I. Der fliehende Pfannkuchen.

[272] An die Spitze zu stellen ist eine, wie mir scheint, vorzügliche Aufzeichnung aus Rußland. Wir begleiten dann die Wanderung des Märchens nach Westen.


1. Russisches Märchen.1


Es war einmal ein Mann und eine Frau. Der Mann bat: »Backe einen Pfannkuchen2, Alte.« – »Woraus denn backen? Wir haben kein Mehl.« – »I was, Alte! Kratz den Mehlkasten aus, kehr den Scheunenverschlag aus (einen in der Scheuer abgeteilten Raum zum Korneinschütten)! Es wird schon Mehl zusammenkommen.« – Da nahm die Alte einen Flederwisch, kratzte den Mehlkasten aus, und es kamen noch so zwei Hände voll Mehl zusammen. Das rührte sie mit Milch an, buk es in Butter und setzte das Gebäck ins Fenster zum Abkühlen. Der Pfannkuchen lag dort eine Weile, auf einmal rollte er hinab, vom Fenster auf die Bank,[272] von der Bank auf den Fußboden, am Boden hin zur Tür, sprang über die Schwelle in den Hausflur, vom Flur auf die Vortreppe, von der Treppe in den Hof, vom Hof zum Tor hinaus und lief immer weiter. So rollte der Pfannkuchen den Weg entlang. Da begegnete ihm ein Hase: »Pfannkuchen, Pfannkuchen, ich will dich essen.« – »Du sollst mich nicht essen, schiefbeiniges Häschen; ich will dir ein Liedchen singen,« sagte der Pfannkuchen und hub an:


»Aus dem Kasten kratzt' man mich,

Aus dem Verschlage kehrt' man mich,

Mit der Milch mischt' man mich,

In der Butter buk man mich,

An dem Fenster kühlt' man mich,

Bin dem Alten weggelaufen,

Bin der Alten weggelaufen:

Dir, Häschen, kann ich leicht entlaufen.«


Damit rollte er weiter, und der Hase verlor ihn aus den Augen. Auf dem weiteren Wege begegnete ihm ein Wolf .... Es wiederholt sich nun dieselbe Szene mit dem Wolf und noch einmal mit einem begegnenden Bären. Das Lied wird demgemäß bei dem Wolfe fortgesetzt:


»Dem Hasen bin ich entlaufen:

Auch dir, Wolf, kann ich leicht entlaufen«;


bei dem Bären:


»Dem Hasen bin ich entlaufen,

Dem Wolf bin ich entlaufen,

Dir, Bär, kann ich leicht entlaufen.«


Endlich begegnet dem Pfannkuchen ein Fuchs, der ihn anredet: »Guten Tag, Pfannkuchen, wie bist du hübsch!« – Darauf begann der Pfannkuchen sein Lied:


»Aus dem Kasten kratzt' man mich usw.

Dem Bären bin ich entlaufen.

Dir, Fuchs, werd ich erst recht entlaufen.«


»Was für ein schönes Liedchen,« sagte der Fuchs, »aber weißt du, Pfannkuchen, ich bin alt geworden und höre schlecht. Setz dich doch auf meine Schnauze und sing noch einmal ein bißchen lauter!« Der Pfannkuchen sprang dem Fuchs auf die Schnauze und stimmte dasselbe Lied an. – »Danke, Pfannkuchen. Das Lied ist wunderschön, ich möchte noch zuhören. Setz dich doch auf meine Zunge und sing es noch einmal her, zum letztenmal!« – So sprach der Fuchs und steckte seine Zunge heraus. Der Pfannkuchen in seiner Dummheit hüpfte ihm auf die Zunge, und der Fuchs schnappte zu und verspeiste ihn.


  • Literatur: Afanasjev 1, 54.

2. Deutsche Märchen ohne naturdeutenden Schluß (sämtlich Häufungsmärchen).


a) Aus Ostpreußen.


Drei Mädchen backen zusammen ein Kuckelchen. Keine hat Lust, es aus dem Ofen zu nehmen. Während sie darüber beraten, wer es tun soll, entläuft das Kuckelchen. Es begegnet einem Fuchs, der es fragt: »Bruder Kuckel, wo läufst du hin?« Es antwortet: »Fuchs-Puchs, ich bin drei faulen Mägden weggelaufen, ich werd' auch dir weglaufen.« Darauf trifft es nacheinander einen Hasen (Has-Pas), einen alten Hund und ein Schwein. Das rief ihm zu: »Bruder Kuckel, wo läufst du hin?« Nun wurde aber mein Kuckelchen schon ungeduldig[273] und sagte ärgerlich: »Ach, du dummes Schwein, ich bin drei faulen Mägden weggelaufen, ich bin dem Fuchs-Puchs weggelaufen, ich bin dem Has-Pas weggelaufen, ich bin dem alten Hund weggelaufen, ich werd' auch dir weglaufen.« – »Was?« fragte das Schwein und richtete sich auf. »Was erzählst du da? Ich kann nicht gut hören. Komm doch ein bißchen näher und sag mir's noch einmal!«

Mein Kuckelchen ging richtig näher heran – ja du mein Gott! Da schnappte das Schwein zu und verschlang es.


  • Literatur: E. Lemke, Volkstüml. in Ostpreußen 2, 218.

Variante.


Twey olle Wiwerkens beckte sich enmool ene Pankok. Als sei ober fertig weer, un sei em op dei Schettel legde, so wer gerad dei Deer ope, un hei leep ene weg. Do begegend sei enen Holthauer, dei Holthauer segt: »Pankok, wo rennst hen?« – »I, eck si entlope twey olle Wiewer, un die Holthauer dem Schedder wer eck uck woll entlope.« – Begegend sei enen Redder, dei segt: »Pankok, wo rennst hen?« – »I, eck si entlope twey olle Wiewer, Holthauer dem Schedder, un di Ritter dem Redder war eck woll uck entlope.« – Begegend sei enem Hos, dei segt: »Pankok, wo rennst hen?« – »I, eck si entlope twey olle Wiewer, Holthauer dem Schedder, Ritter dem Redder, un di Hoske Wepersch war eck woll uck entlope.« – Begegend sei ene olle Su, dei segt: »Pankok, wo rennst hen?« – »I, eck si entlope twey olle Wiewer usw., und di ole Su wer eck woll uck entlope.« – Do segt de Su: »Wat segst du, lewer Pankok? Eck si e beske dof, seg doch noch e mol!« Do well dei Pankok der Su dat ent Ohr sege, aber do schnapt dei Su to, un fret em op. Da wer met em aller.


  • Literatur: Neue Preuß. Provinzialbl. 1, 446, 1846.

b) Aus der Niederlausitz.


Zwei Frauen in Jetzschko buken einen Eierkuchen, und als er ziemlich gar war, bekamen sie Streit um ihn, weil jede ihn ganz haben wollte. Die eine sagte: »Den Eierkuchen nehm' ich mir!« Die andere: »Nein, den will ich ganz haben.« Ehe sie sich's versahen, bekam der Eierkuchen Füße, sprang zum Tiegel heraus und lief fort. Da begegnete er dem Fuchse. Dieser sagte zu ihm: »Eierkuchen, Eierkuchen, wozu? wozu?« Der Eierkuchen erwiderte: »Ich bin zwei alten Weibern fortgerannt, dir werde ich auch fortrennen!« Darauf begegnete er einem Häschen. Das rief auch: »Eierkuchen, Eierkuchen, wozu?« Dieser antwortete: »Ich bin zwei alten -Weibern fortgerannt, dem Fuchse-Kanell, und dir werde ich auch fortrennen.« Der Eierkuchen lief weiter und kam an ein Wasser. Auf dem kam ein Schiff mit Leuten geschwommen. Diese schrien auch: »Eierkuchen, Eierkuchen, wozu?« Er sagte wieder: »Ich bin zwei alten Weibern fortgerannt, Fuchse-Kanell, Hasen gar schnell, und euch werde ich auch fortrennen.« Jetzt begegnete ihm ein großes Schwein, das rief ihn auch an: »Eierkuchen, Eierkuchen, wozu? wozu?« – »Ach,« sprach er, »ich bin zwei alten Weibern fortgerannt, Fuchse-Kanell, Hasen gar schnell, Schiffe mit Leiten, dir werd' ich auch noch entschreiten!« Das Schwein sagte: »Eierkuchen, ich höre nicht gut, du mußt mir's ins Ohr sagen.« Da ging der Eierkuchen nahe heran, und waps! waps! hatte das Schwein ihn weg und fraß ihn auf, und damit hat die Geschichte ein Ende.


  • Literatur: Grander, Niederlausitzer Volkssagen 122, Nr. 319.

[274] c) Aus Pommern.


Dat ware drei Mäkens, dei backde sich Pannkoken und were dabi inschlapen, un dei Pannkok dei leip en weg. Da kam ein Holthauger un seggt: »Fett Pannkok, wo leppst du hen?« Dei Pannkok säd: »Ick bin drei fule Mäkens weglope, un di lop ick uck ...« Es folgen Hund, Katze, Bäcker, Ochs. Da kam ein Ochs un seggt: »Fett Pannkok, wo leppst du hen?« Dei Pannkok säd: »Ick bin drei fule Mäkens weglope, Holthauger, Hundehauger, Kattmiauger, Klitskebäcker, un die lop ick uck.« Dei Ochs seggt: »Wat seggst du? Ick kann nich recht here!« un ging neger to den Pannkok ran. »Wat seggst du?« un schnappt to un schluckt em up. De drei Mäkens wagde up un hadden nischt up de Pann. – Hierzu gehört die Rügensche Redensart: »En oll ful Wiew un twe oll fule Dierns löppt de Pannkoken weg.« (Eine Alte und zwei Mädchen kommen in der unten angeführten Fassung aus Ditmarschen vor, sie müssen aber auch in Rügen so vorgekommen sein.)


  • Literatur: Blätter f. pomm. Volksk. 9, 62.

d) Aus Hannover.


Der dicke, fette Pfannkuchen entläuft drei alten Weibern und begegnet dem Häschen Wippsteert, dem Wulf Dicksteert, der Zicke Langbart, dem Perd Plattfaut, der Sau Haff. Jedesmal Frage und Antwort mit entsprechender Häufung. Zuletzt kommen drei arme Waisenkinder und bitten: »Lieber Pfannkuchen, bleib stehen! Wir haben noch nichts gegessen den ganzen Tag.« Da sprang der dicke, fette Pfannkuchen den Kindern in den Korb und ließ sich von ihnen essen.


  • Literatur: Colshorn Nr. 57 = Dähnhardt, Deutsches Märchenbuch 2, 23.

e) Vom Niederrhein. Märchen mit Lokalnamen (Dülkener Mundart).


Fei Jenneken bocket eene Kook. Du woar deä so fett, dotte ute Pann loope geng. Du leip e bi Heumoon, den aa Gries. »O,« säät deä, »do kömmt Brauär Kook!« – »O,« säät Brauär Kook, »ich bön Fei Jennecke loope gegange, ich sall dich aa Gries ooch wahl loope goan.« – Du leip e bi Schmecken Bellken. On du säät di ooch allwerr: »O, doa kömmt Brauär Kook! Ho, ich bön Fei Jenneke loope gegange, on ich bön Heumoon den aa Gries loope gegange, on sall dich Schmecken Bellken ooch wähl loope goan.« – On du leip e werr bis bi Bokkese Puus, on du säät dö Puus: »Ho, doa kömmt Brauär Kook!« – Du säät e: »Ich bön Fei Jenneke loope gegange, ich bön Heumoon den aa Gries loope gegange, ich bön Schmecken Bellken loope gegange, ich sall dich, Bokkese Puus, ooch wähl loope goan.« – Du leip e en der Muäsel. On du koam der decken Töller on reip: »Halt, halt, halt, doa kömmt Brauär Kook.« – Du säät e: »Ich bön Fei Jenneke loope gegange, ich bön Heumoon den aa Gries loope gegange, ich bön Schmecken Bellken loope gegange, ich bön Bokkese Puus loope gegange, ich sall dich decken Töller ooch wähl loope goan.« – Du leip e, du leip e on koam en öt Goostes bi Frinkesmännken, deä koam möt dör Carabiner on wau öm duät scheiten. Du säät e: »O, ich bön Fei Jenneken loope gegange, ich bön Heumoon den aa Gries loope gegange, ich bön Schmecken Bellken loope gegange, ich bön Bokkese Puus loope gegange, ich bön den decken Töller loope gegange, on du Frinsmännken kriggs mich ooch neit.« – Du leip e werr bös an dö Poart. Du koam der Kuur (Nachtwächter) Päsers Friddes möt öt Hoaren on wau öm öt Hoaren drop schloan. Du koam e Friddes ooch derduär on leip de Poart ut bis an et brook bi de Wäschwiever on säät: »Ich bön Fei Jenneken loope gegange, ich bön Heumoon usw., ich[275] bön Päsers Friddes loope gegange, on ör Wäschwiewer kriggt mich ooch neit.« Du koamen die Wäschwiever möt de Geitklömp on leipen öm noa on kriägen öm doch neit Du leip e bis an öt Helgenhüsken an öt Reulen-Enk. Du koam ed aat Buremännken on säät: »O Brauär Kook, kömms du ooch. Jong! Nu welle wör os get setten on os räesten.« Du trock dot Buremännken höäschkes e Knippken ut de Teäsch on schniät Brauär Kook medsen duär on oat öm op.


  • Literatur: Hans Zurmühlen, Niederrheinische Volkslieder (2. Ausg. von Des Dülkener Fiedlers Liederbuch) 1879, S. 145. Den Hinweis auf diese versteckte Variante verdanke ich Rich. Wossidlo.

3. Norwegisches3 Märchen.


Frau und sieben Kinder laufen dem flüchtigen Kuchen nach; er trifft einen Mann, Henne, Hahn, Ente, Gans, Gänserich, Schwein. Das Schwein erbietet sich, ihn über den Bach zu setzen, nimmt ihn auf den Rüssel und verschlingt ihn.


  • Literatur: Asbjörnsen, Norske Folke-Eventyr, ny Samling 1871 Nr. 104: ›Pandekagen‹ = Norske Huldre-eventyr og Folkesagn 1870 = Auswahl norwegischer Volksmärchen, übers. von Denhardt 1881 S. 53.

4. Dänische Märchen.


a) Es war einmal ein Mann und eine Frau mit vielen kleinen Kindern. Sie buken einen großen Kuchen, der wurde so groß, daß er aus dem Ofen sprang, lebe wohl rief und weglief. Ihm begegnete ein Wandersmann. »Guten Tag, Wandersmann.« »Woher bist du?« fragte er. »Ich bin einem Mann, einer Frau und vielen kleinen Kindern entlaufen; jetzt entlaufe ich dir, Wandersmann.« – Danach begegnete ihm ein Reitersmann ... »Dem Wandersmann bin ich entlaufen, und jetzt entlaufe ich dir, Reitersmann!« – Darnach begegnete ihm eine Sau ... »letzt entlaufe ich auch dir, Sau Sipröw [mit hängendem Hintern].« – Am Ende gelangte er an eine Stelle, wo man die Aue durchwaten mußte, konnte nicht hinüber und mußte warten, bis die Sau kam. »Setze dich auf meinen Rücken!« sprach die Sau. Das Wasser reichte hoch auf, und der Kuchen schrie: »Ich ertrinke!« – »Setze dich zwischen meine Ohren!« – »Ich ertrinke, ertrinke!« – »Setze dich auf meine Schnauze!« – »Ich ertrinke, ertrinke!« schrie der Kuchen. – »Schnapp!« sprach die Sau und verschlang den Kuchen.


  • Literatur: (Haderslebener Gegend.) Grundtvig, Gamle danske minder 1861, 1, 226 nr. 252.

b) Eine Frau hatte fünf kleine Kinder, sie buk eines Tages und machte auch einen kleinen Kuchen mit einem Kreuz daran für die Kinder. Es fiel ihm ein, sich auf die Wanderung zu begeben. Zuerst begegnete ihm ein Gehender. »Wollen wir um die Wette laufen?« sprach dieser. »Ja, ich bin von Frau und fünf kleinen Kindern weggelaufen und entlaufe mit Leichtigkeit auch dir.« Der Kuchen fing zu laufen an und lief am Gehenden vorüber. Dann kommen ein Fahrender, ein Reitender, ein Hase, ein Fuchs, ein Wolf. »Wollen wir um die Wette laufen?« fragte der Wolf. »Jawohl,« antwortete der Kuchen, »ich bin von Frau und fünf Kindern weggelaufen, von einem Gehenden und Fahrenden, von Hasen und Fuchs,[276] ich kann wohl auch dir entlaufen.« Und der Kuchen fing an zu laufen, der Wolf war aber geschwinder, er holte den Kuchen ein und verschlang ihn.


  • Literatur: (Aus dem nördl. Jütland, Vendsyssel.) Ebd. 2, 123, Nr. 119.

c) Die faulen Schwestern hören nicht auf den Pfannkuchen der sie auffordert, ihn umzuwenden; er klettert aus dem Schornstein, begegnet einem Fuchs und einer Sau, entläuft ihnen und bleibt in den Brennesseln stecken.


  • Literatur: Skattegraveren udg. af E.T. Kristensen 2 (Kolding 1884), 31 nr. 233: De tre lade møer.

d) Der Pfannkuchen begegnet einem alten Manne mit Brennholz, einer Butterfrau, Eierfrau, Sau. »Raps,« sagt die Sau und frißt ihn.


  • Literatur: Ebd. 2, 127 nr. 663: Pandekagen.

e) Frau und fünf kleine Kinder. Der Kuchen begegnet einem Fußgänger, Reiter, Fuhrmann, Hasen, Fuchs, Wolf; der Wolf heißt ihn sich auf seinen Rücken, Nacken, Kopf, Nase, Schnauze setzen und frißt ihn.


  • Literatur: Ebd. 12 (1889), 220 nr. 804: Kagen.

f) Der Kuchen begegnet einer Henne mit Küchlein, Hahn, Hase, Fuchs, Sau mit Ferkeln, ist müde und setzt sich auf den Rücken der Sau. »Ich falle, ich falle.« »Setz dich auf mein Kinn, Schinken, Ohren, Schnauze!« »Ich falle, ich falle.« »Ja, fall nur; du warst so schlecht gegen die kleinen Kinder und bist ihnen entlaufen.« Der Kuchen fällt ins Wasser, und nun frißt ihn die Sau.


  • Literatur: Kristensen, Danske Dyrefabler og Kjæderemser 1896 S. 58 nr. 113: Kagen, der løb sin Vej.

g) Wanderer, Reiter, Fuhrmann, Hase, Fuchs, Sau.


  • Literatur: Ebd. S. 224, nr. 697: Kagen og Soen.

h) Frau und sieben kleine Kinder. Kuchen entflieht und trifft Henne, Hahn, Ente, Gans, Gänserich, Fuchs. Der Fuchs heißt ihn sich auf seinen Schwanz setzen, auf den Rücken, Nacken, Kopf, Nase und verschlingt ihn.


  • Literatur: Ebd. S. 226 nr. 598: Kagen, der blev slugt.

i) Frau und sieben Kinder. Torf träger wirft seinen Torf nach ihm, Eierfrau ihre Eier, Sau, Fuchs. Fuchs will ihn auf der Schnauze übers Moor tragen, läßt ihn fallen und verzehrt ihn.


  • Literatur: Ebd. S. 226 nr. 599: Pandekagen of Ræven.

k) Drei alte Frauen. Der Pfannkuchen trifft Mann mit Brennholz, Eierfrau, Buttermann, die ihre Last nach ihm werfen; die Sau macht ›Grabs‹.


  • Literatur: Ebd. S. 227 nr. 600: Mosjö Pandekage.

5. Aus England und Schottland.


a) Aus Ayrshire: Eine alte Frau bäckt zwei bunnocks (Haferkuchen).4 Ihr Mann kommt und bricht einen durch, der andere läuft weg. Die Frau ihm nach. Er läuft in ein Haus, drei Schneider sitzen am Ofen. Die Frau ruft: »Fangt ihn, so geb ich euch Milch!« Sie können ihn aber nicht erreichen. Der bunnok trifft darauf einen Weber mit seiner Frau, ein Weib, das buttert, einen Müller, einen Schmied, läuft in mehrere Farmhäuser, deren Bewohner ihm nacheilen,[277] und gerät zuletzt, als es dunkel wird, in ein Fuchsloch. Der Fuchs frißt ihn auf.


b) Aus Dumfriesshire: Der bunnock, dem Topf und Pfanne nachgeworfen werden, entläuft Mann und Frau, begegnet zuerst zwei Brunnenwäschern und entläuft ihnen mit dem Lied:


I fore ran

A wee wee wife and a wee wee man

A wee wee pot and a wee wee pan,

And sae will I You, an I can.


Es begegnen ihm mehrmals Bauern und Arbeiter, je paarweise, und es wiederholt sich das Entlaufen mit jedesmal verlängertem Liede. Endlich frißt ihn der Fuchs.


c) Aus Selkirkshire: Der bunnock entläuft Mann und Frau, die sich streiten, und begegnet dem Schaf, der Ziege, dem Fuchs. Das letzte Häufungslied lautet dann:


l 've beat a wee wife,

And I 've beat a wee man,

And I 've beat a wee sheep,

And I 've beat a wee goat,

And I 'll try and beat Ye too, if I can.


Der Fuchs sagt: »Steig auf meinen Bücken, ich will dich tragen.« – »Nein.« – »Tu's nur, ich trag dich über den Bach.« – Er tut es. Der Fuchs dreht sich um und beißt ein Stück von ihm ab. – »O du knabberst, du knabberst!« – »Ich kratze mich nur!« – Er beißt wieder ein Stück ab. Der Kuchen sagt wieder: »O du knabberst, du knabberst!« Aber der Fuchs versichert, er kratze sich nur, und beißt noch ein ganz klein bißchen weiter, und da fallt der bunnock in den Bach.


  • Literatur: Chambers, Popular rhymes of Scotland p. 82 = Brueyre, Contes pop. de la Grande-Bretagne 1875 p. 349. Die Var. a) auch bei Jacobs, More english fairy tales p. 66 nr. 57.

d) Der bunnock läuft erst zu drei Schneidern, dann zu einem Weber, dann zu einer Frau, die buttert, dann zu einem Müller, dann zu einem Schmied usw., bis er endlich in ein Krötenloch fällt, wo ihn die Kröte verschlingt.


  • Literatur: Chambers, p. 55.

e) Aus Aberdeenshire (Schottland).


Es war einmal ein winzig kleiner Mann und eine winzig kleine Frau, die buken zusammen einen Pfannkuchen und stellten ihn hinaus zum Abkühlen. Da sprang er hopp! und holter di polter lief er fort, bis er zu zwei Brunnengräbern kam, die waren schön hungrig und sagten: »Willkommen, lieber Pfannkuchen, und woher kommst denn du?« »Oh,« sagte der Pfannkuchen, »ich entlief einem winzig kleinen Mann und einer winzig kleinen Frau, und ich denke, ich werde euch wohl auch noch entlaufen.« Da wollten sie ihn mit Kübeln fangen, aber es ging nicht. Da sprang er hopp! und holter di polter lief er fort, bis er zu zwei Dreschern kam, die waren schön hungrig. »Willkommen, lieber Pfannkuchen, und woher kommst denn du?« »Oh,« sagte der Pfannkuchen, »ich entlief einem winzig kleinen Mann und einer winzig kleinen Frau, dazu zwei Brunnengräbern, und ich denk, ich werde euch wohl auch noch entlaufen.« Da wollten sie ihn mit Dreschflegeln fangen, aber es ging nicht. Da sprang er hopp! und holter di polter lief er fort, bis er zum Loch der Kröte kam, die war schön hungrig. »Willkommen, lieber Pfannkuchen, und woher kommst denn du?« »Oh, ich entlief einem winzig kleinen[278] Mann ... und zwei Dreschern und ich denk, ich werde euch wohl auch noch entlaufen.« »Komm ein bißchen näher, lieber Pfannkuchen,« sagte die Kröte, »ich höre nicht gut, und sag es mir noch einmal.« »Oh, ich entlief usw., und ich denke –«. »Haps,«5 sagt die Kröte und frißt ihn.


  • Literatur: Folklore Journal 2, 71, 1884.

f) Der Pfannkuchen, der schon anderen entlaufen ist, trifft zuletzt am Ufer eines Sees den Fuchs. Dieser erbietet sich, ihn überzusetzen. Als der Pfannkuchen sich in seinen Mund begibt, frißt er ihn auf.


  • Literatur: J.F. Campbell, Popular tales of the West Highlands 3, 100.

g) Johnny-cake entläuft und begegnet nach und nach zwei Brunnengräbern, zwei Grabenarbeitern, Bär, Wolf und Fuchs und macht jedesmal geltend: ich bin dem und dem entlaufen und kann dir auch entlaufen. Der Fuchs tut, als höre er nicht gut, läßt ihn immer näher kommen und verschlingt ihn.


  • Literatur: Joseph Jacobs, English Fairy Tales p. 166, aus Journ. of Am. Folklore 2, 60 entlehnt. Ebd. 2, 217. 3, 291. 6, 263 noch andere englische Fassungen.

h) [Ferner stehend:] Der Pudding rollt im Ranzen des Kesselflickers hin und her, bis er zerbricht und ein Feenkind zum Vorschein kommt.


  • Literatur: Addy, Household tales nr. 7. Vgl. Lenz, Englische Märchensammlungen 1902, S. 52 f.u. 75.

6. Aus Irland.


Die Henne springt dem Fuchs auf den Bücken, dann auf den Kopf und wird gefressen.


  • Literatur: Folklore 10, 117.

7. Aus Nordamerika (Negermärchen).


»Ich will dir etwas sagen, Bruder Fuchs.«

»Komm auf meinen Schwanz, kleiner Sperling,« sagte der Fuchs, »ich bin auf einem Ohr taub, und auf dem anderen kann ich nicht hören. Komm auf meinen Schwanz.«

Da hüpfte der kleine Sperling auf den Schwanz des Fuchses.

»Komm auf meinen Rücken, kleiner Sperling, denn ich bin auf einem Ohr taub usw.«

Da hüpfte der kleine Spatz auf den Bücken des Fuchses.

»Komm auf meinen Zahn ...«

Da hüpfte der schwatzhafte Sperling auf den Zahn des Fuchses und wurde gefressen.


  • Literatur: Uncle Remus 75, Nr. 19.

Aus all diesen Varianten kann man ohne Mühe erkennen, daß der Schluß der Urform lautete: Der Fuchs fraß den Pfannkuchen auf. Was im übrigen echt und unecht in den verschiedenen Fassungen ist, wird sich später zeigen.

Anstatt des Fuchses ist in einigen Varianten (aus Ostpreußen, der Niederlausitz, Dänemark und Norwegen) das Schwein gesetzt: es packt zu und verschlingt den Ausreißer. Hier setzt nun eine Sagengabelung ein,[279] und wir hören den naturerklärenden Schluß, daß der Pfannkuchen dem Schwein entkam, sich in den Erdboden machte, und daß das Schwein seit jener Zeit in der Erde wühlt, um den Kuchen zu finden.


1. Aus Mecklenburg.


a) Bei einem Bauern waren im Herbst die Dreschleute an der Arbeit, Und die Hausfrau wollte den fleißigen Tagelöhnern, wie das so Sitte war, einen tüchtigen Pfannkuchen backen. Als die Pfanne schon auf dem Feuer stand, mußte die Hausfrau auf einen Augenblick das Herdfeuer verlassen, um zu dem Buchweizenteig eine Handvoll Salz zu holen. Diesen unbewachten Augenblick nahm der Pfannkuchen wahr, um auszureißen. Als die Hausfrau zurückkam, sah sie ihn gerade zur Tür hinauseilen und rannte hinterher. Aber so sehr sie sich auch abmühte, sie erreichte ihn nicht. Sie rief die Dreschleute; die waren schon längst stutzig geworden, als sie den angenehmen Duft auf einmal nicht mehr gespürt hatten. Sie rannten hinterher, konnten aber den Ausreißer auch nicht mehr fassen. Ein Hase, der gerade den Weg des Flüchtlings kreuzte, nahm die Verfolgung auf, doch so flink er auch war, der Pfannkuchen lief schneller. Gleich darauf kam der Pfannkuchen an einem Fuchsloch vorbei. Der Fuchs hatte schon lange Hunger verspürt, ihm kam der Bissen ganz gelegen, dann brauchte er nicht auf dem Bauernhof sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er konnte ihn aber auch nicht kriegen.

Zuletzt tanzte ein Schwein hinter ihm her. Darüber mußte der Pfannkuchen tüchtig lachen. Er rief dem Borstenvieh zu: »Du dumme Schweineschnauze! Wenn die Hausfrau und die Dreschleute, wenn Hase und Fuchs mich nicht einholen können, kannst du es erst recht nicht. Plag dich doch nicht unnütz ab!« Da sagte das Schwein: »Was meinst du? Ich kann es nicht verstehen. Du sprichst so leise, und ich habe meine Ohren erkältet; du mußt mir ins Ohr rufen.« Und richtig! Der Kuchen kommt und will es dem Schwein ins Ohr sagen. Als er noch eben seinen Spottvers wieder hersagt, beißt das Schwein zu und hat schon den halben Kuchen in der Schnauze. Da war der Kuchen zornig, daß er durch seine eigene Dummheit so hereingefallen war, und da er nicht mehr weglaufen konnte, wühlte er sich tief in die Erde. Das Schwein wühlte den Boden auf, konnte aber den Kuchenrest nicht mehr finden. Es lief flink hin und holte die anderen Schweine, die auch sogleich kamen und mitsuchten. Den Kuchen fanden sie nicht, haben ihn bis heute auch noch nicht wieder. Wo ein Schwein aus dem Stalle kommt, wühlt es gleich in der Erde, um die andere Hälfte zu bekommen.


  • Literatur: Plattdeutsch erzählt in Niedersachsen, Jahrg. 14, 1908/9, Heft 4. Die Mitteilung der Sage in der oben abgedruckten Form verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Wrasmann in Berlin.

b) Dor sünd ens dre Wiwer west, de hebben vor luter Fulheit kenen Pannkoken trecht krigen künnt; de en will nich schälen, de anner nich riben, de drüdd nich backen. Endlich un toletzt krigen se doch enen farig; öwer ken will em äten.

Dunn löppt de Koken weg. Unnerwegs begegent em 'n Rider: »Tüffelkoken, wo wißt du noch hento?« »Ik bün dre oll ful Wiwer entlopen, ik ward di Ritter den Rider ok noch entlopen.« Nahst kümmt em 'n Holthauger in de Möt: »Tüffelkoken, wo wißt du noch hento?« »Ik bün dre oll ful Wiwer, Ritter den Rider entlopen, ik ward di Splitter den Schüwer ok noch entlopen.«

[280] So geht es weiter: es kommen nun zahlreiche Tiere, jedes erhält seinen Scheltnamen, und immer länger wird die spottende Antwort des Kuchens: »Has Wupp-wupp, Voß Dickswanz, Gos Gigack, Hahn Kunkeldan, Ant Snater int Sand« usw.

Zuletzt kommt die Sau Die stellt sich schwerhörig: »Wat seggst du?« Dor bückt ehr de Koken vör't Uhr: »Un di oll Säg Slurrup ward ik ok noch entlopen.« Bauz, happst de Säg to un krigt den halben Pannkoken to fat't, de anner halw löppt na de Ird rin, den söken de Swin hüt un dissen Dag noch, dorvon wäuhlen se ümmer in de Ird rüm.


  • Literatur: Rostocker Zeitung Nr. 131 vom 19. März 1893. Mitgeteilt von R. Wossidlo mit dem Zusatz, daß zahlreiche Abarten davon umgehen.

2. Aus Westfalen.


Da waren einmal zwei Dirnchen, die buken sich einen Pfannkuchen und setzten ihn ins Fenster, daß er bald kalt werden sollte. Aber der Pfannkuchen kniff aus und entlief in die Berge. Da kam ihm ein altes Männchen entgegen und fragte: »Pfannküchelein, wo willst du hin?« Da sprach dieses: »Ich bin zwei Dirnchen entlaufen, dir Männchen Graubart will ich auch wohl entkommen,« und damit lief's weiter. Auf ein kurzes traf es einen Hasen, der fragte auch: »Pfannküchelein, wo willst du hin?« Da sprach's: »Zwei Dirnchen bin ich entlaufen und dem Männchen Graubart; dir Häschen Weißkopp soll ich auch noch wohl entkommen.« Wieder über ein Weilchen kommt ihm der Fuchs Dicksterz entgegen. Darauf das Schwein, das Vögelchen Wicksterz, dann der Wolf (ohne Beinamen) und der wilde Eber. Alle fragen und erhalten ihren Bescheid. Aber der letzte schnappt zu und erwischt den halben Pfannkuchen. Die andere Hälfte entkommt in die Erde, darum wühlen die Säue noch immer.


  • Literatur: Woeste, Volksüberlieferungen der Grafschaft Mark 1848 = Rochholz, Naturmythen S. 252; vgl. Westfälischer Bauernkalender 1882, 126.
    Dieselbe Geschichte wurde zuerst erzählt von Adalb. Kuhn, Sagen aus Westfalen 2, 235, aber besser, nämlich mit ausführlicher Wiedergabe der Häufungsrede und mit Weglassung des Schweins, das doch nur eine Wiederholung des wilden Ebers ist.

3. Aus Ditmarschen.


Der Kuchen entläuft, als er halb gar ist, einer alten Hexe und zwei schmucken Mädchen, begegnet dem Has Wippsteert, dem Fuchs Dicksteert, dem Reh Blixsteert, der Kuh Swippsteert. Sie alle wollen ihn fangen, fallen um und sind tot. Endlich kommt er an die Sau und bohrt sich in den Grund. Do fangt de oel Sæg an to wræten (wühlen) unn wull em der heruut hebben, kunn em awers nich krygen. Un vun disse Tyt an wræten de Swyn noch all innę Grünt unn wüllen de Koek heruet söken, hebbt em awer noch nich wedder funden.


  • Literatur: Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder S. 469.

Ein wesentlicher Zug, der in den drei vorhergehenden Fassungen noch an die erste, nicht-ätiologische Sagenreihe erinnert, fehlt in Ditmarsehen: das Zuschnappen und Erfassen.

4. Eine andere wesentliche Eigenart, die Häufungsrede, fehlt in einer Variante aus Rügen:


In einem Dorfe lebten mehrere Frauen, die überaus faul waren. Als sie eines Tages Kuchen buken, waren sie zu faul, den Kuchen, der auf der einen Seite[281] bereits braun gebacken war, umzuwenden. Schließlich taten sie es doch, ohne dabei aufzustehen; dazu waren sie zu faul. Infolge dieser Nachlässigkeit riß der Kuchen auseinander, und die eine Hälfte desselben fiel zur Erde. Alsbald schnappte die Mutt (weibl. Schwein), die dicht dabei stand, nach dem zur Erde gefallenen Stück und fraß es auf. Aber das Schwein merkte sogleich, daß es nur ein halber Kuchen war, und fing an, nach der anderen Hälfte umherzuschnüffeln. Da diese aber nicht zu finden war, so schnüffelt und wühlt es bis auf den heutigen Tag weiter danach.


  • Literatur: Haas, Schnurren S. 102.

5. Ein friesisches Märchen6 klingt in dem Zwiegespräch zwischen Schwein und Pfannkuchen wieder mehr an das russische an.


Eine alte Frau bäckt einen Pfannkuchen, läuft aber davon, um Sirup zu holen. Da sie lange ausbleibt, wird's dem Pfannkuchen in der Pfanne zu heiß, er springt durch den Schornstein hinaus und rollt den Weg entlang. Ein Mann fragt ihn: »Pfannkuchen, wo kommst du her?« Er antwortet: »Ich bin aus der heißen Pfanne gesprungen und bin einer alten Frau entflohen und werde dir wohl auch entkommen.« Ebenso erwidert er einem Hunde und anderen ihm Begegnenden. Endlich trifft er ein Schwein, das fragt: »Traust du dich wohl auf meinem Bücken zu sitzen?« – »Warum nicht?« sagt der Pfannkuchen und springt hinauf. – »Traust du dich auf meinem Nacken zu sitzen?« – »Gewiß, auch das.« – »Komm mal auf meinen Kopf!« – »Denkst du, daß ich das nicht wage?« – »Du bist mutig, das gesteh ich; aber ich weiß, auf meiner Schnauze zu sitzen, getraust du dich nicht.« – »Ach, warum nicht?« sagte der Pfannkuchen und setzte sich auf die Schnauze. »Hap!« machte das Schwein, biß die Hälfte vom Pfannkuchen ab und fraß sie auf. Die andere Hälfte fiel auf die Erde und verkroch sich da. Da begann das Schwein danach zu suchen und wühlte mit der Nase so lange in der Erde herum, bis die Nase entzwei ging. Nun steckte ihm sein Herr einen eisernen King durch die Nase. Solchen Ring tragen die Schweine noch heut, damit sie nicht in der Erde wühlen; aber sie wollen's doch nicht lassen, denn sie suchen noch immer nach der anderen Hälfte des Pfannkuchens.


  • Literatur: W. Dykstra, Uit Frieslands volksleven 2, 135: ›Hoe de zwijnen wroeten hebben geleerd‹ = Volkskunde 8, 187. 1895–96.

6. Niederländische Variante.

[Zu der folgenden Passung bemerkt W. Zuidema, der sie in der Ztsch. f. Volksk. 18, 195 veröffentlicht: Freilich kenne ich sie nur aus einem verschollenen Kinderbuch7; der Verdacht literarischer Zustutzung liegt sehr nahe. Eine Übersetzung ist weniger wahrscheinlich, weil keine der deutschen Formen stimmt und auch ein hochdeutsch nicht mögliches Wortspiel vorkommt; plattdeutsche gedruckte Märchen gab's ja damals noch nicht.]


Vor langer, langer Zeit wohnten einmal eine alte und eine junge Frau zusammen in einem ganz kleinen Häuschen. Einmal fand die alte Frau im Kehricht ein Kwartje8. »Was sollen wir damit machen?« sagte sie zur jungen. »Hab noch[282] niemals Pfannkuchen gegessen,« war die Antwort; »holen wir Mehl, Fett und Zucker und backen uns ein recht schmackhaftes Pfannküchlein!«

Gesagt, getan. Nun war aber damals das Fett gar wohlfeil, und sie bekamen davon so viel, daß es wohl für zehn Pfannkuchen ausgereicht hätte. Die Alte setzte sich zum Backen. »I, wie herrlich es duftet!« sagte bald die Junge. »Ja, das glaube ich schon.« – »Ist's bald fertig?« – »Beileibe nicht; muß es erst noch umkehren.« – »Umkehren? Wie machst du das?« – »Schau mal!« und sie wollte den Kuchen hochwerfen und im Umdrehen wieder auffangen; allein das viele Fett floß aus der Pfanne ins Feuer und zischte und sprudelte, daß der Pfannkuchen vor Schrecken zum Kamin hinausflog.

Bald begegnete er sieben Dreschern auf dem Felde. Die riefen ihn zu sich, weil sie ihn essen wollten; er aber sagte: »Bin schon einem alten und einem jungen Weibe entlaufen; traue mir wohl zu, auch euch zu entlaufen,« und rollte davon. (Dann kommt der Hase, wie im Deutschen; nur sagt der Pfannkuchen): »Bin schon einem alten und einem jungen Weibe und sieben Dreschern entlaufen; traue mir wohl zu, auch dir zu entlaufen.« (Dann kommt der Fuchs, und als der Pfannkuchen nicht zu ihm kommen will, sagt er): »Hör mal, du siehst so schön und freundlich aus; gib mir einen Kuß zum Abschied! Wir sehen uns vielleicht niemals wieder.« – »Ja, guten Morgen! Bin schon einem alten und einem jungen Weibe und sieben Dreschern und einem Hasen Wackelschwanz (wipstaart) entlaufen; traue mir schon zu, auch dir, Fuchs Dickschwanz (dikstaart), zu entlaufen.« (Dann aber kommt die Sau mit ihren Ferkeln, und der Pfannkuchen sagt): »Bin schon einem alten und einem jungen Weibe, sieben Dreschern, einem Hasen Wipstaart und einem Fuchs Dikstaart entlaufen; traue mir schon zu, auch dir und deinen Kindern zu entlaufen.« – »Bin taub,« grunzte die Sau, »setz dich auf mein Ohr und sprich laut!« Und der Pfannkuchen tat's in seiner Eitelkeit. Kaum aber hatte er gesagt: »Bin schon ...«, da schnappte die Sau nach ihm und biß ein Viertel heraus. Im Todesschrecken flog das übrige fort und in ein Maulwurfsloch. Seitdem wühlen alle Schweine mit der Schnauze in der Erde, um es wiederzufinden.


Diese deutschen und niederländischen Märchen verdienen Beachtung. Je weniger das internationale Wesen der Märchen st off e es gestattet, sichere Schlüsse hinsichtlich des Charakters eines sie erzählenden Volkes zu ziehen, um so sorgfältiger muß die Art der Stoffbearbeitung bei einzelnen Völkern ins Auge gefaßt werden. Hier haben wir ein Beispiel, das klipp und klar den derb humorvollen Zug der Norddeutschen enthüllt. Denn liegt nicht eine köstliche Bauernlaune in dieser phantastischen Auffassung des grunzenden Wühlers, ein schnurriges Behagen in dem Gedanken, daß er gerade einen Pfannkuchen sucht, die beliebte Mehlspeise des wohlhäbigen Bauern? Mit innigem Verständnis mag dieser jenes unablässige Sehnen seines Schweines begreifen, wenn er ihm zuschaut, die Pfeife in den Mundwinkel gequetscht. Ein für den Großstädter entzückendes Bild: dort die geschäftige Sau, hier der Buer in Holsken, und in seinem Kopfe spukend ein neckisches Märchen. Er ahnt nicht, daß die Wissenschaft es kennt – besser kennt als er selber, und er würde den Studierten für nicht ganz richtig halten, der ihm sagte: Das Märchen ist von Rußland, vielleicht[283] noch weiter her gekommen. Im Ernst, die russische Fassung ist die beste, sie stellt die Urform dar.

Hier finden wir Mann und Frau, wie in England, hier finden wir das Fenster, in das der Pfannkuchen zum Abkühlen gesetzt wird, hier finden wir nur die Waldtiere, Hase, Wolf, Bär und Fuchs, die anderswo mit Menschen oder mit Haustieren zusammen erwähnt sind, hier finden wir die List des Fuchses: Ich höre nicht gut, komm doch ein bißchen näher usw., wie in so manchen anderen Fassungen auch. Die anderen haben immer nur einzelne dieser Märchenzüge aufzuweisen, das russische hat sie alle zusammen. Interessant ist, wie die einzelnen Abweichungen allmählich größer geworden sind. Aus dem zum Abküh len weggesetzten Kuchen – also aus dem halbfertigen – wurde ein halb garer (Ditmarschen, Niederlausitz) oder ein halbbraungebackener (Rügen). In weiterer Entstellung ließ man die Hälfte dieses Kuchens herunterfallen, und nur sie wurde (wie in der ersten Sagenreihe der ganze Kuchen) aufgefressen (Rügen). Anderswo ergab sich die neue Einzelheit, daß der Mann den Kuchen durchbricht und die andere Hälfte wegläuft (Schottland). Interessant ist auch, wie aus der Beratung Ton Mann und Frau, wovon der Kuchen gebacken werden soll (Rußland), die Beratung wird, wer ihn backen soll (Ostpreußen), und wie auf diesem Wege das Motiv der Faulheit entsteht.

Was endlich die Hauptveränderung, die willkürliche Erklärung des Wühlens betrifft, so zeigen die folgenden Sagen, daß der dichtenden Volksphantasie eine gewisse Vorliebe für das Suchmotiv eigen ist.

Fußnoten

1 Die Übersetzung verdanke ich Herrn Geheimrat Leskien, der sie in jungen Jahren für eine von R. Koehler geplante umfassende wissenschaftliche Märchensammlung angefertigt hat.


2 Für das russ. Kolobok, eine Art rundlichen Milchbrotes. Pfannkuchen ist hier in dem Sinne des kugeligen Gebäckes genommen, das man in Mitteldeutschland so nennt. Leskien übersetzt: Topfkuchen.


3 Sämtliche nordische Varianten hat mir Herr Prof. Bolte freundlichst mitgeteilt. In diesen skandinavischen Kindermärchen beruht der Beiz auf dem Dialog, in dem der Pfannkuchen jedem Begegnenden einen reimenden Zunamen gibt: im norwegischen z.B. God Dag, Pandekage, sagde Manden. Gud eigne, Mand Brand, sagde Pandekagen. – God Dag, Høne Pøne. – God Dag, Hane Pane, – Ande Vande – Gaase Vaase – Gasse Vasse – Gilte Grisesylte.


4 bunnock = bannock, a cake baked of dough in a pretty wet state and toasted on a girdle.


5 Bei dem Worte »Haps« ergreift der Erzähler das Kind, dem die Geschichte erzählt wird.


6 Für gütige Übersetzung dieses Märchens bin ich wiederum Herrn Prof. Bolte zu herzlichstem Danke verpflichtet.


7 O wat mooije sprookjes! Een vijftal verteld door eene goede grootmoeder. Sneek, van Druten en Bleeker (um 1860).


8 Silberne Scheidemünze, etwa 42 Pf.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 284.
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