B. Die ostasiatische Märchengruppe.

a) Tiger und Schildkröten.

[62] 17. Aus Annam.


Einst kroch die Schildkröte mühsam auf einem Bergsteige dahin; ein Tiger kam hinter ihr her und rief: [A1] »Laß mich vorbei, denn ich gehe schneller als du!« [A2] »Du willst schneller gehen als ich?« erwiderte die Schildkröte. »Ich möchte wetten, daß du das nicht kannst. Siehe, vor uns liegen hintereinander zwölf Hügel; wer von uns beiden zuerst hinüberkommt, hat die Wette gewonnen.« – »Meinetwegen,« antwortete der Tiger. Als Tag und Stunde des Wettlaufs festgesetzt war, [B1] rief die Schildkröte eiligst zwölf ihresgleichen herbei und stellte jede auf den Gipfel eines der zwölf Hügel auf, nachdem sie dieselben sorgsam von allem unterrichtet hatte. Darauf begann der Lauf. Der Tiger stürzte fort. [B2] An der Spitze des ersten Hügels angekommen, rief er aus: »He! Schildkröte, wo bist du?« – »Hier bin ich,« schrie die erste Schildkröte, »laufe nur ruhig weiter.« [Der Tiger rennt weiter, es wiederholt sich dasselbe Spiel. [B4] Er sinkt erschöpft nieder, bevor er den zwölften Hügel erreicht.]


  • Literatur: Globus 81, 304.

b) Zwerghirsch und Sehnecken.

18. Aus Java.


[A1] Der Zwerghirsch [Moschus Javanicus] verhöhnt die Schnecken, die sich am Flußufer in langer Reihe fortschleppen. [A2] Eine Schnecke fordert ihn zum Wettlauf heraus: »Ich würde mich schämen, hinter dir zurückzubleiben. Lieber trüge ich den Namen Schnecke nicht mehr!« Sie bestellt ihn auf übermorgen wieder. Inzwischen ist sie sehr bedrückt wegen ihrer Verabredung und berät sich mit den übrigen Schnecken. [B1] Diese ersinnen nun die bekannte List: Aufstellung längs des Flußufers in Zwischenräumen und Lauf. Es folgt [B2 und B3] die bekannte Ausführung der List bei dreimaliger Wiederholung des Laufes. Der Zwerghirsch, der sich jedesmal mehr angestrengt hat, macht sich bestürzt aus dem Staube.


  • Literatur: Bezemer, Volksdichtung aus Indonesien S. 20–23. (Der Zwerghirsch hat in den javanischen Tierfabeln die Rolle des Reinecke Fuchs und spielt den größeren Tieren Streiche, bis er zuletzt in den trägen Schnecken seinen Meister findet.)


c) Vogel und Schildkröten

[62] (Schnecken, Krebse, Frösche); der Kampf findet am Wasser statt.


19. Im Nonthuk-Pakkaranam, einer altsiamesischen Bearbeitung des Pantschatantra, wird folgendes erzählt:


Es geschah einst, daß Phaya Khruth [d.i. Vischnus Garuda, der kühne Vogel, der der Göttern das Amrita entführte] nach den Wasserschlangen aussah, um sich zu nähren, aber er konnte nicht hinlänglich von ihnen finden. [A1] verstärkt, statt des Hohnes der beabsichtigte Überfall:] Als er deshalb zu einem See kommend eine Schildkröte darin erblickte, dachte er dieselbe zu essen. [A2] Die Schildkröte aber rief: »Ehe du mich frissest, laß uns einen Wettlauf zusammen anstellen« und Phaya Khruth, der es zufrieden war, erhob sich stolz in die Lüfte. [B1] Die Schildkröte aber rief alle ihre Verwandten und Bekannten zusammen, die ganze Menge der Schildkröten, und stellte sie in Reihen von 100, von 1000, von 10 000, von 100000, von 1000000 und von 10000000 auf, den ganzen Raum ausfüllend. Khruth schoß oben in der Luft umher, mit der ganzen Kraft seines Flügelschlages, und die Schildkröte rief ihm zu: »Wohl, laß uns beginnen. Ich lade Eure Hoheit ein, am Himmel entlang zu fliegen; was mich betrifft, so werde ich im Wasser marschieren. Wir wollen sehen, wer zuerst ankommen wird. [A3] Wenn ich verliere, gebe ich mich zur Beute.« Khruth flog vorwärts mit aller seiner Schnelle, und dann anhaltend rief er nach der Schildkröte; [B2] aber von allen Seiten, wohin er auch immer flog, antwortete die Schildkröte und rief ihm schon von ferne zu. Da flog Khruth aufs neue, so rasch als es ihm möglich war, aber in jedem Punkt war die Schildkröte vor ihm. Da flog Khruth und flog bis nach dem großen Waldgebirge, dem heiligen Himaphan. Zuletzt sagte Khruth: »Höre, o Schildkröte! Du verstehst in der Tat ziemlich rasch zu marschieren,« und den Wettlauf aufgebend, setzte er sich [B4] zum Ausruhen auf den Rathit-Baum, seine Residenz.


  • Literatur: Übers, von A. Bastian, Orient und Occident 3, 497. Vgl. A. de Gubernatis, die Tiere in der idg. Myth. 1874, S. 622; 2. A. II, 369 u. Andree, Verhdl. d. Berl. anthrop. Ges. 1887, 674.

20. Malayisches Märchen.


Eine Wasserschnecke kam ström aufwärts von den unteren Krümmungen eines Flusses, als ein Seidenschwanz (king-crow) sie sah. Er fragte sich: Wer kann da stromaufwärts kommen, der so laut bei den Wasserfällen ruft? Man könnte meinen, es sei ein Mann, aber es ist nichts zu sehen. Und dann setzte er sich auf einen Baum, um beobachten zu können, aber er konnte von seinem Posten aus nichts sehen; darum lief er am Wasser entlang. Als er meinte, einen rufenden Mann zu sehen, erblickte er die Wasserschnecke. »Ach, bist du da?« sagte er, »wo kommst du denn her?« »Ich komme von dem Strudel unterhalb der Wasserfälle,« sagte die Wasserschnecke, »und ich will nur bis zur Quelle dieses Flusses gelangen.« [A] Da bat der Seidenschwanz: »Warf einen Augenblick. Wie wäre es denn, wenn du dich, so schnell du kannst, zur Mündung des Flusses begäbst, und wir eine Wette dabei machten?« (Nun ist aber der Fluß das Wohngebiet der Wasserschnecke, wo sie viele Kameraden hat.)

»Worum wollen wir wetten?« fragte die Wasserschnecke. [A3] »Wenn ich verliere, will ich dein Sklave sein und deine Zehrwurz und dein ›wild callodium‹ pflegen« (wovon sich die Wasserschnecken nähren). Darauf fragte der Seidenschwanz: »Und was wirst du als Preis setzen?« Die Wasserschnecke antwortete: »Wenn ich verliere, soll dir der Fluß gehören, und du sollst der König des Flusses sein.« Aber[63] die Wasserschnecke bat um eine Frist von zweimal sieben Tagen und sagte, sie wäre sehr ermüdet, nachdem sie die Fälle heraufgeklettert sei. Da wurde ihr der Aufschub bewilligt.

[B1] Unterdessen versammelte die Wasserschnecke viele Freunde und wies sie an, daß sich bei jeder Krümmung des Flusses eine von ihnen verstecken solle, und wenn der Seidenschwanz riefe, müßten sie sogleich antworten.

So kam der Tag heran, und der Seidenschwanz flog fort, [B2] und bei jeder weiteren Krümmung antwortete eine Wasserschnecke seinem Anruf. An der Mündung des Flusses antwortete die richtige Wasserschnecke. [B3] So wurde der Seidenschwanz besiegt und ist seitdem der Sklave der Wasserschnecke geblieben.


  • Literatur: Skeat, Fables and Folktales of an Eastern Forest, p. 33.

21. Aus den Fidschi-Inseln.


[A] Der Kranich und der Taschenkrebs stritten sich, wer am schnellsten von der Stelle komme. Der Taschenkrebs meinte, er könne schneller laufen; [A2] der Kranich möge zur Probe immerfort fliegen, während er am Ufer entlang laufen würde. Der Kranich tat es auch, aber der Taschenkrebs blieb ruhig in seinem Loch und vertraute darauf, [B1] daß die große Anzahl seiner Genossen den Kranich täuschen würde. Der Kranich flog ein Stück [B2 ohne Zuruf], sah das Loch eines Taschenkrebses, legte sein Ohr daran und hörte ein Geräuch. »Der Kerl ist wahrhaftig schon vor mir da,« sagte er und flog ein Stück weiter. Aber es war immer wieder so, [B4] bis der Kranich zuletzt erschöpft niederfiel und in der See ertrank.


  • Literatur: The Orientalist 1, 88.

22. Zigeunermärchen, aus Asien nach Osteuropa übertragen.


[A1] Die Schwalbe verspottet den Frosch am Bachufer. [A2] Der Frosch sagt: »Ich schwimme schneller, als du fliegst.« Die Schwalbe schlägt den Wettlauf vor. Der Frosch nimmt ihn für den nächsten Tag an. [A3] Preis: Der Gewinner erhält vom andern den Sommer durch täglich 100 Fliegen. [B1] Der Frosch stellt viele Frösche im Bache auf. Der Wettlauf geht den Bach hinauf bis zur Mündung in den Fluß und dann wieder zurück. [B2] Wenn die Schwalbe ruft, antwortet immer ein Frosch. [B3] Am Ausgangspunkt ist wieder der erste Frosch da. Die Schwalbe muß also dem Frosch die Fliegen bringen.


  • Literatur: v. Wlislocki, Volksdicht, d. siebenb. u. südungarischen Zigeuner, 415.
Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 62-64.
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