langegg, japanische Teegeschichten 1, 285 ff.

4. Sage der Jakuten.


Abagy (der böse Geist) und Tangara (Gott) saßen an einem rauchenden Scheiterhaufen. Abagy aß »sorá« (saure, geronnene Milch) und zwar so viel, daß er sich trotz der Gegenwart Tangaras unanständig aufführte. Dieser suchte Abagy zu bewegen, die Luft nicht mit seinem Gestank zu verpesten, da letzterer ja Mücken hervorbringe; aber jener hörte nicht auf ihn, und jedesmal wenn Abagy etwas Unanständiges verbrach, zeigten sich sofort die Mücken. Da geriet Tangara in Zorn, ergriff einen rauchenden Feuerbrand und schlug mit ihm auf jenen Körperteil, der die Luft verdarb und Mücken hervorbrachte, die seit der Zeit den Rauch fürchten.


  • Literatur: Etnogr. Obozrěnie 9, 3, 183.

5. Sage der Maori.


Kai-awa füllte die Nasenlöcher der Vögel Tu-haka und Tonga-whiti mit Rauch, bis sie niesten; dadurch wurden sie ganz zahm. Er wollte dasselbe bei den Vögeln Wehi-wehi und Hine-ki-torea tun; sie entflohen aber und setzten sich auf einen Felsen in der See. Seitdem sind sie scheu vor den Menschen.


  • Literatur: White, Ancient History of the Maori 2, 193.

6. Aus Bulgarien.


Anfangs gehorchte der Bär dem Menschen, denn dieser war sehr stark und kühn und besiegte jedes Tier, und alle Tiere flohen vor ihm, wenn sie ihn erblickten. [Der Bär will die Kraft des Menschen erproben. Nachdem ihn Pferd und Ochse gewarnt haben, begegnet er dem Menschen und fragt ihn: »Bist du der Mensch?« Als er bejaht, erwidert der Bär: »Ich möchte mit dir reden!«] Der Mensch versetzte: »Ich habe die Rede an einem fernen Ort gelassen; ich will sie mir vorerst holen; dann können wir miteinander reden. Du bleibe hier allein zurück; aber ich fürchte, daß du durchgehst, deshalb laß dich hier anbinden; dann gehe ich, um die Rede zu holen.« Der Bär willigte ein, und der Mensch band ihn an einen Baum an: dann ging er weg, um die Rede zu holen. Er ging von dannen, schnitt sich einen Knüttel ab, kehrte dann zum Bären zurück und begann ihn fürchterlich zu schlagen. Dann ließ er ihn frei und sprach: »Nun gehe in den Wald, und wenn du noch einmal einen Menschen siehst, so fange schon von weitem an zu laufen!« Deshalb läuft auch heute noch der Bär vor dem Menschen weg, sobald er ihn erblickt, obwohl er stärker ist als der Mensch.


  • Literatur: Strauß, Die Bulgaren, S. 66 f.

7. Kleinrussische Sage.


Die Stechfliege rief der Mücke zu, mit ihr in den Tag zu fliegen. »Ich fürchte«, sagte diese, »auseinanderzuschmelzen, wollen wir lieber des Nachts fliegen.« »Aber in der Nacht fürchte ich mir die Augen irgendwo auszu stechen.« So flogen sie auseinander. Dadurch hat jetzt auch das Vieh vor ihnen keine Ruhe: die eine fliegt[246] am Tage, die andere in der Nacht; würden sie beide zusammen fliegen, so könnte immerhin das Vieh entweder tags oder nachts ausgehen.


  • Literatur: Manžura, Skazki S. 147.

8. Estnische Sagen.


a) Der Wolf sieht, daß jenseits eines Lattenzaunes Schafe weiden. Der Wolf will ein Schaf stehlen. Aber der Zaun ist davor. Ein Lattenzaun besteht aus schräg gesteckten Zaunlatten, so daß unten der Zaun vollkommen fest ist, oben aber einige nach oben zu sich erweiternde Spalten bilden. Um unbemerkt sich den Schafen nähern zu können, will der Wolf nicht über den Zaun klettern. Er sieht eine Spalte im Zaun, die oben ziemlich breit ist, nach unten aber immer schmäler und schmäler wird. Der Wolf zwängt sich durch, rutscht aber immer tiefer und tiefer und kann schließlich weder vor- noch rückwärts. Da die Bemühungen des Wolfes, aus der Klemme zu kommen, immer eifriger werden, bemerken es schließlich die Schafe und laufen mit großer Hast in ihren Stall. Dadurch werden die Menschen aufmerksam und finden den Wolf. Der arme Wolf wird jämmerlich verprügelt und dadurch immer mehr in die Spalte gequetscht. Es laufen immer mehr Menschen herbei, die alle den Wolf bearbeiten. Schließlich löst sich der Zaun durch den allzu großen Andrang der Menschen, und der Wolf entkommt. Im Walde gelobt der Wolf, nie wieder durch einen Lattenzaun zu klettern.

Deswegen hassen die Wölfe den Lattenzaun und kriechen nie darüber, wenn auch die größte Herde jenseits des Zaunes wäre.


b) Es fuhr ein Mann aus der Stadt heim. Unterwegs war er in seinem Wagen eingeschlafen. Unterdessen hatte sich ein Wolf herangeschlichen und machte sich daran, das Pferd zu verzehren. Der Wolf fraß gerade am Halse des Pferdes, als der Mann aus seinem Schlaf erwachte und plötzlich: hoo! schrie. Der Wolf erschrak und lief, was er laufen konnte, doch war er im Halsgeschirr des Pferdes stecken geblieben und zog den Wagen mit sich. In wilder Hast lief er durch Sümpfe und Moräste, so daß der Mann sich im Wagen kaum halten konnte. Seit der Zeit greift ein Wolf nie ein Pferd im Geschirr an.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

9. Sage der Bornu.


Die Ratte und die Kröte hatten einst Streit miteinander, wer von ihnen am meisten ausrichten könne. Die Ratte warf der Kröte folgendes vor: »Du kannst ja gar nicht rennen, sondern wirfst dich nur irgendwo hin, das ist alles!« »Und doch,« entgegnete die Kröte, »vermag ich mehr als du. Warte, ich will dir morgen etwas vormachen, kannst du mir das nachmachen, dann will ich sagen: du kannst mehr als ich.« – Als am folgenden Tage die Menschen unter einem schattigen Baume Schutz vor der Glut der Mittagshitze suchten, sprach die Kröte zur Ratte: »Paß auf, was ich jetzt tue, und sieh, ob du es mir nachmachen kannst.« Damit kroch sie auf die Menschen zu, und diese ließen sie ungestört zwischen ihnen hindurchkriechen. »Faßt die Kröte ja nicht an, sie macht sonst eure Hand bitter!«1 sprachen sie untereinander. Die Kröte kehrte zurück und sprach zur Ratte: »Nun, kannst du das auch? Wohl, versuche es nur morgen einmal.«

Als die Sonne am nächsten Morgen hoch am Himmel stand, sah die Ratte[247] die Menschen wieder im Schatten des Baumes ruhen. Sie machte sich auf, zwischen ihnen hindurchzugehen. Kaum aber hatten die Männer sie erblickt, als sie bereits nach ihren Stöcken griffen und auf die Ratte zuschlugen. Die aber war behender als die Männer, und nur einer streifte mit seinem Stock ihren Bücken. Sie eilte zur Kröte zurück, wollte aber den Streit noch nicht aufgeben, sondern den Versuch wiederholen.

An den beiden folgenden Tagen wiederholten demgemäß die Tiere den Versuch. Am ersten Tage kroch die Kröte wie sonst und unbelästigt zwischen den ruhenden Männern hindurch. Als die Ratte aber tags darauf dasselbe tun wollte, wäre sie beinahe ums Leben gekommen. Sobald nämlich die Männer der Ratte ansichtig wurden, liefen alle mit Stöcken hinter ihr her, um sie zu töten; und hätte sie nicht noch zur rechten Zeit ein Loch in der Erde gesehen, in das sie behend hineinschlüpfte, so wäre es um sie geschehen gewesen. Einer der Verfolger war ihr bereits dicht auf den Fersen, sein Stock aber fiel vor dem Eingang der Höhle nieder, in welche die Ratte sich geflüchtet hatte.

Als Ratte und Kröte wieder zusammentrafen, erkannte jene die Überlegenheit der anderen an. »Hätte mir unser Schöpfer nicht noch zur rechten Zeit ein Loch gewiesen,« sprach sie, »was wäre aus mir geworden?«

Auf die Bitten der Ratte wies der Schöpfer ihr fortan eine Höhle zum Wohnsitz an. Bei Tage läßt sich die Ratte draußen nicht mehr sehen. Ist aber die Nacht hereingebrochen, dann steckt sie den Kopf aus ihrer Höhle hervor, um zu sehen, ob niemand auf sie lauert. Sieht sie niemand in der Nähe, dann erst wagt sie es, hervorzukommen, um sich Nahrung zu suchen. Die Kröte dagegen wohnt unter freiem Himmel. Sie schmeckt bitter, und niemand will etwas mit ihr zu tun haben. Darum darf sie auch ungehindert gehn, wohin sie will.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika S. 151 = Koelle, African native literature S. 52.

10. Sage der Nutka.


Der Hirsch ging einst fischen. Während er so beschäftigt war, sah er die Boote der Wölfe schwer beladen vorüberkommen. Die Wölfe waren im Begriff, in ein anderes Dorf zu ziehen. Als sie nahe bei ihm waren, rief er ihnen zu: »Ihr reiset an einem schönen Tage, Ihr Knochennasen, Ihr Rohfleischfresser.« Die Wölfe verstanden nicht, was er sagte, und riefen: »Was sagst Du, Ā'tucmit?« Er antwortete: »Ich sprach freundlich zu euch. Ich sagte: Ihr reiset an einem schönen Tage, Ihr vornehmen Leute.« Als sie etwas weiter fort waren, rief er wieder: »Ihr reist an einem schönen Tage, Ihr Knochennasen, Ihr Rohfleischfresser.« Dieses Mal aber verstanden sie ihn, kehrten um und riefen: »Du schiltst uns ja.« Sie schlugen ihn und machten ihn zum Sklaven. Sie fuhren dann zu ihrem Dorfe. Sie banden die Wandbretter an das Balkenwerk ihrer Häuser und legten die Dachbretter auf die Dachbalken. Sie nahmen Ā'tucmit's Boot Hōpi'nuwac (= kleines, rundes Boot) und warfen es oben auf das Haus. Das Boot war ganz kreisrund und hatte die Eigenschaft, von selbst zu fahren. Der Häuptling der Wölfe sprach zum Hirsche: »Wenn ich nun schlafen gehe, sollst Du mir immer etwas vorsingen.« Der Hirsch hatte ein Muschelmesser unter seinem Mantel verborgen, und als der Häuptling sich nun niederlegte, sang er: »Waī'tc, waī'tc, yū'ī« (schlafe, schlafe, Häuptling). Da schlief dieser ein. In der folgenden Nacht mußte der Hirsch ihn wieder in Schlaf singen. Er sang: »Waī'tc, waī'tc, yū'ī,« und als jener schlief, schnitt er ihm mit seinem Muschelmesser den Kopf ab. Er lief mit dem Kopfe hinaus, ohne daß[248] irgend jemand es merkte, nahm sein Boot vom Dache, schob es ins Wasser und rief: »Fahre!« Da fuhr es von dannen. Er legte den Kopf in den Bug des Bootes und sang: »Hōpatsianā', hōpatsianā', hēiahsōkmā' t'oqts'ētakmū'tc haūītlukmū'tc k·oayatsēkmū't« (das runde Ding vorn im Boote, das runde Ding vorn im Boote, hier im Boote ist der Kopf des Häuptlings der Wölfe). Als die Wölfe frühmorgens merkten, daß ihr Häuptling tot war, beriefen sie eine Ratsversammlung. Sie beschlossen, sich den Nebelzauber von Ā'nusmit, dem Reiher, zu leihen. Als sie denselben bekommen hatten, erzeugten sie einen dichten Nebel, und Ā'tucmit verlor den Weg. Ohne es zu merken, kehrte er in das Land der Wölfe zurück. Als das Boot ans Land stieß, glaubte er bei seinem eigenen Hause zu sein und rief seiner Frau Imā'aks zu: »Imā'aksā' hīahsōkō'its kōatsōk·oā'ts Imāaksā'« (Imā'aksā', hier drinnen ist Dein Nachttopf, Imāaksā'). Dann sprang er aus dem Boote. Er ergriff eine Handvoll Sand und sagte verwundert: »Der Sand sieht ja gerade so aus, wie an dem Platze, wo ich gestern war.« Als die Wölfe ihn kommen hörten, liefen sie zum Strande und zerrissen ihn. Da schrie er: » Ā anasōkoapisamā' k·ēnēk·ā'ts« (o, laßt den Magen in Frieden), und die Wölfe ließen deshalb seinen Magen liegen. Seither töten die Wölfe die Hirsche, berühren aber den Magen nicht.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 110.

Fußnoten

1 Hier ist die gewöhnliche Kröte gemeint, die einen dunkeln Rücken hat und vorn weißlich ist; sie soll nach Aussage der Bornus sehr bitter sein, dagegen gilt die größte Krötenart, die bei ebenfalls dunkelem Rücken vorn gelb ist, allgemein, selbst bei den Mohammedanern, als Leckerbissen.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 249.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Die Familie Selicke

Die Familie Selicke

Das bahnbrechende Stück für das naturalistische Drama soll den Zuschauer »in ein Stück Leben wie durch ein Fenster« blicken lassen. Arno Holz, der »die Familie Selicke« 1889 gemeinsam mit seinem Freund Johannes Schlaf geschrieben hat, beschreibt konsequent naturalistisch, durchgehend im Dialekt der Nordberliner Arbeiterviertel, der Holz aus eigener Erfahrung sehr vertraut ist, einen Weihnachtsabend der 1890er Jahre im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon