II. Nachahmende Vögel.

[357] Die Ähnlichkeit der Vogelstimmen mit menschlicher Rede führt zu der Vorstellung, daß die Vögel ihre Töne den Menschen abgelauscht haben.


1. Aus Estland.


a) Als Gott (Wana Taat) die Vögel singen lehrte, fehlte die Nachtigall. Alle Vögel verstanden schon ihre Lieder, da kam sie zu Gott. Gott war mit ihrer Verspätung unzufrieden und sagte: »Weil du dich verspätet hast, gebe ich dir keine Weise; du sollst sie selbst suchen. Nach dem Laute, den du am frühen Morgen zuerst hörst, sollst du singen.« Vor Sonnenaufgang stand die Nachtigall auf. Da hört sie, wie ein fleißiger Knecht mit zwei Ochsen auf dem Felde pflügte und seinen Ochsen, die noch etwas schläfrig zu sein scheinen, zuruft: »Kiri, küit, käi wagu; öö olli muidugi pikk; tüdruk too piits; no, noh; sahk, sahk«. (»Kiri« nennt man das Vieh, das schwarzbunt ist, und »küit«, das weiße Rückenstreifen hat. »Käi wagu!« ist ein Zuruf an Pferde oder Ochsen, welche beim Furchenziehen falsch treten. »Öö olli muidugi pikk« – die Nacht war ohnehin lang. »Tüdruk too piits« – Mädchen, hol die Peitsche. »No, noh« – Zuruf zum Antreiben. »Sahk« – Pflug.) Das ahmte die Nachtigall nach.


  • Literatur: Aus dem handschr. Nachlaß von J. Hurt.

b) Während Gott allen Vögeln ihre Singweise lehrte, schlief ein kleiner, grauer Vogel. Als er aufwachte, konnte ein jeder Vogel schon singen, nur er nicht. Der[357] kleine Vogel flog traurig hin und her und flog schließlich in ein Dorf vor eine Schmiede auf eine hohe Birke. In der Schmiede arbeitete der Schmied mit seinem Lehrling. »Kilks, kolks! Kilks, kolks!« klang es hinüber. Der Schmied schlug mit einem kleinen Hammer aufs Eisen: »Kilks!« der Lehrling mit einem großen Hammer: »kolks!« Das gefiel dem kleinen, grauen Vogel, und er sagte: »Ich will es dem Schmied ablernen.« Einen ganzen Tag saß der Vogel auf der Birke vor der Schmiede und sang die Laute nach, die aus der Schmiede drangen, bis er sie schließlich auswendig konnte.

Noch heute singt der kleine, graue Vogel: »Kilks, kolks! Kilks, kolks!« und heißt, weil er vom Schmiede das Singen lernte, »Eisenschmied« (Grasmücke im Deutschen).


c) Die Grasmücke hatte die Zeit verschlafen, wo sie das Singen von Gott hätte erlernen können. Darum lernte sie ihren Sang von einer Melkerin. Ihr Gesang lautet:


»Silks, solks, silku leiba,

Soldat söögu weit ja leiba,

Mina ise piima leiba.«


(»Silks, solks, Strömling und Brot, der Soldat esse Wasser und Brot, ich selbst esse Milch und Brot.«)


d) Noch ein anderer größerer Vogel, die Nachtschwalbe, blieb ohne Gesang. Sie flog von Vogel zu Vogel, von Tier zu Tier und bat, daß jemand sie doch singen lehrte. Aber niemand wollte es. Sie kam auch zum Pferde und bat auch dieses. Das Pferd war bereit, dem Vogel zu einem Gesang zu verhelfen. Es harnte und sagte, der Vogel solle den Laut, den er höre, in seinem Gesang nachahmen.

Bis heute ahmt der Vogel den damals gehörten Laut nach und heißt darum »hobu soristes« (das Geriesel des Pferdes).


e) Als jeder Vogel von Gott (Wana-Taat, alter Vater) die Gabe des Singens und die Art seines Liedes erhalten hatte, da blieben die Nachtigall und die Nachtschwalbe ohne diese Gabe. Sie trauerten sehr darüber.

Da sagte die Nachtigall: »Wir wollen denjenigen Laut, den jeder von uns am nächsten Morgen zuerst hört, in unserem Liede nachsingen und danach heißen.«

Die Nachtigall wachte schon früh auf. Da hörte sie, wie ein Arbeiter mit seinen Ochsen zu pflügen anfing und die Ochsen mit folgenden Worten antrieb: »Kiri, küüt! Käi wagu! Kus piits, kus piits? Plaks, plaks, plaks!« (Kiri = bunt, küük = gestreift, käi wagu = Zuruf beim Pflügen, damit die Tiere richtig treten. Kus piits = wo ist die Peitsche? Plaks = Knall der Peitsche.)

So singt auch die Nachtigall.

Vom ersten Laut: »kiri, küüt« hat die Nachtigall ihren Namen. Sie heißt im Estnischen »kiriküüt« oder »ööpikk« = »die Nacht ist lang.«

Die Nachtschwalbe schlief aber recht lange. Sie er wachte, als der Arbeiter zur Frühstückspause vom Felde gekommen war. Die Ochsen harnten. Deswegen singt die Nachtschwalbe nur: »Sorr, sorr, sorr!« Die Nachtschwalbe heißt auch im Estnischen »sorr«.


  • Literatur: a) bis e): aus dem handschr. Nachlaß von J. Hurt.

f) Alle Geschöpfe »wurden« zu einer Versammlung »eingeladen«, um den Gesang zu erlernen, mit dem sie sich erfreuen und die Götter loben sollten. Um den Domberg von Dorpat herum kamen sie auf einem heiligen Hain zusammen. Hier ließ sich Wannemune, der Gott des Gesanges, zu ihnen herab und begann zu singen.[358] Der Embach hemmte seinen Lauf, der Wind vergaß seinen Haß, der Wald, die Tiere und Vögel horchten aufmerksam zu, und auch das neckende [estn. schielende] Echo guckte zwischen den Bäumen des Waldes hervor.

Aber nicht alle, die zugegen waren, begriffen das Ganze. Die Bäume des Haines merkten sich das Säuseln beim Niedersteigen des Gottes, und wenn ihr im Haine lustwandelt und dies feierliche Säuseln hört, so wisset, daß die Gottheit euch nahe ist. Der Embach merkte sich das Rauschen seines Gewandes, und sooft er im Frühling seiner neuen Jugend sich freut, braust er, wie er das Brausen dort gehört. Der Wind hatte sich die grellsten Töne angeeignet. Einigen Tieren hatte das Knarren der Wirbel von Wannemunes Zither gefallen, anderen das Klingen in den Saiten. Die Singvögel lernten das Vorspiel, besonders Nachtigall und Lerche. Die Fische aber steckten die Köpfe nur bis über die Augen aus dem Wasser hervor und ließen die Ohren darin; sie sahen die Bewegungen des Mundes, ahmten diese nach und blieben stumm.

Nur der Mensch allein faßte alles. Daher dringt sein Gesang bis in die Tiefe des Herzens und bis hinauf zum Wohnsitz der Götter.


  • Literatur: Aus Dorpat: Kletke, Märchensal 2, 57 = Fählmann, Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen oder Natur- und Völkerleben in Kur-, Liv- und Esthland. Teil II. Dresden und Leipzig 1841. Wird in derselben Weise auch von den Finnländern und andern finnischen Nationen erzählt. (Kletke 2, 387.) Poet, bearb. von Platen.

2. Lettische Sagen (Aus dem östlichen Livland).


Als die Vögel erschaffen waren, sprach Gott zu ihnen: »Geht nun selbst zu den Menschen und lernt von ihnen singen.« Sogleich zerstreuten sich alle.

Auch die Nachtigall (lakstigala) und die Nachtschwalbe (leelis) kamen überein, sich zu sputen. Die Nachtigall wollte zum Pflüger fliegen, die Nachtschwalbe zu den Mahlmägden in die Mahlkammer. Gut. Ohne sich umzuschauen, flog die Nachtigall zum Pflüger, der gerade vor seinem Pflugsterz »kli kli kli« die Erde klopfte. »Ach! kli kli kli, das ist sehr hübsch!« rief die Nachtigall und versuchte sofort, ihre Zunge auf dieselben Töne zu stimmen. Doch die Nachtschwalbe, der Faulpelz, dachte: Der Abend ist noch weit! Wozu die Eile? 's wird schon noch langen! Der Abend kam, da eilte sie Hals über Kopf in die Mahlkammer, aber umsonst: die Mägde waren schon beim Nachtessen. Was nun? Das Beste wird sein, sie fliegt gleich in den Viehhof und begibt sich bei den Kühen in die Lehre. Soeben besorgte da eine Kuh ihr Geschäft, und die arme Nachtschwalbe, horch! singt ihr gleich nach: »plaks, plaks, schlirrgs1

[359] Dazumal war auch die Schwalbe auf die Suche nach Liedern gegangen. Alsbald geriet sie in ein Haus, wo die Kinder soeben, während die Mutter Gäste geleitete, Fleisch an den Spieß steckten und brieten, daß das Fett nur so prasselte. Als die Mutter heimkehrte, flog ihr die Schwalbe eifrig entgegen und erzählte ihr die Unart der Kinder also:


»Während die Mutter Gäste geleitet, drehen die Kinder Fleisch (am Spieß),

Willst du's nicht glauben, so schneid mir das Köpfchen ab, tschirrks!«

(Eekam māte, weeschnjas wada, tikam bērni galju greesch;

ja netizi, nōgreesi man galwinju tschirrks!)2


Der Star flog an der Badestube vorbei, wo die Mädchen sich indes quästeten. Er schaute ein Weilchen zu, dann flog er fort und meldete den Burschen:


Ich hockte, ich hockte

Unter den Sparren der Badstube

Unter den Sparren der Badstube.

Ich sah, ich sah

Die Mädchen sich quästen,

Nackt, nackt

Der Mädchen Busen.

Sie schlugen kreuz und quer über die Brüste.


Variante: Alle Vögel verstanden schon zu singen, nur nicht die Schwalbe und der Specht. Da kam die Schwalbe auf den Gedanken, in ein Haus zu fliegen und irgend etwas zu erlauschen, was zum Gesang taugte. Das tat sie. Die Männer waren gerade in der Badestube, und die Weiber brieten im Hause Fleisch und sangen:

»Indes sich die Männer im Bade quästen,3 braten die Weiber Fleisch. Wie das Fett ins Feuer trieft, wissen sie sich nicht zu helfen, werfen ein wollenes Tüchlein darauf, daß der Fleischduft nicht bemerkbar.«

Dieses Lied behielt die Schwalbe und singt es noch heute.

Die Lerche ging zu den Hirten, die sie so begrüßten: »Ein Mann, ein Mann[360] seht da, ein ganzer Mann! Hat den Winter durchlitten, kein Feuer geheizt, keinen Kessel aufgehängt!« Die Lerche sang diese Worte gleich nach und behielt sie. (Wīrs, wīrs, ekur wīrs! seemu iszeetis, ne 'guni kūris, ne katlu kāris.)4

Die Doppelschnepfe (Becassine) flog in ein Gehöft, wo der Bäuerin soeben im Keller Milch ausgeflossen war. Die Bäuerin rief die Katze, sie aufzulecken: »kji, kji!« Aber ein Ziegenbock hatte sich zuerst herangeschlichen, den scheuchte die Bäuerin mit einer Rute fort, so daß er mit dem Schmerzensruf: »mäh, mäh!« zum Stall lief. Die Doppelschnepfe singt seitdem auch: »kji ku, kji ku, mē, mē«!

Die Ammer hört, wie eine Mutter ihr Kind stillt und ihm die Brust bietet: »Hier Zitze, hier Zitze!« (sche zizis), daher sein Ruf: »zi, zi, ziz!« Die Goldammer dagegen singt: »Dem Mädchen ist nackt die Zi-Zi-Zitz!« (meitam pliks zi zi zi zits) oder »Alter, alter Jude!« (wezs, wezs schīds).

Die Taube flog zu einem Gehöft, vor dessen Tür der Bauer einen Schlitten machte. Der Nachbar tritt hinzu, ihn zur Taufe zu laden. Auf dessen Frage: »Gevatter, was tust du da?« (kūm, kūm, ko tur strāda) antwortet jener: »Siehst du denn nicht?« worauf der erste: »Ich versteh, versteh, du machst dem Gevatter einen Schlitten« (prōtu, prōtu, kūmam ragawas taisi). Davon schnappt die Taube auf: »Kūm, kūm, ko tur strāda? Prōtu, prōtu.«

Der Uhu wollte die mähenden Mädchen bei ihrem Gesang belauschen, gerät aber in den Obstgarten, wo sich ein Alter mit einem Unwohlsein quält, dessen Stöhnen ahmt er nach: »ū, ū, wai, wai!«

Der Kranich will bei den dreschenden Mägden ein Lied lernen, doch es ist Samstag, sie sind von der Wochenarbeit müde und singen nicht. Aber die Knechte führen Korn zu, die Karren sind eingetrocknet, knarren und quietschen. Das faßt der Unglücksvogel auf und behält es.

Der Wiedehopf flog den Hirten nach. Nun war das Vieh gerade ins Kornfeld geraten, und der Bauer packte den ersten Hüterbuben und bedrohte ihn mit der Gerte. Der aber wies auf den zweiten und sagte: »Du, du bist daran schuld!« Das gefiel dem Wiedehopf, und er rief auch: »tu, tu nōganiji, tu.« Darauf der Bauer: »Jetzt glaube ich, daß dich die Schuld trifft, da der Wiedehopf es auch bezeugt.« So bekam auch der zweite seine Prügel.

Der Auerhahn überfiel den Birkhahn, er solle ihm sein Lied abtreten. Dieser prahlte: Wenn er als kleiner Vogel schon so schön singen könne, wieviel leichter müsse es ihm, dem großen, werden; er wolle ihm nur den Anfang geben. Mit diesem Anfang flog der Auerhahn auf eine Fichte und knarrte wie ein Schlitten [?]; der Birkhahn aber blieb im Moose sitzen und sprudelte und kollerte seine Weise in einem fort.

Die Nebelkrähe hörte, wie eine Mutter ihr Kind schalt, das die dicke Milch vom Brot naschte und das Brot ungegessen ließ. »Du bist lecker, lecker!«[361] (tu esi kārs, kārs.) »Kārs, kārs!« krächzte auch die Krähe und flog auf ein Rübenfeld, wo sie eine Taube traf. Diese hatte sich tags zuvor auf einem Gerstenfeld gütlich getan und schimpfte über das gemeine Feld, wo man sich die Augen aus dem Kopf suchen könne, ohne etwas zu finden. Aber eine Krähe erwiderte: »Du bist lecker (tu esi kārs, kārs), du bist eine Prahlerin! ›Ein halbes Lof Eier, sagst du, habe ich gelegt‹, und schaut man näher zu, so sind es nur zwei.«

Der Zaunkönig kam folgendermaßen zu seinem Lied:

Die Elster, die Klatschbase, hatte den Marquard (Häher) verklagt, so daß man ihn zum Galgen schleppte. Der Zaunkönig aber folgte ihm und klagte in einem fort: »Der Marquard wird gehängt« (sīli kārs). Da kam ein Richter und sagte: »Was klagst du unnütz! Nie und nimmer wird der Marquard gehängt! Da müßte man ja verrückt sein, um eines alten Weibes (der Elster) willen einen klugen Mann zu hängen! Wer kennt denn nicht die Elster, die liederliche Person! Die rennt den deutschen Burschen nach! Wollen wir die Hexe ins Inland zurück schicken, den Marquard aber lassen wir in Deutschland umherreisen!«

So kam der Marquard frei und war den ganzen Winter über in Deutschland auf Besuch, aber die Elster mußte daheim bleiben. Und der Zaunkönig erzählt noch heute von diesem Erlebnis, indem er singt: »Der Marquard wird gehängt« (sīli kārs).

Der Pirol flog an die Dünen, um von den Schiffern singen zu lernen. Doch da gerade niemand sang, kehrte er zurück und sah am Ufer einen alten Mann liegen. Er flog auf ihn zu und pickte ihn, um ihn zum Aufstehen zu bringen. Da sah er, daß es ein Ertrunkener war. Da ärgerte er sich, daß er an einer Leiche gepickt hatte, und rief: »Einer ist in die Düna geworfen, verfault, [und] ich habe [ihn] gefressen, weh, weh!« (Eemests njerms Daugawā – sapuwis, apēdu, wē, wē.)

Die Eule flog auch in ein Gehöft, um von den Menschen Lieder zu lernen. Aber zufällig geriet sie in den Oberraum der Stube zu den Hühnern. Sofort fraß sie ein Huhn auf, davon wurde sie so faul, daß sie nicht mehr ans Lernen dachte und nur noch schlafen wollte. Deshalb flog sie in den Wald zurück, sich auszuschlafen, und blieb lieber ohne Lied.

Der Kuckuck flog zu einem Pflüger, der vor Alter stocktaub war, und fragte ihn, wo die Viehmägde seien. Der Alte verstand ihn nicht und fragte: »Was, was?« (ko, ko?) Da spuckte der Kuckuck vor Wut und spottete: »kū, kū – kū kū!« Deshalb soll er noch heute beim Fortfliegen spucken.

Der Wendehals flog in ein Gehöft, wo eben die Hüter vor der Tür Mittag aßen. Nun hatte die geizige Bäuerin ihnen keine Milch zur Grütze gegeben. Da rief ein Hütermädchen: »Milch, Milch, Milch zur Grütze!« (peena, peena! – peena putrai!) Das hielt der Wendehals fest und wollte schon wegfliegen, da bemerkte er, daß der Bauer im Hause Bier bereitete. Und während er dort zusah, kam ein Nachbar und fragte ihn: »Weshalb braust du heute Bier?« »Morgen ist Michaelis« (rīt' Mikjelis), antwortete der Wirt. So lernte der Wendehals auch noch diese Worte. Deshalb hat er zwei Lieder; im Frühling singt er: »Milch, Milch, Milch zum Brei!« und im Herbst: »Morgen ist Michaelis!«

Die Misteldrossel sah, wie eine böse Bäuerin im Herbst den Hüterjungen barfuß zur Hütung schickte. Der Junge zog die Füße an sich und schrie: »:/Die Füße frieren! /: Bäuerin, einen Bastschuh!« (Kājas salst, kājas salst! saimneeze – wīschu!) So singt die Misteldrossel noch heute im Herbst, wenn der Reif fällt.

Der graue (kleine) Schwätzer (pelēkais tschakstens) flog in ein Gehöft, wo die Bäuerin gerade mit dem Ruf: »Fort ans Brüten!« (tisch perēt!) die Hühner[362] vom Mistbeet scheuchte. Der Schwätzer bezog es auf sich und flog eiligst in sein Nest. Dort fand er das unverschämte Kuckucksmütterchen vor, das, als ob es im eigenen Nest wäre, ein Ei legte. Da wurde der Schwätzer böse und rief: »Fort! brüten!« Frau Kuckuck ließ sich wenig stören, sondern antwortete: »Wer schreit da?« (kas kūkōs?) und flog davon, wie wenn nichts geschehen wäre. Deshalb verfolgt noch heute der Schwätzer, während sein Weibchen brütet, den Kuckuck mit dem Ruf: »tisch perēt,« daß er ihm nicht wieder ein Ei ins Nest lege.

Das Birkhuhn kam in ein Gehöft, wo gerade Fleisch im Kessel kochte und sich beim heftigen Wallen des Wassers im Kreise drehte. Das gefiel dem unruhigen Gesellen sehr, er flog an den Rand des Morastes, wo ihn niemand sah? und begann sich auch lachend im Kreise zu drehen, wobei er rief: »bur, bur, bur, bur

Die Bachstelze beobachtet einen alten Bauern beim Pflügen, ob er vielleicht etwas singen werde. Doch alte Leute schweigen lieber. Aber eins fallt ihr auf: ab und zu zieht das Pferd stärker an, dann schwankt der kraftlose Alte nach vorn, und der Pflug knirscht, indem er sich an Steinen reibt. Das hat sich die Bachstelze eingeprägt, und noch heute wippt sie beim Laufen hin und her und ruft zuweilen: »tschiwi! tschiwi!« oder »ziliks, ziliks, glūdgalwinj, glūdgalwinj!« (Glattköpfchen!)

Der Buchfink folgte von den Zweigen einer Eiche dem Hütermädchen, ob sie wohl singen werde. Nein, doch statt dessen kam ein Bursche, umfaßte und küßte sie. Gleich ahmte der Fink das Schmatzen nach, das er beim Küssen vernommen hatte, und gelobte im Wegfliegen: »Bis, bis, bis in den Herbst will ich Gott preisen!« (Līds, līds, līds pat rudenim Deewu teikschu!)

Das Haselhuhn (Feldhuhn?) fliegt schon in der ersten Morgendämmerung in einen Garten, um die Mädchen singen zu hören. Doch die Hausfrau ist streng, da ist keins zum Singen gestimmt. Sie müssen Kohl aus der Erde holen, alle sind sie stumm, nur die Messer knirschen beim Schneiden, und das hat das Haselhuhn angenommen und singt noch heute: / »schujirks, tschirks!« /:

Das Morasthuhn flog, um die Hirtenpfeife des Hüterbuben zu hören. Doch der hatte diesmal nur eine Schnarre. Das Morasthuhn lauschte nun auch darauf und flog schnarrend davon.

Die Meise flog auf den Hof, um den Gesang der Mädchen zu belauschen; doch sie schwiegen, in ihre Arbeit vertieft. Nur zwei Kinder waren sich in die Haare geraten, und eins zauste das andere, indem es rief: »tschi! tschi!« Als nun die Mutter nach Hause kam, flog die Meise ihr entgegen, pickte sie in die Füße und berichtete ihr, was sie gesehen: »tschi! tschi!« Deshalb erzählt sie noch heute, wenn sie heimkommt, irgendeine Neuigkeit.

Die Elster beobachtet auf dem Hof, wie ein Eber, von der Weide heimkehrend, in den Pferdestall zum Hengst stürmt. Dieser sucht unter zornigem Gewieher den Eindringling mit seinen Hufen zu verscheuchen; der aber grunzt freundschaftlich: »urksch, urksch!« Auf den Lärm kommt der Bauer herbei, und die Elster, die Klatschbase, fliegt ihm entgegen und will ihm den Vorfall melden. Aber in der Eile verhaspelt sie sich und bringt nur ein Gemisch von der Sprache des Hengstes und des Ebers heraus.

Die Schneeammer ging auf eine Hochzeit, um singen zu lernen. Leider war ein heftiger Schneesturm, so daß man vor dem Fenster den Gesang nicht hören konnte. Erst als ein Bursche pfeifend heraustrat, um die Pferde zu besorgen, bekam[363] sie was zu hören und flog pfeifend davon. Noch heute pfeift die Arme beim Schneewehen.

Der Rabe flog vor eine Haustüre und lauschte, ob man wohl drinnen singen würde. Unterdessen hackte die Bäuerin in der Stube knochiges Fleisch: kram! kram! und der Rabe wiederholte scherzweise: »kram, kram!« Zuletzt schnitt die Frau den Halsknorpel heraus und warf ihn dem Raben hin, deshalb nennt man dieses Stück noch heute »Rabenbissen«. Der Rabe verspeiste es lüstern und vergaß darüber ganz, weshalb er gekommen war, deshalb versteht er auch heute nur »kram, kram« zu rufen.

Die Grasmücke sah einen Burschen eggen. Sie schlüpfte in das niedere Gebüsch und hörte zu, wie der Bursche trällerte und unter mancherlei Bewegungen pfiff. Sie versuchte, es dem Burschen nachzumachen, und hat seitdem Gesang und Gewohnheit behalten: immer hält sie sich in niederem, feinem Gestrüpp auf und pfeift mit sanftem Zischen (Flüstern?).


  • Literatur: Lerchis-Fuschkaitis, Latweeschn tantas teckas un pasakas – lettische Volkssagen und -märchen, Bd. V, Nr. 28.

Fußnoten

1 In Siuxt (im mittl. Kurland) erzählt man, die Weise der Nachtigall sei folgende: »Wo warst du, wo warst du?« – »Auf dem Markt, auf dem Markt!« – »Was kauftest du, was kauftest du?« – »Ein Pferd, ein Pferd!« – »Wie war's? Wie war's?« – »Lahm, lahm!« »Führ's in den Wald, bind's an einen Baum, setz den Knüppel an die Stirn, ruf wihlup!«

(Ku bij, ku bij? – Tirgū, tirgū. Kō pirk, kō pirk? – Sirgu, sirgu. Kāds bij, kāds bij? – Klibs, kiibs! Wed meschā, seen pee kōka, leez wāli peerē, sauz wīlup!)

Oder: »Bind an den Baum! Schlag, schlag!« (Seen pee kōka, sit, Bit!)

Oder: »Elster, du Aas, sag nicht dem Wolf, wo die Hirten hüten werden, wo der Rauch rauchen wird, wo deine Knochen verkohlen werden.« (Schagata, maita, nesaki wilkam, kur gani ganīs, kur dūmi kūpēs, kur tawus kaulinjus grusdinās.)

Oder: »Mit weißer Stute Nach Riga fahr, Mit der Weidenrute Schlag ans Schwänzchen.« (Ar baltu kjēw' ar baltu kjēw' us Rigu brauz us Rigu brauz; ar kārklja wiz ar kārklja wiz, sit pa ljip, sit pa ljip.)

Oder:


Tpru, tpru (Ruf, mit dem man das Fahrpferd anhält),

tele, tele (Kalb),

se, se, se (Lockruf für Hunde),

zui, zui, zui (Hetzruf für Hunde),

tschiwu, tschiwu (viell. verdorben aus russ. schiwo! munter!)

swelp (pfeif).


2 In Siuxt deutet man das Lied der Schwalbe auch folgendermaßen:

»Im Birkenwäldchen fing ich eine Krähe, band ihr die Flügel zusammen, brachte sie auf den Markt, erhielt einen Groschen, für einen Groschen trank ich ein Schälchen (Schnaps).«

Von anderen Stimmendeutungen der Letten seien nur noch folgende zwei angeführt:


:/ Die Burschen sind in der Badestube:/

:/ Die Mädchen braten Fleisch/:

Das Fett (fließt) nur so ins Feuer, tschirrks!

(Puiseschi pirtī, puiseschi pirtī, :/ meiteschi zepj galju:/

tauki tikam ugunī tschirrks!)


Oder: Männer, Burschen baden in der Badestube; Frauen, Mädchen braten Fleisch, ich schaute durchs Fenster, man zerschlug mir das Genick, rann das Blutchen tschurrks!

(Wīri, puischi pirtī perjās, seewas, meitas galju zepa, es pa lōgu randsijōs – man pārsita pakausi, istezeja asentinji, tschurrks!)


3 Die Letten pflegen sich beim Bade mit Birkenruten (Quast) zu schlagen, um dadurch die Hauttätigkeit anzuregen.


4 Bei Siuxt erzählt man es so: Die Lerche hat in der Fußspur eines Pferdes Bier gebraut und die anderen Vögel eingeladen, es zu kosten. Da sei die Krähe hergeflogen und habe gesagt: »:/ Besser als Wasser /:« (Labāks ka ūdens). Der Rabe lobte es: »Prächtig, prächtig!« (Brangs, brangs!) Die Elster: »Das Bier ist gut, das Bier ist gut!« (:/ Karascha pīwo /: verstümmeltes Russisch!)

Eine weitere Deutung des Lerchengesangs ist: »Mann, Mann, breit aus den Pelz, breit aus den Pelz, die Lerche wird bald herabfallen.« (Wīrs, wīrs,:/paklāj kaschōk /: zīrulis kritīs drīs.)

(Es tupeju, es tupeju – pirts paspārnē, pirts paspārnē – es redseju, es redsoju – meitas pēras – pliks, pliks meitan pups. – Sita, sita schkjērsam pupeem, garjam pupeem, pliuks, pliuks!)


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 364.
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