B. Der weckende Ruf.

[147] 1. Aus den Faeröer.


Der Kormoran und der Eidervogel wollten beide Daunen haben. Es war einem von ihnen angeboten, sie zu kriegen, und sie sollten sich selbst darüber einigen, wer von ihnen der sein sollte, der sie kriegte. Aber das war eine schwierige Sache, sich darüber zu verständigen. Denn keiner wollte dem anderen nachgeben – beide[147] wollten gleich gern Daunen haben. Damit nun der Streit ein Ende nehmen möchte, machten sie unter sich aus, daß der die Daunen haben solle, welcher am nächsten Morgen zuerst aufwache und dem andern anzeige, wenn die Sonne überm Meeresrand auftauche. Als der Abend dämmerte, setzten sich also der Kormoran und der Eidervogel an den steinigen Strand, einer neben dem andern. Der Kormoran wußte wohl, daß er zu schlafen pflegte und schwer aufwachte, wenn er fest eingeschlafen war. Um nun den Sonnenaufgang ja nicht zu verpassen, hielt er es für das beste und sicherste, die ganze Nacht zu wachen. Der Eidervogel neben ihm dagegen schlief ganz fest.

Den ersten Teil der Nacht ging es erträglich gut, aber als es länger dauerte, begann er müde zu werden, und der Schlaf drohte ihn zu übermannen. Doch saß er noch halbwach, und als es vom Tage zu leuchten anfing, rief er vor Freude über sich selbst: Nun blaut es im Osten!‹ Über diesen Ruf erwachte der Eidervogel. Er hatte nun ausgeschlafen, der Kormoran hingegen konnte die Augen nicht mehr offen halten, und gerade jetzt, wo es galt, nickte er ein. Als die Sonne aus dem Meer aufstieg, war der Eidervogel nicht faul und rief: ›Tag im Meer! Tag im Meer!‹

So erhielt der Eidervogel die Daunen. Der Kormoran mußte noch mehr büßen. Er verlor die Zunge, weil er nicht schweigen konnte, wo es drauf ankam zu schweigen. Daher sagt man wohl auch zu einem schwatzhaften Menschen warnend: ›Warum ist der Kormoran ohne Zunge?‹


  • Literatur: Jiriczek, Zeitschr. d. Vereins f. Volksk. 2, 160 und Winther, Faeröernes Oldtids Historie 1875, S. 403. Variante: Pelikan und Eidergans stritten sich um den kostbaren Flaum und kamen überein, daß der ihn haben solle, der dem andern den Aufgang der Sonne melden würde. Der Pelikan wagte es nicht, einzuschlafen, er wachte die ganze Nacht, und endlich bemerkte er den ersten Schimmer der Morgenröte. Da er sich nun des Sieges sicher glaubte, fühlte er sich so froh, daß er einen Triumphruf ausstieß, und dieser Ruf weckte die Eidergans. Aber die Sonne erschien noch nicht, und der Pelikan war von Müdigkeit erschöpft und des Kampfes müde. So schlief er ein. Die Eidergans dagegen hatte gut geschlafen, sie war wach und frisch, und es war keine Anstrengung mehr für sie, sich wach zu halten, und so war sie es, die den Sonnenaufgang verkündigte. So erhielt sie den Flaum, der Pelikan aber verlor die Zunge, die er nicht hatte im Zaum halten können. Revue des trad. pop. 10, 363.

2. Aus dem Westen des schottischen Hochlandes.


Die Nebelkrähe (hoodie wohl = hood craw) und der Fuchs waren beide gute Frühaufsteher und wetteten miteinander, wer des Morgens am ehesten aufstehen würde. Die Nebelkrähe flog auf einen Baum und schlief dort. Der Fuchs blieb am Fuße des Baumes und sah in die Höhe, ob der Tag käme. Sobald er ihn bemerkte, rief er: »Es ist heller Tag!« (Sê-n-la-ban-ê). Die Krähe hatte sich die ganze Nacht nicht gerührt, erwachte von dem Ruf und antwortete: »Das ist's schon lange!« (Sad-o-bê-ê, sad-o-bê-ê). So verlor der Fuchs die Wette.


  • Literatur: J.F. Campbell, Populär tales of the West Highlands 3, 121.

3. Aus Dänemark.


Einst waren zwei Knechte, Kristen und Mads, miteinander eine Wette eingegangen, wer zuerst am folgenden Morgen erwachen könne. Am Abend ging Kristen zum Enterich und sprach: »Kannst du mich morgen früh wecken?« »Jawohl,« antwortete dieser. Mads suchte die Ente und sagte: »Kannst du mich morgen früh wecken?« »Jawohl,« antwortete sie, und die Knechte gingen schlafen. Sobald es zu tagen anfing, erschien der Enterich; er war sehr heiser und rief: »Kristen, Kristen!« Kristens Schlaf aber war zu tief, er hörte nichts. Kurz nachher kam die[148] Ente watschelnd, sie war ein bißchen zu spät, schrie aber mit gellender Stimme »Mads, Mads!« Mads erwachte augenblicklich und gewann die Wette.


  • Literatur: E.F. Kristensen, Danske Dyrefabler og Kjæderemser (1896) S. 29 Nr. 35.

4. Aus Schweden.


a) Hahn, Kuckuck und Birkhahn waren Brüder und erbten miteinander eine weiße Kuh. Sie machten eine Wette: wer zuerst am Morgen erwachte, sollte die Kuh haben. Der Hahn erwachte zuerst und rief: »Gelobt sei Gott!« (Tackad vare Gud!) Im selben Augenblick erwachte der Kuckuck und rief: »Gute Kuh kriegtest du!« (Go Ko fick du!) Der Birkhahn war mit der Entscheidung unzufrieden und rief: »Liebe Freunde, teilet, wie recht ist!« (Kare vänner, tylen hvad rätt är). Und so rufen die drei noch heute.


  • Literatur: Bidrag till Södermanlands äldre Kulturhistoria 7, 101.

b) Wie jedermann weiß, sind Kuckuck, Hahn und Birkhuhn Vögel, die sehr früh erwachen. Wer aber zuerst erwacht, ist eine schwierige Sache zu entscheiden. Es gibt unter ihnen einen Wettstreit, wer zuerst kommen kann. Und zur Zeit, da die Tiere redeten, zankten sie sich oft, und damit die Sache endgültig entschieden würde, wetteten sie einst um eine Kuh, welche von dem zuletzt Erwachten dem zuerst Erwachten geliefert werden sollte Sobald es zu tagen anfing, rief der Kuckuck: »Gute Kuh!« (God ko). Im selbigen Augenblicke krähte der Hahn: »Die Kuh ist mein!« (Koa ä mi). Das Birkhuhn saß in einem Baum ruhig und sah sich das ganze zur Eintracht ermahnend an und rief: »Liebe Freunde, tut, was recht ist!« (Kära vänner, gör hvad som rätt ä!)

Noch ist der Zwist nicht entschieden, und immer rufen sie noch wie oben.


  • Literatur: G. Djurklou, Ur Nerikes Folkspråk och Folklif (1860) S. 88.

c) Hahn, Kuckuck und Birkhahn gingen spazieren und fanden einen roten Rock. Da es unmöglich war, ihn zu teilen, wurden sie einig, daß der, der am folgenden Morgen zuerst aufwachte, ihn behalten sollte. Der Hahn wurde Sieger und rief: »Kjortel ä min!« (der Rock ist mein); der Kuckuck sprach: »Gatt, du!« (Gut, du!); der Birkhahn aber fügte hinzu: »Kare, käre bröder, bytt va rätt ä!« (Liebe, liebe Brüder, teilet, wie es recht ist.)


5. Aus Norwegen.


Der Hahn, der Kuckuck und der Birkhahn kauften eine Kuh. Wer am frühesten aufwachte, sollte sie haben.

Der Hahn wacht zuerst auf und ruft: »Die Kuh gehört mir!« Dies weckt aber den Kuckuck, der ruft: »Die halbe Kuh!« Das weckt den Birkhahn, der ruft: »Ein gleiches Teil mir, das gehört sich, liebe Freunde!« Da waren sie so klug wie zuvor.


  • Literatur: Swainson, British Birds S. 120 (aus Dasent, Norse Tales S. 211).

Eine offenbar hierher gehörige, aber mit vielerlei neuen Zügen (vgl. S. 128 f.) ausgestattete Sage haben die Schweden in Estland (Nuckö).


Zwischen Hahn und Birkhahn entstand ein Streit, wer das Recht haben solle, bei den Menschen zu wohnen und von ihnen gepflegt zu werden. Da sie auf friedlichem Wege nicht überein kommen konnten, wurde ein Wettkampf angestellt, der auch in Gegenwart vieler Vögel und Menschen stattfand. Der Birkhahn, als der stärkere, hatte bald den Hahn zu Boden geworfen und betrachtete sich schon als Sieger, als der Hahn rief: »Ei, Birkhahn, schämst du dich nicht? Dir sind ja die[149] Hosen ganz auf die Füße gefallen!«1 Beschämt sah der Birkhahn auf seine Füße, diesen Augenblick aber benutzte sein kluger Gegner, schwang sich mit lautem Krähen und lebhaftem Flügelschlag auf den Rücken des erschreckten Birkhahns, dem er mit Schnabel und Sporen so zusetzte, daß dieser sich zitternd auf Gnade und Ungnade ergab und auf den Aufenthalt bei den Menschen verzichtete.


  • Literatur: Rußmann, Sagen aus Hapsal S. 173, Nr. 185.

Fußnoten

1 Die Federn sind dem Birkhahn fast bis an die Fußzehen gewachsen.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 150.
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